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SWR4 Abendgedanken

08SEP2022
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Du darfst erst, wenn ich was habe – das macht jeden Morgen unser Kaninchen-Chef seinen Mitbewohnern klar. Bei Tieren mag das ja ganz normal sein. Aber in letzter Zeit habe ich oft das Gefühl, dass das bei uns Menschen auch immer mehr so wird.

Neulich habe ich beobachtet: Wie hunderte Autofahrer gleichzeitig von einem Parkplatz losfahren wollten. Das war nach einem großen Konzert. Alle sind kreuz und quer über den Parkplatz gefahren. Vorfahrt? Egal! Sich an die angezeigten Wege halten? Wozu? Und das, nur um zwei Minuten früher nach Hause zu kommen. Sowas verstehe ich einfach nicht. Frei nach dem Motto: Platz da, hier komme ich! Ich bin mir sicher, dass jedem und jeder von uns da ein paar Beispiele einfallen. Da zieht einfach jemand in die Kreuzung rein. Dort drängelt sich jemand an der Schlange einfach vorbei. Und wenn es sein muss, dann fährt man auf der Autobahn halt rückwärts.

Was mich dabei stört ist nicht das Drängeln, oder dass ich dann fünf Minuten länger warten muss. Nein. Was mich stört, ist, dass sich einfach jemand für wichtiger nimmt als alle anderen.

Ein Sprichwort sagt: Wenn sich jeder selbst hilft, dann ist allen geholfen. Aber in was für einer Gesellschaft leben wir dann? Ich finde, sie würde dem Kaninchenstall bei uns zu Hause ähneln: Und da kriegt erst der Stärkste was zu fressen – der Rest muss warten, was übrigbleibt.

 „Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt […], das habt ihr für mich getan.“ Das hat Jesus gesagt und dieser Satz wird mir immer wichtiger. Weil er klar macht, dass mein Leben mit dem Leben von ganz vielen anderen Menschen zusammenhängt. Sogar, wenn ich versuche, von einem Parkplatz zu fahren, gleichzeitig mit vielen anderen: Hätte man von oben auf diesen Parkplatz schauen können, dann wäre es klar: Immer, wenn sich jemand einen Vorteil verschafft, klemmt es an unzählig vielen anderen Stellen. Deshalb darf mir nicht egal sein, was mit den anderen wird – Hauptsache ich bin als erster dran. Jesus hat immer versucht, den Leuten klarzumachen: „Hey, es ist wichtig, dass ihr füreinander da seid. Dass ihr euch gegenseitig helft“. Jesus hat schlicht erwartet, dass wir auf unsere Mitmenschen achten.  Bei allem, was man tut, wenigstens einen kleinen Moment drüber nachdenkt, was das für die anderen bedeutet.

Es scheint so einfach zu sein: Einfach aufeinander Acht geben, auch, wenn es dann trotzdem noch an der ein oder anderen Stelle klemmt. Das Zusammenleben wäre nicht perfekt, aber menschlicher – und nicht so wie im Kaninchenstall, wo der stärkste alle anderen erst einmal wegschuppst.

Und dann ist Jesus mittendrin und mit dabei. Denn er sagt: Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt […], das habt ihr für mich getan.“

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