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SWR3 Gedanken

13SEP2022
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Ein altes Eisengeländer abzuschleifen ist ziemlich mühsam, einerseits. Andererseits aber auch eine Arbeit, bei der die Gedanken wunderbar schweifen können. Im Sommer hab ich das gemacht. Seit mindestens 50 Jahren steht so ein Geländer an der Terrasse hinter meinem Haus. Unansehnlich ist es geworden. Als ich daran gearbeitet habe, hab ich gemerkt: Drei Farbschichten haben die Vorbesitzer des Hauses im Lauf der Jahre darauf gepinselt. Wenn es unansehnlich wurde, kam einfach wieder neue Farbe drauf. Kann man machen. Was unschön wird, einfach überpinseln. Nachhaltig ist das aber nicht. Denn früher oder später kommt der Rost doch durch, so wie bei meinem alten Geländer.

Und auch im Leben läuft das ja leider ganz oft so. Dass Probleme lieber zugekleistert werden. Der Konflikt mit den alten Eltern, die nicht mehr ohne fremde Hilfe in ihrer Wohnung bleiben können? Bloß nicht ansprechen. Der Lebenspartner, der mich immer wieder verletzt und zurückweist? Lieber still ertragen und gute Miene zum schlechten Spiel machen. Bloß, irgendwann bricht halt doch durch, was unter der Oberfläche schon lange gärt und an der Seele nagt. Dann sind es nicht nur ein paar Roststellen. Dann wird es schnell auch emotional dramatisch. Und dann kann es helfen, behutsam all das abzutragen, was im Lauf der Jahre zugekleistert worden ist um des lieben Friedens willen. Das ist mühsam und es tut auch weh. Aber es ist oft der einzig sinnvolle Weg, um ein Problem ehrlich und nachhaltig zu lösen.

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