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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Berlin - heute vor 47 Jahren: am frühen Sonntagmorgen des 13. August 1961 rissen Einheiten der Volkspolizei und der Betriebskampfgruppen das Strassenpflaster auf, zogen Stacheldraht und blockierten die Verbindungswege zwischen Ost und West. So begann der Bau der berüchtigten „Berliner Mauer“. Sie zementierte in des Wortes wahrem Sinn Deutschlands Spaltung. Hunderten von Menschen wurde die Mauer zur Todesfalle, bis sie endlich im November 1989 fiel. Die bekannten Mauerspechte und die Abrißbirnen haben nur noch ein paar kümmerliche Reste übrig gelassen. Aber Jahre hat es noch gedauert, bis endlich zusammenwuchs, was zusammengehörte.

Härter als die Mauern aus Stein sind bekanntlich die Mauern in den Köpfen. „Der mauert mal wieder“, sagen wir von einem Menschen, der gefangen ist in seiner eigenen Denk- und Lebenswelt, dem man nicht beikommen kann, weder mit Argumenten, noch mit Freundlichkeit, Verständnis und Milde. Man rennt einfach gegen eine Wand. Ich denke dabei an die Betonköpfe in Politik und Parteien, an die Fundis in Religionen und Konfessionen, an so manche, die – warum auch immer – hart geworden sind wie Stein. Manchmal überrasche ich mich auch selbst im Korsett liebgewordener Denkgerüste. Und schon sitzen wir hinter Mauern und sind die Gefangenen unserer selbst.

Ein ökumenisches Kirchenlied beklagt dieses Dilemma: „Wir wollen Freiheit, um uns selbst zu finden, Freiheit, aus der man etwas machen kann“. Und dennoch“, so heißt es in diesem Lied weiter, „sind da Mauern zwischen Menschen, und wie durch Gitter sehen wir uns an. Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst“.

Die Mauern in Köpfen und Herzen - gebaut aus Steinen unsrer Angst. Der Angst, sich zu öffnen, sich auszuliefern. Der Angst, den Kampf mit Argumenten zu verlieren, den Kürzeren zu ziehen, ja, sich selbst dabei zu verlieren. Um diese Ängste sollten wir wissen – sie sitzen tief in uns drin.

„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (Psalm 18, 30), heißt es in einem Psalm. Klingt gut, aber eine Hilfestellung könnte bei diesem Hochsprung nicht schaden: Wenn liebende Menschen uns wachsam im Auge behalten, dann werden sie uns sachte, aber eindringlich aufmerksam machen, wenn wir uns wieder mal einmauern. Mit ihrer Hilfe könnte es gelingen, die Steine der Angst abzutragen und wieder zugänglich zu werden.


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