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SWR2 Wort zum Tag

29SEP2022
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Es fällt mir manchmal schwer, an das Gute im Menschen zu glauben. Wenn ich zum Beispiel an den Mord in Münster beim Christopher Street Day denke. Da hasst einer so sehr andere Menschen, dass er lesbische Frauen anpöbelt und einen transsexuellen Mann totschlägt, der ihnen zu Hilfe eilt. Oder wenn ich lese, wie barbarisch sich Soldaten in der Ukraine verhalten.

Diese Nachrichten machen mich wütend. Meine Wut führt eines Tages dazu, dass ich womöglich schlecht handle. Das löst bei anderen aber wieder Rachegedanken aus. Sie werden sich vermutlich stärker wehren. Und jedes Mal fällt die Reaktion heftiger und aggressiver aus.

Dieser Dynamik will ich mich entgegenstellen und mich am Guten orientieren. Es bringt mich ja auch nicht weiter, wenn ich an Rache denke oder mich vom Hass anstecken lasse. Als Christ schon gar nicht. Denn als Christ geht es mir ja auch darum, dass ich hoffe, dass Gott letzten Endes alles zum Guten führen wird. Das heißt, dass ich mich darauf verlasse, dass er als der Höchste über dem Guten und dem Bösen steht. Über beidem. Dass Menschen sich für das Böse entscheiden, ist Teil ihrer Freiheit. Und ich entscheide frei, ob ich meine Wut in den Griff bekomme oder ob ich sie auslebe.

In dieser Situation bitte ich Gott, dass er mich führt. So kann ich die Bitten im Vater Unser ja auch verstehen „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“. Ich bitte Gott, dass ich eben nicht von meinem Weg abkomme, wenn solche negativen Gefühle in mir aufkommen.

Mir hilft dazu ein altes Gebet, in dem der Erzengel Michael angerufen wird: „Heiliger Erzengel Michael, beschirme uns im Kampfe gegen die Bosheiten und Nachstellungen der bösen Feinde.“

In der christlichen Tradition ist der Erzengel Michael der, der im Auftrag Gottes das Böse überwindet. Wenn ich merke, dass meine Gedanken mehr um das Böse als um das Gute kreisen, und um das, was Menschen sich gegenseitig antun, dann bete ich dieses Gebet. So bekomme ich ein bisschen Abstand zu meiner Wut und zu diesen Leuten. Und ich bete dafür, dass sie sich zum Guten wenden. Das rückt meine Wut und meine Rachegedanken noch weiter in die Ferne. Und meine Gedanken sind bei Gott und der Vorstellung, dass das Gute über allem steht.

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