Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

01AUG2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manchmal ärgern mich sehr kleine Dinge. Zum Beispiel ein schmutziger Topf, der in der Spüle steht. Er steht dort, um einzuweichen – aber er steht im Weg, wenn ich den Wasserhahn benutzen möchte. Darum finde ich es viel sinnvoller Töpfe zum Einweichen neben die Spüle zu stellen, aber meine Frau sieht das anders.

Seit einiger Zeit versuche ich mich in solchen oder ähnlichen Situationen an ein Gedicht zu erinnern. Es stammt vom israelischen Dichter Jehuda Amichai und heißt: Der Ort, an dem wir recht haben.[1]

Der Text beginnt so:

An dem Ort, an dem wir recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.
Der Ort, an dem wir recht haben,
ist zertrampelt und hart wie ein Hof.

Für mich spricht Jehuda Amichai darin eine tiefe Wahrheit aus, die nicht nur für so banale Alltagssituationen wie dem Kochtopf in der Spüle gilt. Um bei meiner Frau und mir für schlechte Stimmung zu sorgen, kann ich ihr vorhalten: Warum steht der Topf schon wieder da, wo er nicht hingehört. Meistens reicht es schon, wenn ich es nur für mich denke. Dann dauert es erstmal eine Weile bis ich ihr wieder unbefangen begegnen kann.

Noch mehr gilt diese Wahrheit von Jehuda Amichai für wichtigere Angelegenheiten, bei denen ich unterschiedlicher Meinung als andere bin. Wenn ich mir einbilde, dass nur ich Recht habe, dann bleibt für die anderen kein Raum. Das führt dazu, dass jeder seine Positionen zementiert und nichts mehr wachsen und entstehen kann.

Jehuda Amichai gibt aber auch einen Tipp, welche beiden Haltungen dagegen helfen können. In seinem Text heißt es weiter:

Zweifel und Liebe aber
lockern die Welt auf
wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.

Natürlich kann ich meinen, dass die Dinge so wie ich sie mache, am besten gemacht sind. Aber ich kann es auch anzweifeln. Vielleicht gibt es ja mehrere Möglichkeiten, von denen ich eine und meine Frau eine andere bevorzugt. Und wenn ich sie liebe, dann kann ich ihr zugestehen, die Dinge so zu machen, wie es ihr entspricht. Und gleichzeitig hoffe ich, dass sie mir das genauso zugesteht.

Wenn ich bei manchen Konflikten genauer hinsehe, entdecke ich darin immer auch Momente, bei denen es nur darum geht, Recht zu haben.

Aber wenn ich Jehuda Amichai folge, dann lohnt es sich, darauf zu verzichten. Vielleicht gelingt es ja, mit Zweifel und Liebe die Welt aufzulockern.

 

[1] Jehuda Amichai: Zeit. Gedichte. Aus dem Hebräischen von Lydia Böhmer und Paulus Böhmer,

Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1998, S. 21.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35858