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SWR2 Wort zum Tag

03AUG2022
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Mein Lieblingsplatz in unserem Garten ist die Treppe, die leicht geschwungen hinunter zum Gartentor führt. Wenn ich etwas Zeit habe, dann setze ich mich dort gerne für einen Moment auf die oberste Stufe. Rechts und links von der Treppe blühen jetzt im Sommer Lavendelsträucher. Bienen und Hummeln summen und brummen, während sie von einer Blüte zur nächsten fliegen. Am blauen Himmel ziehen einzelne weiße Wolken langsam vorbei. Nach einer Weile nehme ich wahr, wie im Hintergrund die Vögel zwitschern, ich rieche den Duft des Lavendels und spüre, wie der Wind über meine Haut streicht.

In diesem Moment staune ich wie schön die Natur ist. Und auf einmal fällt mir die Schöpfungserzählung aus der Bibel ein. In diesem Text beschreibt der biblische Autor, wie Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat. An mehreren Stellen heißt es, nachdem Gott etwas Neues gemacht hat: Und er sah, dass es gut war.

Und jetzt sitze ich in meinem Garten, diesem kleinen Stück Welt, und sehe, dass es gut ist. Und ich sehe es nicht nur, nein, ich höre es auch, rieche es und spüre es: es ist gut und vor allem: Es ist schön.

In meiner Fantasie stelle ich mir vor, dass der Autor genau durch einen solchen Moment inspiriert wurde, seinen Schöpfungshymnus zu schreiben. Durch einen Moment, in dem er von der Schönheit der Natur überwältigt war und fest überzeugt gewesen ist, dass die Welt, so wie sie ist, gut ist und ein großartiger Schöpfer dahintersteckt.

Als Mensch begreift er sich selbst als Teil dieser Schöpfung, aber beansprucht auch eine Sonderstellung. Er lässt Gott sagen: „Ich will Menschen machen als mein Bild, mir ähnlich!“ (Gen 1,26a)

Indem der Autor den Menschen als Ebenbild Gottes beschreibt, macht er den Menschen zu einem Gegenüber zur restlichen Schöpfung. Ähnlich wie Gott kann auch der Mensch auf die Welt schauen und sie nach seinen Ideen und Vorstellungen gestalten.

An dieser Stelle könnte man viel diskutieren, ob es richtig ist, dass sich die Menschen eine Sonderstellung im Umgang mit der restlichen Natur herausnehmen und welche negativen Folgen das hat. Aber darum geht es mir an dieser Stelle erstmal gar nicht.

Es geht darum, was vielleicht auch der besondere Auftrag des Menschen in dieser Welt sein könnte: Die Welt in ihrer Schönheit wahrnehmen. Immer wieder innehalten und sich mit allen Sinnen in den Bann ziehen lassen. Als Mensch kann ich staunen über die Vielfalt und den Reichtum, der sich mir zeigt, wenn ich aufmerksam bei den Dingen verweile.

In solchen Momenten spüre ich, wie ich aus dem Alltäglichen herausgehoben werde und zu mir selbst kommen kann.

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