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SWR4 Abendgedanken

16AUG2022
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Ich bleibe in diesem Sommer zuhause. Ich fahre nicht in den Urlaub. Ganz bewusst und mit Absicht. So gerne ich verreise und so gerne ich das Meer sehen würde – es ist mir in diesem Jahr einfach zuviel. Ich möchte nicht planen, ich möchte nicht packen; ich möchte nicht wieder bis kurz vor der Abfahrt am Schreibtisch sitzen und ja nichts vergessen, was noch zu erledigen ist. Ich möchte das Haus nicht aufräumen und alle Wäsche vor der Abfahrt wegwaschen, ich möchte keine fünf Personen unter einen Hut bringen müssen und ich möchte nicht organisieren, dass der Briefkasten geleert und die Hasen gefüttert werden, solang wir nicht da sind.

Ich möchte einfach nur hier sein. In Ruhe hier zuhause. Die Corona-Zeit war für uns als Familie keine schlimme Zeit – aber ich fand, sie war und ist anstrengend. Weil Termine abgesagt und neu geplant werden mussten, weil es immer wieder neu galt, Arbeit und Kinderbetreuung zu organisieren. Weil auch wir uns infiziert haben, krank gewesen sind und Pläne über den Haufen geworfen haben. Alles war am Ende gut machbar – aber ich bin ein bisschen erschöpft.

Deswegen lasse ich die Kinder auf Reisen gehen und bleibe in diesem Jahr zuhause. Mein Bedürfnis nach Ruhe und Pause ist damit erfüllt; aber meine Sehnsucht nach einem Tapetenwechsel, wie man so schön sagt, ist geblieben: Denn es tut schon gut, eine andere Landschaft zu sehen. Eine fremde Küche kennenzulernen. Oder Menschen zu begegnen, die anders leben. Das sind die Dinge, die eine Reise für mich so wertvoll machen.

Für diesen Sommer habe ich eine gute Alternative gefunden: Denn auch zuhause ist es möglich, zwischendurch in eine andere Welt einzutauchen. Ich habe deshalb meinen Sommer zu einem Film- und Kino-Sommer erklärt. Wann immer möglich und mir ein Film gefällt, gehe ich ins Open-Air-Kino und freue mich über die Schönheit der Welt zuhause unter freiem Himmel. Mein Film-Urlaub hat mich bisher unter anderem nach Frankreich geführt. Ins 18. Jahrhundert. Ich habe einen Feinschmecker-Koch erlebt. Er hat auf der grünen Wiese mit weiß gedeckten Tischen das erste Restaurant für alle Bürger eröffnet. Ein anderer Film spielte im England vor hundert Jahren. Dabei habe ich das Leben von Adligen auf einem alten Landsitz beobachtet. Und meiner Sehnsucht nach dem Meer habe ich bei tollen Bildern von der Nordseeküste Raum gegeben. Und bin dort Menschen begegnet, die ihren ganz eigenen Rhythmus zwischen den Gezeiten leben.

So fühle ich mich in diesem Sommer, dankbar für Ruhe und Frieden. Und dafür, dass ich meinen Rhythmus leben kann. Und der heißt in diesem Sommer: einfach nur hier sein.

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