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SWR4 Abendgedanken

08DEZ2022
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Mirko ist Bettenschieber. Er ist den ganzen Tag im Krankenhaus unterwegs und schiebt Patienten, zum Beispiel vom Zimmer in den Operationssaal. Oder er transportiert Gepäck und technische Geräte durch die Klinikgänge. Am Ende des Tages hat er mehrere Kilometer in den Beinen.

Es ist kurz vor Weihnachten, Mirko ist wieder unterwegs. Und das ziemlich flott: Er hat klare Vorgaben, wann er genau wo sein muss, minutengenau getaktet. Im Moment steht er im Aufzug mit einer Patientin, die gleich operiert wird. Es geht ihr nicht gut, sie hat große Angst. Mirko nimmt ihre Hand und versucht sie zu beruhigen: „Sie müssen sich keine Sorgen machen, wir haben hier gute Ärzte, sie werden gut versorgt.“ Es ist nicht Mirkos Job mit Patientinnen und Patienten zu reden; aber natürlich macht er das. Weil er oft der letzte ist, mit dem Patienten vor einer OP sprechen können. Mirko kommt ein paar Minuten später vor dem OP an, als er laut Auftrag soll, obwohl er im Laufschritt mit dem Bett unterwegs ist. Ein Aufzug hat nicht funktioniert. Die Folge: Er wird angemeckert, dass er zu spät ist. Denn: Im OP wartet eine ganze Mannschaft – und das kostet richtig Geld.

Weiter geht’s für Mirko. Auf dem Innenhof steht eine große Palette mit Weihnachtstaschen, ein LKW hat sie gerade abgeladen. 600 Stück. In jeder Tasche sind Lebkuchen und Punsch. Zusammen mit einer Dankeskarte der Klinikleitung werden sie dann an die Mitarbeiter verteilt. Mirko bekommt keine Weihnachtstasche, seine Kollegen auch nicht. Das ist kein Versehen, es war genau so geplant. Wie kann das sein? Die Erklärung ist einfach: Die Mitarbeiter vom Transportdienst sind nicht mehr direkt bei der Klinik angestellt. Sie arbeiten jetzt für ein Sub-Unternehmen. Als die Klinik vor einiger Zeit an einen privaten Konzern verkauft wurde, hat sie etliche Abteilungen ausgelagert. Die Leute vom Putzdienst sind betroffen, in der Cafeteria, im Labor und eben auch die vom Transportdienst. Der einzige Grund: Geld sparen. Für das Management der Klinik hat das funktioniert. Und Mirko? Beim neuen Arbeitgeber bekommt er noch weniger Gehalt als zuvor. Obwohl er exakt dieselbe Arbeit macht.

Ich finde, das ist ein Skandal! Es zeigt, wie gnadenlos es auch da ums Geld geht. An einem Ort, an dem eigentlich nicht Gewinne, sondern Fürsorge und Vertrauen im Vordergrund stehen sollten. Papst Franziskus hat das immer wieder angemahnt. Stattdessen wünscht er sich Folgendes: "Vergesst nicht die 'Medizin der Zärtlichkeit', sie ist so wichtig: ein Streicheln, ein Lächeln bedeuten dem Kranken so viel". Zu so einer Medizin der Zärtlichkeit gehört für mich auch Mirko, der Bettenschieber. Der einer Patientin vor der OP die Hand hält.

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