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SWR3 Gedanken
Was für ein Wow-Effekt: Wenn du zum ersten Mal durch die neue Brille schaust, und die neue Stärke perfekt passt. Das ist wie eine „Augendusche“!
Dann sehe ich am Waldrand wieder einzelne Bäume, sogar Baumstämme und Äste, und vorher war da einfach nur Grün. Und ja, der Klassiker: ich kann die Verkehrsschilder wieder viel früher erkennen. Alles ist so, als ob mir jemand die Augen geduscht hätte.
So eine „Augendusche“ wünschte ich mir noch viel öfter, als nur alle paar Jahre bei der Optikerin, nicht nur für die äußerlichen Augen, auch für die inneren. Ich wünschte, ich könnte damit ein bisschen was wegspülen, was meinen Blick auf andere trübt oder verzerrt.
Vielleicht würde ich dann bei der Frau, die im Workout immer neben mir turnt und so abweisend ist, mehr sehen können. Vielleicht, dass sie sich jedes Mal extrem aufrappeln muss, weil ihre Sorgen so groß sind und sie deswegen keine Kraft mehr für freundlichen Smalltalk hat. Oder bei der unfreundlichen Arzthelferin würde ich vielleicht erkennen, dass sie mit Kopfschmerzen aufgewacht ist und jetzt trotzdem irgendwie durchhalten muss.
Von allein kriege ich das meistens nicht hin, also bete ich zu Gott und bitte: „Gott spüle weg, was meinen Blick bequem und unscharf macht. Hilf mir, dass ich nicht bei dem bleibe, was ich zuerst sehe, sondern dass ich auch auf das schaue, was unsichtbar dahinter liegt. Wenn das schwer wird, dann verlass mich nicht.
Und Gott, danke, dass du selbst wie mit frisch geduschten Augen auf mich schaust. Nicht prüfend oder beurteilend, sondern mit Augen, die voller Liebe sind.“
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Der wichtigste Ort der Welt soll in Spitzbergen liegen – ganz oben in Norwegen.
Es ist vielleicht deshalb der „wichtigste Ort“, weil dort Saatgut aus aller Welt gesammelt wird. Schon seit fast zwanzig Jahren. Dieser Saatgut-Tresor im ewigen Eis ist so faszinierend friedlich. Denn da sind Saatkörner aus Nordkorea neben denen aus Südkorea eingelagert, und fast alle Länder der Welt haben schon Saatgutproben ihrer wertvollen Getreide-, Obst- oder Gemüsesorten dort hingebracht.
Das alles für den Fall, dass einmal ganze Kontinente zerstört werden, oder die Erde für lange Zeit unbewohnbar ist. Dann sollen unsere Nachfahren wieder an Saatgut gelangen können. Zumindest darin scheinen wir Weltbewohner uns einig zu sein: dass sich auch nach den schlimmsten Katastrophen ein Neuanfang lohnt.
Aber es reicht nicht, nur das Saatgut aufzubewahren, es braucht noch mehr. Was – das kommt in einer Geschichte zum Ausdruck. Sie ist für mich genauso hoffnungsvoll und stark wie dieser Saatgutspeicher in Spitzbergen. Die Geschichte geht so:
Ein junger Mann hatte einen Traum von einem ganz besonderen Laden. Hinter der Theke stand ein Engel. Hastig fragt der Mann ihn: „Was verkaufen Sie?“ Darauf der Engel: „Alles, was Sie wollen!“ Der junge Mann beginnt aufzuzählen: „Dann hätte ich gern das Ende aller Kriege, bessere Bedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika und … und …“ Da fällt ihm der Engel ins Wort: „Entschuldigung, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur das Saatgut.“
Das eine ist es also das Saatgut zu sammeln, das andere es in die Erde zu setzen und aufblühen zu lassen.
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„Übernächstenliebe“ – dieses Wort hab ich schon länger im Kopf, aber jetzt erst hab ich wirklich begriffen, wie diese Liebe konkret aussehen kann, die weitergeht als nur zum Nächsten neben mir. Wegen Bruno, Hilde und Freddy. Das sind drei Menschen aus meinem Dorf.
Bruno ist extrem rege in Sachen Ortsgeschichte. Er hat mich regelrecht bearbeitet, dass ich Klassenfotos von meinen Töchtern fürs Dorfarchiv rausrücke. Datenschutzmäßig musste erst alles geklärt sein, aber dann hat sich Bruno gefreut und gemeint: „Siehst du, so können die Leute in hundert Jahren nachschauen, wer mal hier gelebt hat. Das ist doch was!“
Und Hilde macht sich in Sachen „Übernächstenliebe“ schon mal bei ihren jungen Vereinskolleginnen unbeliebt. Wenn die überlegen, ob sie fürs nächste Vereinsfest massenweise Deko-Material bei so einem Billigversandhändler aus dem Internet bestellen. Da kontert Hilde: „Ihr wisst aber schon, was das für Verbrecherfirmen sind!“ Massenweise Billig-Päckchen aus China, das geht für Hilde gar nicht. Weil sie eben immer auch an ihre Enkel und Ur-Enkel denkt.
Und dann ist da noch Freddy, der als frischgebackener Förster-Meister leidenschaftlich gerne Bäume pflanzt. Letzten Herbst hat er bei uns im Garten drei neue Bäume gesetzt und mich danach glücklich angestrahlt und gemeint: „Jeden Tag eine gute Tat! Diese Bäume tun der Erde gut.“ Und jetzt will er mich davon überzeugen, dass in der anderen Ecke von unserem Garten, doch auch noch Platz für ein, zwei Kirsch- oder Apfelbäume ist.
Wie gut, dass die drei so unermüdlich sind: Bruno, Hilde und Freddy.
Denn jedes sorgfältig archivierte Foto, jedes nicht bestellte Päckchen aus China und jeder gepflanzte Baum ist auch ein Stück Übernächstenliebe - ein Stück Liebe zur nächsten und übernächsten Generation.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43950SWR3 Gedanken
Alfred Delp war einer, der genau wusste, was er wollte. Er war Priester aus Mannheim und Widerstandskämpfer im NS-Regime. Jetzt soll er ein „Seliger“ werden. Das ist fast so etwas wie ein „Heiliger“, ein offizielles Vorbild in der katholischen Kirche.
Wie Alfred wohl ausgesehen hat? Auf meinem Bildschirm erscheint so ein leicht verschwommenes Schwarz-Weiß-Foto. Da ist er vielleicht Mitte dreißig. Am Hemd leger ein paar Knöpfe offen, Hosenträger, im Hintergrund ein See. Alfred ist beim Segeln, und er lacht offen in die Kamera. Schon als Vierzehnjähriger war er super selbstbewusst. Er ist katholisch geworden, weil er sich mit seinem evangelischen Pfarrer gestritten hat. Und Alfred war ein Denkertyp, ein paar Jahre Lehrer, später Journalist. Er konnte beides, das Leben leicht nehmen und genießen, aber er war auch kompromisslos. Vor allem wenn es um Politik und soziale Fragen ging.
In seiner Wohnung haben geheime Treffen stattgefunden, und zusammen mit seinen Verbündeten hat er Pläne geschmiedet, wie Deutschland politisch nach Hitler organisiert sein könnte. Da war er als studierter Philosoph genau der Richtige.
1944 haben die Nazis Alfred Delp in Berlin ermordet, seine Asche wurde einfach auf den Feldern ausgestreut. Niemand sollte irgendwo Spuren von ihm finden. Aber dieser Plan der Nazis ist nicht aufgegangen. An Alfred Delp denken immer noch viele. Es gibt Schulen, die nach ihm benannt sind, oder Pflegeheime und Fördervereine.
Er ist ein starkes Vorbild. Wenn einer so entschieden, mutig und ernsthaft lebt, dann hat das schon viel mit „selig“ zu tun!
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Seit ich ein einziges Foto gesehen habe, denke ich anders über das Thema Prostitution. Ich bin viel entschiedener dagegen, dass alles so bleibt wie es ist. Deswegen wähle ich heute eine der Parteien, die sich dafür einsetzen, dass Prostituierte besser geschützt werden!
Ich habe das Foto in einer Ausstellung mit dem Titel „gesichtslos“ entdeckt. Die Bilder sind noch zwei Wochen lang in Offenburg zu sehen, und entstanden sind sie in Mannheim. Dort hat der Fotograf Hyp Yerlikaya Frauen jahrelang mit der Kamera begleitet, zusammen mit der Beratungsstelle „Amalie“.
Auf dem Foto ist im Vordergrund ein 20-Euro-Schein zu sehen, angelehnt an so eine schlichte weiße Gesichtsmaske, wie man sie vielleicht von Theaterplakaten kennt. Und im Hintergrund sieht man verschwommen eine Frau stehen. Sie ist leicht bekleidet und schaut aus dem Fenster.
Ich habe dieses Foto gesehen und verstanden: wenn eine Frau als Prostituierte arbeitet, dann verliert sie ihr Gesicht, kaum jemand möchte sie wirklich sehen.
Außer den Frauen und Männern in den Beratungsstellen. Sie helfen, wenn eine Frau aussteigen möchte, auch wenn das fast nicht zu schaffen ist.
Unter dem Foto mit dem Geldschein lese ich, was eine Prostituierte in Mannheim zu ihrem Leben sagt: „Das Schönste ist, wenn sie dir das Geld geben. Dann weißt du, du siehst sie nie wieder.“
Ich frage mich: was sind schon 20 Euro? Dafür, dass ein Mensch einen anderen Menschen nur für sich benutzt.
Auch wenn es noch so schwierig, beunruhigend oder beklemmend ist, darüber müssen wir sprechen. Und ich bitte alle Politikerinnen und Politiker, die heute gewählt werden, dass sie diese Frauen nicht vergessen!
Denn auch sie haben eine Würde und ihr ganz persönliches Gesicht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43948SWR3 Gedanken
Ich bin gerade bei einer Beerdigung. Ein alter Feuerwehrmann ist gestorben. Vier Kameraden stehen neben seinem Sarg. Und jetzt höre ich dazu diesen Satz: „Wir sind gekommen und erweisen ihm die letzte Ehre.“ Ich schaue nochmal auf die vier Feuerwehrmänner, die so ganz ruhig neben dem Sarg stehen, alle vier in dieser typischen Uniform mit Krawatte und Schirmmütze.
Mir gefällt wie die vier Feuerwehrleute dastehen. Wie sie ihren toten Freund bei seiner Beerdigung nicht allein lassen. Sie stehen ihm im wahrsten Sinne des Wortes bei. Mir gefällt auch, wie der Kommandant in seiner Rede über den Toten spricht. Dass es eine große Ehre war, den Kameraden im Verein zu haben. Und dann sagt der Redner am Schluss eben auch diesen einen Satz: „Wir erweisen ihm heute die letzte Ehre.“
Das klingt feierlich. Vielleicht weil es den, der da gerade „Ehre“ erfährt, irgendwie größer werden lässt. Für mich hat das viel mit Achtung und Respekt vor dem Menschen zu tun, wenn jemand so geehrt wird.
„Ehre“ – obwohl das Wort ein bisschen altmodisch klingt, es gefällt mir. Ehre steht jedem zu, nicht erst wenn er gestorben ist. Und sie tut allen gut. Ich bin zum Beispiel geehrt, wenn mich jemand lobt, am besten noch vor anderen Leuten. Und ich empfinde es als Ehre, wenn mich jemand mit etwas Schönem überrascht. Dann merke ich: Ich bin wichtig und ich werde gesehen. Bei diesem Menschen bin ich an der richtigen Stelle. Was für eine Ehre!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44010SWR Kultur Lied zum Sonntag
Im heutigen Lied zum Sonntag kann man jemanden hören, der mit melancholischem Ton auf sein Leben zurückschaut. Oder ist es doch eher das Lied eines Sturkopfes, der sein eigenes Ding durchgezogen hat?
In meinen Ohren klingt „My way“ von Frank Sinatra nach einem Menschen, der singt und sich dabei mit dem eigenen Lebensweg versöhnen möchte.
Wer die Geschichte von „My way“ kennt, hört in diesem Lied mehr als die Botschaft: „I did it my way“ – „Ich hab´s auf meine Weise getan“. Dieses Lied steht dafür, dass auch etwas, das anfangs nichts Besonderes war, mit der Zeit zu etwas Großartigem werden kann.
Denn erst schrittweise ist dieses Lied zum absoluten Welthit geworden. Zuerst hat der Komponist Jaques Revaux in den 1960er Jahren die Melodie erschaffen. Die erste Variante mit englischem Text war ein Flop, die zweite Version mit französischem Text wurde in Frankreich dann mittelmäßig erfolgreich. Sie heißt „Comme d´habitude“ und wurde von Claude Francois gesungen:
1) Je me lève et je te bouscule.
Tu ne te réveilles pas comme d'habitude.
Sur toi je remonte le drap,
j´ai peur que tu aies froid comme d'habitude.
Ma main caresse tes cheveux...
„Comme d´habitude“ - ein französisches Chanson mit mittelmäßigem Erfolg. Aber als der junge kanadische Sänger Paul Anka nach Paris kommt und zufällig dieses Lied im Radio hört, hat er sofort die Idee, einen eigenen englischen Text zur Melodie zu schreiben. Er schreibt „My way“, zugeschnitten auf Frank Sinatra, der in der Mitte seines Lebens zurückschaut, melancholisch und versöhnlich, aber auch stolz und mit einer Prise Trotz.
Da heißt es in der zweiten Strophe: „Es gibt schon ein paar Dinge, die ich bereut habe, aber dann auch wieder zu wenige, als dass ich sie erwähnen muss. Ich habe getan, was ich tun musste.“
2) Regrets, I've had a few
But then again, too few to mention
I did what I had to do
And saw it through without exemption.
I planned each charted course;
Each careful step along the byway,
But more, much more than this,
I did it my way.
Ich kann meinen Weg schrittweise finden. Und manches braucht mehrere Anläufe, wie das Lied selbst: Es heißt, Frank Sinatra habe am Anfang mit „My way“ gefremdelt, und doch ist er damit berühmt geworden, schließlich hat er das Lied über tausendmal gesungen. Dieses Lied, das er gar nicht alleine erschaffen hat. Da war Jaques Revaux, dem die Melodie eingefallen ist, da war der Sänger Claude Francois, der es zuerst interpretiert hat, dann Paul Anka, der dem Song den neuen Text verliehen hat. Erst dann hat es Frank Sinatra quasi in Empfang genommen.
„My way“ – Da geht ein Mensch den eigenen Weg, gleichzeitig lässt er sich inspirieren und wird erst zusammen mit anderen schöpferisch.
Wohl dem, der so auf sein Leben zurückschauen kann wie es im Lied heißt: „Ich stellte mich dem Ganzen und ich stand aufrecht, und ich habe es auf meine Art gemacht.“
3) ... and did it my way.
Yes, it was my way.
Quellen: 1) Instrumentalversion, Peter Herbolzheimer SWF-Formation add. strings, My way, M0535943(AMS)
2) „Comme d´habitude“, Claude Francois, M0300410(AMS)
3) „My way“, Frank Sinatra, 50th
Anniversary Edition, Best of France - Vive la France, M0578782(AMS)
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Es war völlig klar, dass Franzi und Tessa dieses Jahr wieder einen auf Königin machen. Franzi ist meine Tochter und Tessa ihre Freundin. Die beiden lassen sich gerne begeistern, Franzi vor allem fürs Tanzen, und Tessa für die Feuerwehr. Und immer Anfang Januar begeistern sich die Mädchen für die Sternsinger.
Mit denen sind Franzi und Tessa zwei Tage lang in unserem Dorf unterwegs. Gestern haben sie schon stundenlang mit ihren Königskollegen die Häuser abgeklappert, und heute kommt noch der Rest dran. Kann sein, sie klingeln später auch noch an unserer Haustür, dann sehe ich sie da stehen, vielleicht sind sie ein bisschen verlegen. Und ich höre Franzi, wie sie ihr Sternsinger-Gedicht aufsagt:
„Frieden und sein Wohlgefallen, bietet Gott den Menschen allen.
In seinem Namen sind wir hier, schreiben den Segen an die Tür.“
Klingt altertümlich, ja. Aber wenn ich es von Franzi höre, und Tessa dann danach noch mit Kreide einen Segen an unsere Haustür schreibt, dann kommt dabei so viel Gutes zu mir rüber.
Denn wenn mir jemand einen Segen sagt, dann wünscht er mir Schutz und Gottes Beistand, und dass mein Leben gelingen möge. Und außer dem Segen bringen die Mädchen auch noch was ganz Handfestes mit: ihre Geld-Dose. In der sammeln sie Spenden für eine große Hilfsorganisation, bei der Kinder die Hauptakteure sind. Die Sternsinger sammeln für das Kindermissionswerk.
Also, für den Fall Sie sehen heute irgendwo Königinnen oder Könige. Es sind Kinder wie Franzi und Tessa, und sie bringen Segen und tun Gutes.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43615SWR3 Gedanken
Mit einem einzigen Foto kann man viel verändern. Der Fotograf Hyp Yerlikaya hat das bei mir geschafft. Seit ich dieses eine Foto von ihm gesehen habe, denke ich anders über das Thema Prostitution. Ich bin viel entschiedener dagegen, dass alles so bleibt wie es ist. Betroffene brauchen viel mehr Unterstützung.
Ich habe das Foto in einer Ausstellung mit dem Titel „gesichtslos“ entdeckt. Gerade sind die Bilder in Offenburg zu sehen, und entstanden sind sie in Mannheim. Dort hat Hyp Yerlikaya Frauen jahrelang mit der Kamera begleitet, zusammen mit der Beratungsstelle „Amalie“.
Auf dem Foto ist im Vordergrund ein 20-Euro-Schein zu sehen, angelehnt an so eine schlichte weiße Gesichtsmaske, wie man sie vielleicht aus dem Theater kennt. Und im Hintergrund sieht man verschwommen eine Frau stehen. Sie ist leicht bekleidet und schaut aus dem Fenster.
Ich habe dieses Foto gesehen und verstanden: wenn eine Frau als Prostituierte arbeitet, dann verliert sie ihr Gesicht, kaum jemand möchte sie wirklich sehen.
Außer den Frauen und Männern in den Beratungsstellen. Sie helfen, wenn eine Frau aussteigen möchte, auch wenn das fast nicht zu schaffen ist.
Unter dem Foto mit dem Geldschein lese ich, was eine Prostituierte in Mannheim zu ihrem Leben sagt: „Das Schönste ist, wenn sie dir das Geld geben. Dann weißt du, du siehst sie nie wieder.“
Ich frage mich: was sind schon 20 Euro? Dafür, dass ein Mensch einen anderen Menschen nur für sich benutzt.
Auch wenn es noch so schwierig, beunruhigend oder beklemmend ist, darüber müssen wir sprechen. Denn auch diese Frauen haben eine Würde und ihr ganz persönliches Gesicht.
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Prosit Neujahr.
Das klassische Gläschen Sekt nachts um zwölf gehört einfach dazu, völlig egal ob mit oder ohne Alkohol. Ich hab es schon in ganz unterschiedlichen Stimmungen getrunken. Verliebt und glücklich oder krank und enttäuscht. Voller Vorfreude und im nächsten Jahr dann wieder eher ängstlich und voller Bedenken, was im Neuen Jahr alles kommt.
Gestern kurz vor Mitternacht hat mein Freund Martin bei uns in der Runde einen „Sekt-Segen“ angekündigt. Ich war gespannt, und natürlich funktioniert der Segen auch mit Limo oder Mineralwasser. Als wir dann kurz vor zwölf die Gläser eingeschenkt haben, hat Martin gesagt:
„Wenn mir jetzt mein Glas eingeschenkt wird, bete ich: Gott, du beschenkst mich mit allem, was ich brauche.
Und wenn ich gleich anstoße, dann denke ich: Jesus, du machst mein Leben aufregend, vor allem dann, wenn ich in meinem Leben mit anderen in Kontakt komme.
Und wenn die Kohlensäure im Mund bizzelt, dann passt dieses Gebet: Heiliger Geist, wenn´s in meinem Leben prickelt, dann bist du dabei. Du lässt mich sogar manchmal überschäumen und dann ist deine Liebe perfekt.“
Dieser Sekt-Segen hat meinem Jahreswechsel eine ganz eigene Note gegeben.
In diesem Sinn will ich im neuen Jahr dankbar für alles sein, was mir geschenkt wird. Gutes Essen und genügend Zeit zur Erholung, aber auch schöne Musik und liebe Überraschungen. Ich freue mich auf Begegnungen, egal ob lange geplant oder ganz unverhofft. Und ich bitte um das Prickeln. Um die Lebendigkeit, wenn ich Liebe spüre oder Lust auf Neues bekomme oder darauf eine schöne alte Gewohnheit wieder neu auszugraben.
Prosit Neujahr!
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