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SWR4 Abendgedanken

23SEP2022
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„Ich dekoriere dann jetzt bald für Weihnachten.“, hat mir eine Bekannte diese Tage erzählt. Also, bis zu den Herbstferien will sie vielleicht noch warten. Aber dann aller spätestens.

Das hat mich reichlich überrascht. Mich nervt dieses ganze Weihnachtszeugs in den Läden immer. „Last Christmas“ dudelt schon im Oktober durch die Supermärkte. Glitzerketten überall. Und die Schokoweihnachtsmänner stehen Schlange im Regal. Och ne…

Meine erste Reaktion war auf jeden Fall: Ich habe jetzt noch keinen Nerv für zu viel Glitzern, Strahlen und Vorfreude. Das passt nicht zu dem, wie ich die Welt gerade erlebe: Krieg, Sorgen um genug Wärme im Winter, so viele Flüchtlinge… Da passt diese Weihnachtsglitzerwelt nicht rein.

Und darum habe ich ihr gesagt: Ne, bei uns bleibt die Krippe mit Maria, Joseph und dem Kind erst mal noch im Keller.

Aber dann bin ich doch ins Denken gekommen: Die Krippe mit dem neugeborenen Kind, seiner vermutlich ziemlich erschöpften Mutter und dem besorgten Vater, der Angst hat, wie er Mutter und Kind in den nächsten Tagen durchbringen soll, bleibt im Keller? Vielleicht würden mir die Krippenfiguren mit ihren Sorgen und Nöten in meinem Alltag gerade jetzt nahe kommen… In dieser Familie war ja eben nicht Glitzern, Strahlen und Vorfreude. Ein Kind auf dem Weg in einem Stall gebären zu müssen, das ist kein Vergnügen. Es in Lumpen wickeln zu müssen, weil sonst nichts da ist, ist auch nicht der Traum der Eltern. Und mit dem Neugeborenen dann weiterreisen, fliehen zu müssen, so wie es von Maria und Joseph erzählt wird, schon gar nicht.

Vielleicht passt die Krippe gerade jetzt mitten in mein Leben hinein. Gerade jetzt, in diesem Herbst. Wie nah das Schicksal dieser Familie doch dem Schicksal vieler Familien heute ist. Armut, Kälte, Zukunftssorgen. Flucht in ein fremdes Land. Das kennen allzu viele auch jetzt.

Soll ich die Krippe doch jetzt schon aus dem Keller holen? Eine Kerze dazu stellen, die Licht spendet, Wärme, Hoffnung vielleicht? Und den Weihnachtsengel daneben, der über diese Menschen wacht und ihnen zuruft: „Fürchtet Euch nicht!“

Bei Maria und Joseph ist alles gut gegangen, schlussendlich. Sie kamen irgendwann wieder zu Hause an. Trotz allem. Gott ist mit ihnen gegangen. In allem Elend. Gott war dabei. Das kann ich nur uns allen auch wünschen.

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