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SWR4 Abendgedanken

12OKT2022
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Eine Geschichte erzählt von zwei Rabbinern. Das sind jüdische Theologen. Sie diskutieren, ob Gott existiert. Dabei tauschen sie alle Argumente aus, die sie kennen. Nach mehreren Tagen kommen sie zum Schluss, dass es Gott nicht gibt. Am nächsten Morgen besucht der eine den anderen und sieht, wie er betet. Er ist verwundert und hakt nach. Sie haben sich doch gestern erst geeinigt, dass Gott nicht existiert und jetzt betet er? Dieser antwortet: Das eine hat doch mit dem andern nichts zu tun.

Die kurze Geschichte ist sicherlich nicht so gedacht, dass der eine den anderen auflaufen lässt. Ich verstehe sie eher so: Was wir an Argumenten austauschen, was wir von Gott zu verstehen meinen, ist das eine. Aber der Verstand hat Grenzen. Und bei der Frage, ob Gott existiert, kommt unser Verstand an seine Grenzen. Umgekehrt gilt eben auch: Wir können nicht mit Sicherheit wissen oder beweisen, dass es ihn nicht gibt. Es gibt keine wissenschaftlichen Mittel für so eine Beweisführung. Und wenn wir mit Logik an die Sache rangehen und Argumente austauschen, bleibt es am Ende meist bei einem unentschieden. Wenn Vernunft und Wissenschaft hier nicht weiterkommen, gibt es vielleicht einen anderen Weg. Und den meint in meinen Augen der Rabbiner, der betet.

Dass er betet, ist für ihn etwas ganz Anderes. Es hat mit der Erfahrung zu tun, die er im Glauben macht. Da geht es mir genauso wie diesem Rabbi. Auch wenn ich es nicht sicher weiß, ich habe die Erfahrung, dass ich zu Gott Du sagen kann, und dass er mir nahe ist. Selbst dann noch, wenn ich zweifle, ob das so ist. Was ich denke, ist die Kopfebene. Da zählen Logik oder die Phantasie, mit der ich mir vorstellen kann, was ich mir wünsche oder wie mein Leben besser und schöner wäre. Auf dieser Ebene kann es sein, dass ich auch bei dem Ergebnis lande, dass Gott nicht existiert.

An Gott glauben ist etwas Anderes. Ich kann es nur schwer benennen. Das liegt in der Natur der Sache. Denn es geht dabei darum, dass ich vertraue, mich fallen lasse und nicht im Nichts lande. Ein Autor hat es mit einem Sprung in einen Brunnen verglichen. Wenn ich springe, weiß ich nicht, was mich unten am Grund erwartet. Aber die Erfahrung zeigt, dass es kein Absturz ist. Besonders dann, wenn ich bei einem Problem an die Grenzen meines Verstandes stoße oder wenn sich mein Leben nach Absturz anfühlt, weil ich mit einer Krankheit umgehen lernen muss. Dann vertraue ich trotzdem, dass da jemand ist, der meine Gebete hört und der mich behütet.

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