Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ich mag mich selbst nicht, wenn ich gestresst bin. Dann renne ich im Stechschritt durch die Gegend, mit Tunnelblick, werde schnell aggressiv und auch laut und bin eher unfreundlich zu den Menschen, die um mich herum sind. Ich habe das Gefühl, niemandem mehr gerecht zu werden und mache einen Fehler nach dem anderen. Am Ende des Tages bin ich unzufrieden, manchmal sogar unglücklich. Stresstage sind verlorene Tage. Weil ich über den Witz nicht mehr lachen kann, den ein Kind erzählt. Weil ich nicht mehr wahrnehme, wie das Wetter ist. Ich sehe nicht mehr den fantastischen Himmel, während die Sonne aufgeht und ich in die Schule fahre. Es ist so als würde ich mich selbst verlieren.

In Stress komme ich vor allem, wenn ich zu viele Aufgaben auf einmal habe und nicht weiß, wo ich anfangen soll. Aber auch wenn ich mir Sorgen mache. Oder im Stau stehe und fürchte zu spät zu kommen.

Inzwischen hab ich schon viel unternommen, um besser damit zurecht zu kommen, wenn ich in Stress gerate. Ein Patentrezept hab ich dafür bisher nicht gefunden. Manchmal hilft es mir, mich zu bewegen und im Fitnessstudio Krafttraining zu machen. Manchmal hilft mir die Stille in meiner Wohnung.

Vor kurzem habe ich eine interessante Erfahrung gemacht. Ich bin Grundschullehrerin und die Kinder kriegen es als erste ab, wenn ich gestresst bin. Aus irgendeinem Grund habe ich den Kindern gesagt, dass ich mich selbst nicht mag, wenn ich so bin. Dass ich weiß, wie streng ich dann werde. Aber weil ich so offen darüber gesprochen habe, wurde es unerwartet heiter im Klassenzimmer. Die Kinder haben sich gemeldet und mir erzählt, wie ich mich verhalte, wie sie mich erleben. Wie ich schaue und was ich sage. Sie haben das so humorvoll getan, dass wir gemeinsam herzhaft gelacht haben.

Ich habe in dieser Stunde gelernt: Wenn mir bewusst ist, was ich den Kindern zumute, weil ich im Stress bin... Wenn ich ihnen sogar sagen kann wie gerne ich das verändern würde... Aber wie schwer das ist... Wenn ich mich nicht rechtfertige sondern sage, wie leid es mir tut.

Dann wird mir das nicht übel genommen. Zumindest nicht von den Kindern. Und dann ist es auch wieder leichter, mir selbst zu verzeihen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28180