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SWR1 Begegnungen

25SEP2022
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Madeleine, Schülerin und Kinderbeirätin. Foto: Manuela Pfann.

Manuela Pfann trifft die Schülerin und Kinderbeirätin Madeleine

… und mit Madeleine. Madeleine ist 16 Jahre alt und genau die richtige Gesprächspartnerin heute. Denn es geht um Kinderrechte und Kinderbeteiligung. Die standen in der vergangenen Woche im Mittelpunkt, da war Weltkindertag. Madeleine verschenkt Chancen. Chancen für Kinder. Wie das geht? Sie ist im Beirat der Kinderstiftung Esslingen-Nürtingen. Und zwar im K I N D E R -Beirat; dieser Kinderbeirat hat 2.000 Euro im Jahr zur Verfügung. Die gilt es klug einzusetzen:

Wir können mitbestimmen, welche Aktionen wir fördern oder welche Projekte wir fördern können – und wir orientieren uns meistens auch daran, dass es Kinder mit Migrationshintergrund sind oder mit Handicaps, dass die genau dieselben Chancen kriegen wie ein normal privilegiertes Kind in Deutschland. 

Das Besondere an dem Kinderbeirat: Er diskutiert und entscheidet tatsächlich ganz ohne Erwachsene. 14 Kinder und Jugendliche sind derzeit dabei, zwischen 9 und 17 Jahren. Bei jedem Antrag schauen die jungen Leute genau hin: Ist das Projekt nachhaltig? Wie viele Kinder haben etwas davon? Gibt es eine Idee, wie der Rest des Projekts finanziert wird? Ich bin überrascht, worauf sie alles Wert legen.

Madeleine ist schon seit fünf Jahren Kinderbeirätin und hat über ziemlich viele Anträge entschieden:

Es gibt diese Möglichkeit, Ideen zu verwirklichen, und dass aus einer Idee ein Plan oder ein Ziel wird. Und nicht bloß ein Traum bleibt.

So wie bei einer Hip-Hop-Tanzgruppe aus Esslingen. Alles Mädchen, viele mit Migrationshintergrund. Zuhause ist es nicht immer einfach. Sie haben es mit viel Training und Disziplin geschafft, richtig gut zu werden. Und sich dann für die Deutschen Meisterschaften qualifiziert. Aber: Die sollten im Ruhrgebiet stattfinden. Und das kann sich die Gruppe nicht leisten: Kosten für eine Übernachtung, Startgebühr und ziemlich viel Geld fürs Benzin. Der Kinderbeirat überlegt.

Wir waren am Anfang zuerst ein bisschen skeptisch, weil es ist ja nur eine einmalige Gelegenheit, die wir da fördern. Dann hat aber bei uns das Argument überwiegt, dass es ja eine Erfahrung für immer ist, die sie für immer im Kopf haben werden und sehen können, bis dahin hab ich‘s geschafft.

Die Entscheidung des Kinderbeirats fällt einstimmig – die Gruppe wird mit der maximalen Summe für ein Projekt gefördert – das sind 300 Euro. Die Hip-Hop-Gruppe fährt zu den Deutschen Meisterschaften – und kommt mit Platz 3 zurück!

Da waren wir auch alle extrem stolz.  

Von Madeleine lerne ich also: da gibt es nicht nur die Freude bei denen, die gefördert werden. Die Kinder im Beirat freuen sich ganz genauso. Weil ihre Stimme und ihre Entscheidung tatsächlich eine Wirkung haben. Madeleine beschreibt das so:

Wenn wir beispielsweise Bilder zugeschickt bekommen von Aktionen, die wir gefördert haben, löst das ein Gefühl aus: Ich hab das geschafft, ich hab das hinbekommen. Das ist ein Teil von mir für sie und das sind glückliche Gesichter. 

Deshalb sind solche Orte der Kinder-Mitbestimmung ganz wichtig, sagt Madeleine. Mehr noch:

Wenn schon Kinder wissen, dass sie so viel tun können eigentlich, dann werden sie auch als Erwachsene mehr tun.  

Madeleine ist 16 und geht in die 11. Klasse. Sie hat lange gedacht, mitbestimmen kann man erst, wenn man 18 ist. Und dann hat sie eine wichtige Erfahrung gemacht: Wenn Erwachsenen die Meinung von Kindern wirklich wichtig ist, und sie die Kinder unterstützen, dann gibt es eine echte Chance mitzugestalten. Genau das tut Madeleine jetzt. Seit fünf Jahren ist sie Mitglied im Kinderbeirat. Bei der Kinderstiftung Esslingen-Nürtingen darf der entscheiden, welche Projekte gefördert werden. So eine Kooperation der Generationen wünscht sie sich auch bei anderen Themen. Ihr fällt da gleich das Stichwort Klimawandel und Fridays for Future ein:

Ich denke, dass Erwachsene nicht daran denken, dass es unsere Zukunft ist. Wir Kinder werden groß mit der Angst, wir müssen in dieser Welt leben und ich denke es war wichtig, dass die Kinder auf die Straße gegangen sind, damit Erwachsene mal sehen, denen ist das wichtig. Sie haben bereits ein Verständnis dafür, was auf der Welt passiert.  

Auch in der Schule hat sie immer wieder den Eindruck, dass Schüler mit ihren Anliegen übersehen werden. Madeleine denkt an ihre Umwelt-AG und ein Biotop. Durch Corona fiel es einfach hinten runter. Und das ärgert sie.

Ich weiß nicht, wie lange wir schon an unserer Schule für ein besseres Biotop kämpfen und nichts passiert und anstatt dessen unser Schulhof neu geteert wird. Wir waren alle ein bisschen verwundert darüber.

Madeleine denkt aber nicht nur daran, wo sie mitbestimmen möchte. Sie hat längst verstanden, dass sie selbst viel mehr Möglichkeiten hat, als andere Kinder und wünscht sich deshalb,

dass jedes Kind ein Recht hat diese Förderung zu bekommen; ein großes Privileg für mich ist es beispielsweise, dass ich auf ein Gymnasium gehen kann.

Wenn Freunde ihr Geschichten von Kindern auf anderen Schularten erzählen, dann sagt sie:

Bin ich ein bisschen schockiert, dass auch die Lehrer sagen, das ist normal, dass da ein Loch in die Tür getreten worden ist.

Madeleine findet es nicht normal. Ebenso wenig, wenn Kinder einfach vergessen werden. Da wird die Schülerin sehr nachdenklich:

Wenn ein Kind abrutscht in der Schule, dass die Lehrer einfach nicht mehr nachfragen zeigt mir als Kind, wie egal ich manchen Erwachsenen sein kann; dass ich machen kann, was ich will, weil es sowieso niemanden interessiert. Ich finde, dass alle Kinder gesehen werden sollten oder gehört werden sollten.

Das sind ganz schön klare und kritische Worte von einer 16-jährigen. Zum Schluss hat sie deshalb noch einen Wunsch an uns Erwachsene:

Ich find diesen Spruch „Du bist ja nur ein Kind" so herablassend, weil es so ein bisschen die Träume kaputt macht. Man darf träumen und man darf Ideen haben. Und wenn man diesen Ideen Beachtung schenkt, gäbe es vielleicht mehr Lösungen auf der Welt.  

 

https://www.kinderstiftung-esslingen-nuertingen.de/waswirtun/kinderbeteiligung-kinderbeirat/kinderbeteiligung-kinderbeirat

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36226