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SWR2 Wort zum Tag

07AUG2020
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Nahed Al Essa ist aus Syrien geflohen. Sie lebt seit einigen Jahren in Deutschland und sie schreibt. Sie schreibt von Damaskus, ihrer Heimatstadt, an der immer noch ihr Herz hängt.

Ich habe sie sonntagmorgens im Radio gehört. In einem ihrer Texte hat sie erzählt, wie sie jede Nacht nach Damaskus umzieht. Sie spricht von der Stadt wie von einer Freundin. Die Autorin setzt sich zu ihr und die Stadt schenkt ihr einen Kaffee ein. Dabei weint Damaskus und erzählt ihr:

Die Gesichter in der Stadt haben ihr Lächeln verloren.
Das Glück wurde zerbombt. Straßen brechen auseinander.
Die Menschen, die ich kannte, sind geflohen, oder sie wurden getötet.
Oder träumen von der Sonne.
Wie mein Auge hat die Zukunft ihr Licht verloren, sie wurde verletzt.
Was sicher war, ist nur noch eine Erinnerung.
Den Frieden sehe ich nicht.
Dann schweigt Damaskus.
[1]

Während ich diese Zeilen höre, kommen mir die Tränen. Ich habe immer wieder für längere Zeit in Damaskus gelebt. Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt und die Stadt ist mir ans Herz gewachsen. Trotzdem überrascht es mich, dass ich auf einmal so emotional reagiere. Immer wieder werde ich von Bekannten auf Syrien angesprochen. Ich sage ihnen dann, dass es sehr weh tut, zu sehen, wie dieses Land zugrunde gerichtet wurde. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich diesen Schmerz so unmittelbar empfunden habe, wie an diesem Sonntagmorgen.

Habe ich mich etwa mit der Situation in Syrien längst abgefunden? Der Konflikt dauert nun schon so lange und letztlich ist er auch für mich sehr weit weg. Anders als Nahed Al Essa habe ich nicht meine Heimat verloren. Seit ich Ende 2010 das letzte Mal in Damaskus gewesen bin, habe ich geheiratet, zwei Kinder bekommen und ein Haus gebaut.

Im gleichen Zeitraum haben in Syrien viele Menschen ihre Häuser verloren. Kinder, die so alt sind wie meine eigenen, sind im Krieg oder auf der Flucht geboren und aufgewachsen. Viele von ihnen sind auch gestorben. Der Konflikt hat Familien auseinandergerissen.

Ich möchte nicht gleichgültig werden gegenüber diesen vielen Schicksalen. Deshalb bin ich Nahed Al Essa dankbar für ihre Worte. Sie erreichen mich auf einer anderen Ebene als die Nachrichtensendungen, deren Interesse am Syrienkonflikt schon lange nachgelassen hat.

Nahed Al Essa lebt jetzt hier. Trotz ihrer Sehnsucht nach Damaskus bemüht sie sich, in Deutschland Fuß zu fassen. Dazu hat sie möglichst schnell Deutsch gelernt - nicht nur um hier zu leben und zu arbeiten, sondern auch um zu schreiben. Ende August erscheinen ihre Texte als Hörbuch auf Deutsch. Ich glaube, unsere Gesellschaft braucht Stimmen wie ihre. Sie bewahren uns davor zu verdrängen und erinnern uns daran, was uns alle angeht.

[1] Nahed Al Essa, Jede Nacht (2017), aus: Nahed Al Essa, 4222 Kilometer, Gedichte und Geschichten. Veröffentlichung geplant. Weitere Informationen zu Nahed Al Essa auf nahed-alessa.com.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31447