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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW


Ich arbeite seit September an einer neuen Schule. Ich habe schon vorher gewusst, dass in dieser Grundschule vieles anders ist. Deshalb habe ich mich auch darauf gefreut, dort Lehrerin zu sein. So gibt es z. B. keine Klassen sondern Lerngruppen, in denen Kinder von der ersten bis zur dritten Klasse gemeinsam lernen. Anders ist auch die Pause, für Kinder und Erwachsene. Bisher habe ich das so gekannt, dass jeder im Lehrerzimmer seine unverkennbar eigene Tasse in einem Schrank stehen hat. Auf einem Tisch daneben gibt es vielleicht die Kaffeemaschine und einen Wasserkocher. Jeder ist für seine eigene Tasse verantwortlich, wenn er sie benutzt hat. Einen Spüldienst für alle gibt es nicht.
In dieser Grundschule gibt es eine richtige Lehrerküche. Ob ich mir ausnahmsweise eine Tasse aus dem Schrank nehmen könne, habe ich an meinem ersten Arbeitstag gefragt. Ich hätte meine Tasse zu Hause vergessen. Bei uns hat nicht jeder seine eigene Tasse, war die Antwort. Dafür gibt es Küchendienste und irgendwann ist jeder mal dran. Tassen, Gläser und Teller sind für alle da. An einem großen Tisch in der Mitte mit Stühlen drum herum kann man sich setzen. Oft gibt es dort auch was zu Essen. Hefezopf, Brezeln, selbstgebackene Schneckennudeln, Weintrauben. Wer Zeit und Lust hat, bäckt, kauft was ein, sorgt für die anderen mit.

In dieser Küche für Lehrer mit Tassen und Tellern für alle erlebe ich, was den Kollegen dieser Schule wichtig ist. Sie verstehen sich als Gemeinschaft und sind solidarisch. Als neue Kollegin habe ich von Anfang an erleben können, dass ich willkommen bin und einbezogen werde. Viele wissen voneinander, was sie außerhalb der Schule beschäftigt oder bedrückt. Im Lehrerzimmer auch mal zu weinen, ist kein Tabu. Selbstverständlich gibt es Dienste, bei dem einer oder zwei etwas für alle tun. Am ersten Schultag begrüßen alle die Kinder vor dem Schulhaus mit einer gemeinsamen Aktion. Schulstunden werden oft von mehreren Kollegen vorbereitet.

Mir tut das gut und mir entspricht das. Bewusst geworden ist mir dabei auch wieder, dass Gemeinschaft nicht von alleine entsteht. Dafür braucht es entsprechende Räume, Zeit und Menschen, die das miteinander wollen.
Erstaunlich, was durch eine Kaffeepause alles sichtbar werden kann.
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