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SWR4 Abendgedanken

21SEP2022
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Am letzten Tag vor den Sommerferien werden die Kollegen und Kolleginnen verabschiedet, die in den Ruhestand gehen. So ist es Tradition an der Schule, an der ich unterrichte. Meist sagen sie noch ein paar Worte zum Abschied. In diesem Jahr ist ein lieber Kollege von mir dran gewesen. Er hat ein Gedicht verfasst, in dem er seine Zeit an der Schule nochmal Revue passieren lässt. Ich möchte Ihnen einen Ausschnitt daraus vorlesen:

„Mir war es immer wichtig
und ich halte es für richtig,
auch schwierige Schüler nicht zu übersehn
und zu versuchen ihre Lage zu verstehn.(…)
Ich bereue es nicht, im Zweifelsfalle, lieber einmal mehr die bessere Note zu geben,
denn manche haben es doch schwer genug im Leben.“

Mich haben diese Worte beeindruckt. Sie zeigen so viel von diesem Menschen und seinem Verständnis davon, wie er Lehrer sein wollte. Zugewandt nämlich, gerade zu den Schülerinnen und Schülern, von denen sich manche lieber abwenden. Weil sie schwierig sind und anstrengend. Solch einen Pädagogen würde doch jeder seinem Kind wünschen, oder?

Aber sein Gedicht ging noch weiter:

„Was mir Trost gibt in dieser schwierigen Zeit,
ist, dass ich glaube, dass einer im Himmel über uns wacht,
der die Welt in seinen Händen hält
und gibt auf uns Acht.“

Da musste ich dann schlucken. Ich fand es beeindruckend, wie sich da jemand hinstellt und ohne groß Aufsehen zu machen sagt, was ihn tröstet und trägt: Trotz dieser schwierigen Zeit glaube ich, dass Gott auf uns aufpasst und diese Welt in seinen Händen hält. Ich bin ja selbst Religionslehrerin. Aber in diesem Moment habe ich mich gefragt: Angesichts all der Probleme, den Kriegen, den Klimaängsten, angesichts all dessen, glaube ich das eigentlich selbst noch?

Vielleicht beneide ich meinen Kollegen sogar ein bisschen um dieses tiefe Gottvertrauen, das ihn trägt und hält. Da ist einer, der meint es gut mit uns. Es wird gut ausgehen. Ganz sicher.

Mein Kollege hat mich berührt mit seinen Abschiedsworten. Auch herausgefordert. Und vielleicht ein bisschen getröstet. Auf jeden Fall werde ich ihn im neuen Schuljahr vermissen.

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