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05MRZ2022
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Manchmal bekomme ich auf einen Beitrag wie diesen Reaktionen. Der eine ruft berührt an, die andere schreibt verärgert eine E-Mail und einer meint, ich hätte doch die Gelegenheit „im Radio“ nutzen müssen, um den Menschen „das alles mit Gott“ einmal richtig zu erklären.

Das ist eine gute Idee, aber kann ich das? „Das alles mit Gott“ - in nicht einmal drei Minuten? Von denen jetzt schon die ersten 30 Sekunden vorbei sind? Komme ich durch, während einer die Katze füttert und eine andere Fleischbrät für die Maultaschen vorbereitet?

Ich würde „das alles“ wahrscheinlich mit sehr einfachen Worten sagen. So, wie ich es vor Kurzem einem 10jährigen Freund erklärt habe. Dem habe ich gesagt: Gott hat dich lieb. Das ist das Erste und Wichtigste, das du wissen musst. Und wenn dich niemand auf der ganzen Welt lieb zu haben scheint: Er hat dich lieb. Er hat dein Leben von Anfang an gewollt. Er wollte, dass du lebst und ihm vertraust und ihn kennenlernst.

Er zeigt sich in deinem Leben. Schau nur hin! - Schau, wie schön die Welt ist und wie alles zusammenpasst. Und wir sind ein Teil dieser Welt – wunderschön und geliebt.

Und Jesus? Jesus ist die Liebe Gottes, die sich in einen Menschen verwandelt hat. Gott liebt uns so sehr, dass er es in seinem Himmel nicht mehr aushält. Er kommt zu uns. Das ist ein Wunder und ein Glück! – so sage ich das meinem 10jährigen Freund.

Manchmal machen wir Fehler, sage ich ihm. Wir tun anderen weh, wir lügen. Und dann tut es uns wieder leid und es macht das Herz schwer. Irgendwie passt es nicht zusammen mit dem, dass wir wunderschön sind.

Jesus hat das, was dein Herz schwer macht, mit sich in den Tod genommen. All die belastenden Gefühle und alles, was sich so anfühlt, als ob wir nicht zu Gott passen, das ist „gestorben“.

Du bist frei! Jesus ist nicht im Tod geblieben, sondern lebt. Du kannst ihm vertrauen, dass nichts dich von der Liebe Gottes trennen kann. Gott hat dich lieb. Das ist das Erste und Wichtigste, das du wissen musst.

Und ich sage meinen 10jährigen Freund: Wer auf die Liebe Gottes vertraut, wird selbst zu einem liebenden Menschen. Du spürst, dass Gott in dir lebt. Du merkst, dass in dir eine Kraft ist, eine Energie, die aus der Liebe Gottes kommt und selbst zur Liebe wird. Der Heilige Geist, das ist Gott in dir. Gott zeigt dir immer wieder, was gut ist: „Behandle deine Mitmenschen so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.“

Das ist kein „Muss“ mehr, sondern wie Atmen, wie der Atem Gottes in dir. So ungefähr würde ich „das alles“ auch „im Radio“ sagen. Und das Wichtigste ist: Gott hat dich lieb.

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Männer! Männer können so stur sein! Wie oft höre ich das, wenn ich in einem Trauerhaushalt bin. Männer diskutieren nicht, sie verlassen den Raum oder werden laut. Sie wollen, dass alles so weitergeht wie es immer ging. Auch dann, wenn sie eigentlich nicht mehr Auto fahren sollten, setzen sie sich ans Steuer… Gerade bei älteren Männern heißt es – bei aller Liebe -, sie seien eben stur gewesen. Mit dem Kopf durch die Wand, ohne Rücksicht auf Verluste, verhärtet, verkämpft seien sie gewesen. Nach ihren Vorstellungen, nur nach ihrem Willen haben es gehen müssen, sie hätten sich nicht auf Neues eingelassen.

Ich bin auch ein Mann. Und ich fürchte, dass das, was man heute bei mir als „Entschiedenheit“ bezeichnet, einmal zur Sturheit wird. Ich habe Sorge, dass das, was heute „Durchsetzungskraft“ heißt, morgen ein ausgewachsener Dickkopf ist. Und meine „klare Kante“ ist irgendwann einmal Unverbesserlichkeit.

Deshalb höre ich auch ganz genau hin, wenn bei einem Menschen genau das nicht gesagt wird: dass er ein Sturkopf gewesen sei. Es könnte ja sein, dass ich etwas lernen kann.

Eine Antwort habe ich tatsächlich schon gefunden. Sie klingt ganz einfach und heißt: „Dankbarkeit ist das Gegenteil von Sturheit.“ Ältere und alte Männer, die dankbar waren, wurden von ihrem Umfeld offenbar nicht als so stur empfunden, sondern als friedfertig und versöhnlich

In der Bibel findet sich ein ähnlicher Zusammenhang. Da heißt es einmal: „Der Frieden, den Christus schenkt, soll euer ganzes Denken und Tun bestimmen. (…) Seid dankbar!“ (Kolosser 3,15) Frieden und Dankbarkeit gehören zusammen. Dankbarkeit ist das Gegenteil von Sturheit, denn sie macht friedfertig und versöhnlich.

Nun halte ich mich tatsächlich für einen dankbaren Menschen.
„Seid dankbar“? Die Aufforderung, dankbar zu sein, brauche ich nicht. Aber es geht eben nicht nur darum, irgendwo tief in sich dankbar zu sein. „Zeigt eure Dankbarkeit!“ Das ist gemeint.

Also: Einfach mal sagen, was in einem ist, auch wenn es einem schwer über die Lippen geht: „Danke!“ Einfach mal sehen, dass es gut gemeint ist, was die Kinder einem da vorschlagen – und es auch sagen: „Danke! Es fällt mir schwer, wenn sich etwas ändert, aber danke, dass ihr mir dabei zur Seite steht. Ich will das nicht, aber ich bin dankbar, dass ihr euch Gedanken macht.“ – Das ist es, was den Unterschied macht, wie Männer in Erinnerung bleiben – friedfertig oder stur. Die Dankbarkeit macht den Unterschied.

Männer! Männer können so dankbar sein! Ich möchte einmal in Erinnerung bleiben als ein Mensch, der wenigstens ein wenig Frieden und Dankbarkeit verbreitet hat.

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03MRZ2022
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Wenn es ums Fasten geht denke ich oft an Tante Sabine: Vor Hochzeiten und Jubiläen, Konfirmationen und den großen Geburtstagsfesten in der Verwandtschaft reduzierte Tante Sabine ihre Mahlzeiten für ein bis zwei Wochen: Ein ganz kleines Frühstück, eine Brühe am Mittag und etwas Gemüse am Abend – das reichte ihr.

Ich habe keine Ahnung, ob das ihrem Körper gutgetan hat. Aber ich kann mich noch gut an ihre strahlenden Augen erinnern, an ihre freudigen Kommentare und ihre glückliche Zufriedenheit, wenn es schlesischen Kartoffelsalat gab. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie mehr essen würde als andere bei diesen Festen. Aber sie genoss jeden Bissen.

In der Tradition meiner Kirche gibt es keine empfohlenen Fastenzeiten.
Aber ich kenne viele Menschen, die entdeckt haben, dass es ihnen guttut, für eine begrenzte Zeit auf etwas zu verzichten. Sie essen weniger, verzichten auf Alkohol, schalten YouTube, facebook und Insta ab, sie fahren weniger mit dem Auto und bewegen sich mehr zu Fuß. Jetzt, in den 7 Wochen vor Ostern, machen das Viele. Und sie tun es sicher auch, weil es ihnen guttut, weil sie sich leichter fühlen. Sie spüren, dass sie selbst ihr Leben gestalten können und unabhängiger sind als sie es dachten.

Und für einige ist es tatsächlich auch eine Zeit der Vorfreude. Sie wissen, dass Ostern kommt, das Fest der Auferstehung, das große Fastenbrechen. Wer auf das verzichtet, was das Leben manches Mal so sinnlos auffüllt, wird sensibler für das, was das Leben mit Sinn füllt.

Dieses Fasten mit Vorfreude hat sogar noch eine viel weiter gehende Bedeutung! Wenn es stimmt, was ich glaube, dann geht es nach dem Tod weiter. Wir Menschen kommen bei Gott an und feiern das wirkliche Fest der Auferstehung und das Ende von jedem Verzicht! Ich stelle mir vor, dass Gott uns Menschen entgegenlaufen wird und uns umarmt, jeden Einzelnen!

„Jetzt wird ein Fest für dich gefeiert!“  - das wird er jedem einzelnen Menschen sagen, der zaudernd und vorsichtig ankommt und hofft, dass er willkommen ist.

Wenn das stimmt, dann fällt es viel leichter, schon heute und hier auf manches zu verzichten.  Es muss gar nicht die Schokolade oder der Wein sein.mEin Verzicht darauf, das letzte Wort zu haben oder genau das Gleiche zu bekommen wie andere, das könnte auch ein Fasten sein - ein Verzicht aus Vorfreude.

Denn das, was wirklich wichtig ist, das gibt es alles dort, wo wir einmal ankommen: Gemeinschaft und Freude, Spaß auch und Lachen und Singen - und für Tante Sabine gibt es schlesischen Kartoffelsalat!

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02MRZ2022
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Ich hasse es, mein Auto freizukratzen. In diesem Winter musste ich das ein paar Mal: Eis auf allen Scheiben rundherum. Einmal bin ich eingestiegen und habe beim Starten erst bemerkt, dass meine Außenspiegel ebenfalls vereist waren. Ich konnte vor lauter Eis nicht nach hinten sehen. Bei beheizten Außenspiegeln erledigt sich das nach wenigen Minuten, doch ich wollte so nicht losfahren, bin ausgestiegen und habe für freie Sicht nach hinten gesorgt.

Während der Fahrt ist mir aufgefallen, dass das ein gutes Bild für viele Familienbeziehungen ist, die ich kennengelernt habe: Im Innenraum ist Wärme. Man ist sich selbst genug in der nächsten Familie und fühlt sich wohl.

Außen aber, in der weiteren Familie, sind die Spiegel vereist: die Streitereien rund ums Erbe, Konkurrenz zwischen Geschwistern, das Empfinden, das schwarze Schaf zu sein, Ungerechtigkeiten, Ablehnung des eigenen Lebensstils, mangelnde Wertschätzung – die Liste ist lang für die Gründe, warum der Blick zurück nicht mehr möglich ist, weil man immer nur das Eis sieht. Ein klares Bild ist unmöglich, immer ist da nur Frost und Kälte. Das Böse, das andere getan haben – niemand weiß mehr so ganz genau, was es war. Man redet nicht darüber und man redet nicht miteinander. Man schaut nicht zurück, denn da ist alles Eis und Minustemperatur.

Wer erlebt hat, dass das Vertrauen in der Familie missbraucht wurde, wird überall misstrauisch. Wo man auch hinschaut, ist da immer nur Eis. Wer erlebt hat, zum schwarzen Schaf gemacht zu werden, fühlt sich leicht ausgegrenzt. Beim Blick zurück ist da immer dieser Frost, der alle Bilder füllt.

Ich finde das schlimm. So behält das, was andere mir angetan haben, Macht über mich. Ich bin in einem Reich des ewigen Winters gefangen, sobald ich zurückschaue. Wie schön wäre es, wenn man dieses Eis einfach wegkratzen könnte, womöglich während der Fahrt!

Und, nein: Ich habe jetzt nicht das Patentrezept dafür, wie man das ganz genau macht. Ich glaube, dass es zuallererst wichtig ist, dass man es merkt. Dass man sieht, dass man nichts sieht, oder immer nur dasselbe.

„Gott, kratz das Eis vom Außenspiegel, bitte!“ – mir hilft es, wenn ich dann bete. Im Vaterunser heißt es: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ – das bedeutet auch nichts anderes als: „Bitte, kratz das Eis weg!“ Wie das genau geschieht, wird unterschiedlich sein. Immer macht es frei. Die Sicht und die Menschen.

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09DEZ2021
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Man sagt das so: „Da haben wir über Gott und die Welt geredet…“ – Wenn ich nachfrage, muss ich feststellen: Das stimmt gar nicht. Weil man über Gott nichts zu sagen wusste, blieb nur noch die Welt übrig.

Wenn ich in ein Trauerhaus komme, dann rede ich natürlich auch irgendwann über den Glauben, die Religion, die Kirchenzugehörigkeit der Verstorbenen. Das ist dann oft das erste Mal, dass der Glaube in einer Familie überhaupt zum Thema wird. Selbst Ehepartner, die seit „zig Jahren“ zusammen sind, wissen nichts vom Glauben des anderen.

Manchmal ergibt sich bei so einem Gespräch aus den Bruchstücken aber doch, dass da ein ganz eigener Glaube war, ganz eigene Erfahrungen. Eine Frau hat gebetet und ist von einer als unheilbar geltenden Krankheit geheilt gewesen – „Ich muss für meine Kinder da sein“, hat sie zu Gott gesagt – und bei der nächsten Untersuchung war der Tumor weg. Aber Jahrzehnte hat niemand mehr darüber gesprochen. Warum?

Da hat ein Mann sich jeden Abend Zeit dafür genommen, für alle seine Lieben zu beten. Und nur sein bester Freund weiß das, weil er das irgendwann einmal erzählt hat „nach dem fünften Bier oder so“… Seinen Lieben selbst hat er nie etwas davon erzählt hat. Warum?

Der ganz normale Glaube ist offenbar sehr intim. Man möchte nicht verwechselt werden mit denen, die von Haus zu Haus gehen oder irgendwelche Spezialthemen für besonders wichtig halten.

Doch gerade der ganz normale Glaube von denen, die nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen ist so wertvoll! In der Bibel heißt es immer wieder: „Ich will all deine Wunder erzählen“ (z.B. Psalm 9,2). – Wie viel Mut könnte das machen, wenn wir andere ganz selbstbewusst und selbstverständlich an diesem Teil unseres Lebens teilhaben lassen.

Ich wünsche mir das sehr, dass dieser normale, alltägliche Glaube geteilt wird.

Ich habe sehr viele Gründe für diesen Wunsch, aber die wichtigsten sind:

Es macht anderen Mut, wenn sie wissen, dass sie mit ihrem normalen Glauben nicht allein sind.

Wenn der persönliche Alltag nicht zu Wort kommt, dann wird er außerdem viel zu schnell reduziert: Stehlen, Töten und Ehe brechen – das fällt einem dann noch ein. Soll man alles nicht machen!

Das wichtigste Gebot ist aber, dass wir Gott lieben. Das ist sehr intim, aber wenn wir jemand oder etwas wirklich lieben, dann können wir halt doch nicht darüber schweigen, oder? Also reden wir doch über „Die Welt – und Gott“. Da fände ich schön.

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08DEZ2021
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Als der Wissenschaftler Albert Einstein von einem New Yorker Rabbiner gefragt wurde, ob er an Gott glaube, hat er keine direkte Antwort gegeben. „Ich bin kein Atheist“, hat er gesagt, „Das Problem ist für unseren begrenzten Geist zu gewaltig.“

Ich selbst bin mit Herz und Seele Christ, ich glaube an Gott – und ich habe großen Respekt vor allen, die skeptisch sind. Es gibt nicht wenige, die durch eigene Erfahrungen, durch die Geschichte der Religionsgemeinschaften oder durch wissenschaftliches Denken ihre Vorbehalte haben. Ich habe großen Respekt vor allen, die die Frage offenlassen – offenlassen müssen. „Das Problem ist für unseren begrenzten Geist zu gewaltig.“

Keine Angst, jetzt kommt nicht der Bekehrungsversuch! Ich habe wie gesagt Respekt davor, dass jemand die Frage offenlässt. Denn das ist alles andere als einfach.

Ein Naturwissenschaftler hat mir das einmal so erklärt, dass er einerseits keinen Beweis findet für Gott, doch er könne die Existenz eines höheren Wesens auch nicht ausschließen. „Die Welt ist voller Wunder“, so hat er gesagt: „Vielleicht gibt es Gott ja doch!“

Aus seiner Sicht, aus der Sicht des Physikers, der ein begeisterter Naturbeobachter ist, spricht einiges dafür. Ich habe in der halben Stunde, in der ich mich mit ihm unterhalten konnte, dann unglaublich viel über Skorpionmütter und Eisbären gehört, von der Bedeutung von Tiefseefischen, von Krill und der Vermehrung von Farn und vom einzigartigen Zusammenspiel der Planeten.

Ich habe gemerkt, da schaut jemand hin, mit offenen Augen, mit einem offenen Herzen. Und er ist berührt von der Schönheit nicht nur der Farben und Formen, sondern von der Schönheit „wie alles zusammenpasst“ und ineinandergreift. Das hat ihn als Wissenschaftler fasziniert und er konnte nicht anders als darin eine besondere Schönheit zu erkennen - und dahinter einen Plan oder einen schöpferischen Geist zumindest für möglich zu halten.

Interessiert hat er auch mir zugehört als ich ihm gesagt habe, dass sich in der Bibel der Glaube immer wieder am Sehen und Staunen festmacht. „HERR, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!“ so schließt der Psalm 8 ab, den ich in der Schule auswendig lernen musste.

Vielleicht wird ja aus dem Sehen und Staunen irgendwann ein Glauben? Die Welt ist voller Wunder. Vielleicht gibt es Gott ja doch.

Lassen wir das mal so offen. Es ist gar nicht so einfach, das offen zu lassen, und verdient Respekt.

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07DEZ2021
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„Herr, mein Gott, bei dir suche ich Schutz! Rette mich vor meinen Verfolgern, hilf mir!“ So beginnt der Psalm 7. In diesem Jahr habe ich mir vorgenommen, das Buch der Psalmen als Adventskalender zu benutzen. Das ist praktisch, dachte ich mir, denn die Psalmen, das sind Gebete und Lieder, die durchnummeriert sind. Tür Nummer 7 ist also der Psalm Nummer 7. Ein Liedtext, der jetzt aber gar nicht stimmungsvoll adventlich beginnt.

Jemand betet zu Gott, weil falsche Vorwürfe gegen ihn erhoben werden! „Hilf mir, sonst beißen sie mir die Kehle durch!“

Das kennen viele aus der Firma, aus der Familie, aus der Nachbarschaft – man wird gemobbt, weil irgendjemand ein Gerücht aufbringt. Es ist so schwer, sich dagegen zu wehren:

Sagt man nichts, läuft das Gerücht weiter. Sagt man etwas, bestätigt man, dass das überhaupt ein Thema ist. Beschwert man sich bei der Chefin, heißt es, dass man selbst Gerüchte streut. Redet man mit anderen Kolleginnen und Kollegen bringt man sie vielleicht selbst in eine schwierige Situation…

Es ist vertrackt und leider bleiben die, die Verleumdungen in Umlauf bringen, oft ungeschoren.

Die, die angegriffen werden, fühlen sich ohnmächtig, dürfen die Schwäche aber nicht zeigen. Sie werden missbraucht und in die Opferrolle gedrängt – und wissen zugleich, dass man erst dann wirklich Opfer wird, wenn man wie ein Opfer denkt. Selbst wenn man beten will – wie soll man da beten?

„Gott, bei dir suche ich Schutz!“ – Es klingt fast ein bisschen banal, aber wenn es Gott gibt, dann ist er eine Adresse für alles, was man gegenüber Menschen nicht auszusprechen wagt. Das ist eine echte Hilfe!

Ich habe in Psalm 7 so viel von dem gefunden, was man braucht, um in einer Mobbingsituation zurechtzukommen: „Gott, wenn ich wirklich etwas falsch gemacht habe“ – so kann ich mit Psalm 7 beten, weil es wichtig ist, mich selbst zu prüfen und zu vergewissern, dass nichts dran ist an den Verleumdungen. Und mit Psalm 7 kann ich meinen Zorn in Worte fassen: „Sie sind Verbrecher! Sie sollen selbst in die Grube fallen, die sie gegraben haben! Ihre Bosheit soll sie selber treffen!“

 Schluss mit dem diplomatischen Geschwätz. Vor Gott kann ich ehrlich sein und wüten!

Und mit Psalm 7 kann ich auch wieder Hoffnung fassen – ich hoffe auf einen gerechten Gott, der für einen Ausgleich sorgt. Sie werden nicht davonkommen – und ich bin geborgen. Denn: „Herr, mein Gott, bei dir suche ich Schutz! Rette mich vor meinen Verfolgern, hilf mir!“

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06DEZ2021
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„Wer andern Gutes tut, dem geht es selber gut, wer anderen Erfrischung gibt, wird selbst erfrischt“ (Sprüche 11,25) – das ist ein schöner Satz aus der Bibel. Dass er wahr ist, das weiß ich eigentlich schon seit meiner Kindheit.

Der 6. Dezember war heilig! Ich weiß noch, wie ich mit sechs oder sieben Jahren  morgens schon ganz früh aufgestanden bin und  geschaut habe, ob etwas in den Schuhen vor der Tür zu finden ist. Der 6. Dezember war ein Tag, der mit einem Lächeln begonnen hat.

Ich war gar nicht so wild auf die Süßigkeiten und die Nüsse und die Mandarine, die meist zu finden waren. Ich mochte es einfach, beschenkt zu werden. Es zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht.

Vor Kurzem erst habe ich eine Tafel Schokolade geschenkt bekommen. Einfach so. Ohne Anlass. Und es hat mir wieder das gleiche, glückliche Lächeln aufs Gesicht gezaubert.

Ich mache das selbst auch gern, dass ich anderen einfach etwas mitbringe, weil ich an sie gedacht habe. Kleinigkeiten sind das meistens, ich stehe in einem Laden und denke eben gerade an sie oder ihn, weil da eine Biersorte steht, über die wir uns vor Kurzem unterhalten haben. Oder ich stehe zufällig vor dem Regal mit Trinkschokolade. Da greife ich dann einfach zu. Und dann freut es mich, wenn diese Kleinigkeit dann ankommt und überrascht, so wie mich die Tafel Schokolade.

Ich merke: Zaubern ist ganz leicht! Du kannst jemandem ein Lächeln aufs Gesicht zaubern – mit einer ganz kleinen Zuwendung. – Und es geht ja noch viel einfacher!

Ich muss nicht einmal eine Süßigkeit schenken oder ein Fläschchen Bier. Ich kann schon damit zaubern, dass ich meinen Mitmenschen etwas schenke, das gar nichts kostet. Ein Lächeln oder ein „Guten Morgen!“, das von Herzen kommt.

Im Deutschen gibt es das eigentümliche Wort „Zuwendung“. Es wird meist benutzt, wenn jemand Geld bekommt, das ihn unterstützen oder fördern soll. Wenn man sagt, dass jemand „Zuwendung“ braucht, dann meint man damit aber nicht Geld, sondern ein Gespräch, eine Geste, - Aufmerksamkeit. Und genau das passiert – ganz einfach – in den Situationen, in denen ich ein Lächeln schenke oder ein herzliches „Guten Morgen!“ – ich wende mich dem Menschen zu. Und meistens gelingt „mein Zaubertrick zum Glück“: Ein Lächeln erscheint auf dem Gesicht des anderen. Und das ist dann wieder en Geschenk für mich...

„Wer andern Gutes tut, dem geht es selber gut, wer anderen Erfrischung gibt, wird selbst erfrischt“ – in diesem Sinne einen „Guten Morgen!“ an diesem 6. Dezember.

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22SEP2021
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Wer Freundschaft halten will, verzeiht Unrecht; wer es immer wieder auftischt, macht Freunde uneins.“ – das steht so in der Bibel und das hat mich ins Nachdenken gebracht. Ich wusste sofort, was gemeint ist. Jede Freundschaft lebt auch von Vergebung. Je näher sich Menschen kommen, desto leichter und desto tiefer können sie sich verletzen.

Und deshalb brauchen wir alle es, dass Freundinnen und Freunde zueinander sagen: „Ich vergebe dir!“ – „Wer Freundschaft halten will, verzeiht Unrecht.“ Das leuchtet ein. Und das kenne ich.

Doch das andere, das beschäftigt mich: „Wer Unrecht immer wieder auftischt, macht Freunde uneins.“ Es passiert so oft, dass sich befreundete Menschen zwar vergeben, aber die Familie, andere Freunde oder auch Kolleginnen und Kollegen sind sehr viel nachtragender. Immer wieder fangen sie davon an, immer kratzen sie den Schorf von der Wunde. Eltern wollen gern, dass ihre Kinder mit den „Guten“ unterwegs sind, dass sie Partner finden, die verlässlich sind. „Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden“, hat Udo Jürgens gesungen – und ich kenne nur wenige, die nicht sofort wissen, was gemeint ist.

Ganz klar, ich denke auch manchmal, ich müsste die, die mir wichtig sind, beschützen und sie daran erinnern, dass sie von jemandem schon einmal enttäuscht wurden. Ganz selten nur ist das richtig: Wenn jemand zum Beispiel wirklich bösartig ausgenutzt wird.

Meistens ist es richtig, die Menschen zu beglückwünschen, wenn sie bereit sind, zu vergeben. Wie gut ist es, wenn unsere Lieben die Größe haben, selbst gute Freundinnen und Freunde zu sein. Das Leben ist so kurz und es ist ein Glück, wenn wir auf unserem Weg Freundinnen und Freunde finden. Und „wer Freundschaft halten will, verzeiht Unrecht“.

Warum sollte ich dem im Wege stehen? Ganz ehrlich: Mir fallen nur sehr egoistische Gründe ein. Also will ich jemand sein, der andere darin bestärkt, zu vergeben und zu verzeihen. Ich will jemand sein, der anderen Mut macht, auch das Risiko einzugehen, verletzt zu werden. ich will jemand sein, der anderen gönnt, dass sie mit verziehenem Unrecht und vergebener Schuld immer wieder neu anfangen. Denn Freundschaft ist etwas sehr Kostbares, das will ich bewahren.

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21SEP2021
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„Ich bin trotz allem noch am Leben – das allein ist schon ein Wunder!“ – die Dame, die das zu mir gesagt hat, hatte gerade nach langer und anstrengender Pflege ihren Mann beerdigt. Und ich wusste einiges aus den mehr als 70 Jahren ihres Lebens. Von den Misshandlungen in ihrer Kindheit angefangen hätte sie ihr Leben erzählen können, indem sie einfach die Wunden hätte aufzählen können, die ihr das Leben und die Menschen darin zugefügt hatten.

Doch sie zählte nicht die Wunden, sondern die Wunder. Sie erzählte, wie eine Tante sie gerettet hatte aus ihrem Elternhaus mit der unterdrückten Mutter und dem cholerischen und gewalttätigen Vater. Es war ein Wunder, dass sie in eine funktionierende Familie hineinkommen konnte.

Sie erzählte nicht, wie schrecklich die Krankheit gewesen ist, unter der sie als junge Frau lange gelitten hatte. Für sie war es ein Wunder, dass ein Arzt einen Geistesblitz hatte und eine sehr seltene Krankheit bei ihr erkannte.

Der Mann, den sie fand und heiratete, starb nach nur 5 Jahren völlig unerwartet. Der gesamte Freundeskreis ließ die junge Frau damals im Stich. Aber sie sagt: „Ich war so allein. Ich wollte nicht mehr leben. Heute sehe ich darin ein Wunder, dass ich meinem Mann in diesem Schmerz nicht einfach in den Tod gefolgt bin.“

Erst viele Jahre später hat sie wieder einen Weggefährten gefunden und fast zwei Jahrzehnte mit ihm leben können. Ein Wunder für sie. Und als er dann nach langer Krankheit starb und sie sich in der Pflege völlig aufgerieben hat, da war es ein Wunder für sie, dass sie trotz allem noch am Leben war…

Vieles habe ich ausgelassen aus dem Leben dieser Dame, die mit ihrer ruhigen, aber bestimmten Art sagt, dass sie irgendwann erkannt hat, dass sie selbst die Macht hat, zu entscheiden, wie sie ihr Leben verstehen will.

Ist es eine Aneinanderreihung von Wunden oder eine lange Reihe von Wundern? Hat Gott immer wieder eingegriffen in ihr Leben? Waren da Schutzengel? Waren es Menschen, die wie ihre Tante damals Wunder vollbracht haben, weil sie einfach das Richtige getan haben?

Sie sagt einfach: „Es gibt einen Gott. Und er tut Wunder. Mal so und mal so, aber es sind Wunder. Dafür bin ich dankbar.“ Und so erzählt sie ihr Leben.

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