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SWR4 Abendgedanken

07DEZ2022
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Mit seinem Motorrad macht Josef Landsteiner sich auf den Weg in ein Flüchtlingslager in der Nähe von Schwäbisch Hall. Er ist katholischer Priester und er hat eine Mission: In diesem Lager möchte er eine passende Familie finden, weil er es versprochen hat und weil er weiß, dass viele in Not sind. Es ist das Jahr 1954. Josef Landsteiner lebt seit einigen Jahren in Nürtingen. Dort ist er nach dem Zweiten Weltkrieg gelandet, vertrieben aus seiner Heimat Tschechien. Und jetzt hat er da ein Haus gebaut, mit finanzieller Unterstützung eines katholischen Hilfswerks. Im Gegenzug für diese Unterstützung hat er zugesagt: Ich nehme eine Familie mit Kindern in mein Haus auf. Es dauert nicht lange, dann hat er diese Familie im Flüchtlingslager gefunden: Eine Mutter mit zwei Mädchen, 11 und 17 Jahre alt, der Vater ist im Krieg gefallen. Die Familie war 1945 aus dem heutigen Polen vertrieben worden und ist zunächst in der Nähe von Berlin gelandet. Und dann, 1953, muss die Mutter mit den Kindern wieder fliehen - vor der Staatssicherheit. Weil sie Katholikin ist und heimlich Gottesdienste gefeiert hat. Das war in der russischen Besatzungszone nicht erlaubt.

Nur wenige Wochen später verlassen die drei das Flüchtlingslager und sitzen im Zug nach Nürtingen. Sie ziehen in das Haus des Pfarrers ein. Und können ihr Glück kaum fassen. Das alles ist nun fast 70 Jahre her. Die jüngere Tochter dieser Familie lebt noch heute in Nürtingen und ist vor wenigen Tagen 80 Jahre alt geworden. Ich weiß das deshalb so genau, weil es meine Mutter ist.

Ihre Geschichte steht beispielhaft für so viele Familien, die nach dem zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen mussten. Die sich auf den Weg gemacht haben, ohne zu wissen, wo sie ankommen werden und bleiben dürfen. Für mich ist diese Geschichte deshalb auf eine besondere Weise eine Adventsgeschichte: Denn übersetzt bedeutet „Advent“ ja: Ankunft.

Heute fliehen wieder Millionen Menschen, vor Kriegen, vor Gewalt, wegen der katastrophalen Lebensbedingungen in ihrer Heimat. Die, die geflüchtet sind, finden nicht immer ihr Glück. Viele bleiben allein oder sind verzweifelt. Es darf trotzdem nie so weit kommen wie jetzt in Illerkirchberg bei Ulm. Ein Asylsuchender hat dort zwei Mädchen mit dem Messer angegriffen. Ein Mädchen ist gestorben. Das ist einfach nur schrecklich!

Umso wichtiger ist deshalb, damals wie heute: Dass sich Türen für Fremde öffnen, dass Not aufgefangen wird, dass Menschen wirklich Heimat finden - dass Menschen ankommen dürfen. Denn das ist Advent. In diesen Tagen wünsche ich mir so einen Advent umso mehr. Damit auch in sorgenvoller Zeit etwas Neues beginnen kann.

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