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SWR1 Begegnungen

20MRZ2022
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Schwester Maria Immaculata Kieninger (OSB) Foto: Manuela Pfann

Heute ist Weltglückstag, wie immer am 20. März. So haben es die Vereinten Nationen vor zehn Jahren beschlossen. Es geht darum in den Blick zu nehmen, was Menschen brauchen, um sich wohl und glücklich zu fühlen. Allerdings: Wenn ich heute in unsere Welt schaue, sehe ich gerade viel Unglück. Wie also vom Glück erzählen? Ich fahre dazu an einen Ort von dem ich glaube, dass dort, trotz allem, viele glückliche Frauen leben.

Ich mache mich auf die Reise, ins Schwäbische Oberland. In der Nähe von Ravensburg liegt das Kloster Kellenried. Dort treffe ich Sr. Maria Immaculata. Mir kommt eine lächelnde Frau entgegen, gestützt auf einen Rollator. Sie ist 92 Jahre alt. Ihre Augen sind hellwach und nicht nur ihre Stimme hat etwas Jugendliches bewahrt. Wer ist diese Ordensfrau, die nach über 70 Jahren hinter Klostermauern sagt, ihr Leben sei unwahrscheinlich glücklich verlaufen? Sie erzählt mir von ihrem ersten Tag:

Damals, als ich eintrat, hab ich nur die eine Sorge gehabt: Was tust Du, wenn es Dir langweilig wird? Ich hatte die Vorstellung, da betet man den ganzen Tag und das hältst Du nicht aus.

Sie hat es sehr gut ausgehalten. Denn gebetet hat sie nur während der einen Hälfte des Tages. In der anderen galt es anzupacken. Und das gefiel ihr:

Wir Frauen waren schon immer emanzipiert, weil wir alles selber gemacht haben. Wir hatten Schreinerei, wir hatten Malerei, wir hatten Anstreicherei, Schusterei. Ob das im Viehstall war oder bei den Hühnern, ich hab damals noch überall gute Mitschwestern gehabt. Und was die gemacht haben, hab ich auch gemacht. So dass jede Phase meines Lebens zu meinem Glück geworden ist; das kann ich gar nicht anders sagen.

Das finde ich bemerkenswert. Denn die junge Schwester ist damals ohne jegliche Ausbildung ins Kloster eingetreten. Aber nicht ohne Talent. Wie denkt sie darüber, wenn sie heute zurückblickt?

Um das kurz zu sagen, wie ich mein Leben sehe, dann würde ich sagen - das würde ich jetzt schwäbisch sagen: Wie a Katz, die immer auf d‘ Fiaß fällt. Weil ich die Gaben mitbekommen habe, unkompliziert die Dinge, wie sie kommen, zu tun.

Und mit dem Talent kommt dann das Glück einfach so dazu?

Nein, nein. Hinsitzen und meinen, das fällt mir in den Schoß, da kannst Du lang warten.

Also hat sie geackert, nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Kerzenwerkstatt. Und das hat ihr Kloster im Laufe der Jahrzehnte fast ein bisschen berühmt gemacht.

Sr. Maria Immaculata ist 92 Jahre alt und lebt im Kloster Kellenried bei Ravensburg. Fröhlich und bei guter Gesundheit. Die Kerzenwerkstatt im Kloster ist das Lebenswerk der Benediktinerin. Seit fast 60 Jahren ist sie die Chefin.

Als ich angetreten bin, waren wir ganz arme Leute und haben nur von Almosen gelebt. Meine Mitschwestern und ich haben dann die Erwerbszweige aufgebaut, die Krippen und die Kerzen. Von Mal zu Mal ist das gewachsen. Und die Nachfrage wird immer größer.

Sie entwirft Motive und bemalt die Kerzen. Und von Kellenried aus gehen sie ins ganze Land: Osterkerzen für die Kirchen, Kommunionkerzen, Hochzeitskerzen und so weiter. Bis heute geht jede Kerze geht durch ihre Hände. Mit den Jahren sind es wohl Hunderttausend gewesen! Was passiert mit der Kerzenwerkstatt, wenn Sr. Maria Immaculata nicht mehr da ist?

Es ist die absolute Ruhe in mir, ich kann jederzeit verschwinden, ich hab versucht, alles mitzuteilen und zu vermitteln. Das ist natürlich eine große Beruhigung. Und was dann daraus wird, das ist dann nicht mehr meine Sache.

Und trotzdem macht sie sich grundsätzliche Gedanken wie alles weitergeht. Vor allem mit Blick auf die junge Generation. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie viele Jugendliche begleitet. Und sie ist sich sicher:

Dass dieser Jesus Christus wie bei mir damals klopft, aber sie hören es nicht mehr. Weil so viele akustische und optische Eindrücke auf sie einströmen jeden Tag und sie sich keine Zeit nehmen, das zu sortieren.

Damit sie dem eigenen Weg oder gar dem Glück in ihrem Leben auf die Spur kommen, da braucht es noch mehr, sagt sie:

Vor lauter Handy und Smartphone und so weiter können die Ideen, die in ihnen liegen, und die Begabungen, gar nicht erkannt werden. Ohne Zeiten der Besinnung kann nichts erkannt werden.

Sr. Maria Immaculata ist dennoch überzeugt, dass keiner seinen Lebensweg alleine geht; weil sie es selbst so erlebt.

Ich meine, jeder, jede wird gut geführt. Das ist zwar vielleicht ein großes Wort, aber ich mein‘s trotzdem. Unser Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, der hat so viel Ideen mit dem Heiligen Geist zusammen und Fantasie.

Und was ist, wenn Dinge doch einmal anders kommen als geplant?

Das macht an meinem Glück nichts aus, wenn etwas schiefläuft. Oder nicht so genau ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber des kratzt mein Glück nicht an. Das sitzt tiefer.

Denkt jemand, der so ein gesegnetes Alter erreicht hat, der so rundum zufrieden ist, eigentlich an das Ende seiner Zeit auf der Erde?

Jeden Abend. Ich sage: Lieber Bruder Tod, ich bin parat, du kannst kommen, aber mach schnell. Und dann hoffe ich, dass du mich ins Licht führst. Und ich bilde mir sogar ein, dass ich empfangen werde.

Das ist mein kleines Glück an diesem Tag: dass ich Sr. Maria Immaculata begegnen durfte, und dass sie ihren klaren Blick auf das Leben mit mir geteilt und mich mit ihrer Freude angesteckt hat.

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