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SWR3 Gedanken

18APR2026
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Es ist gerade Frühling geworden und ich stehe auf dem Friedhof mit einer großen schwarz-dunkel-gekleideten Trauergesellschaft.  Wir beerdigen eine Frau, die 86 Jahre alt geworden ist. Viele sind gekommen und es fließen eine Menge Tränen. Sie war eine beliebte Freundin und Nachbarin.

Als ich die Erde mit der Hand ins Grab werfe, kräht ein Hahn in der Nachbarschaft und seine Hennen gackern. Nebenan im Garten der Kita hört man lautes Kinderlachen und rufen. Die Frühlingssonne wärmt uns den Rücken und die Bäume und Sträucher rund ums Grab blühen schon prächtig in zartem rosa, gelb und weiß. Ein Storch fliegt seine Runden über unseren Köpfen. Überall ruft das Leben.

Als ich nach der Beerdigung nach Hause gehe, rufen mir die Kitakinder aufgeregt zu: „Frau Schimmel! Wir haben unseren Frisbee in deinen Garten geworfen! Kannst Du ihn suchen?“

Ich muss schmunzeln: Gerade waren da noch der Tod und die Trauer der Familie. Jetzt ist da dieses ungebremste Leben der Kinder. Ich gehe in den Garten, hebe den Frisbee auf, werfe ihn zurück, und für einen Moment lang fühlt es sich an, als würde mir das Leben selbst zuwinken. Und sagen: „Schau, es geht weiter!“

Ja, manchmal sind Beerdigungen unglaublich kitschig, weil so viel Schönes und Lebendiges neben der Trauer geschehen. Und das zu erleben ist oft tröstlicher als jede Traueransprache es je sein könnte.

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SWR3 Gedanken

17APR2026
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Mehrmals im Jahr feiere ich Gottesdienste in Kneipen. Freitags abends. In ganz gewöhnlichen, nicht besonders hippen Dorfkneipen. Bei Bier, Schnitzel und guter Musik erzähle ich dort den Menschen von Gott. Die meisten von ihnen kommen sonntags nicht in die Kirche.

Als ich mit den Kneipengottesdiensten angefangen habe, da haben viele aus meiner Gemeinde gehofft: „Vielleicht kommen die aus der Kneipe danach auch in unsere Kirche.“
Ist nicht passiert. Stattdessen ist etwas anderes entstanden: eine echte Kneipengemeinde.

Da gibt es Leute, die sehe ich nur ein- oder zweimal im Jahr und trotzdem werde ich von ihnen begrüßt, als wäre ich eine alte Freundin.

Beim ersten Mal sind viele aus Neugierde gekommen. „Ein Gottesdienst in der Kneipe? Was soll das denn sein?“
Heute werde ich darauf angesprochen, weil viele darauf warten: „Wann ist endlich der nächste Kneipengottesdienst? Feiern wir auch Abendmahl? Kommen Sie doch auch mal in unsere Dorfkneipe!“

Kneipen sind für viele ein zweites Zuhause. Hier gibt es keine Kleiderordnung oder Altersgrenze. Am Tresen ist jeder willkommen. Anders als an so mancher Kirchentür gibt es hier keine Hemmschwelle.

Natürlich ist es rauer und lauter als in der Kirche. Da wird gelacht, gestritten, manchmal wird Blödsinn erzählt oder ein Spruch fällt, der wehtut. Diskriminierung kommt auch vor. Kneipen sind  Orte, an dem Menschen echt sind, mit all ihren Ecken und Kanten.

Genau so sieht meine Traumkirche aus: Ein Treffpunkt wie beim Stammtisch: rau, laut, lebendig, voller Geschichten und Diskussionen. Gute Musik, ehrliche Gespräche, Menschen, die einander sehen und zuhören, auch wenn sie sich manchmal in die Haare kriegen.

Und am Tresen merke ich immer wieder: Kirche ist kein Gebäude, sondern ein bisschen Mut, ein bisschen Chaos und jede Menge echtes Leben.

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SWR3 Gedanken

16APR2026
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„Boah, ihr Kirchenmenschen seid so cringe!“, flüstert mir eine Freundin zu und versinkt halb im Stuhl, als bei einer Fortbildungsveranstaltung für Pädagogen ein Pfarrer vor dem Essen vorschlägt, einen Kanon zu singen. Mitten in einem Restaurant, mit noch anderen Gästen drumherum.

Ich muss lachen. Weil sie so recht hat. Wir Menschen, die für die Kirche arbeiten sind cringe. Ziemlich sogar. Ich glaube, das gehört irgendwie zu unserer Berufsgruppe selbstverständlich dazu.

Wir singen an Orten, wo andere nicht mal laut sprechen würden.
Wir reden von Gott, als wäre es das Normalste der Welt.
Ich sitze manchmal vor meinem Feierabend-Bier, stoße mit Gott an und meine das vollkommen ernst.

Und ja, wir versuchen auch manchmal, cool zu sein: Wir tanzen im schwarzen Pfarrerinnen-Outfit vorm Kreuz und machen irgendwelche Tic-Toc- Trends mit, die eigentlich schon wieder vorbei sind. Wir benutzen Jugendwörter in unserer Sonntagspredigt, um den Konfis zu gefallen. Die verdrehen zurecht die Augen. Das alles wirkt oft unbeholfen. Manchmal auch einfach nur peinlich. Cringe.

Aber ich glaube, genau darin liegt tatsächlich auch etwas Gutes. Dieses Cringe-Sein zeigt anderen: deine Pfarrerin ist nur ein Mensch, wie du und ich. Da steht jemand, der sich auch mal blamiert und eben nicht immer perfekt rüberkommt.

Das macht es wiederum Menschen leichter mit mir in Kontakt zu kommen. Sie spüren gleich: der muss ich nichts vorspielen, hier kann ich auch ganz ehrlich die sein, die ich bin.

Ich bin Pfarrerin. Ich bin manchmal cringe.

Aber ich bin erreichbar und menschlich und ich kann über mich selbst und Kirche lachen. Und mitten am Tag Kanons singen. Das sollten wir sowieso öfter tun!

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SWR3 Gedanken

15APR2026
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Mir kommt es so vor, als ob über niemanden so viel gemeckert wird, wie über „die Jugend“.  „Die Jugend von heute“ ist verwöhnt, hat keine Ziele, engagiert sich nicht, interessiert sich nicht, ist zu viel am Handy, ist unhöflich und faul.

Egal ob im Whatsapp-Dorfchat, am Stammtisch oder beim Geburtstagsbesuch, regelmäßig muss ich mir als Pfarrerin anhören, was junge Menschen alles falsch machen und dass sie heutzutage nicht mehr wissen, was sich gehört.

Ich bin da jedes Mal sprachlos. Leider. Denn eigentlich möchte ich gerne antworten und daran erinnern: Wisst Ihr denn nicht mehr wie schwierig es für Euch war, erwachsen zu werden?

Wir Erwachsenen tun ja oft so, als hätten wir immer gewusst, wer wir sind und wo es langgeht. Ich erinnere mich aber ziemlich gut an das schreckliche Gefühl als Jugendliche nicht schön und nicht schlau genug zu sein und es gleichzeitig allen beweisen zu wollen. Wie planlos ich lange war, wie unsicher und wackelig.

Erwachsenwerden ist kein Spaziergang. Das war es nie. Für niemanden! Trotzdem tun wir so, als hätten wir nie Mist gebaut, nie zu lange gefeiert oder die Augen verdreht, wenn wir von einem Erwachsenen zurechtgewiesen worden sind.

Aber ganz ehrlich: Wir waren genauso anstrengend. Nur ohne WLAN. Und deshalb ist es gut, wenn wir uns daran erinnern: Zum Erwachsenwerden gehört es dazu seine Grenzen zu testen, sich auszuprobieren und auch mal danebenzuliegen.

Die Jugend ist kein Problem, das gelöst werden muss. Sie ist eine Lebensphase, die begleitet werden will. Und ja, das kostet Nerven.

Aber wer ständig nur draufschaut, wo Defizite sind, übersieht ziemlich viel:
Z. B. den Mut, die Ideen und die Energie der Jugend, Dinge anders zu machen als wir. Und immer, wenn ich mir wirklich die Zeit nehme, stelle ich fest: Da sitzen keine Desinteressierten vor mir. Da sitzen Menschen mit Fragen, mit viel Druck und mit großen Träumen und Hoffnungen. Und ich sollte das anerkennen und ein Mensch sein, der nicht so tut, als wäre er schon immer fertig gewesen.

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SWR3 Gedanken

14APR2026
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Mir ist neulich etwas in meiner Beziehung zu Gott aufgefallen. Gott ghostet. Gott ghostet mich. Ständig. Und nicht nur mich. Gott ghostet so ziemlich alle Menschen. Eigentlich ist das ja richtig verletzend, von jemandem keine Antwort zu bekommen…

Bei Gott ist das normal. Ich spreche mein Gebet – keine Antwort. Ich versuche es nochmal: leidenschaftlicher, inbrünstiger, lauter! Keine Antwort. Ich habe noch nie eine direkte Antwort bekommen. Ein klares Zeichen, ein Wunder oder seine Stimme aus dem Himmel. In der Bibel gibt es viele Geschichten darüber, wie Gott mit Menschen geredet hat. Im Traum z.B. oder sogar persönlich. Mich ignoriert er. Zumindest fühlt sich das die meiste Zeit so an. Ich finde das ist eine echte Zumutung.

Die göttliche Funkstille ist manchmal schwer auszuhalten. Und ich weiß, das geht vielen Menschen so. Denn diese Stille ist furchtbar laut. Laut, nicht weil ich Gott höre! Nein, ich höre mich selbst! In meinem Kopf - all die vielen unbeantworteten Fragen. Die Warums, die Wozus, die riesigen Fragezeichen! Sie drehen sich wie ein nicht enden wollendes Gedanken- Karussell.

Eigentlich weiß ich ja, dass Gottes Ghosting auch was für sich hat. Wenn ich meine Fragen zulasse. Wenn ich mir selbst endlich richtig zuhöre. Dann ist da Raum für meine Wünsche und Sehnsüchte und für meine ehrlichsten Träume.

Ich glaube, Menschen, die stundenlang beten oder meditieren, die stellen sich Gottes Ghosting. Die halten aus, dass Gott ihre Fragen nicht beantwortet und hören tief in sich selbst hinein.

Das muss ich noch lernen: Dass Gottes Schweigen mich in Bewegung bringen kann. Dorthin, wo ich nicht mehr auf die eine große Antwort warte mit den zwei blauen Häkchen, die alles erklärt.

Gottes Ghosting hilft mir. Ich kann selbst entscheiden, selbst darauf hören, was mir wahr erscheint und dann selbst losgehen und machen. Und das eröffnet mir unendlich viele Möglichkeiten!

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SWR3 Gedanken

13APR2026
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„Das musst Du doch nicht auch noch machen!“, sagt eine gute Bekannte zu mir, als ich wieder einmal für etwas zugesagt habe, obwohl mein Kalender längst übervoll ist. Und sie fügt hinzu: „Am Schluss dankt’s Dir keiner!“

Diesen Satz habe ich schon so oft gehört und ehrlich gesagt nervt er mich ein bisschen. Ja, natürlich, da ist schon was Wahres dran: Wenn ich mich aufreibe, wenn ich über meine Grenzen gehe, dann zahle ich am Ende selbst den Preis. Außerdem kann es sehr frustrierend sein, wenn man macht und tut, sich Mühe gibt, und keiner merkt es.

Aber bei dem Satz: „Am Schluss dankt’s Dir keiner“ schwingt für mich noch etwas anderes mit. So eine Art Rückzug. Als würde man vorher schon einen Haken dranmachen: Lohnt sich eh nicht. Und es ist auch eine bequeme Ausrede, denn es klingt so, als würde sich Engagement nur lohnen, wenn es Applaus gibt. Als ob Einsatz für andere sich rechnen muss.

Ich persönlich finde ja: Es lohnt sich für die Begeisterung einer ganzen Horde Kinder während der Bastelaktion der Familienkirche.
Es lohnt sich, wenn eine ein bisschen anders weggeht, als sie gekommen ist. Und jedes hoffnungsvolle Nicken nach einem Gespräch macht mich glücklich.

Aber natürlich gibt es auch Dinge, die keiner sieht. Arbeit, die einfach da ist und die getan werden muss. Wieviel Zeit ich z.B. im Pfarrbüro sitze und Zeug organisiere, das sieht niemand. Doch das geht schließlich allen Menschen so. Und wenn ich nur das tue, wofür ich gesehen werde, dann wird mein Leben ziemlich klein.

Wenn mir das nächste Mal jemand sagt: „Am Schluss dankt‘s dir keiner“, antworte ich: Am Schluss geht’s nicht um den Dank. Sondern darum, dass es jemandem gutgetan hat, dass ich da war. Dass ich dazu beitragen konnte, dass eine Veranstaltung gelingt.

Auch wenn es am Schluss keiner bemerkt hat und es anstrengend war: Mich hat es zufrieden und glücklich gemacht. 

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SWR3 Gedanken

12APR2026
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Mein Handy klingelt. Eine unbekannte Nummer. Ich geh ran, melde mich mit Namen und höre nach einer kurzen Stille eine zögernde Stimme:
„Ja, hallo Frau Pfarrerin Schimmel…? sie kennen mich nicht und ich habe eine etwas ungewöhnliche Anfrage. Ich möchte mit Ihnen meine Beerdigung besprechen. Ich bin schwer krank und werde nicht mehr lange leben.“

Augenblicklich hat die Person am anderen Ende der Leitung meine gesamte Aufmerksamkeit. Sie erzählt mir kurz, dass sie so viele Fragen hat und nicht wusste an wen sie sich wenden soll. Ich versichere ihr, dass sie da bei mir ganz richtig ist, und ich biete ihr ein Treffen an. Ein paar Tage später fahre ich zu ihr. Ein warmer Tag, blauer Himmel und sie wartet bereits an der Straße auf mich. In einem gelben Frühlingspullover und mit einem Gehstock in der rechten Hand. Sie strahlt mich an und es platzt aus ihr heraus: „Ich bin furchtbar nervös!“

Ich lache, „Wissen Sie was? Da haben wir was gemeinsam. Ich bin auch immer nervös, wenn ich jemanden neu kennenlerne!“ Schon ist das Eis zwischen uns gebrochen. Ich folge ihr langsam die Treppen hoch in ihre Wohnung.

Wir setzen uns an ihren runden Wohnzimmertisch, trinken Kaffee miteinander und einen Karotten Cupcake gibt es auch. Sie erzählt mir von ihrer Krankheit, von ihren Kindern, denen es schwerfällt über den Tod zu reden und von ihren Musikwünschen für die Beerdigung. Sie möchte nichts dem Zufall überlassen.

Die Sonne leuchtet warm ins Zimmer. Ihr Gesicht strahlt. Es ist ein bisschen surreal: ich spreche mit jemandem über das Traurigste der Welt, aber sie lächelt mich an, als würden wir ein fröhliches Geburtstagsfest planen. 

Ich bin neugierig und frage: „Haben Sie Angst vor dem Tod?“ „Nein“, sagt sie: „Ich hoffe nur, dass ich nicht allzu lange leiden muss. Aber nein, ich habe wirklich keine Angst. Auf mich wartet ein Freund!“ Wieder strahlt sie mich an: „Gott will ich schon lange persönlich kennenlernen.“ 

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SWR3 Gedanken

15NOV2025
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Es ist Sonntagmorgen, 10:10 Uhr. In fünf Minuten halte ich Gottesdienst, wie fast an jedem Sonntag seit über 10 Jahren. Mein Herz pocht laut. Ja, auch und trotz Routine bin ich immer noch aufgeregt vor Gottesdiensten. Jedes einzelne Mal.

Aufregung. Herzrasen. Rote Stressflecken am Hals und Unsicherheiten begleiten mich schon mein ganzes Leben lang. In meiner Kindheit und Jugend war es sehr schlimm. Oft hatte ich deshalb Angst vor der Schule. Meine mündlichen Noten waren katastrophal, weil es mich riesige Überwindung gekostet hat, mich zu Wort zu melden. Und ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich mein erstes Referat gehalten habe, zitternd vor der ganzen Klasse.

Ich habe hart an mir arbeiten müssen, um diese überdurchschnittlich starke Aufregung in den Griff zu bekommen. In einer Verhaltenstherapie habe ich viele Tricks gelernt, wie ich mit aufkommender Panik zurechtkommen kann. Für die Aufregung vor dem Gottesdienst habe ich mittlerweile ein ganz eigenes Ritual entwickelt, dass mich stärkt und ermutigt.

Immer dann, wenn mein Herz so laut schlägt, dass ich das Gefühl habe, alle anderen könnten es auch hören, atme ich tief ein und aus und sage: „Hey Jesus, schön, dass Du bei mir anklopfst und wie gut, dass Du auch dabei bist. Ich hätte aber eine Bitte: Geht das Klopfen ein wenig leiser? Ich mache ja schon die Tür auf und dann feiern wir gemeinsam Gottesdienst.“ Meistens gehe ich dann mit einem breiten Grinsen im Gesicht in die Kirche. Und manchmal hilft es auch schon, wenn ich einfach nur zurückklopfe. Zwei, dreimal an die eigene Herzenstür geklopft und schon weiß ich, dass ich nicht alleine bin.

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SWR3 Gedanken

14NOV2025
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Meine Sekretärin hält mir ein Blatt Papier hin: „Wieder ein Kirchenaustritt…“ murmelt sie. Ich nicke, seufze und nehme es an mich. Auch in unserer Kirchengemeinde häufen sich die Austritte in den letzten Jahren. Und natürlich: Es gibt gute Gründe aus der Kirche auszutreten. Ein Argument, das ich immer wieder höre, lautet: „Ich zahle für etwas, das ich nicht in Anspruch nehme. Ich gehe nicht in Gottesdienste und es gibt keinerlei Angebote für Menschen in meinem Alter: Single, kinderlos und um die 40. Ich kündige ja auch mein Fitnessstudio-Abo, wenn ich nicht hingehe und die Kurse mir nicht zusagen.“

Das klingt erstmal nachvollziehbar und trotzdem sage ich: es ist zu kurz gedacht. Das System Kirche funktioniert nur durch das Prinzip der Solidargemeinschaft. Ich zahle eben nicht nur für mich. Ich zahle auch für meinen Nächsten und all die Dinge, die Kirche für Menschen tut. Ganz besonders für Menschen in Not und Krisensituationen. Wenn jemand dringend ein Seelsorgegespräch braucht und die Therapeutin eine Wartezeit von einem halben Jahr hat, dann bin ich da. Bei mir bekommt man innerhalb kürzester Zeit einen Gesprächstermin. Auch abends und am Wochenende!

Und im vergangenen Jahr habe ich sieben Menschen beerdigt, die aus der Kirche ausgetreten sind, weil es ihr expliziter Wunsch war, dass ich die Trauerfeier halte. Und ich mache das, weil ich weiß: jetzt werde ich gebraucht, und das hat Vorrang. Und genauso taufe ich regelmäßig Kinder, deren Eltern längst keine Kirchensteuer mehr zahlen, weil ich das wunderbare Geschenk der Taufe, niemals jemandem vorenthalten will.

Aber ich weiß auch: das werden wir nicht mehr lange so machen können. Irgendwann wird es wahrscheinlich Gebühren geben müssen für die Dienstleistungen, die man in der Kirche in Anspruch nimmt. Und dann wird es Menschen geben, die sich das nicht leisten können. Mit der Kirchensteuer sorgen wir dafür, dass Kirche wirklich für alle da sein kann.

Ohne Kirchensteuer sind wir wie ein Fitnessstudio – wer es sich nicht leisten kann, hat keinen Zutritt.

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SWR3 Gedanken

13NOV2025
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Es läutet. Die Religionsstunde in meiner 4. Klasse ist vorbei. Ich packe meine Sachen, die Kinder rennen aus dem Klassenzimmer auf den Pausenhof. Nur Nils hat es anscheinend nicht eilig. Ich schreibe ins Klassenbuch und krame noch ein wenig herum. Ich habe das Gefühl, dass er mir etwas sagen möchte. „Nils, was ist los? Willste nicht in die Pause? Hast du was aufm Herzen?“ Nils verlagert sein Gewicht von einem Bein aufs andere und zurück. Ich merke, es fällt ihm schwer, anzufangen. „Also, es ist so,“ druckst er. „Ich find Reli cool. Aber…” Ich nicke ihm aufmuntert zu, damit er seinen Satz beendet. „Aber… also, ich glaube nicht an Gott!“

Jetzt ist es raus. Mit erwartungsvollen Augen wartet er auf meine Reaktion. „Weißt Du was, Nils?“, sage ich ihm „Das ist absolut ok! Viele Menschen glauben nicht an Gott, und im Reli-Unterricht bewerte ich ja nicht, ob Du an Gott glaubst, oder nicht!“ So ganz ist er mit meiner Antwort noch nicht zufrieden. „Darf ich denn trotzdem bei Dir in Reli sein?“ fragt er vorsichtig weiter. „Natürlich! Ich möchte doch, dass ihr in Reli lernt, selbst nachzudenken und eben nicht nur alles hinzunehmen. Ich bewerte, ob du mitmachst und ob du Fragen stellst und eigene Antworten gibst. Ich verlange nicht von Dir, dass du an Gott glaubst. Aber ich zeige dir, dass man an Gott glauben kann und warum das für viele Menschen so wichtig ist. Wenn du die Geschichten aus der Bibel kennst, verstehst du die Welt besser. Du erfährst, woher wir unsere Regeln und Werte haben und was uns verbindet und auch, woher viele Streitigkeiten und Kriege herkommen und was es sonst noch für Religionen gibt.“ Jetzt habe ich ein bisschen zu viel geredet. Ich merke, Nils will in die Pause. Er lächelt mich an und rennt zur Tür. Da bleibt er kurz stehen und schaut zurück und sagt: „Frau Schimmel, am liebsten mag ich ja in Reli den Segen! Und der Segen ist für alle da! Auch für die, die nicht glauben - oder?“ Ich lache, nicke, und schon ist er verschwunden.

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