Anstöße sonn- und feiertags

Anstöße sonn- und feiertags

25JUN2023
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Für viele wird der heutige Sonntag ein gewöhnlicher Werktag: Ohne die Leute in der Gastronomie blieben die Küchen kalt. Polizei, Feuerwehr, Sicherheits- und Rettungsdienste sind immer auf dem Posten. Kranke müssen auch am Sonntag gepflegt und alte Menschen versorgt werden. In den Ställen schreien die Tiere nach Futter, und selbst manche Produktionen laufen rund um die Uhr.

Ist das ein verlorener Sonntag für jene, die ihn heute gerne in ihrer Familie und vielleicht auch im Gottesdienst gefeiert hätten? Ich glaube nicht, denn Gott ist in allen Dingen. Er kommt denen, die ihn suchen, auch in ihrer Arbeit entgegen: „Spaltet das Holz, ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.“ So liest man im sogenannten „Thomas-Evangelium“, einer frühchristlichen Schrift, die nicht ins Neue Testament übernommen wurde. Der Verfasser legt dieses Wort Jesus selber in den Mund: „Spaltet das Holz, ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.“ [1])

Viel Sonntagsarbeit hat ja unmittelbar mit Menschen zu tun. Für sie gilt auch jenes andere Jesus-Wort: „Was du meinen geringsten Brüdern getan hast, das hast du mir getan!“ (Matthäus-Evangelium 25,40). Bei Jesus verschmilzt nämlich die Nächstenliebe mit der Gottesliebe. Das bedeutet: Gott fühlt sich geliebt, wenn ein Pfleger einen alten Menschen sorgsam wäscht und gute Worte für ihn findet. Wenn ein Kellner die Gäste herzlich begrüßt und mit Humor das Essen serviert. Wenn die Busfahrerin einem Fremden mit einer freundlichen Auskunft entgegenkommt. Selbst in der Produktion, so versichert mir ein Sonntagsarbeiter, spüre man, wenn Sonntag ist. Zwar weniger in der Arbeit, denn die ist dieselbe wie am Werktag, sondern in einer Art „Sonntagsgefühl“, sagt er: „Wir gehen am Sonntag anders miteinander um“.

Nein – dieser Sonntag ist nicht verloren: „Spaltet das Holz, ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.“ In sorgfältiger Arbeit kann einem Gott begegnen, er ist in allen Dingen. Liebevoll getan, heiligt die Arbeit den Sonntag für jene, die heute arbeiten müssen, damit wir feiern können.

 

[1]) Thomas-Evangelium, Logion 77

https://www.kirche-im-swr.de/?m=37923
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