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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Muss es wirklich immer gerecht zugehen? Oder liegt auch eine Chance in der vermeintlichen Ungerechtigkeit?

Fußball-Deutschland hat ein neues Dauer-Diskussionsthema: den Videobeweis. Seit einiger Zeit können Schiedsrichter-Entscheidungen im Spiel nachträglich korrigiert werden, mit Hilfe von bewegten Bildern. Da läuft technisch noch längst nicht alles glatt. Und es gibt auch die ganz grundsätzliche Frage: Ist es überhaupt richtig, dass es den Videobeweis gibt? Macht der den Fußball und die Fußballspiele besser?

Ich persönlich finde den Videobeweis gut. Und bisher habe ich da vor allem gedacht: Der Videobeweis kann doch ein Fußballspiel gerechter machen. Im besten Fall geht die Zahl falscher Entscheidungen deutlich zurück. Und das Team, das besser spielt, geht häufiger auch als Sieger vom Platz.

Ins Nachdenken gebracht hat mich dann allerdings der Fußball-Philosoph Wolfram Eilenberger. Der hat neulich in einer Podiumsdiskussion der Deutschen Akademie für Fußballkultur gesagt: „Fußball ist gar kein Spiel, das […] auf Gerechtigkeit beruht“. Denn es gehört dazu, findet er, „dass der Schlechtere auch gewinnen kann, dass die schlechtere Mannschaft den Sieg davonträgt“. Eilenberger meint: Es geht im Fußball nicht um klassische Leistungs-Gerechtigkeit, also, dass der Bessere gewinnt. Im „Gegenteil: Der Unterlegene, der Schwächere, der Glücklichere kann gewinnen.“[1]

Damit hat Eilenberger Recht, finde ich. Genau das ist der Reiz im Fußball. Und ich finde das ja auch sonst im Leben wichtig: Dass die Schwächeren nicht automatisch unterliegen, sondern auch mal vorne landen. Jesus hat dazu gesagt: „Die Ersten werden die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein“ (vgl. Markus 10,31). So geht es zu bei Gott, wollte er damit sagen. Nicht immer triumphieren die, deren Eltern schon reich und erfolgreich waren. Auch die „kleinen Leute“ haben eine Chance. Gott schaut nicht zuerst danach, was einer kann und leistet, sondern danach, was einer braucht. So sieht seine Gerechtigkeit aus. Und eigentlich ist das ja auch gut so, oder?

Gottes Maßstäbe sprengen die gewohnte Rangordnung, die nur auf den ersten Blick gerecht scheint. Und wer in unserer Welt ganz unten ist, ist in Gottes Welt womöglich ganz oben. Nach menschlichen Maßstäben scheint das ungerecht. Aber vielleicht wird das Leben ja erst dadurch halbwegs gerecht. Und lebenswert und reizvoll.
So wie eben manches Fußballspiel.


 

1 Das Zitat lautet ausführlicher: „Niemand, der Fußball liebt, geht zum Fußball, weil es dabei um Gerechtigkeit geht. […] Fußball ist gar kein Spiel, das auf seiner inneren Logik auf Gerechtigkeit beruht, weil es darauf ruht, dass der Schlechtere auch gewinnen kann, dass die schlechtere Mannschaft den Sieg davonträgt […] Deswegen ist die Kernerwartung an Fußball auch nicht die einer […] Gerechtigkeit, in der der Bessere gewinnen möge, nein, es ist gerade das Gegenteil: Der Unterlegene, der Schwächere, der Glücklichere kann gewinnen.“ [Bei einer Podiumsdiskussion der Deutschen Akademie für Fußballkultur zur „Ästhetik der Fehlentscheidung“, vgl. http://www.kicker.de/news/video/2028662/video_der-videobeweis---der-eigentlich-keiner-ist.html].

 

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