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SWR4 Abendgedanken

06DEZ2022
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Der Sommer war viel zu heiß. Und kaum Regen. Die Ernte ist fast komplett vertrocknet. Im ganzen Land gibt es zu wenig zu essen, die Menschen haben Hunger. Das gilt auch für die Einwohner der Hafenstadt Myra am Schwarzen Meer. Und dann laufen plötzlich Schiffe in den Hafen ein, voll beladen mit Getreide. Der Bischof in dieser Stadt fasst sich ein Herz und geht zum Hafen, er spricht die Kapitäne der Getreideschiffe an und sagt: „Die Menschen in meiner Stadt hungern schon viele Monate, ich möchte Euch einen Teil des Getreides abkaufen.“ Die Schiffer zögern. Weil sie Angst haben. Ihr Auftraggeber hat mit Strafe gedroht, wenn sie nicht die komplette Ladung in den Zielhafen bringen. Doch der Bischof gibt nicht auf. Er verhandelt und leistet ein Versprechen: „Wenn ihr den Menschen in meiner Stadt von dem Getreide abgebt, dann kommen Eure Schiffe trotzdem mit voller Ladung an. Es wird nichts fehlen. Denn: Gott selbst wird Eure Schiffe wieder füllen.“

Dieser Bischof, der hier verhandelt und verspricht, heißt Nikolaus. Ja, der Heilige, an den wir heute, am 6. Dezember, erinnern. Es ist derselbe, der heute Nacht den Kindern die Stiefel gefüllt hat.

Und heute, im Jahr 2022: In vielen Ländern Afrikas ist die Ernte auf den Feldern vertrocknet, es hat in den letzten Jahren viel zu wenig geregnet. Millionen Menschen drohen zu verhungern. Wie damals zur Zeit von Bischof Nikolaus sind wieder Getreideschiffe im Schwarzen Meer unterwegs. Doch nur wenige sind bisher in Afrika angekommen. Der Krieg in der Ukraine macht die Situation kompliziert. Das Getreide ist teuer, die Ernte fällt kleiner aus, viele ukrainische Häfen sind zerstört. Viel hängt von Russland ab, wann und wo die Schiffe mit der wertvollen und überlebenswichtigen Ladung ankommen.

Der Legende nach haben die Schiffer den Einwohnern von Myra damals tatsächlich von ihrem Getreide abgegeben und damit den Hunger in der Stadt gelindert. Ich glaube daran, dass es so gekommen ist, wie Nikolaus es versprochen hatte: dass den Kapitänen bei ihrer Ankunft im Zielhafen am Ende nichts von der Ladung gefehlt hat, dass Gott sie gefüllt hat. Weil ich davon überzeugt bin: wer abgibt, der verliert nichts. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass man sich heute in Russland an diese Geschichte erinnert. Denn kein geringerer als eben jener heilige Nikolaus ist nicht nur der Schutzpatron der Seeleute, sondern Nikolaus ist auch der Landespatron von Russland.

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