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SWR4 Sonntagsgedanken

28MRZ2021
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Heute ist der internationale Ehrentag des Unkrauts. Wussten Sie nicht? Macht nichts, ich auch nicht – bis vor kurzem. Es ist kein offizieller Ehrentag der Vereinten Nationen. Ein paar Garten-Blogger im Internet haben ihn 2003 zum ersten Mal ausgerufen. Immerhin hat er es auf die Liste der Gedenktage bei Wikipedia geschafft.

Bei „Ehren-Tag des Unkrauts“ habe ich zunächst gestutzt. Für mich war Unkraut bislang immer etwas, was weg muss. Habe ich doch ein paar unschöne Erfahrungen mit Unkraut. Meine Eltern hatten einen großen Garten hinter unserem Haus. Darin gab es ein Beet mit rund 100 Rosenstöcken. Und dazwischen begannen nach ein paar Jahren die Ackerwinden zu wachsen. Meine Brüder und ich mussten im Sommer fast jeden Samstag mit Lederhandschuhen in dieses Beet und die dornigen Sträucher von den lästigen Ranken befreien.

Tatsächlich ist Unkraut definiert als etwas, das unerwünscht ist. Allerdings spricht man heute nicht mehr so gerne von „Unkraut“, sondern von „Beikraut“ oder von Kulturpflanzenbegleitern. Weil man weiß, dass sie in unser Ökosystem gehören, und dass viele von ihnen auch als Nutzpflanzen oder Heilkräuter dienen. Manche von ihnen haben positive Nebenwirkungen, indem sie Kulturpflanzen vor zu starker Sonneneinstrahlung schützen. Oder indem sie der Erosion vorbeugen. Kamille, Spitzwegerich und Ackerschachtelhalm sind zudem als Heilpflanzen bekannt.

Warum erzähle ich Ihnen das in einer kirchlichen Sendung am Sonntagmorgen? Weil ich finde, dass diese Beobachtungen ein interessantes Schlaglicht auf ein Gleichnis werfen, das Jesus einmal erzählt. Es ist das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen im Matthäusevangelium, Kapitel 13. Darin beschreibt er einen Bauern, der auf seinem Acker Weizen ausgesät hatte. Eines Nachts hat sein Feind Unkraut zwischen den Weizen gesät. Ein paar Wochen später haben dies die Arbeiter des Bauern bemerkt und ihn gefragt, ob sie das Unkraut ausreißen sollen. Der Bauer aber hat NEIN gesagt, sonst würden sie mit dem Unkraut den Weizen ausreißen. Sie sollten warten bis zur Ernte. Erst dann sollten sie das Unkraut ausreißen, bündeln und verbrennen.

Heute weiß man, dass es sich bei diesem Unkraut um den sogenannten Taumel-Lolch handelte. Das ist ein giftiger Stängel, der in der noch grünen Wachstumsphase dem Weizen zum Verwechseln ähnlich sieht. Er kann Schwindel- und Sehstörungen verursachen und in seltenen Fällen auch zum Tod führen. Allerdings wird er auch als Arzneistoff für Hauterkrankungen und Geschwüre verwendet.

Jesus liefert ein wenig später im gleichen Kapitel die Deutung: Für ihn sind der Weizen die Menschen, die Gott vertrauen, auf ihn hören und ihm folgen. Das Unkraut sind für ihn die bösen Menschen. Er will also nicht die bösen Menschen ausrotten. Er will sie mitsamt den guten wachsen lassen bis zur Ernte.

Ich weiß ja nicht, ob Sie so richtig böse Menschen kennen. In meinem Umfeld gibt es die kaum. Also solche, die es wirklich willentlich böse meinen. Ich kenne ein paar Leute, die nerven mich. Die machen auch das eine oder andere, was ich nicht gut finde. Und manches geht auch wirklich böse aus. Aber bei den meisten von ihnen erahne ich auch ihre guten Seiten.

Nur ein einziges Mal hatte ich ein Erlebnis, das ich wirklich böse fand. Im Urlaub hat mir mal nachts um 12 ein Besoffener in einer menschenleeren Fußgängerzone mit der Faust auf’s Ohr geschlagen. Noch zwei, drei Jahre später ist in mir die Wut hochgekocht, wenn ich an diese Situation dachte. Erst nachdem ich diesem Menschen in meinem Herzen vergeben habe, hat sich die Unruhe in meinem Innern nach und nach gelegt. Heute kann ich ohne Groll an diese Situation denken.

Was mir das Gleichnis von Jesus deutlich macht, ist, dass es nicht an mir ist, darüber zu urteilen, wer gut oder wer böse ist. So klar ist das nämlich garnicht. Es ist so unklar, wie den Taumel-Lolch vom Weizen zu unterscheiden. Außerdem kenne ich mich inzwischen selbst so gut, dass ich weiß, dass das Böse auch in mir schlummert.

Am Ende der Zeiten wird es eine Unterscheidung von guten und bösen Menschen geben. Die Bibel nennt das das Gericht. Aber das nimmt Gott vor und nicht ich. Und das ist auch gut so. Aus drei Gründen: Zum ersten, weil es in Gottes neuer Welt keinen Platz für das Böse gibt, weil dort Vollkommenheit herrscht. Zum zweiten, weil es einen Ort geben muss, an dem das Unrecht nicht bestehen bleibt sondern ausgeglichen wird. Mit nicht ausgeglichener Schuld kann niemand leben. Opfer nicht, aber Täter auch nicht. Auch Gott will nicht, dass das Unrecht auf ewig bestehen bleibt. Und zum dritten, weil ich davon entlastet werde, selber urteilen zu müssen. Ständig zu urteilen vergiftet die Atmosphäre unter uns Menschen und ist auf Dauer für andere schwer erträglich. Nicht urteilen zu müssen hilft mir, gelassener durch’s Leben zu gehen und offener mit Menschen umzugehen. Auch mit denen, die es vermeintlich böse mit mir meinen. Wenn es aber etwas gibt, was wirklich böse war, dann wird Gott am Ende darüber urteilen. Und er wird es gut machen. Darauf vertraue ich.

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