SWR1 Begegnungen

08OKT2023
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Tomáš Halík Foto: Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Manuela Pfann trifft den Priester und Soziologen Tomáš Halík

Wie geht es weiter mit der Kirche, vor allem mit der katholischen Kirche? Hat sie überhaupt eine Zukunft? Darüber beraten in Rom gerade Bischöfe, Priester und Laien mit Papst Franziskus. Sie treffen sich in diesem Monat zur sogenannten Weltbischofssynode. Ich habe mich mit dem tschechischen Priester und Soziologen Tomáš Halík getroffen, um ihm genau diese Fragen zu stellen. Denn er ist ein scharfsinnigerer Beobachter - von Kirche und Gesellschaft und von politischen Entwicklungen in Europa. Tomáš Halík sagt ganz klar, dass es schlecht steht um die katholische Kirche.

Die Geschichte der Kirche, das ist nicht nur ein Progress, das ist ein Drama. Aber jede Krise ist auch eine Chance zur Erneuerung. Und die heutige Krise der Kirche, die so tief ist, ist auch eine Herausforderung.

Er redet gar nicht groß drum herum als ich ihn frage, was denn in und mit der Kirche passieren muss.

Ja, alles muss aussterben, und das ist ganz normal. Und das war schon ein paar Mal in der Geschichte der Kirche eine Notwendigkeit für eine große Reform.

Genau davor stehen wir jetzt, sagt er. Vor der großen Reform. Kleine Reparaturen helfen nicht mehr.

Also dieser Skandal mit dem Missbrauch, das war nur ein Aspekt von einer Krankheit des ganzen Systems. Papst Franziskus nennt diesen System Klerikalismus. Klerikalismus ist ein Missbrauch von Macht und Autorität.

Tomáš Halík kennt Papst Franziskus – und er schätzt ihn. Ich möchte von ihm wissen, ob der Papst ein Reformer ist.

Papst Franziskus ist für mich eine mutige prophetische Figur. Er hat, wie der heilige Franziskus, den Ruf Gottes gehört: „Franziskus, geh und erneuere mein Haus“ und auch der Franziskus von Assisi meinte zuerst, er sollte eine kleine Kapelle in Assisi erneuern. Aber dann hat er begriffen, dass seine Aufgabe ist, die ganze römische Kirche zu erneuern.

Ob der Papst das wirklich schaffen kann? Ich bin skeptisch. Was denkt Tomáš Halík über die Weltbischofssynode, die ja in dieser Woche in Rom begonnen hat. Kann die ein Teil der großen Reform werden?

Eine synodale Kirche, das ist die Kirche für die reife Epoche der Kirchengeschichte. Synodalität, das ist ein gemeinsamer Weg. Und wir brauchen die Kirche als eine Reisegesellschaft, eine communio viatorum. Wir sind alle unterwegs und wir brauchen die anderen, uns bereichern mit ihren Visionen, Erfahrungen usw.

Ich spreche mit dem katholischen Priester und Soziologen Tomáš Halík. Er beobachtet die Entwicklung der Kirche ganz genau. Dabei fällt mir etwas positiv auf: Ich habe nicht den Eindruck, dass er versucht, die katholische Kirche zu schützen, irgendetwas zu beschönigen oder zu rechtfertigen. Vielleicht liegt es daran, dass seine Ausbildung zum Priester unter besonderen Umständen geschehen ist. Tomáš Halík hat heimlich in Prag Theologie studiert und war Priester der sogenannten Untergrundkirche. Das war zu Zeiten des Kalten Krieges. Wer da in den Ostblock-Staaten mit der Kirche zu tun hatte, der wurde verfolgt. Er selbst sieht diese Umstände heute positiv:

Gott sei Dank, ich war nie im Priesterseminar. Ich meine, viele junge Kandidaten waren in Priesterseminaren zur Gehorsamkeit im Sinne von einem Konformismus.

Und noch etwas hat ihn immer von einem „normalen“ Priester unterschieden. Weil er eben nicht offiziell als Priester arbeiten durfte, brauchte Tomáš Halík einen zweiten Beruf, um Geld zu verdienen.

Ich hatte immer meinen Zivilberuf. Ich war immer in der Gesellschaft, auch von Nichtgläubigen oder Suchenden. Also, ich kenne die Sprache des Menschen außerhalb der Kirche, ich kenne ihre Probleme.

Und er weiß, wovon er spricht. Als Psychotherapeut hat er unter anderem mit Drogensüchtigen gearbeitet.

Mittlerweile ist Tomáš Halík 75 Jahre alt. Er lebt einen sehr politisch engagierten Glauben. Geprägt haben ihn da sicher die Jahre des politischen Umbruchs in seiner Heimat.

Mein Glaube ist eine Einladung zum reflektierten Glauben. Glaube kann die kritischen Fragen integrieren, viele offene Fragen, viele Paradoxe ertragen. Also Glauben ohne Denken und kritisches Denken ist sehr oberflächlich. Aber Glaube ohne Zweifel kann zum Fundamentalismus oder Bigotterie führen.

So ein Glaube braucht aber mehr denn je eine Kirche, in der offenes und kritisches Denken möglich ist. Für Tomáš Halík ist klar, wie eine künftige Kirche aussehen muss:

Die Kirche von morgen muss eine wirklich ökumenische Kirche im weiteren und tieferen Sinne des Wortes sein. Eine Gemeinschaft mit den nicht-katholischen Kirchen, aber auch mit vielen Suchenden in unserer Welt.

Zum Abschluss unseres Gesprächs fasst er seine aktuelle Sicht auf die Lage der katholischen Kirche nochmals mit einem eindrücklichen Bild zusammen.

Also, die synodale Reform der Kirche besteht nicht nur in Änderung von den äußeren Strukturen. Das wäre nur Verschiebung von Liegen auf der Titanic. Also wir müssen neue Formen suchen, die sind flexibel, und die können auch helfen, die Identität des Glaubens neu entdecken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=38540
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