Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

22SEP2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„God agrees to abortion.“ – Das stand auf einem T-Shirt, das eine junge Frau getragen hat, die in der Stadt an mir vorbeigegangen ist. „Gott ist für die Abtreibung“. Stand da. Schwarz auf weiß.

Ich war reichlich baff, als mir diese Aussage da so mitten beim gemütlichen Stadtbummel entgegen leuchtete. Ich muss die Frau wohl auch recht irritiert angeguckt haben. Sie hat mich auf jeden Fall freundlich angelächelt. Und dann war sie ja auch schon vorbei und weg.

Aber der Spruch auf ihrem T-Shirt hat mich noch beschäftigt. „Gott ist für die Abtreibung“. Kann man das sagen?

Vielleicht ist die junge Frau Amerikanerin. Dort hat der Supreme Court im Juni das bundesweite Recht auf Abtreibung gekippt. Gerade viele christlich-konservative Kreise hatten darauf gedrängt. Mit dem Argument, dass es in den zehn Geboten heißt: Du sollst nicht töten. Und andererseits haben viele Frauen gegen dieses Urteil protestiert. „My body, my choice“, stand auf ihren Plakaten. „Mein Körper, meine Entscheidung“. Und vermutlich gehört die junge Frau, die ich gesehen habe, zu diesen Frauen dazu.

Aber: „Gott ist für die Abtreibung“. Kann man das sagen?
Ich glaube, dass Gott ein Gott des Lebens ist. Gott hat das Leben geschaffen. Er liebt seine Schöpfung. Und er will Leben erhalten und fördern. Es soll gedeihen. Der Gott, an den ich glaube, ist gegen den Tod. Gegen alles, was zerstört. Gegen alles, was verdorren lässt.

Ich glaube aber gleichzeitig, dass Gott ein Gott ist, der an der Seite der Leidenden steht. Der die im Blick hat, denen es dreckig geht. Der mit ihnen mitleidet. Ihr Leid versteht. Denn ich glaube an einen Gott, der liebt. Über alle Maßen.

Darum kann ich nicht sagen: „Gott ist für die Abtreibung.“ Er ist ein Gott des Lebens. Aber ich kann auch nicht sagen: „Gott ist gegen die Abtreibung.“ Gott steht an der Seite der Leidenden, der Verzweifelten. Ich kann mir Situationen vorstellen, in denen es für eine Frau unerträglich ist, ihr Kind auszutragen. Gott wird daran verzweifeln, wenn ein Kind im Bauch der Mutter sterben muss. Aber er wird auch die Verzweiflung der Mutter verstehen. Mit ihr mitleiden. Hoffen, dass sie Trost findet. Und neue Hoffnung.

Mein Gott ist ein Gott der Liebe. Darum ist er auch der Gott des Lebens. Und der Gott an der Seite der Leidenden. Leider passt das nicht alles auf ein T-Shirt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36195