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SWR1 Begegnungen

31JUL2022
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Bischof Peter Kohlgraf Foto: Werner Feldmann

…und mit dem Präsidenten der Katholischen Friedensbewegung Pax Christi, dem Mainzer Bischof Peter Kohlgraf. Schon einmal sind wir uns begegnet. Doch das war gefühlt in einem anderen Zeitalter. Inzwischen tobt ein brutaler Krieg in Europa, der auch unsere Sicherheit bedroht. Friedensbewegte Menschen haben es schwer. Denn fast schon weltfremd und aus der Zeit gefallen erscheinen manche der alten Gewissheiten. „Frieden schaffen ohne Waffen“ etwa. Oder „Abrüstung statt Aufrüstung“! Sind die „weißen Tauben“, die vor 40 Jahren mal ein Schlager besungen hat, inzwischen wirklich kraftlos und müde geworden?

Sie sind etwas verunsichert, wie sie sich positionieren. Und ich merke tatsächlich, dass auch in einer katholischen Friedensbewegung noch Friedenstauben, wenn ich das sagen darf, dabei sind, die die alten Ideale auch wirklich hochhalten. Und das muss vielleicht auch sein. Ich bin sogar davon überzeugt, dass es richtig ist, dass es pazifistische Stimmen gibt. Aber es gibt eben auch Friedenstauben, die daran zweifeln, ob es wirklich sinnvoll gewesen ist, die letzten Jahrzehnte in dieser Art und Weise sich für Frieden zu positionieren.

Überzeugte Pazifisten, die alle militärische Gewalt ablehnen, werden als Narren beschimpft. Ist der Pazifismus etwa am gegenwärtigen Krieg gescheitert?

Ich glaube, dass es weiter pazifistische Stimmen geben muss, um vielleicht zu verhindern, dass wir uns zu sehr an diese Logik von Gewalt und Gegengewalt auch gewöhnen. Und dass da Menschen sind, die auch kritische Fragen stellen und sagen: Leute in der Politik, überlegt mal. Was ist eure Sprache? Habt ihr über andere Formen auch zivilen Widerstands nachgedacht? Stärkt ihr die Zivilgesellschaft vor Ort? Was sind da Schritte, die neben den Waffenlieferungen auch Themen wären, die wir bedienen müssen? Aber ich muss auch wahrnehmen, dass Menschen, die jetzt in politischer Verantwortung sind, tatsächlich vor gewaltigen Fragen und Herausforderungen stehen.

Eine schwierige Frage ist die der Waffenlieferungen. Pax Christi etwa hat vor Kurzem die Forderung einiger Intellektueller unterstützt, Waffenlieferungen in Frage zu stellen und auf sofortige Verhandlungen zu drängen.

Das Recht von Pax Christi, sich zu positionieren, das darf man einer Friedensbewegung auch nicht absprechen. Die Frage ist immer, mit welchem Unfehlbarkeitsanspruch man dann eine Meinung vertritt. Ich glaube, dass Pax Christi als Basisbewegung sehr viel vielfältiger und differenzierter ist.

Das hört sich nach einem tiefen Dilemma auch für die Friedensbewegung an.

Es ist eine Dilemma-Situation. Man kann sich auch versündigen, indem man Hilfen verweigert. Wo beginnt sozusagen aber auch eine Versündigung, indem ich Gewalt eskaliere? Das ist aber vielleicht keine Frage, die wir hier vor Ort entscheiden können. Aber eine wirklich saubere Lösung gibt es nicht. Wir werden, egal, wie wir uns entscheiden, ob als Politikerin, Politiker oder auch als Friedensbewegte, oder auch als Menschen in der Gesellschaft, wir werden uns die Finger schmutzig machen, egal, wofür wir uns entscheiden.

Ich merke, dass auch der Pax-Christi-Präsident darum ringt, was hier richtig und was falsch ist.

Seit knapp drei Jahren ist Bischof Peter Kohlgraf Präsident der Katholischen Friedensbewegung Pax Christi. Der Krieg in der Ukraine hat es schwerer gemacht, uneingeschränkt für Frieden einzutreten aber vielleicht auch umso nötiger.

Als Christinnen und Christen orientieren wir uns ja am Evangelium. Kann es Handlungsanweisungen geben für die jetzige Situation?

Ich denke, dass sich für Jesus viele Fragen, die wir heute im Globalen haben, dass die sich für Jesus so noch nicht stellten. Deswegen werde ich, wie für viele Fragen des Lebens, auch nicht für jede politische, tagesaktuelle Frage eine völlig passgenaue Antwort finden. Ich glaube, so ehrlich muss man sein. Trotzdem ist die Friedensbotschaft Jesu klar. Und auch die Friedensvisionen etwa des Alten Testaments sind klar. Und die sind auch wichtig, weil diese Friedensvisionen zeigten, dass es dem kleinen Volk Israel und seinen Männern und Frauen wichtig war, auch in kriegerischen Zeiten eine Hoffnung zu haben auf eine andere Welt. Und diese Hoffnung will ich mir auch als Christ nicht nehmen lassen.

Dennoch finden sich in der sogenannten Bergpredigt ja eindeutige Sätze: Wenn dich einer auf die eine Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.

Das kann ich für mich entscheiden. Ich glaube, als politisch Verantwortlicher kann ich diese Entscheidung nicht für mein Volk treffen. Und dennoch bleibt es, glaube ich, ein Stachel, weil in dieser Bergpredigt sehr deutlich wird, dass Jesus zumindest diese Freund-Feind-Kategorien durchbricht, wenn ich mich nicht vom Hass zerfressen lasse. Das wäre für mich schon mal ein erster Schritt, die Bergpredigt in mir arbeiten zu lassen. Und das ist schon schwer genug.

Die Frage stellt sich, was das überhaupt bedeuten kann: Frieden.

Ich befürchte, dass wir uns eigentlich in den 70 Jahren ein wenig auch in die eigene Tasche gelogen haben, was Frieden angeht. Wir haben Frieden definiert, dass kein Krieg ist, dass die Waffen schweigen. Aber dass wir uns auch eigentlich ganz gut daran gewöhnt haben, dass die Atomwaffen aufeinander gerichtet sind und damit jeder Angst hat vor dem anderen und kein Krieg anfängt. Trotzdem möchte ich mir als Christ die Hoffnung nicht nehmen lassen, dass wir Menschen auch zu einer anderen Welt fähig sind. Wenn Frieden sich nur definiert darüber, dass ich bedroht werde und deswegen nichts tue, ist das für mich tatsächlich noch kein menschenwürdiger Frieden.

Wenn man sich Lage der Welt anschaut. Bleibt echter Frieden nicht eine unerreichbare Illusion?

Also den Himmel auf Erden werden wir nicht schaffen in jederlei Hinsicht. Aber dass Frieden etwas ist, wofür es sich zu arbeiten lohnt, das würde ich doch sehr stark behaupten. Wenn niemand etwas tut, dann wird sich auch nichts verändern.

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