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SWR2 Wort zum Tag

02AUG2022
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Der Applaus verebbt. Die vielleicht sechzehnjährige Sängerin lächelt ein wenig unsicher. Mit einer Hand greift sie das Mikrofon, als wollte sie sich daran festhalten. „Es bedeutet mir so viel für Euch zu singen“, sagt sie mit gehauchter, etwas brüchiger Stimme, aber ihre Augen strahlen dabei. Dann ein kurzer Blickkontakt zu ihrer Gesangslehrerin am Klavier. Diese nickt ihr aufmuntern zu und beginnt die Anfangsakkorde zu spielen.

Ich bin bei einem Vorspiel in der Musikschule „Musiclab“. Mein Sohn hat kurz zuvor ein Stück auf der Ukulele gespielt. Jetzt sitzen wir da und hören den anderen zu. Für viele ist es ihr erster oder zweiter Auftritt – und ehrlich gesagt, hört man das auch immer mal wieder. Mal hängt das Tempo, mal klingt es ein bisschen schief oder der Einsatz klappt nicht sofort. Aber allen scheint es Spaß zu machen. Den Lehrerinnen und Lehrern gelingt es, eine besondere Atmosphäre zu schaffen: jede und jeder kann sein Können präsentieren, auch wenn es noch nicht perfekt ist. Alles hat eine gewisse Leichtigkeit, in der Fehler dazugehören und nicht stören.

Und dann gibt es da noch diese wundervollen Momente: Die Band, bei der das Tempo zuvor ein wenig gerumpelt hat, beginnt auf einmal zu grooven. Der Sänger, der sich anfangs noch etwas unsicher mit dem ein oder anderen falschen Ton durch die Strophe gehangelt hat, entfaltet auf einmal im Refrain das ganze Potential seiner Stimme. Und ich bekomme eine Gänsehaut.

Immer wenn der letzte Ton verklungen ist, brandet Applaus auf. Ich spüre, die einzelnen Kinder und Jugendlichen sind erleichtert, dass sie es geschafft haben. Aber sie sind auch stolz – und das zu Recht.

Am Ende gehe ich beglückt nach Hause. Es war ein tolles Konzert. Es hat mich begeistert, gerade weil es nicht vollkommen war. Und es hat mich nachdenklich gemacht.

Ich selbst neige eher zum Perfektionismus. Wenn ich etwas mache, dann habe ich hohe Ansprüche an mich selbst und setze mich dadurch oft unter Druck. Aber dieser Abend hat mir gezeigt, dass es auch anders geht – und wie schön das ist. Darum wünsche ich mir mehr davon auch in anderen Situationen. Ein neues Rezept zum ersten Mal ausprobieren, auch wenn Besuch kommt. In einer Konferenz eine Methode einsetzen, die spannend klingt, aber von der ich nicht sicher bin, ob sie funktioniert. Mich trauen, die Dinge, die mir Freude bereiten, einfach mal zu machen, egal wie gut ich sie kann und dadurch andere zu ermutigen, es auch zu tun.

Ich bin zuversichtlich, dass es dann diese wundervollen Momente geben wird. Diese Momente, in denen Sachen gelingen, die ich mir selbst nie zugetraut hätte.

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