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SWR4 Abendgedanken

11OKT2022
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Als vor einem Monat die Queen gestorben ist, haben viele Menschen auf der ganzen Welt an ihrem Tod Anteil genommen. Frankreichs Präsident Macron hat es so auf den Punkt gebracht: Elizabeth II. war für die Briten ihre Königin, aber für uns war sie „die Queen“. Denn auch in Ländern, in denen es keine Monarchie gibt, haben die Menschen spürbar Anteil genommen haben. Für die meisten ist eine Königin oder ein König „von Gottes Gnaden“ veraltet in unserem demokratischen Zeitalter. Die Vorstellung, dass Gott uns einen König schickt, um uns als Volk zu schützen, ist fragwürdig. Und trotzdem hat mich der Tod der Queen berührt. Elizabeth II. war solange ich lebe „die“ Queen. Früher hat sie mich eher befremdet, weil ich sie als eher gefühlskalt wahrgenommen habe. Heute sehe ich sie anders. Sie hat ihre Gefühle gezeigt, aber sie hat immer Fassung bewahrt. Und sie hat einen herrlichen Humor gehabt.

Ich frage mich aber, wie das in unser demokratisches Zeitalter passt, wenn fast die ganze Welt um eine Königin trauert. Es hat wohl damit zu tun, dass wir alle eine Sehnsucht haben nach einer Person, die in Krisen überlegen wirkt und möglichst die Fassung bewahrt. Wenn ich mich mit Sorgen und Ängsten befasse, gibt es mir Halt und ich fühle mich gut aufgehoben, wenn die, die Verantwortung tragen, gefasst bleiben. Diesen einen Halt und diese Geborgenheit erhoffe ich mir vor allem von Gott, es übersteigt die menschlichen Fähigkeiten. Und viele Könige haben in der Geschichte eher Krieg und Unsicherheit gebracht. Elizabeth II. hat sich zwar in politischen und in persönlichen Krisen immer im Griff gehabt. Das ist souverän. Aber es hat ihr und ihrer Familie viel abverlangt. Sie musste immer damit leben, dass ihr Familienleben in der Öffentlichkeit steht und nicht privat ist. Und das war ja auch bei ihr nicht ganz bruchlos. Die Scheidung von Prinz Charles, der Tod von Lady Di, der Brexit, die Skandale um Andrew und der Familienzwist um den Enkel Harry und seine Frau, haben sich ja vor den Augen der Öffentlichkeit ereignet.

Gerade wenn ich würdige, was Queen Elizabeth II. an Gutem geleistet hat, wird mir klar, dass ich als Christ meine Sehnsucht auf Gott richten will. Ich verlasse mich darauf, dass er uns alle führt, schützt und eines Tages wieder in stabilem Frieden leben lässt. Und mir wird bewusst, dass ich in unserer demokratischen Gesellschaft selbst meinen Teil der Verantwortung trage, dass es mir und meinem Mitmenschen gut geht.

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