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SWR2 Wort zum Tag

Es ist eine Geschichte, die von Phantasie und Liebe erzählt. Und wie   wildfremde Menschen sich für einen Moment davon anstecken lassen.
Stellen Sie sich vor: ein Speisewagen in einem ICE, unterwegs irgendwo zwischen Berlin und Leipzig. Voll mit Menschen, die mit ihrem Essen beschäftigt sind. Oder geschäftliche Dinge miteinander besprechen.
Plötzlich eine Frau am Ende des Ganges, vielleicht Mitte dreißig. Sie trägt einen Korb voller Rosen im Arm. „Bitte, hören Sie mir einen Moment zu“, sagt sie, und schaut in die Runde. „Jetzt schon wieder diese Nummer“, denken einige. „Nicht mal im Speisewagen hat man seine Ruhe.“
Die Frau sagt, dass sie die Tochter des Lokführers ist. Ihr Vater vorn auf der Lok fährt gerade seine letzte Fahrt. Gleich in Leipzig endet sein Berufsleben. Er habe immer bedauert, dass er nie die Menschen sehen würde, die er Jahr für Jahr befördert habe.
Das sei doch jetzt eine gute Gelegenheit, habe sie sich gedacht. Wenn jeder der Fahrgäste ihm bei der Ankunft eine der roten Rosen aus ihrem Korb überreichen würde.
Im Speisewagen ist es einen Moment still. Dann allseitiges Nicken. Jeder nimmt eine Rose. Der Manager, die Großmutter auf der Fahrt zu ihren Enkeln, der Bundeswehrsoldat. Als der Zug in Leipzig zum Stehen kommt, bewegt sich eine Menschenschlange auf die Lok zu. Viele Hände strecken sich dem Lokführer entgegen. Und überreichen ihm eine Rose. Fast jeder sagt noch ein freundliches Wort dazu. Tränen fließen. Schon nach kurzer Zeit ist der Führerstand übersät mit Rosen. Fassungslos steht das offizielle Verabschiedungskomitee der Bahn daneben, das dem Jubilar einen kleinen Strauß Blumen überreichen wollte.
Damit endet die Geschichte. Nein, sie endet damit gewiss nicht! Denn wer bei diesem Ereignis dabei war, wird es nicht vergessen. Die liebevolle Idee einer Tochter, die sich für ihren Vater etwas einfallen ließ. Die mitreißende Wirkung dieser Idee, die aus anonymen Besuchern eines x-beliebigen Speisewagens für einen Moment eine verschworene Gemeinschaft machte. Das Glück und die Freude, mit der sich alle miteinander beschenkt fühlten.
Wertschätzung und Achtsamkeit sind knappe Ressourcen in unserer Gesellschaft. Die Geschichte zeigt aber auch: es braucht nur eine kleine Prise davon – und alles verwandelt sich. Man könnte auch so sagen: Liebe kann Berge versetzen.

Die Geschichte mit dem Titel „Die Gratulation“ findet sich in: 
Freude. Schätze aus 20 Jahren „Der andere Advent“, erzählt von Birgit Kummer

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