Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Kinder werden normalerweise nicht gefragt, was sie lernen wollen. Wir Erwachsenen meinen zu wissen, was für sie gut und richtig ist. Da ist sicher auch was dran. Aber es lohnt sich, die Kinder einzubeziehen. Überraschend ist, wie wichtig ihnen selbst soziales Lernen ist. Am Ende des letzten Schuljahres habe ich gelernt wie hilfreich es sein kann, das ausdrücklich zum Thema zu machen. Treten, schubsen, schlagen und beleidigen waren selbstverständlich geworden in unserer Klasse. Alles reden und ermahnen hat nichts geholfen. Wir haben uns für ein Sozialtraining entschieden. An zwei Schultagen haben wir uns mit nichts anderem beschäftigt als mit den Menschenrechten. Ich verletze niemandem am Körper. Ich verletze niemanden an der Seele. Ich nehme niemandem etwas weg und mache niemandem etwas kaputt. So haben die Kinder die wichtigsten Menschenrechte formuliert. Um die auch einhalten zu können braucht jeder Mensch bestimmte Fähigkeiten: Bedürfnisaufschub, Frustrationstoleranz und Selbstkontrolle. Ich war verblüfft, dass es Grundschülern mühelos gelingt, diese schwierigen Worte für sich zu übersetzen. Bedürfnisaufschub ist: Warten können bis ich dran bin, bis ich kriege was ich brauche oder mir wünsche. Mich eben nicht vordrängeln egal wer sonst noch da ist. Frustrationstoleranz heißt Enttäuschungen aushalten zu lernen und meinen Frust nicht an andern rauszulassen. Selbstkontrolle hat, wer im Erzählkreis nicht dazwischen quatscht oder auch, wer beim Tischtennis spielen nicht vor Wut den Schläger auf den Boden knallt. 

Manche Kinder können das einfach, für andere ist es richtig hart das zu lernen. Aber es ist wie mit allem. Fußball spielen, Fahrrad fahren, Tanzen. Lesen, schreiben, auswendig lernen. Den einen fällt es leicht, die andern müssen hart dafür arbeiten. Lernen kann es jeder. Mehr oder weniger gut. Die einen lernen langsamer, die andern schneller. Natürlich muss kein Mensch alles können. Ob ich Fußball spielen oder tanzen kann ist nicht lebenswichtig. Sportarten gibt es viele. Beim Lesen und Schreiben ist es in unserer Gesellschaft keine Frage. Das muss, darf und kann jeder lernen. Darin sind sich auch die Kinder einig.

Noch viel wichtiger finden sie interessanterweise, dass sie lernen die Menschenrechte einzuhalten. Sie tun das bemerkenswert ehrlich. Sie unterstützen sich gegenseitig und kontrollieren sich. Wohl weil es sich lohnt. Schon wenige Wochen später ist es ihnen eindeutig besser miteinander gegangen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16027