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24JUL2022
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Nikola Huppertz Foto: Bert Strebe

Janine Knoop-Bauer trifft Nikola Huppertz, Autorin und Preisträgerin des evangelischen Buchpreises 2022

„Schön wie die Acht“ heißt das Buch, für das sie mit dem diesjährigen evangelischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Es ist die Geschichte des 13jährigen Malte. Der liebt Zahlen und mag es, wenn die Dinge berechenbar sind. Aber dann gerät seine Welt gehörig ins Wanken, als seine Halbschwester vorübergehend bei ihm einzieht. Was ist die Idee hinter der Geschichte?

Ich habe versucht einzufangen…. welche verschiedenen Ansätze es gibt, um Ordnung in Gedanken zu bringen und damit auch in den Blick auf die Welt und die Wahrnehmung der Welt und der Menschen um einen herum. Und habe da versucht, einen logischen Ansatz gegenüber zu stellen, einem, der eher sprachlich und emotional gefärbt ist, um … zu schauen, was funktioniert auf die eine Weise und was funktioniert auf die andere Weise. Und wofür braucht man vielleicht auch beides, um in etwas chaotische Umstände selber irgendwie in Ordnung reinzubringen?

Malte muss lernen: manchmal entzieht sich die Welt jeder Logik. Für ihn eine echte Krise. Braucht es solche Erschütterungen, um erwachsen zu werden?

Krise bedeutet für mich… dass irgendetwas nicht mehr funktioniert, was bis dahin funktioniert hat, sei es gedanklich, sei es lebenspraktisch. Man stößt auf einmal auf Widerstände, und das spricht immer mehr gegen die alte Art, mit den Dingen umzugehen oder über sie zu denken. Und das ist erstmal ja wahnsinnig unangenehm. …. Und in dem Moment, in dem ich aufhöre zu leugnen und mir überlege, was mache ich denn jetzt? … In dem Moment wird, glaube ich, Entwicklung in Gang gesetzt.

Nikola Huppertz zeigt in ihrem Buch: es gibt Wege aus solchen Krisen. Für sie selbst ist dabei vor allem eines wichtig:

Zu zeigen, was eigentlich Aufrichtigkeit sein kann. Es ist ja am Anfang in eine ganz verdruckste Situation. Keiner lässt so richtig sehen, was er denkt. Was er empfindet oder wie man auch zu den anderen Personen steht. Alle halten etwas zurück. Und worauf es dann wirklich ankommt innerhalb der Entwicklung der Geschichte ist, dass all diese Personen, die miteinander in Beziehung stehen, so etwas wie Aufrichtigkeit entwickeln und dadurch auch Verständnis füreinander und Mitgefühl füreinander, das vorher so noch nicht dagewesen war

Ehrlich sein – mit sich selbst und mit anderen. Für die Romanfigur Malte wird das zur Rettung. Für Nikola Huppertz steht fest – damit könnte er ein gutes Vorbild sein, für die jugendlichen Leerinnen und Leser.

Das ist für mich eigentlich der Dreh- und Angelpunkt: dass die Figuren aus der Reserve herausgelockt werden und auch beim Lesen hoffentlich die Jugendlichen sehen können, es lohnt sich, in sich selber hineinzuschauen und sich auch anderen mitzuteilen. Man kommt an einen anderen Punkt, und es geht einem besser damit.

Aufrichtigkeit ist das Schlüsselwort in Nikola Huppertz Buch.

Teil 2
Nikola Huppertz ist Schriftstellerin und schreibt gerne für Kinder und Jugendliche. In ihrem neusten Buch geht es der 46jährigen um Aufrichtigkeit. Sie meint: Das Leben verändert sich, wenn Menschen aufrichtig miteinander umgehen.

In dem Moment, wo man merkt, okay, jemand verschließt sich nicht mehr…, sondern sagt: „Ich habe Fehler gemacht!“, öffnet es einem selbst ne Tür: Erstens ihn anzuhören oder sie und zweitens auch bei sich selber zu schauen: Habe ich vielleicht auch Fehler gemacht, habe ich einen Anteil an dem Ganzen gehabt und das ist… wieder, diese Sache der Aufrichtigkeit. In dem Moment, in dem irgendjemand Schwäche auch eingestehen kann und Fehler und Schuld, gelingt es auch bei den anderen leichter.

In der christlichen Tradition spricht man von Reue, wenn einer zu seiner Schuld stehen kann. Wenn Fehler eingestanden werden, fällt es leichter, sie zu vergeben und vielleicht auch, die Situation insgesamt neu zu bewerten, in der die Fehler geschehen sind. Denn die haben ja oft vielschichtige Gründe.

Es gibt Situationen, da kommt man nicht weiter mit richtig und falsch, sondern sie sind per se schwierig. Und was man auch macht, ist verkehrt…. Ich finde, das macht es so ein bisschen versöhnlich zu sehen: Jeder hat sich Mühe gegeben, und das Scheitern an der Situation war kein bösartiges Scheitern, sondern war einfach geboren aus einer ganzen Folge von vielleicht Fehlern oder Zusammenhängen, die man nicht rückgängig machen konnte.

Nikola Huppertz findet: Kinder und Jugendlichkeit können die Vielschichtigkeit der Welt verkraften, wenn Erwachsene aufrichtig mit ihnen umgehen und ihnen etwas zutrauen – sie leben ja in der gleichen komplexen Wirklichkeit wie die Großen.

Ich sehe kein Tabu, was einfach gar nicht geht bei Jugendlichen, außer eben sie niederzuschmettern, das fände ich unfair. Sie sind einfach noch nicht so lebenserfahren. Und es ist schon genug Zumutung, dass wir Erwachsenen auch von vielen Dingen einfach keine Ahnung haben - die Menschen, die uns eigentlich leiten, die haben selber keinen Plan.

Das einzugestehen fällt Erwachsenen oft schwer – dabei ist Aufrichtigkeit vielleicht sogar die wichtigste Basis für starke Beziehungen zwischen Menschen. Nikola Huppertz zumindest wünscht Ihren Leserinnen und Lesern:

dass sie zumindest eine Ahnung davon mitgenommen haben, welche Entlastung es darstellen kann, Dinge auszusprechen, also sie wirklich mal zu kommunizieren. All diese peinlichen Dinge. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich bin mir nicht sicher, ob du mich überhaupt liebst. Das sind so Sachen, die denkt jeder manchmal, und ich glaube, es ist eine wahnsinnige Entlastung, dafür Worte zu finden. Und wenn es das Buch einfach so punktuell zeigen kann, wie das geht, wie das funktionieren kann, dann wäre das für mich total befriedigend. Also, das würde ich den Leserinnen und Lesern wünschen, dass sie das zumindest mal ausprobieren.

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20JUL2022
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Zum Schluss noch ein bisschen Parfüm. Als Kind habe ich meiner Mutter sehr fasziniert zugeschaut, wenn sie sich „schön gemacht“ hat. Das Parfüm am Ende war immer der krönende Abschluss. Heute als erwachsene Frau mache ich das auch so. Beim Schönmachen geht es anscheinend nicht nur um das, was die Augen sehen. Auch die Nasen sollen in den Genuss von Schönheit kommen. Unsere Sprache kennt den Ausdruck: sich riechen können – wenn man jemanden mag. Und die Wissenschaft weiß: Menschen werden von bestimmten Gerüchen angelockt. Pheromone heißen die Stoffe, die dafür verantwortlich sind, ob man sich zu jemandem hingezogen fühlt oder eben nicht. Und wenn es so ist, dann kann man getrost auch das Parfüm weglassen – denn der Körper selbst stellt die Duftstoffe her, auf die es ankommt. Das merkt man spätestens, wenn man morgens neben einem geliebten Menschen wach wird. Menschen empfinden Schönheit also auch mit der Nase. Davon erzählt schon die Bibel. Im Hohenlied der Liebe erzählt jemand davon, wie wunderbar der Geliebte duftet: Der Duft Deines Atems ist wie Äpfel, heißt es da (HdL 7,9). Und selbst von Gott heißt es, dass er Wohlgeruch liebt. Das ist auch ein Grund, warum in manchen Kirchen nach wie vor Weihrauch verbrannt wird.    

Vielleicht ist heute ja ein guter Tag, einmal mit der Nase voran durch die Welt zu laufen. Jetzt im Sommer ist die Welt voller Gerüche. Natürlich sind die nicht alle lieblich und anziehend – aber sie weisen einem doch auch den Weg. Niemand möchte sich neben den stinkenden Mülleimer setzen. Auch der Benzingeruch im Parkhaus stört. Aber die Mischung aus Sonnenmilch und Chlor riecht nach Freibad und Urlaub. Und schon bevor ich den Schlüssel in die Tür stecke, rieche ich: heute gibt es mein Lieblingsessen: Apfelpfannkuchen. Also für heute gilt: Immer der Nase lang. Wer weiß, wohin der Duft der weiten Welt Sie führt? Vielleicht geradewegs in die Arme eines Menschen, den Sie richtig gut riechen können.

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19JUL2022
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Halt doch mal den Ball flach, hat meine Freundin neulich zu mir gesagt. Witzig: eine Fußballmetapher ausgerechnet zu mir. Dabei weiß sie ganz genau, dass mein Fußballwissen rudimentär und manchmal nur vorgetäuscht ist – um in meiner fußballbegeisterten Familie weiter mitreden zu können. Aber sie will mich trösten:  es rumpelt nämlich gerade gewaltig bei uns, weil die Kinder auf dem Weg sind, Jugendliche zu werden. Sie wollen mehr Freiraum. Selbst entscheiden. Unabhängig sein. Mein Mutterherz kommt da manchmal nicht mit. Und dann rege ich mich auf und schieße  übers Ziel hinaus. Vor allem, wenn mein Sohn mir gekonnt Steilvorlagen bietet. Aber meine Freundin hat mich daran erinnert: ich muss nicht auf jede Steilvorlage mit einem Konter reagieren. Das funktioniert im Fußball auch nicht. Manchmal muss man eher den Ball flachhalten, um ans Ziel zu kommen. Und dabei sollte man nicht vergessen: Fußball ist ein Mannschaftssport. Genau wie Familie. Zwar sind da selten 11 Leute gleichzeitig auf dem Platz – aber selbst wenn man nur zu zweit im Spiel ist: es ist immer besser, als Team zu spielen. Das heißt zu gucken: wo steht der andere und was kann er gerade leisten? Ist es sinnvoll, jemandem einen Ball zuzuspielen oder sollte ich lieber warten, bis er oder sie wieder freisteht? Es hilft auch zu überlegen: wer hat welche Stärken? Und wie kommen die am besten zum Einsatz?

Also –welche  Pässe auch immer heute bei Ihnen ankommen: nehmen Sie sich Zeit. Schauen Sie in Ruhe, was dem Spiel jetzt guttut. Manchmal ist es wichtig, mit aller Kraft den Ball zurückzupfeffern. Manchmal ist es gut abzuspielen , und wenn Ihnen danach ist: seien Sie eine Künstlerin – dribbeln Sie sich ins Tor. Und wenn es schiefgeht, denken Sie daran: Sie stehen nicht alleine auf dem Platz. Es gibt Mitspieler und Mitspielerinnen. Wir sind im Team unterwegs. Und da kann es schon auch mal gut sein, den Ball flach zu halten.

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18JUL2022
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Ich liebe Worte. Ich habe das Gefühl, unsere Sprache ist ein echter Schatz. Und es macht mich richtig glücklich, wenn einzelne Wörter plötzlich in ihrer ganzen Bedeutungstiefe zu funkeln beginnen. Seit einiger Zeit begleitet mich so das Wort „aufrecht“. Zuerst ist es mir bei meiner Orthopädin begegnet: ich soll mich ab und zu am Tag ganz bewusst aufrecht hinsetzen, hat sie gesagt. Mich aufrichten und dabei die ganze Länge meiner Wirbelsäule ausnutzen. Wenn ich das tue, dann merke ich richtig, wie ich größer werde. Ich richte mich auf: Schultern nach unten – Blick geradeaus, und spüre: Das tut nicht nur meinem Rücken unglaublich gut.

Durch die äußere Haltung gewinne ich auch an innerer Haltung. Und da ist mir das Wort wieder begegnet: Bei der Konfirmation hat der Pfarrer den Jugendlichen gewünscht, dass sie aufrecht durchs Leben gehen. Sicher hat er dabei nicht die orthopädische Übung im Sinn gehabt, sondern  an diese innere Haltung gedacht. Aufrecht, sich nicht verbiegen lassen, aufrichtig sein mit sich und anderen. All das schwingt in diesem Wunsch mit. Martin Luther meinte, wir Menschen brauchen Hilfe dabei, so aufrecht durch Leben zu gehen. Wir würden uns nämlich oft in uns selbst verkrümmen. Manchmal, weil wir von außen dazu gezwungen werden, weil Menschen uns nicht so annehmen wollen, wie wir sind. Manchmal aber auch, weil wir uns selbst in uns zurückziehen, klein machen, krumm machen. Für Luther war klar: Gott wirkt dem entgegen. Gott hilft den Menschen, sich aufzurichten. Und zwar, weil er uns sieht, wie wir sind. Und uns ermutigt, zu uns selbst zu stehen. Das ist nicht leicht, weil es auch unbequem sein kann. Wer sich aufrichtet, nimmt deutlich mehr Raum ein – steht da mit Ecken und Kanten. Und muss lernen sich zu bewegen, um nicht ständig im Weg zu stehen. Sich selbst und anderen. Aber wer das übt, merkt auch sehr bald, wie er daran wächst. Größer wird. Sichtbarer. Und auch die Beziehungen ändern sich: wenn wir den anderen aufrecht und aufrichtig begegnen, dann sind wir auf Augenhöhe. Eine gute Voraussetzung für starke und gesunde Bindungen, in denen sich keiner über den anderen stellt.

Aufrecht – ein kleines Juwel im Worteschatz unserer Sprache. Und es wird noch wertvoller, wenn wir es mit Leben füllen. Also: Lassen wir es funkeln nach allen Seiten!

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17JUL2022
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Seit meinem Geburtstag im April schwebt ein Helium Luftballon durch unsere Wohnung. Nun geht ihm offenbar langsam die Luft aus: gestern ist er zum ersten Mal ein Stück Richtung Boden gesunken. Da habe ich eine Schere geholt und das Geschenkband abgeschnitten. Ich habe alles entfernt, was unnötiges Gewicht hatte. Jetzt schwebt er wieder für eine Weile.

Unnötiges ablegen, abschneiden, abwerfen – das macht leicht. Nicht nur Heliumballons, sondern auch Menschen. Mich beschweren oft Dinge. Ich gehöre zu denen, die sich schnell Sorgen machen. Ich sehe eher die Gefahren als die Chancen. Deshalb fühle ich mich häufiger beschwert als leicht.  Meistens finde ich das auch ganz in Ordnung so. Ich glaube, es braucht Menschen, die Bedenkenträger sind. Irgendjemand muss die Bedenken ja tragen. Denn sie gehören zu jedem Unternehmen dazu. Und ich finde es wichtig, genau hinzuschauen, um Risiken richtig einzuschätzen. Aber manchmal stört es mich auch. Dann spüre ich, wie mir die Luft ausgeht. Dann sehne ich mich nach Leichtigkeit. Und dann hilft es zu überlegen: was von all dem Schweren kann ich denn ablegen? Welche Sorgen sind  hilfreich? (nötig) und welche eigentlich überflüssig?

Häufig merke ich dann, dass ja auch noch andere Menschen da sind. Bei den allermeisten Unternehmungen ist man ja gar nicht alleine. Die wichtige Entscheidung im Job trägt auch die Kollegin mit. Bei Fragen in der Familie sind sowieso alle gefragt. Und in die  ganz großen Probleme unserer Zeit sind sogar alle Menschen eingebunden. Da kann ich schon auch Gewicht/Lasten? abgeben und neu auf mehrere Schultern verteilen. Und dann – bei den Sorgen, die mich wirklich ganz alleine betreffen – da ist Gott an meiner Seite. Manchmal vergesse ich das. Dann hilft mir der Apostel Petrus mit seinem wunderbaren Rat: „Alle eure Sorgen werft auf Gott, denn er sorgt für euch“ . Wenn es so gelingt, überflüssige Sorgen loszuwerden, dann bekomme ich richtig Auftrieb. So wie der Helium Ballon von meinem Geburtstag. Und für eine wunderbare Weile kann ich so frei und leicht sein. An der Decke schweben oder besser noch raus ins Weite. 

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29MAI2022
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Hanna Buiting Foto: Lotte Ostermann

Janine Knoop-Bauer trifft Hanna Buiting, Autorin, Journalistin, Worteschmiedin

In ihren meist kurzen Texten geht es um Alltägliches: um ein gemeinsames Essen zum Beispiel oder ein Telefonat mit der besten Freundin. Aber die Journalistin Hanna Buiting hat das Talent, diese alltäglichen Situationen zu öffnen auf eine andere Wirklichkeit hin. Sie schreibt über Gott und Ihren Glauben. Wie ist Sie dazu gekommen?

Ich glaube, ich schreibe einfach darüber, was ich in der Welt wahrnehme und was mich selber bewegt, welche Fragen ich vielleicht an das Leben habe. Und da ich selber christlich geprägt bin … hat sich das so ergeben, dass ich im Schreiben einfach immer wieder auch auf die Frage nach Gott… gekommen bin.

Und dieser Frage geht die 30jährige nach. Ungewöhnlich in einer Welt, die für viele ganz gut ohne Gott auskommt. Sie versteht sich da als Mittlerin.

Ich empfinde mich häufig als Schreibende, auch ein Stück weit als Übersetzerin. Also ich übersetze meine Wahrnehmung der Welt auch ein Stück weit in Worte und dadurch, dass in meiner Biografie wie soll ich sagen, vielleicht immer schon so eine Art Deutungsangebot da war manches als göttlich verstehen zu können, hab ich so den Eindruck, dass sich das einfach natürlicherweise auch in meinem Schreiben widerspiegelt, weil es sich so einwebt in das, wie ich die Welt eben betrachte. Das ist meine Form vielleicht, das Leben zu sehen.

In der christlichen Tradition nennt man Menschen wie sie Zeugen und Zeuginnen. Ohne Menschen, die von Ihrem Glauben schreiben und erzählen, ist das Christentum nicht denkbar. Auch die Bibel besteht zum großen Teil aus Texten, in denen Menschen ihre Erfahrungen mit Gott aufgeschrieben haben.  Ich habe Hanna Buiting gefragt, ob es da ein Lieblingsbuch gibt für sie.

Ich mag schon auch besonders die Psalmen und gar nicht unbedingt so in ihrer Fülle, sondern manchmal reichen finde ich auch schon so einzelne Fragmente nur, die mir ganz viel sagen. … zum Beispiel …. du stellst meine Füße auf weiten Raum. Das finde ich einfach spannend, und das ist tatsächlich mittlerweile auch Teil meiner Arbeit immer wieder: Was heißt das denn für heute? … Also was ist denn ein weiter Raum? Wie würde ich den heute füllen? Und was heißt das, meine Füße dort hinzustellen? Wo stehe ich eigentlich gerade? Wo ist es aber vielleicht auch enger und wo wünsche ich mir mehr Weite?

Hanna Buiting sucht nach dem, was heute noch Bestand hat und Menschen ansprechen kann. Das Schreiben hilft ihr dabei, die Schätze aus den alten Texten zu heben.  

Vielleicht ist das Schreiben für mich vor allem … eine Suche oder ein Schürfen nach Gold, weil ich schon selber häufig die Erfahrung machen durfte: ich weiß ganz häufig nicht, was am Ende dastehen wird. Und dass es dadurch manchmal zu ja so Gold-Momenten kommt, also auf einmal etwas durchschimmert zwischen den Worten, die ich dann zu Papier gebracht habe… und manchmal tritt etwas zutage, was mir sehr wertvoll ist.

Beim Schreiben das erkennen und finden, was wertvoll ist: diese Erfahrung will Hanna Buiting auch anderen ermöglichen.

Hanna Buiting ist Autorin. In Ihren Texten setzt sich die 29jährige mit ihrem Glauben auseinander. Was dabei herauskommt, sind oft kurze Impulse, die zum Nachdenken anregen, mich zum Schmunzeln bringen oder einfach auch trösten. So wie dieser hier:

Müßiggang[1]

Dass du mit mir gehst, Gott. Und Dich zu mir legst. Auch wenn ich mal nichts tue. Dass du Muße hast zu mir. Und meine Muse bist. Mich durch meine Trägheit hindurchträgst. Darum bete ich – vom Bett aus.
Vielleicht liegt die Wirkung ihrer Texte daran, dass immer ganz viel von ihr selbst darin steckt. 

Vor allem wenn ich selber Trost vermisse. Dann suche ich nach Worten, die mir Trost spenden. … Und auch das Lückenhafte, das es natürlich auch in meinem Leben gibt, darin irgendwie einen Halt zu finden. Das ist einfach ein großer Wunsch, den ich selber ans Leben habe. Und da hab ich einfach für mich feststellen können, dass das Schreiben mir sehr dazu dient, da was zu finden. Und häufig ist das zum Beispiel auch etwas, was ich durchaus auch als meine eigene Spiritualität bezeichnen würde, dass ich so im Suchen oder dann auch manchmal Finden von Worten das Gefühl habe, ich komme ja vielleicht einer Quelle näher, aus der ich selber auch schöpfen kann.

Weil sie selbst erfahren hat, wie gut Schreiben tun kann, bietet Hanna Buiting Schreibkurse an.  Mit welchen Erwartungen kommen Menschen zu Ihr?

Viele suchen vor allem nach Inspiration. … Und dann gibt es aber auch Menschen, die mit einer Frage zum Beispiel kommen, die ihnen das Leben vielleicht gerade stellt oder die sie ans Leben haben. Und in meinen Seminaren versuche ich, und das ist auch herausfordernd, diese verschiedenen Motivationen in guter Weise unter einen Hut zu bringen.

Um die Teilnehmer und Teilnehmerinnen gut begleiten zu können, hat sie sogar eine Ausbildung zur Schreibtherapeutin gemacht. Sie weiß, beim Schreiben können Dinge ans Tageslicht kommen die einen herausfordern – besonders, wenn es um die eigene Lebensgeschichte geht. Dann ist es gut, wenn Sie da sein kann und unterstützen. Aber sie macht auch klar:

Schreiben kann nicht heilen! Das hab ich da vor allem gelernt. … Aber manchmal kann das Schreiben vielleicht ein Hilfsmittel sein, vielleicht ein kleines Tool, was … zu einer Versöhnung auch zum Beispiel mit der eigenen Lebensgeschichte führen kann.

Mich berührt, was Hanna Buiting macht und wie sie es macht: zurückhaltend und unaufdringlich. Sie öffnet Räume und begleitet Menschen – so wirken ihre Texte und so erleben es Menschen in ihren Kursen. Vielleicht liegt das Geheimnis darin, dass sie selbst dabei immer auch Suchende bleibt.

Ich glaube nicht, dass ich Dinge unbedingt besser verstanden habe als andere. So ist es nicht, sondern dass ich durchaus auch meine eigenen Fragen und auch Sehnsüchte und mein eigenes Suchen immer wieder zum Thema mache. Es ist aber eine ganz schöne Erfahrung zu merken, ja, dass andere andocken können, dass ich zum Beispiel gar nicht alleine bin mit diesen Themen, sondern dass die auch andere teilen.

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[1] Hanna Buiting, Möge die nacht mit Dir sein,
Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn 2020, Text für den 6.Juni.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35474
15MAI2022
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Diane Hielscher Copyright: Paula Winkler.

Janine Knoop-Bauer trifft: Diane Hielscher, Autorin, Podcasterin, Journalistin und Hörfunkmoderatorin

Was ist Angst und wie kann ich mit ihr umgehen?

Die 42jährige Podcasterin und Moderatorin lebt heute in einer glücklichen Beziehung. Aber auch sie hat die Erfahrung gemacht, dass Beziehungen scheitern. Deshalb hat sie sich gefragt: was können wir tun, damit wir glücklicher sind als Liebende. Und was hat unser Denken damit zu tun? Die Antworten auf diese Fragen hat sie in ihrem neuen Buch gesammelt. Heute sagt sie: Oft stehen wir uns und der Liebe selbst im Weg, z. B. weil wir Angst haben. Aber was ist Angst denn eigentlich genau?

also Angst ist erstmal eine Energie die uns etwas sagen möchte, die mit uns kommunizieren möchte und im ersten Schritt ist das ja gut, weil wenn wir gar keine Angst hätten, dann würden wir über die Klippe springen und uns vom Tiger fressen lassen.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille, denn

Wir können zu Hause in Sicherheit sitzen und sagen: „Was wäre, wenn mich ein Tiger fressen würde? Das wäre ja schrecklich!“, nur um bei diesem Beispiel zu bleiben. Oder wir können uns an Vergangenes erinnern, was uns Angst gemacht hat, und in dem Augenblick, wo wir das mit unserem Gehirn herstellen, die Situation, die schon lange vorbei ist, haben wir wieder die gleiche Biochemie in unserem Körper, also Cortisol zum Beispiel, das Stresshormon. Wir haben genauso Angst wie damals, als es tatsächlich passiert ist. … Das heißt wir Menschen haben dieses Feature, uns in Angst denken zu können.

Für manche Menschen wird dieses feature zu einem dauerhaften Problem. Vor allem dann, wenn die Angst ständig unsere Selbstwahrnehmung sabotiert und wir grundsätzlich schlecht von uns selber denken.

das Schlimmste, was uns Menschen eigentlich im Wege steht, ist diese Angst, nicht genug oder nicht richtig zu sein, und die zerstört eben auch unsere Beziehungen. … kann uns unser ganzes Leben vermasseln, wenn wir einfach die Angst so annehmen und sagen: „Ja, das ist halt so: Ich kann nichts daran ändern, es wird immer so bleiben, ich bin halt ängstlich, ich werde nie meinen Traum leben, ich werde nie eine glückliche Beziehung führen, weil ich bin nicht gut genug.

So entsteht ein tückischer Kreislauf:  Angst führt immer nur zu noch mehr Angst. Mir fällt dazu ein Satz aus der Bibel ein: „Fürchtet Euch nicht!“ heißt es da mehr als einmal. Ich habe mich schon immer gefragt:  Was kann ich denn tun gegen meine Angst? Die lässt sich doch nicht einfach abstellen. Diane Hielscher hat mit vielen Neurowissenschaftlern gesprochen und meint:

jedes Gehirn sieht anders aus, das ist wie beim Fingerabdruck: die Linien sind alle anders, bloß, dass wir unseren Fingerabdruck nicht ändern können, aber unser Gehirn schon. Eben mit dem, womit wir uns jeden Tag beschäftigen. Zum Beispiel gibt es Studien darüber, dass Meditation das Angstzentrum … schrumpfen lässt. Also wir können mit unserem Verhalten dafür sorgen, dass unser Angstzentrum physisch kleiner wird. Das finde ich so faszinierend, dass wir die Macht dazu haben … und dementsprechend, wenn wir mehr meditieren … werden wir in Zukunft dann weniger Angst haben.

So wie wir uns in Angst denken können, so können wir uns auch aus der Angst herausdenken. Meditieren hilft. Beten hilft auch – das ist meine Erfahrung. Weil es die Angstspirale unterbrechen kann. Weil es der Wirklichkeit der Angst die Wirklichkeit des Vertrauens entgegenstellt.

Von der Brauchenden zur Liebenden.

Diane Hielscher ist Radiomoderatorin und Podcasterin und sie ist Liebende. Was genau das für sie bedeutet, macht sie an Übungen deutlich, die sich der amerikanische Sexualtherapeut David Schnarch ausgedacht hat. Dabei stehen sich zwei Menschen gegenüber und umarmen einander auf unterschiedliche Weise:   

Diese Übung finde ich so toll und metaphorisch, weil wenn wir wie ein A stehen und einer wackelt, weil es ihm schlecht geht, fällt der andere immer mit, und wenn jeder für sich auf seinen Beinen stabil steht, dann kann man den anderen auch mal kurz loslassen metaphorisch, emotional, indem man sagt: du mach mal deins! Du musst jetzt deine Gefühle in den Griff kriegen. Ich bin nicht für deine Gefühle verantwortlich, sondern du für deine, aber ich bin für dich da! Ich stehe hier auf meiner Seite, stabil und fest, und bin da für dich, und ich kann dich auch halten, aber du musst auch auf deinen Beinen stabil und fest stehen.

Es geht in der Liebe also darum, erst einmal mit sich selbst klarzukommen und mit den eigenen Gefühlen. Erst dann werde ich von einer Brauchenden zu einer Liebenden. Diane Hielscher hat viel ausprobiert auf ihrem Weg dahin und gelernt: Es ist gar nicht so leicht, sich den eigenen Gefühlen zu stellen und zu lernen, sich selbst zu lieben. Aber es lohnt sich:

Also ja, es ist schwer, mit seinen Ängsten und Nöten und Sorgen zu sitzen, zu sein einfach und das auszuhalten, aber das ist für mich auch Selbstliebe und ein ganz toller Kompass, seine Intuition und sich selber und seine Werte und so zu finden und dann rauszugehen in die Welt, Dinge zu tun, seinen Traum zu leben. Aber dafür muss man erst mal wissen, wer bin ich, was mache ich und was ist eigentlich mein Traum.

Dabei ist Diane Hielscher wichtig – wir sind unseren Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert. Wir können ein Stückweit selbst entscheiden, was wir fühlen. Ihr hat dabei auch geholfen, sich selbst die richtigen Fragen zu stellen. 

…sich jetzt mal zu fragen, was sind meine Lieblingsgefühle: Da kam bei mir Inspiration und Begeisterung und Freude raus… das heißt, ich kann jetzt ganz konkrete Schritte machen, nachdem ich weiß, was meine Lieblingsgefühle sind, um diese Gefühle in meinem Leben einzuladen und um sie tatsächlich auch zu fühlen. Also das ist gar nicht abstrakt, sondern ganz konkret: Was begeistert mich? Was inspiriert mich? Und das mache ich jeden einzelnen Tag.

Sich selbst Gutes tun – sich selbst lieben - in der christlichen Ethik ist das tatsächlich auch eine Grundvoraussetzung, um für andere da zu sein. Jesus sagt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ Erst wenn ich eine Ahnung davon habe, was das heißt: Selbstliebe, kann ich auch für die anderen gut sorgen. Das ist eine Erfahrung die auch Diane Hielscher gemacht hat. Und sie findet:

deswegen darf ich mir erlauben, glücklich zu sein und voller Begeisterung und Freude, weil ich damit nur die Möglichkeit habe, etwas Gutes in die Welt zu bringen.

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14MAI2022
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In unserem Haus steht ein Tisch. Schlicht und aus massivem Erlenholz. Der Tisch ist groß und man kann gemütlich zu 6. daran sitzen. Ohne, dass die Ellenbogen aneinanderstoßen. Und wenn man ihn auszieht passen gut zehn Menschen daran.

Der Tisch ist das Zentrum unserer Familie. Hier sitzen wir bei Familienfesten und wenn wir gemeinsam etwas spielen. Hier tagt der Familienrat. Wenn Gäste kommen ist hier unser Platz und bis heute erledigt ein Sohn seine Hausaufgaben hier.

Wenn ich an dem Tisch sitze, dann sehe ich: er hat ganz schön viele Macken. Und jede davon erzählt von unserem Leben. Wenn ich schräg auf die Oberfläche schaue erkenne ich zum Beispiel mehrere große As. Da hat mein Sohn gelernt seinen Namen zu schreiben. Den Bleistift fest in der kleinen Hand und voller Stolz und voller Kraft Buchstaben aufs Papier malend. In der Mitte des Tisches ist ein dunkler Kreis. Etwas verbrannt. Da haben wir nach einem Fest morgens einmal die zu heiße Espressokanne einfach aufs Holz gestellt. Ich weiß noch, dass wir uns nicht geärgert haben, weil alles gerade so schön war. Soviel Leben steckt in dem Tisch. Fast wie ein Tagebuch, das nur die lesen können, die dabei gewesen sind.

Ich glaube so ist es mit mir auch. Auch ich habe Macken und bin nicht mehr ganz neu. Abdrücke von gelebtem Leben: Narben und Falten. Aber auch liebevolle Küsse und Streicheleinheiten haben Ihre Spuren hinterlassen. Spuren, die nur sehen kann, wer dabei gewesen ist. Also ich. Und Gott. Denn davon bin ich überzeugt – Gott hat all das Leben begleitet. Saß oft schon mit an unserem großen Familientisch. Wenn wir gefeiert haben und auch wenn wir gestritten haben. Aber Gott war auch schon dabei als es den Tisch noch gar nicht gab. Als ich selbst noch ein Kind war und an einem anderen Familientisch gesessen habe. Saß mit in der WG und war auch sonst an meiner Seite. Er kann die Spuren lesen, die das Leben auf mir hinterlassen hat. Und ich stelle mir vor, wie er sie anschaut und lächelt. So wie ich, wenn ich an unserem Tisch sitze. Lächelt und denkt: Wie wertvoll das ist – gelebtes Leben. Und wie schön mit allen Macken und Spuren.

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13MAI2022
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Laufen sie einfach mal ein Stück rückwärts! Das rät die Theologin und Clownin Gisela Matthiae. Denn beim Rückwärtslaufen ändert sich die Perspektive. Klingt verrückt, aber manchmal hilft das, die Dinge anders und neu zu bewerten. Ich habe das ausprobiert und gemerkt wie recht sie hat. Beim Rückwärtslaufen sieht man die Strecke, die man bereits zurückgelegt hat. Erkennt Wegmarken, die man schon fast vergessen hatte: Ah, der blühende Baum. Und das Haus mit den hübschen Fensterläden. Aber auch der Bürgersteig über den ich gestolpert bin und der geschlossene Laden, der einen verwahrlosten Eindruck macht. Alles was war bleibt länger im Blick und nur allmählich kommt Neues dazu.

Natürlich hat das Rückwärtslaufen auch seine problematischen Seiten. Denn beim Rückwärtslaufen sieht man ja nicht was kommt. Man kann keinen Hindernissen ausweichen, keine Pläne machen, wie man mit dem umgehen will, was vor einem liegt. Auf Dauer ist das sehr anstrengend. Aber für kurze Strecken tut es einfach gut. Im jüdischen Zeitverständnis sind wir Menschen immer rückwärts unterwegs, mit dem Rücken voraus. Dort geht man davon aus, dass die Vergangenheit das ist, was wir vor Augen haben. Die Zukunft dagegen liegt uns im Rücken. Ich finde das ist ein heilsamer Perspektivwechsel. Denn es ist ja wirklich so: wer kann denn schon in die Zukunft schauen? Alles was wir darüber sagen können sind Vermutungen. Das führt oft dazu, sich unnötig Sorgen zu machen. Ist es nicht manchmal besser, sich die Vergangenheit genau anzuschauen? Und vielleicht auch aus dem zu lernen, was war, um es einmal besser zu machen. Vielleicht stärkt das auch das Vertrauen: Denn schau – so viel ist schon passiert und doch bin ich noch da. Mit Gebrauchsspuren, ja, und manchen Narben, aber noch immer unterwegs. Behütet bis hierher.

Vielleicht haben Sie heute ja auch Lust: Laufen Sie einfach mal ein Stück rückwärts und schauen Sie, was Sie schon alles geschafft haben.

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12MAI2022
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Abhängig sein von anderen - das ist etwas Gutes! In einem Buch der jungen Philosophin Seyda Kurt habe ich diesen verblüffenden Gedanken gefunden. Sie sagt: wir müssen lernen Abhängigkeit als etwas Gutes zu begreifen. Dabei höre ich sonst immer, wie wichtig es ist, unabhängig zu sein: stark und frei. Aber Keiner und keine lebt als eine Insel. Und die, die das probieren, merken schnell wie einsam das ist. Spätestens seit der Zeit, in der wir gezwungen waren über lange Strecken alleine zu bleiben oder auf den kleinsten Kreis beschränkt, wurde das spürbar. Wir brauchen einander.

Seyda Kurt meint wir sollten das nicht als etwas Schlechtes verstehen, sondern als etwas Normales – etwas Grundlegendes. Und wenn wir einmal verstehen, dass wir einander brauchen, dann sollten wir auch unser Leben danach gestalten füreinander da sein zu können. Habe ich Zeit übrig, damit ich für jemand da sein kann? Habe ich Zeit, um mir selbst klar zu werden was ich brauche?  Wenn das Leben mir keinen Spielraum lässt gebraucht zu werden, weil immer irgendetwas wichtiger ist. Oder dann, wenn ich nicht genug Raum habe um mir über meine eigenen Bedürfnisse klar zu werden – dann wird Abhängigkeit zum Problem. Und das kann viele Gründe haben: zu viel Arbeit, Stress, Sorgen.

Man stelle sich vor wie das wäre: Zeit für einander haben. Zum Zuhören, zum Nachdenken - einfach zum Leben miteinander und nicht nebeneinander her. Wir brauchen uns doch gegenseitig.

In der Bibel heißt es: Es ist nicht gut wenn der Mensch alleine bleibt. Das steht ganz am Anfang der Bibel, als Gott den Menschen erschafft. Gott hat gleich gemerkt: alleine sein ist nicht gut. Es muss eine Gemeinschaft her, damit Leben gelingen kann. Ich finde es ist Zeit das wirklich ernst zu nehmen. Mir bewusst Zeit zu nehmen für die Menschen, die ich brauche und die mich brauchen. Und dafür zu streiten, dass das für alle möglich ist.

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