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SWR1 Begegnungen

05JUN2022
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Frank Nowak (c) Privat

Wir treffen uns an seinem Arbeitsplatz in Koblenz. Denn dort ist Oberstleutnant Frank Nowak stationiert. Er ist Offizier der Bundeswehr, bekennender Christ und engagiert als Kreisvorsitzender der „Gemeinschaft katholischer Soldaten“ im Raum Koblenz. Darüber möchte ich mehr erfahren. Und auch darüber, wie er, der katholische Soldat, nun denkt über das Christsein und den Krieg. Denn der berührt ja schnell die ganz großen Fragen. Weil es im militärischen Einsatz eben auch um Leben und Tod gehen kann. Und ein Satz, den Frank Nowak mir in unserm Gespräch sagt, der ist mir darum noch länger im Kopf geblieben.

Der Soldat ist derjenige, der als letztes in einen Krieg will, weil, er wird dort umgebracht. Also, wir stehen für Frieden. Wir stehen nicht für Krieg.

Ihm ist das ganz wichtig, auch als Christ, merke ich. Dass es ums Verteidigen geht, darum, Krieg zu verhindern und nicht ums Zerstören und Töten, wie wir es gerade beim russischen Angriff auf die Ukraine erleben. Das berühmte Zitat von Kurt Tucholsky, Soldaten seien Mörder, über das juristisch schon erbittert gestritten wurde, empört ihn.

Wir sind eben keine Mörder. Und wir unterliegen dem Primat der Politik. Wir sind eine Parlamentsarmee, und wir tun das, wofür wir nen Eid abgelegt haben, nämlich treu zu dienen und das Recht und Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Tapfer zu verteidigen, das ist das Schlagwort. Und so sehen wir uns auch als Soldaten.

Das Recht, sich selbst und andere zu verteidigen ist auch in der christlichen Ethik unstrittig. Aber wie ist das konkret in einem Einsatz, möchte ich wissen, und Frank Nowak erzählt mir von den rules of engagement, den Einsatzregeln also, an die sich jeder Soldat halten muss.

Ich war in Somalia 93. 91 im Iran. Ich war in Afghanistan, in Pakistan. Ich war in Kosovo. Also ich war in quasi fast allen Einsätzen. Der normale Einsatz der Bundeswehr ist immer so gewesen, dass wir nicht den ersten Schuss abgeben. Wir können nicht einfach anfangen zu schießen. Die rules of engagement legen uns auf, erst zurückschießen zu dürfen. Das heißt, erst wenn ich beschossen werde, schieße ich zurück. Ich verteidige mich. Und dass ich dann dabei jemanden töten kann. Ja, damit muss jeder sich dann noch mal irgendwo christlich auseinandersetzen.

Als militärischer Laie stelle ich mir das schon traumatisch vor. Im Einsatz jemanden zu töten, oder auch, den Tod etwa von Kameraden erleben zu müssen.

Ja, definitiv, weil man im Einsatz sich mit Sachen konfrontiert sieht, die man so zuhause nicht kennt. Und ich habe das schon oft festgestellt, dass dann plötzlich auch im Einsatz einige die Nähe des Militärgeistlichen suchen oder auch dort in die Kirche gehen. Wir haben natürlich auch im Einsatz immer einen Gottesdienst. Weil sie einfach was suchen, was ihnen Halt gibt und wo sie ein bisschen, ja Seelsorge erfahren können. Was sie zu Hause so gar nicht machen mussten, weil sie diese Erfahrungen nicht hatten. Es ist immens wichtig für die Soldaten, dass die Militärseelsorge dabei ist.

Dass eine eigene Militärseelsorge existiert, das kenne ich aus meinem beruflichen Umfeld. Sie ist ein Angebot der Kirchen an die Streitkräfte.

Oberstleutnant Frank Nowak hat sich in der Bundeswehr hochgearbeitet. Vom Wehrdienstleistenden und einfachen Soldaten bis zum höheren Offizier, der er heute ist. Keine ganz übliche Karriere in der Truppe. Er ist stolz darauf. Denn dadurch, sagt er mir, kenne er als Führungskraft heute auch viele Fragen und Probleme der unteren Mannschaftsdienstgrade. Er hat sie ja selbst erlebt. Seit 1990 ist der heute 51-Jährige schon dabei.
lst Mitglied im Bundesvorstand der „Gemeinschaft katholischer Soldaten“ kurz GKS, steht er in der Armee aber auch für seinen Glauben ein. Warum aber diese Gemeinschaft zusätzlich zur kirchlichen Militärseelsorge?

Wir können viel flexibler mit manchen Themen umgehen, wo die Kirche sagt, das ist nicht mehr ihr Themenfeld. Und alle Fragen, die einen Soldaten oder Soldatinnen betrifft, ethisch, moralisch, wo sie vielleicht Probleme hat, die können wir zum Beispiel auffangen. Wir können uns auch politisch engagieren. Das heißt, wenn wir für die katholischen Soldaten sagen, wir müssen jetzt mal ein Statement abgeben, ob das zur Bewaffnung der Drohne ist oder ob das zum Gesellschaftsdienst ist, dann können wir das tun.

Sich mit anderen gläubigen Soldatinnen und Soldaten zu treffen, über gesellschaftliche und ethische Fragen zu diskutieren und sich auch immer wieder auf den eigenen Glauben zu besinnen. Das seien wesentliche Eckpunkte der GKS, erklärt er mir.

Nun besteht ja auch in einem friedenssichernden Einsatz wie in Afghanistan oder jetzt in Mali, immer die Gefahr, das eigene Leben zu verlieren. Geht ein Christ mit dieser Angst anders um?

Der tiefgläubige Christ hat ja eigentlich sogar einen Vorteil als Soldat, weil er glaubt an das Leben nach dem Tod. Und wenn er für eine gerechte Sache in einen Einsatz geht, gewinnt man dadurch auch Stärke im Glauben und weiß, man tut das Richtige. Und dann kann man auch mit der Angst anders umgehen. Der Glaube hilft da eher dazu, weil er ja sagt: Wenn du das jetzt tust, und du würdest dabei ums Leben kommen, für dich gibt es ein Leben nach dem Tod.

Ist denn etwas dran an der Behauptung, dass Not manchmal beten lehrt?

Also wenn man in einer Situation steckt, wo es um Leben und Tod geht und man einfach nicht mehr weiß, was soll ich jetzt tun? Spätestens dann, und das ist das berühmte Stoßgebet an den Himmel, was man immer so gerne sagt oder hört. Spätestens dann kommt so etwas automatisch, weil man einfach als letzten Anker eine Hilfe, ein Stoßgebet in den Himmel schickt. „Hilf du mir“, sage ich mal, und die haben vorher vielleicht gar nicht geglaubt. Ich will damit sagen: In einem Menschen steckt das eigentlich drin. In jedem Menschen steckt irgendwo der Glaube an etwas drin, was es auch immer ist. Und ich denke, unsere Aufgabe sollte es sein, dass es aufbricht nicht in höchster Not, sondern davor schon.

Den Glauben aufwecken, auch im Alltag, da kann ich ihm als Kirchenmitarbeiter nur zustimmen.

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