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SWR Kultur Wort zum Tag
An der Wand im Flur lehnt schon der erste Fünferpack mit Kartons. Nur noch sieben Wochen bis zu meinem Umzug. Es ist Zeit, mit dem Packen und Aussortieren anzufangen. Entschlossen schneide ich das stabile Plastikband auf und falte den ersten Karton.
Dann öffne ich die oberste Schublade der Kommode im Flur. Tischdecken – kein Problem, rein damit. Daneben liegt ein Stapel Gebrauchsanweisungen – die Hälfte der Geräte habe ich gar nicht mehr ... weg damit. Ganz hinten in der Schublade ist ein kleiner Schmuckkarton. Ich finde darin Dekomaterial aus dem Büro meiner vorletzten Stelle. Mit einem Lächeln denke ich an die wunderbaren Kolleginnen dort. Plötzlich kommen mir Tränen – eine dieser Kolleginnen ist letztes Jahr gestorben.
Eine ganze Weile knie ich zwischen Karton und Kommode und erinnere mich an gemeinsame Projekte und schwelge in Erinnerungen. Schließlich nehme ich einen einzigen Gegenstand heraus und lege ihn in die Umzugskiste.
In der nächsten Schublade sind die Fotoalben. Ich blättere darin. Da sind Fotos von Menschen, zu denen der Kontakt abgerissen ist. Dann schaue ich mir Bilder aus unbeschwerten Zeiten an. Ich lächle und werde ein wenig melancholisch. Als ich die Alben endlich in die Umzugskiste packe, spüre ich eine tiefe Dankbarkeit für alles, was ich erlebt, überstanden, verwunden habe.
Die schwierige Zeit als junge Erwachsene mit all diesen Unsicherheiten: wer ich bin, was ich kann, was ich will. Die ersten beruflichen Erfahrungen – Sternstunden und Irrtümer. Die Kinder mit ihren ganz eigenen Temperamenten. Und so viele Menschen, die wichtige Ereignisse ihres Lebens mit mir geteilt haben. Kostbare Erfahrungen.
Nach drei Stunden bin ich durch mit Erinnern, Sortieren, Entscheiden. Ich mache meinen ersten Umzugskarton zu und beschrifte ihn. Bei den Büchern wird es hoffentlich schneller gehen.
Gut gefüllt ist auch mein Herz nach diesem Rückblick auf so viel eigenes Leben in den letzten Jahren. So viele Menschen haben mein Leben bereichert und geformt. Vielleicht haben sie ja gespürt, dass ich heute an sie gedacht habe. Und in mir selbst breitet sich eine tiefe Dankbarkeit aus. Ich bin diesen Menschen dankbar, ich bin dem Leben dankbar, ich bin Gott dankbar. Für alle Menschen in meinem Leben, für alle Niederlagen, für jede Freude und jede Veränderung. Mir ist klar geworden: Egal, was ich an meinem nächsten Wohnort erlebe, ich werde immer wieder Grund haben, dankbar zu sein. Und auch für diese Sicht aufs Leben bin ich dankbar.
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Da sitze ich also wieder auf der Klavierbank vor dem Flügel. Mein Klavierlehrer schaut mich aufmunternd an. Ich atme nervös ein, halte die Luft an, lege los und mache sofort einen Fehler. „Nochmal“, sage ich aufgeregt und versuche es ein zweites Mal. Umsonst – ich scheitere an derselben Stelle.
„Erst anfangen, wenn du dir sicher bist“, sagt Paul freundlich. „Überlege dir, welche Noten kommen, wo die Finger liegen und atme nicht nur ein, sondern auch aus.“
Seit gut einem Jahr müht sich Paul, mir Klavierspielen beizubringen. Dabei quält er mich nicht mit eintönigen Übungen, sondern erläutert mir an kleinen hübschen Stücken Musiktheorie, Fingersatz und Variationsmöglichkeiten.
Als ich mit einem Stück besonders kämpfe und mein Blick hektisch zwischen Noten und Tasten hin- und herfliegt, unterbricht er mich.
„Nicht nach unten schauen. Spiel immer erst dann den nächsten Ton, wenn du spürst, dass du auf der richtigen Taste bist. Erspüre dir die Töne. Mach ganz langsam, so lange du eben brauchst, um den nächsten Ton zu finden. Sie sind alle für dich da.“
Ich bin irritiert. Ich empfinde es genau umgekehrt: Ich bin dafür da, die Noten in der richtigen Reihenfolge zu spielen, damit die Melodie zu hören ist, die da steht.
Trotzdem versuche ich zaghaft, seine Anweisung umzusetzen. Es kostet mich Riesenüberwindung, nicht nach unten zu schauen und mich allein auf meine Hände zu verlassen. Doch es funktioniert. Nicht sofort, aber mit jedem Mal gewinne ich etwas mehr Sicherheit. Tastend gewinne ich Überblick.
Eigentlich, denke ich, ist das mit dem Klavierspielen wie mit dem echten Leben:
Es geht darum, Orientierung zu gewinnen und das Leben zu gestalten.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ heißt es in einem alten Psalmgebet.
Das kann ich voller Überzeugung mitsprechen. Ich empfinde mein Leben tatsächlich als einen weiten Raum, in den mich Gott gestellt hat, gespannt darauf, wie ich diesen Raum durchschreite und gestalte. Und auch hier gilt: Erst wenn ich mich davon befreie, ständig ängstlich auf meine Füße zu schauen, nehme ich wahr, wie weit mein Lebensraum ist. Tastend gewinne ich Überblick und lerne, meine Schritte fest und zuversichtlich zu setzen.
Wie mein Klavierlehrer lässt mir Gott dabei viel Freiheit. Dabei mache ich auch mal Fehler und lerne dann, wie ich besser im Leben zurechtkomme.
Zum Glück ist Gott mindestens so freundlich und geduldig wie mein Klavierlehrer. Weil es Gott darum geht, dass ich meinen Lebensraum entdecke und meine eigene Melodie.
Ich übe weiter. Klavierspielen und Leben!
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Frühling, Sommer, Herbst und Winter – so geht der Jahreskreis. So habe ich das in der Grundschule gelernt. Und so zähle ich ihn noch heute:
Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter – Was mich aber schon in der Grundschule an dieser Reihenfolge irritiert hat: Das Jahr beginnt ja mit dem Januar. Und im Januar ist es bekanntlich Winter!
Tatsächlich ist die Festlegung auf den 1. Januar als Jahresbeginn in Europa erst wenige hundert Jahre alt. Unser Sprachgebrauch hat also eine viel ältere Tradition erhalten: nämlich den Jahresbeginn auf die Zeit zu legen, in der die Natur wieder loslegt und grünt und blüht und wächst. Im Kreislauf der Natur beginnt alles im Frühling.
Trotzdem bin ich inzwischen mit dem Jahresstart im Januar ganz zufrieden.
Mir gefällt es, dass das Kalenderjahr mitten im Winter startet, in einer Zeit, in der alles erstarrt wirkt und wenig lebendig. In der sich scheinbar gar nichts tut. Dabei arbeitet es ja unsichtbar im Innern der Erde. Und aus dem Beginn im scheinbar Erstorbenen bricht im Laufe der nächsten Wochen und Monate überbordende Lebendigkeit hervor. Mit dem fortschreitenden Jahr verliert die Erde ihre Starre, ihre Kargheit.
Unser Jahresbeginn im Januar markiert für mich eine geistliche Einsicht: Unsere Erde ist immer lebendig, weil in ihr Gottes Schöpfungsgeist atmet und wirkt.
Weil mitten im Winter unter der Erde schon die Triebe entstehen. Weil die längeren Tageslichtzeiten das Wachstum der Pflanzen anregen und die Tiere aus ihrem Winterschlaf aufweckt. Weil zum Sommer hin alles wuchert, wächst und blüht. Weil im Herbst Früchte reifen, Blätter sich verfärben, und weil dann langsam Ruhe einkehrt und die Erde verschnauft.
Unser Jahreskreis lässt uns teilhaben am Geheimnis von Veränderung, Wandel, Transformation. Alles, was lebt, verändert sich und nichts geht wirklich verloren.
Leben bedeutet sich verändern. Ich stelle mir vor, dass im Zentrum aller dieser Veränderungen Gottes Geist wirkt. Und dass dieser lebendige Geist nicht nur die Natur unaufhörlich bewegt und verändert, sondern auch uns Menschen mit unserem Bewusstsein.
Im Vertrauen auf diese Geisteskraft zu leben, hilft mir, Veränderungen zu bejahen und zu leben. Gottes Schöpfungskraft ist unerschöpflich, verändert, wandelt und bringt immer wieder Neues hervor.
Frühling. Sommer, Herbst und Winter - es ist egal, wie die Jahreszeiten gereiht werden – Gottes Geist wirkt das ganze Jahr. In der Natur, In uns.
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Neulich habe ich einen neuen Begriff gelernt: Zentraler Bergungsort. Genauer: Zentraler Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Ort befindet sich ganz in der Nähe meines Wohnorts.
In einem ehemaligen Bergwerksstollen bei Freiburg liegt die Kultur unseres Landes geborgen. Seit 50 Jahren werden hier in speziell gearbeiteten Edelstahlfässern wichtige politische und kulturelle Ereignisse gelagert. Selbst wenn eine Katastrophe alle überirdischen Archive zerstören sollte und alle Bücher verbrennen, könnten Menschen in der Zukunft nachvollziehen, was genau zum Beispiel 1968 in Deutschland geschehen ist. Oder das Protokoll der Wannsee-Konferenz nachlesen. Sogar die Bannandrohungsbulle gegen Luther findet sich dort. Allerdings müssen die Menschen der fernen Zukunft dann auch in der Lage sein, Mikrofilme zu lesen. Denn das ist das Trägermaterial der deutschen Dokumentenschätze. Immer wieder kommen neue, abfotografierte Dokumente hinzu. Dort im Barbarastollen schlummern sie vor Katastrophen aller Art geschützt ihren Dornröschenschlaf. Mir imponiert diese besondere Schatzkammer, ja ich finde diesen Zentralen Bergungsort sogar beruhigend, weil so nichts verloren geht. Und gleichzeitig finde ich es auch ein bisschen merkwürdig:
Wenn ich mir vorstelle, dass irgendwann einmal Menschen ohne jeden lebendigen Bezug die Noten von Bachs Weihnachtsoratorium auf Mikrofilm entdecken. Oder die RAF-Prozessakten lesen oder die Berichte über die Tage im November 1989, als Menschen im Osten unblutig eine Revolution gelungen ist. Eine Überlieferung nackter Tatsachen, denen der Zusammenhang mit dem Leben der Finder fehlt.
Ich glaube, deswegen fasziniert mich die Bibel so sehr. Dieses Buch mit seinen uralten Texten, die über Jahrhunderte immer wieder abgeschrieben und weitergegeben wurden. Und die dabei jeweils neu verstanden, verändert und ausgelegt wurden und werden. Dieses Buch lebt! Die Bibel lebt, weil ihre Erzählungen nicht nur gelesen werden. Sondern sie werden erzählt und gesungen, gebetet und weitergedacht. Sie regen in jedem Alter und auf der ganzen Welt Menschen dazu an, sich damit auseinander zu setzen, weil diese alten Geschichten Menschen immer wieder neu herausfordern. Weil sie immer wieder neu dazu führen, dass Menschen ihr Handeln im Jetzt überdenken. Weil die Bibel kein Buch vergangener Zeiten ist, sondern ins Hier und Heute spricht und dadurch Zukunft gestalten hilft.
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In meinem Wohnviertel gibt es ein Schaufenster, vor dem ich gerne stehen bleibe. Dort finde ich immer wieder neue originelle Kunstinstallationen. Manche Objekte leuchten, andere bewegen sich oder pulsieren.
Am Tag der Offenen Ateliers wage ich es endlich, die Klinke an der einfachen Türe zu drücken und den Raum dahinter zu betreten. Ich schlendere durch das Atelier. Ein altmodisches Telefon zieht mich an. Anstelle des Hörers liegt da eine schwere Hantel. Ich hebe die Hantel an, und lese auf dem Schildchen darunter „Heavy Talk“ – Schweres Gespräch. Witzig! Dann spreche ich mit dem Künstler. Konrad Wallmeier antwortet bereitwillig auf meine Fragen und zeigt mir seinen Arbeitsraum. Dort bemerke ich ein etwas schäbiges Kruzifix an der Wand. Keinen halben Meter misst die schmale Holzlatte des Kreuzes. Der ebenfalls hölzerne Jesus ist mit einer hellen Farbe angestrichen, die abblättert. Das Kruzifix wirkt irgendwie verloren.
Aber was ist das? Am Stamm des Kreuzes ist eine Diode angebracht. „Das ist ein Pulsmesser“, sagt der Künstler. Echt? Ich lege einen Finger auf die Diode. Sofort beginnen an dem Körper des Gekreuzigten fünf Stellen rot aufzuleuchten. Die Wundmale Jesu – jetzt blinken sie im Takt meines Pulses! Der Anblick berührt mich. Der Rhythmus meines Blutflusses, die Druckwellen meines Herzschlags, lassen die Wunden auf dem Jesuskörper leuchten. Und durch die roten Lämpchen wirkt es beinahe, als ob Jesus selbst blutet.
Eine ganze Weile lasse ich meinen Finger auf der Diode, dann legt Konrad Wallmeier seinen Finger auf. Die Wundmale leuchten in einem anderen Rhythmus, sie reagieren auf den Puls des Künstlers. Ich überlege, dass wahrscheinlich jeder Mensch nicht nur seinen eigenen Puls, sondern auch sein ganz eigenes Verhältnis zu Jesus hat. Und dass wir auf wunderbare Weise mit Jesus verbunden sind, auch wenn uns vielleicht gar nichts daran liegt. Es ist eine Blutsverwandtschaft der eigenen Art. Über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg.
Ich kann nicht anders: Ich lege meinen Finger nochmal auf den Pulsmesser. Die Wunden blinken wieder im Takt meines Pulses. Diese sichtbare Verbindung zu Jesus tut mir gut.
Als ich das Atelier etwas später verlasse, fühle ich instinktiv nach meinem Puls am Handgelenk. Das sanfte Pochen erinnert mich an den blinkenden Jesuskörper. Und mir wird klar: da liegt meine Verbindung zu Jesus. Im Leben und im Sterben.
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Ikonen malen - das ist eine jahrhundertealte Kunst. Viel Aufwand und Kenntnis stecken in den Heiligenbildern auf den Holztafeln. In den orthodoxen Kirchen gehört das Betrachten von Ikonen zu einem frommen Leben unbedingt dazu. Gläubige vertiefen sich in den Kirchen in den Anblick der Bilder und erleben so die Nähe Gottes. Fenster zum Heiligen, werden Ikonen deswegen auch genannt.
Es bedarf einer speziellen Ausbildung, um die Holzflächen entsprechend zu behandeln und dann – im Gebet – die Farben aufzutragen. Manche Ikonen sind dadurch nach Hunderten von Jahren noch voller Strahlkraft. Und sie sind nicht nur ein großer Kunstschatz in den Kirchen, sondern werden auch innerhalb von Familien von Generation zu Generation weitergegeben. So verwebt sich auch Familiengeschichte in die besonderen Bilder hinein.
In der Ukraine sind nun neue Ikonen entstanden. Sonia Atlantova und Oleksandr Klymenko haben dafür Reste leerer Munitionskisten verwendet. Kisten, die vielen den Tod gebracht haben. Das russische Militär hat sie zurückgelassen. Auf die rohen Seitenbretter und Deckel dieser Todeskisten malt das Künstlerpaar klassische Ikonen. Sie arbeiten ohne Grundierung und benutzen Farben, die sie teilweise aus der Asche, dem Rost und der Erde um die Kisten herum anmischen.
Ich schaue mir die Bilder an, die zurzeit in Freiburg ausgestellt sind und stelle fest: Die Umrisse der Madonna mit Kind haben einen grauen Farbton, das Rot im Gewand des Erzengels Michael hat einen Stich ins Rostige. Doch ansonsten zieren die Bretter die vertrauten Bildnisse von Heiligen, Engeln, Christus und Maria. Nur dass hin und wieder verbogene Nägel im Bildnis stecken, das Holz zersplittert ist oder ein Militärstempel durchschimmert. Eine Madonna hat sogar einen Heiligenschein aus platt gedrückten Patronenhülsen. Und auf einer anderen Ikone wirkt die Spaltung im Holz wie eine Tränenspur im Gesicht Marias. Durch die unbehandelten Bretter ist der Krieg in seiner Rohheit beängstigend präsent. Und gleichzeitig spricht aus diesen Ikonen die tiefe Überzeugung: Leben ist und bleibt heilig. Egal wieviel Tod Menschen über Menschen bringen, es gibt einen Bereich, den kein Mensch zerstören kann. Diesen Bereich bezeugen die Heiligen, bezeugt der auferstandene Christus, die Madonna mit dem Kind.
Die Ikonen aus den Munitionskisten sprechen zu mir darüber, dass Gewalt niemals das letzte Wort haben wird. Gerade weil diese Ikonen nicht für die Ewigkeit gemacht sind, bin ich überzeugt: Bis ihre Farben eines Tages verblassen oder das Holz so morsch wird, dass es bricht, wird der Krieg in der Ukraine Geschichte sein. Und das Land hoffentlich im Frieden wieder aufblühen.
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„Doktor Esperanto“ - also Doktor der Hoffenden – war sein Pseudonym. Eigentlich hieß er Ludwik Zamenhof und hat als Augenarzt in Städten des heutigen Litauen und Polen gearbeitet. Als säkularer Jude hat er in seinen Jugendjahren immer wieder Anfeindungen, ja Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung erlebt. Für ihn war klar: Absondern hilft nicht. Im Gegenteil: Je mehr Menschen miteinander im Kontakt sind und dabei Gemeinsamkeiten entdecken, desto besser leben sie zusammen. Selber mit Jiddisch, Russisch, Polnisch, Deutsch und Französisch aufgewachsen, hat Zamenhof deshalb lange Zeit an einer Plansprache getüftelt. Sein Ziel: eine einfache Sprache, in der sich möglichst viele ohne großen Lernaufwand verständigen können. Das Pseudonym ist zum Namen der Sprache geworden, und heute gibt es eine weltweite Esperanto-Community von Finnland bis Chile, von Hongkong bis Neuseeland. Die Lust an der gemeinsamen Sprache hat dazu geführt, dass es einen weltweiten kulturellen Austausch gibt. Kochrezepte, traditionelle Tänze, Kunstwerke: über alle Grenzen hinweg feiert die Esperanto-Community die Vielfalt als Gemeinschaft.
Esperanto als Sprache für alle, das erinnert mich an die biblische Pfingstgeschichte. Also an die Erzählung, wie Menschen durch den Heiligen Geist sich plötzlich verstehen konnten, obwohl sie völlig andere Muttersprachen hatten. Und wenn die Sprache kein Problem mehr ist, wird mehr möglich. Zum Beispiel Verständigung auf unterschiedliche Werte in unterschiedlichen Sprachen: Eine Art Werte-Esperanto – das wäre für unsere Religionen doch auch eine gute Idee. Zusammenbringen, was uns eint, das gemeinsam durchdeklinieren und dann so miteinander leben.
Der katholische Theologe Hans Küng hat das vor etlichen Jahren schon mal probiert. Aus seinem Projekt Weltethos ist inzwischen eine Stiftung geworden, die sich für universale ethische Prinzipien einsetzt. Denn Küng hat herausgefunden: Wenn es darum geht, wie wir menschlich miteinander umgehen, dann gibt es kaum Unterschiede zwischen dem, was Hinduismus, Christentum, Islam, Buddhismus, Judentum, Bahai oder Taoismus dazu sagen.
Das finde ich ermutigend! Ob Esperanto oder Projekt Weltethos – bei all den Spaltungen und Ausgrenzungen in unserer Zeit gibt es auch Gruppen, die zeigen: es geht auch anders! Nämlich gemeinsam!
Und heute ist Esperanto-Tag. Ein guter Tag, um mal wieder die Hoffnung stark zu machen, dass wir als Menschen alle zusammengehören und uns viele Werte verbinden.
Genau diesen Satz probier‘ ich mal auf Esperanto: kiel homoj, ni ĉiuj apartenas kune kaj ni dividas multajn valorojn.
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Bei meiner täglichen Runde mit dem Hund komme ich immer wieder an einer Laterne mit vielen Aufklebern vorbei. An einem bleibt mein Blick immer wieder hängen: „Der Trick ist zu atmen!“ Eine Praxis für integrierte Körperarbeit benutzt diesen Spruch als Werbung.
Der Trick ist zu atmen. Ja! Mache ich ja auch, und meistens, ohne darüber nachzudenken. Aber es gibt ja auch die besonderen Situationen, in denen ich ganz bewusst atme: Erst mal Durchatmen vor einer schwierigen Situation. Aufatmen, wenn etwas gerade nochmal gut gegangen ist. Ausatmen nach einer Anstrengung, und dann entspannen.
Was mich an diesem bewussten Atmen fasziniert, ist die kleine Pause, das kleine Nichts, das entsteht, wenn wir ein- und dann wieder ausgeatmet haben. Denn nach dem Ausatmen holen wir nicht gleich wieder Luft, sondern einen Moment lang passiert nichts. Da steht sozusagen alles still. Und so entsteht Raum für Gott.
Gott Raum lassen. Nicht alles selber regeln. Das geht am besten, wenn ich bewusst dem folge, was mein Atmen unbewusst schon immer tut: Ich hole Luft. Ich atme aus. Ich bin still. Passiv. Erfahren, dass ich getragen bin, auch ganz ohne eigenes Tun. In dieser kleinen Atemlücke spüre ich dann Gottes Pulsschlag in mir. Auf diese Weise bin ich mit Gott verbunden. Mir gefällt besonders der Gedanke, dass Gott so in allen Menschen lebendig ist.
Gott wirkt in und mit uns, hat in uns Raum. Deswegen finde ich es gut, wenn ganz real Räume entstehen, Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen darüber reden, wie sie Gott erfahren und ihren Glauben leben.
In Berlin entsteht zum Beispiel gerade das ‚House of one‘, ein Ort, an dem Menschen der abrahamitischen Religionen sich treffen, diskutieren und voneinander lernen. Den Stammesvater Abraham gibt es eben nicht nur in der Tora und in der Bibel, sondern auch im Koran. Für alle drei Religionen verbindet sich mit diesem Namen die Entdeckung: es gibt nur einen Gott. Was das bedeutet für die Gläubigen der unterschiedlichen Religionen, darüber gibt es intensive Gespräche. Trotz unterschiedlicher Positionen wird deutlich, was alle miteinander verbindet.
Wenn es doch mehr solcher Häuser gäbe, in denen wir miteinander den Pulsschlag Gottes spüren und leben! Ich wünsche mir ja, dass unsere Kirchen solche Räume werden. Räume, in denen wir erst einmal still werden und auf diesen kleinen Moment zwischen Ausatmen und wieder Einatmen achten. Wo wir spüren, dass Gottes Puls in jedem Menschen schlägt.
Denn Gott trägt uns und schenkt uns Atem, damit wir dann füreinander und miteinander handeln.
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Ich habe ja schon viele Darstellungen des Gekreuzigten gesehen. Aber in dieser Kirche in Sachsen bin ich richtig erschrocken: Im ersten Moment habe ich wirklich gedacht, da hängt einer in echt am Kreuz! Das lag wohl an den Haaren: Der gekreuzigte Jesus hatte eine Echthaarperücke mit Dornenkrone auf dem Kopf. Dadurch wirkt die ganze Figur sofort völlig realistisch. Sonst interessiert mich Kirchenkunst eher als Ausdruck einer Epoche, aber beim Anblick dieses Gekreuzigten mit Haaren hat mich sofort ein Schauer gepackt. Den Schmerz, das Leid, die Ohnmacht - alles habe ich unmittelbar gespürt. Genau das war vermutlich auch die Absicht des Holzbildhauers, als er diese Figur vor über 500 Jahren geschaffen hat:
Die Menschen, die diesen Jesus am Kreuz betrachten, sollten sich Jesus und seinem Sterben unmittelbar nahe fühlen. Bei mir hat es funktioniert.
"Gruselig", haben meine Kinder gesagt, als ich ihnen ein Foto davon gezeigt habe. Aber das eigentlich Gruselige ist ja, dass dieser Schmerz, dieses Leid, diese Ohnmacht nach wie vor für unendlich viele Menschen Realität ist. Dass an so vielen Orten auf der Welt Menschen gequält, gefoltert, umgebracht werden. Der gefolterte, gekreuzigte und getötete Jesus führt mir diese Realität vor Augen. Überall auf der Welt werden Menschen verschleppt und getötet, ohne Zeugen, ohne Grab.
Solche Jesusfiguren mit echten Haaren gibt es eigentlich eher in südlichen Ländern. Aber über Nürnberg hat sich der Brauch wohl im 15. Jahrhundert auch in Deutschland verbreitet. Inzwischen ist mir in mehreren Kirchen in Sachsen und Brandenburg ein solcher Echthaar-Jesus begegnet. Ich erschrecke jetzt nicht mehr. Ich bleibe stattdessen stehen und denke an die Menschen, die ganz real, genau jetzt Qualen leiden. Dabei stelle ich mir dann vor, dass Jesus diese Qualen teilt, dass er mitleidet und mitstirbt. Freiwillig. Aus Solidarität und aus Liebe. Wenn ich auf diese Weise vor einem Kreuz stehe, spüre ich auch den Impuls, selbst solidarisch zu sein. Vielleicht ist ein erster Schritt dazu, die Nachrichten über Gewalttaten anzuhören und auszuhalten, anstatt sie auszuschalten. Vor allem aber kann ich in meiner direkten Umgebung reagieren, wenn Leute übergriffig werden, andere verletzen und beschämen. Vielleicht kann ich ja so manches kleinere Leid verhindern.
Der Echthaar-Jesus am Kreuz erinnert mich jedenfalls daran: Wo Leid geschieht, leidet Gott mit. Und wo Leid verhindert wird, können Menschen neue Gemeinschaft wagen. Ich glaube, unsere Gesellschaft braucht genau das: Solidarität mit den Gequälten in dieser Welt. Und mutige Gemeinschaften, die Gewalt benennen und stoppen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42598SWR3 Gedanken
Leutetheologie – das klingt neu. Als Begriff ist es das auch. Aber eigentlich gibt es Leutetheologie schon immer und überall.
Meine Freundin Carola ist eine Leutetheologin: in ihren Meditationsübungen erfährt sie immer wieder neue Seiten an Gott und erzählt mir davon. Cornelius, ein guter Bekannter, ist ein Leutetheologe. Er beschreibt mir seine Vorstellung vom Tod als den Moment, in dem er den Sinn seines Lebens verstehen wird. Die 15-jährige Tochter meiner Nachbarin ist eine Leutetheologin. Sie hat sich Jesus als ‘bestfriend’ ausgesucht. Und sie bespricht mit ihm alles, was sie beschäftigt.
Leutetheologie - oder noch besser Leutetheologien - sind überall da, wo Menschen über den Sinn ihres Lebens nachdenken, wo sie nach Antworten suchen, wo sie gelebte Werte reflektieren und ins Gespräch gehen. Und deswegen besteht die Bibel selbst eigentlich auch aus ‘Leutetheologie’. So viele Menschen haben über lange Zeit daran geschrieben, haben eingebracht, wie und wo sie Gott erlebt haben. Je länger ich lebe und mich mit diesen vielschichtigen Texten auseinandersetze, desto stärker sprechen sie in mein Leben hinein.
Daraus wird dann meine eigene Leutetheologie. Und darüber komme ich gerne ins Gespräch. Mit Carola, Cornelius und der Nachbarstochter. Und mit vielen anderen. Ich will hören, was und wie andere denken, glauben, leben. Einfach so, von Leutetheologin zu Leutetheologin.
Einfach so, weil Gott ja auch mal Mensch geworden ist und unter den Leuten war.
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