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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

07DEZ2023
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Jeden Morgen sehe ich die „Gang“. So nenne ich die 7 Zweitklässler, die kurz nach halb acht am Fenster meines Arbeitszimmers vorbeiziehen. Sie gehen zur Schule, reden, schubsen sich, lachen. Vier Jungs und drei Mädchen. Was sie wohl für sich erhoffen? Und was sie wohl erwartet?

Was sie wohl an diesem Tag erwartet? In der zweiten Klasse ist für viele die Welt auch in der Schule noch in Ordnung. Jeden Tag gibt es Neues zu entdecken, jeden Tag gibt es etwas zu lernen und jeden Tag wird gelacht und gespielt. Wenn ich die „Gang“ beobachte, bete ich manchmal für die Kinder. Ich kann von weitem schon sehen, dass sie sehr unterschiedlich aufwachsen. Die Schulranzen und die Jacken, die sie tragen, sind bei den einen funkelnagelneu. Andere tragen wohl die Sachen der älteren Geschwister auf und ein Mädchen hat einen Diddl-Schulranzen, der ist eindeutig aus den 90ern. Ist das Vintage oder aus der Kleiderkammer der Diakonie? So unterschiedlich wird auch das sein, was sie erwartet, wenn sie dann wieder nach Hause kommen. Die einen haben ihr eigenes Zimmer, wo sie die Hausaufgaben am höhenverstellbaren Schreibtisch machen, die anderen sind im Mehrbettzimmer mit den Geschwistern. Wenn sie Glück haben, haben sie etwas Ruhe und einen Platz am Wohnzimmertisch, um ihre Hausaufgaben zu machen. Was erwartet sie wohl, die „Gang“, an diesem Tag und darüber hinaus?

Wie wird das Leben dieser 7-jährigen aussehen, wenn sie erwachsen sind? Was werden sie bis dahin erleben? Was erhoffen sie sich? Welche Werte werden ihnen wichtig sein? In welcher Welt werden sie leben? Wird es wirklich immer heißer? Werden ganze Teile der Welt überschwemmt sein, weil wir den Klimawandel nicht aufgehalten haben? Wird das so sein, weil es uns, den Jetzt-schon-Erwachsenen, so wichtig war, unseren eigenen Wohlstand unverändert zu leben? Wenn ich die „Gang“ beobachte, bete ich manchmal für die Kinder. Und ich weiß doch, dass das nicht ausreicht.

Werden sie vertrauen können, wenn sie denen nicht vertrauen können, die jetzt verantwortlich für sie und ihre Zukunft sind? Werden sie an Werte glauben, oder nur an das Recht des Stärkeren?

Jesus stellt einmal ein Kind mitten unter alle Erwachsenen und warnt sie: Wer auch nur einen von diesen kleinen Menschen vom Vertrauen abhält, der hätte es verdient, mit einem Mühlstein am Hals ins Meer gestürzt zu werden. Manchmal denke ich daran, wenn ich die „Gang“ kurz nach halb acht an meinem Fenster vorbeiziehen sehe. Was sie wohl erhoffen? Was sie wohl erwartet? Und was ich für sie tun kann? Beten. Ja. Und ich weiß, dass das allein nicht ausreicht.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06DEZ2023
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Es ist Nikolaustag! Hoffentlich war etwas in den Stiefeln vor der Tür und hoffentlich wird heute ein Tag, an dem viele sich gegenseitig eine kleine Freude machen. Und zum Glück gibt es vom Nikolaus heute keine Ohrfeige! Sie haben richtig gehört. Ohrfeige. Dafür steht Nikolaus von Myra, das historische Vorbild des Nikolauses, nämlich auch. Auf einer Kirchenversammlung im Jahr 325, soll er einem anderen Theologen tatsächlich eine krachende Ohrfeige gegeben haben.

Er wurde dafür verhaftet und erst am Ende der Versammlung, etwa zwei Monate später, durfte er wieder teilnehmen. Recht so.

Auch wenn der andere aus heutiger Sicht der Kirchen ein Irrlehrer war – so führt man keine Diskussionen, schon gar nicht in der Kirche, oder?

Und doch… Manchmal wünscht man sich ja schon etwas mehr Leidenschaft in der Kirche. Ich jedenfalls denke, dass nicht immer alles friedlich und höflich sein muss. Ein Kommunikationspsychologe (Friedemann Schulz von Thun) hat einmal gesagt: „Zu friedlich und zu höflich, das ist »friedhöflich«: Da ist keine wirkliche Lebendigkeit, keine Streitlust, keine Herzlichkeit.“*

Dabei werden Christinnen und Christen in der Bibel Epheser 4,25-26 aufgefordert: „Sagt zueinander die Wahrheit!“ Also: Seid ehrlich, seid beherzt, streitlustig, lebendig. Ja, seid auch einmal zornig! Nur: „Wenn ihr in Zorn geratet, versündigt euch nicht.“ Also ganz sicher keine Ohrfeigen. Das ist, wie gesagt, auch gut.

„Versündigt euch nicht“. Was das bedeutet, wenn man doch beherzt und sogar zornig sein kann, das wird in der Bibel dann zum Glück auch erklärt: Versündigt euch nicht, sondern „versöhnt euch wieder und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Das ist gut. Sich intensiv, mit Herzblut auseinandersetzen, aber dann beieinanderbleiben, sich auch wieder versöhnen.

Schießen und dann wegrennen, Shoot and Run, das ist leider viel zu oft die einzige Art, wie Menschen miteinander streiten. Jemand schreibt einen bösen Kommentar und verschwindet dann, eine andere beschimpft beim Verlassen des Ladens noch die Verkäuferin und dampft dann ab. Mit Herzblut streiten heißt für mich: Du bist es mir wert, mich mit dir auseinanderzusetzen, damit wir beieinanderbleiben. Wenn ich das nicht will, kann ich mir den Streit auch sparen.

Der Bischof Nikolaus von Myra hat später, soweit wir wissen, niemanden mehr geohrfeigt. Er war aber auch weiterhin mit viel Herzblut an Auseinandersetzungen beteiligt. Recht so. Wir brauchen Leidenschaft. In diesem Sinne einen lebendigen, vielleicht sogar streitlustigen Nikolaustag, und, wenn es nötig ist, Versöhnung, und dann eine Nacht ohne Zorn.

*https://www.schulz-von-thun.de/files/Inhalte/PDF-Dateien/Interviews/Interview%20Wahrheit%20beginnt%20zu%20zweit.pdf

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

05DEZ2023
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Amir hat vor Kurzem seine Ausbildung abgeschlossen. 2016 ist er nach Deutschland gekommen. In Pakistan wurde er verfolgt, weil er nie der Ehemann einer Frau werden wird. Und jetzt hat er hier bei uns eine Berufsausbildung abgeschlossen! Für mich ist das eine gute Nachricht. Gute Nachrichten sind wie Lichtstrahlen im grauen Alltag. Amir hat Geld verdient in einem Restaurant, hat parallel dazu an der Sprache gearbeitet und schließlich ein Onlinestudium begonnen. Jetzt hat er seinen Abschluss und arbeitet für eine IT-Beratungsfirma. Die Geschichte von Amir ist für mich ein Lichtstrahl.

Ich brauche solche Lichtstrahlen im Alltag, gute Nachrichten, dass etwas klappt. „Das Licht der Sonne sehen zu können, bedeutet Glück und Freude“, so steht es in der Bibel einmal Sprüche 11,7.

Die Geschichte von Ilse ist auch so eine Geschichte, die Licht verbreitet. Sie muss um die 80 Jahre alt sein und ich sehe sie mit ihrem Stock langsam durch die Stadt gehen. Immer wieder bückt sie sich, hebt hier einen Schnipsel auf und dort eine Dose und verfrachtet alles in Mülleimer, dorthin, wo es hingehört. Ilse macht das nicht aus Wut über die Menschen, die ihren Müll einfach fallen lassen, egal, wo sie gerade sind. Ilse will einfach ihren Beitrag dazu leisten, dass die Stadt etwas sauberer ist. Und so zieht sie ihre Runden. – Wenn ich Ilses Geschichte erzähle, habe ich das Gefühl, Sonnenlicht zu verbreiten. Das will ich. Schwarze Löcher, die alles Gute in sich verschlucken, gibt es schon genug.

Wir alle brauchen gute Nachrichten, Kleinigkeiten und auch ganz großartige Geschichten. Vor Kurzem bin ich Stefan Lösler begegnet. Er ist ein Athlet, der bei Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und den Paralympics in gleich zwei Disziplinen im Sommer und im Winter angetreten ist: Para-Triathlon und Para-Snowboarden. Seine Geschichte ist ein Lichtstrahl, denn er hat nicht aufgegeben, nachdem ein betrunkener Autofahrer mitten in der Nacht auf sein Auto aufgefahren ist. Stefan Lösler stand am offenen Kofferraum seines Wagens, wurde zwischen den Stoßstangen eingeklemmt und verlor so sein linkes Bein ab dem Knie. Ich bin so froh, dass ich seine Geschichte erzählen kann. Er hat nicht aufgegeben!

Wir alle können wählen, ob wir heute Sonne oder Schwarzes Loch sind. Sind Sie ein Mensch, der alles Gute in sich verschluckt, oder verbreiten Sie gute Nachrichten? „Das Licht der Sonne sehen zu können, bedeutet Glück und Freude.“ – Heute ist eine gute Gelegenheit, gute Nachrichten zu verbreiten. Licht. Das brauchen wir alle.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04DEZ2023
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„Die Kirche muss sich immer überall einmischen, deshalb bin ich ausgetreten“. Der Mann, der das sagt, ist etwa so alt wie ich und Prokurist eines mittelständischen Unternehmens. Er spricht weiter: über die Linkslastigkeit der Kirche und über Stellungnahmen zur Asylpolitik. Ich höre ihm zu. Manchmal muss man einfach auch Dampf ablassen.
Und viele denken ja so wie er. Die Kirche soll einfach tun, wofür sie da ist: Sie soll im Verborgenen die wesentlichen Werte vermitteln. Auch mein Gegenüber sagt: „Ich habe meine Kinder damals in die Kinderkirche geschickt, damit sie dort die zehn Gebote kennenlernen. Ist ja auch wichtig.“ Aber die Kirche soll es dabei belassen und sich nicht weiter einmischen.

Ich sehe das ganz und gar anders. Jesus sagt den Menschen, die an ihn glauben: „Ihr seid das Salz der Erde!“ Matthäus 5,13 – Und Salz hat schon seit Urzeiten eine doppelte Funktion: Es ist Würze - und es macht haltbar. Ohne Bild gesprochen: Werte zu vermitteln und zu stärken, ist eine wesentliche Aufgabe der Kirche. Sie soll erhalten, was gut ist, soll konservieren, ist also konservativ im besten Sinne des Wortes. Christliche Glaubensgemeinschaften sollen zeigen, was gut ist. Und seien es die Zehn Gebote. - Man kennt doch meistens nur ein paar ausgewählte und weiß vor allem das erste Gebot nicht mehr: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Ja, Salz sein bedeutet, dass solche alten, bleibenden Werte erhalten und weitergegeben werden. Es lohnt sich, an dem einen Gott festzuhalten.

Aber Konservieren ist eben nur eine Funktion. Salz mischt sich ein und wirkt als Geschmacksverstärker. Salz verstärkt, betont, hebt hervor. Man merkt, wenn es da ist. Und man merkt, wenn Salz fehlt. Ohne Bild gesprochen: Es ist die Aufgabe von Kirche, das zu verstärken, was sie als richtig erkannt hat, und es ist Aufgabe der Kirche, das deutlich hervorzuheben, was schiefläuft.

Es ist ihr Auftrag, nicht nur die Kinder zu lehren, dass es heißt: „Du sollst nicht töten“. Sie muss auch den Erwachsenen sagen: „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“

Und wenn das stimmt, was wir stärkend und bewahrend von Generation zu Generation weitergeben, dann können wir Kirchen und christlichen Glaubensgemeinschaften gar nicht anders als uns einzumischen. Denn wir glauben an den einen Gott, neben den wir nichts gleichberechtigt stellen. Und der sagt uns: Ihr seid das Salz der Erde. Dieses Salz soll nicht kraftlos sein, sondern bewahren und sich einmischen.

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SWR4 Abendgedanken

24MRZ2023
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Geht es im christlichen Glauben wirklich um „die“ Wahrheit? Ist es das Wichtigste, Recht zu haben? Und bevor Sie jetzt sagen: Natürlich geht es nicht nur darum, Recht zu haben: Um was geht es denn? Ich sage: Es geht um heilende Liebe, die berührt, die Augen öffnet und uns zu Mitmenschen macht. Und ich finde, dass das in einer Erzählung über Jesus eindrücklich gezeigt wird (Markus 8,22-26):

Ein Blinder wird von einigen Mitmenschen zu Jesus gebracht. Sie bitten Jesus, ihn zu berühren. Das wird nicht umsonst so erzählt: Es geht darum, dass jemand von Gott, von Gottes Liebe und Kraft berührt wird und so ein Mitmensch für andere wird. Ich persönlich habe viel zu oft religiöse Menschen erlebt, die mich nur mit ihrer Wahrheit in Berührung bringen wollten, aber nicht mit Gottes heilender Liebe.

Es ist tatsächlich berührend, was Jesus nun tut. Er nimmt den Blinden an der Hand und führt ihn weg von allen anderen. Der Blinde ist immer noch blind, aber er ist berührt und geführt.

Erst als sie ganz unter sich sind, berührt Jesus die Augen des Blinden und fragt dann: „Kannst du etwas erkennen?“ – Der Blinde antwortet. „Ja, ich sehe. Ich sehe die Menschen. Aber ich sehe sie unklar, wie Bäume.“ Und da weiß Jesus, dass das, was er mit uns Menschen will, bei diesem Menschen noch nicht erreicht ist.

Dass jemand „die Wahrheit“ erkennt, getauft ist, sonntags in der Kirche, in Meditation geübt, vertraut mit der Tradition, bibelfest und sicher im Sprechen des Glaubensbekenntnisses – alles schön, aber nicht das Ziel. Jesus will offenbar, dass Menschen andere Menschen als Menschen sehen.

Im konkreten Fall legt Jesus seine Hände noch einmal auf die Augen, öffnet sie vollständig. Und jetzt kann der ehemals Blinde nicht nur sehen, sondern alles gut erkennen. Alles heißt: Die Menschen wie sie sind: Gutes und Schlechtes, Unterschiede, Liebenswertes und Verwunderliches…

Jesus, Gott, gibt sich nicht damit zufrieden, wenn ich die Menschen nur „so allgemein“ sehe. Er führt auch mich, solange ich (im übertragenen Sinne) blind bin für andere Menschen, und er öffnet mir die Augen. Manchmal klappt das nicht beim ersten Mal. Aber Gott gibt nicht auf. Geführt und berührt von ihm komme ich dahin, dass ich Menschen als Menschen sehe. Und selbst ein Mitmensch bin… Denn darum geht es. Wirklich.

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SWR4 Abendgedanken

23MRZ2023
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Manfred weint manchmal einfach los. Und er schämt sich ein bisschen dafür. Er ist 72 Jahre alt und er war noch vor 10 Jahren Abteilungsleiter! Er war Vereinsvorstand und Schöffe – er ist doch sonst nicht so. Doch vor einem halben Jahr ist Manfreds Lebensgefährtin Maria gestorben. Fast 2 Jahrzehnte haben sie miteinander verbracht. Vor gut 15 Jahren ist er in Marias Haus eingezogen. Nein, geheiratet haben sie nicht mehr. Es war alles gut, wie es war.

Manfred erzählt mir das. Er versucht, gefasst zu sein, doch seine Tränen sind nicht nur Trauer, sie sind auch Wut. Marias Erben wollen ihn so schnell wie möglich aus dem Haus haben, um es zu verkaufen. - Dass alles im Haus für ihn einen Wert hat, Erinnerungen birgt, sich verbindet mit dem, was er und Maria hatten – sie wollen es nicht sehen. Er hat doch genug Geld, sagen sie. Er kann sich doch etwas suchen. Und das hat er auch längst gemacht. Barrierefrei und, sollte er es brauchen, auch mit Betreuung.

Aber jetzt geht er von Raum zu Raum und weint einfach immer wieder los. Er kann so wenig nur mitnehmen. Der hässliche, geschnitzte Elefant von der Asienrundreise war nie sein Ding, aber jetzt rührt er ihn zu Tränen. Die Bilder von der letzten Kreuzfahrt hat er eingepackt, die Haken dafür ragen noch aus der Wand.

Ihm fällt ein Spruch ein, den Maria in ihrer letzten Krankheitsphase oft gesagt hat. Es war ein Gebet, ein Psalm, hat sie gesagt: „Sammle meine Tränen in deinen Krug; ich bin sicher, du zählst sie alle“ (Psalm 56,9)!

Wir sprechen darüber, was dieser Satz für Maria bedeutet hat. Sie wusste, wie wertvoll Tränen sein können und sie hat dieselbe Wertschätzung dafür in der Bibel gefunden. Für keine einzige Träne muss man sich schämen. Im Gegenteil. Gott sammelt sie, weil sich in ihnen etwas von dem Glück widerspiegelt, das die beiden miteinander hatten – fast 20 Jahre lang!

Manfred hat sich übrigens einen Krug mit in seine neue Wohnung genommen, so ein großes, klobiges Ding, das Maria von einer Marokko-Reise mitgebracht hat. In diesen Krug hat er Erinnerungen gefüllt: Fotos, Steine aus dem Allgäu und Muscheln von Mallorca. Von Zeit zu Zeit wird er sie wieder herausfischen – und wahrscheinlich wieder weinen und er weiß, dass seine Tränen wertvoll sind, für ihn und für Gott. „Sammle meine Tränen in deinen Krug; ich bin sicher, du zählst sie alle!“

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SWR4 Abendgedanken

22MRZ2023
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Denken Sie manchmal über Gott nach? Viele fragen sich ja, ob es Gott gibt. Aber wenn Sie einfach einmal voraussetzen, dass es Gott gibt, vielleicht sogar den Gott, den Sie aus unserer christlichen Tradition kennen: Denken Sie über den manchmal nach?

Ich frage deshalb, weil ich vor kurzem auf einen Gedanken in der Bibel gestoßen bin, in dem es heißt: „Gott blickt vom Himmel herab auf die Menschen. Er will sehen, ob es da welche gibt, die Verstand haben und nach ihm fragen“ (Psalm 53,3).

Das ist etwas, das man vielleicht nicht so erwartet. Gott sucht nicht nach Menschen, die ihren Verstand abschalten und dann gläubig und willenlos nachbeten, was andere vorgedacht haben. Gott sucht Menschen, die Verstand haben und die mit diesem Verstand nach ihm fragen. Ja es scheint sogar so, dass Gott beides gleichsetzt: Wer Verstand hat, fragt. Er fragt auch nach Gott und setzt sich damit auseinander, dass es vielleicht eine höhere Intelligenz, eine Ur-Energie, vielleicht sogar ein Gegenüber gibt, das größer ist als das, was wir sehen können.

Ich denke: Wer seinen Verstand benutzt, fragt wahrscheinlich auch, welche Auswirkungen so ein Gegenüber für das eigene Leben hat.

Mit Verstand nach Gott zu fragen bedeutet aus meiner Sicht genau das: Ich will herausbekommen, wie mein Leben ein sinnerfülltes Leben sein kann. Ich möchte ein Teil eines größeren Planes sein, wenn es so etwas gibt. Ich will Werte vertreten, die ich als richtig erkannt habe, weil sie nicht nur eine Mode-Erscheinung sind, sondern Bestand haben.

Ich will nicht nur eine unklare Vorstellung davon haben, was im Leben wirklich zählt.
Mir ist es wichtig, dass ich, je älter ich werde, desto mehr, meine religiösen oder auch gar nicht so religiösen Glaubenssätze überprüfe. Stimmen denn solche Sätze wie „Gesundheit ist doch das Wichtigste“? Oder „Zuerst kommt die Familie“? Auch das sind Glaubenssätze, die mit Verstand hinterfragt werden dürfen und sich dann oft auflösen.

Ich habe festgestellt, dass mir die Bibel hilft, grundsätzlich und mit Verstand die Dinge zu hinterfragen. Vor allem die Reden von Jesus, wie die Bergpredigt, sind es, die mich herausfordern, über Gott nachzudenken.

Was zum Beispiel heißt es, wenn Jesus sagt, dass Gott mein Vater ist…?
Ich denke: Es lohnt sich, über Gott nachzudenken…

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SWR4 Abendgedanken

21OKT2022
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Der Prophet gilt ja bekanntlich nichts im eigenen Land… Das sagt man so, wenn man merkt, dass ausgerechnet die, die einem am nächsten sind, nicht auf einen hören wollen.

Kennt man. Eltern jedenfalls kennen das. Aber auch Kinder, die zum Beispiel beruflich einen ähnlichen Weg wie die Eltern einschlagen. Die Alten wollen einfach nicht hören, was man zu sagen hat, auch wenn man kompetent ist!

Der Spruch mit den Propheten im eigenen Land stammt aus der Bibel, von Jesus. Der hält eine Predigt (Lukas 4,22-2) in seinem Heimatort, aber alle erwarten eigentlich von ihm, dass er hier Wundertaten vollbringt, Menschen gesund macht und all das tut, was ein Jesus eben so tut. Nichts davon geschieht!

Kennt man. Da hat die Tochter ein Handwerk erlernt und ist überall zu finden, nur nicht bei den Eltern, die ihre Künste brauchen könnten. Der Sohn, obwohl beim Finanzamt, hilft natürlich nicht bei der Steuererklärung… Gibt es da vielleicht einen Grund?

Jesus erklärt es den Menschen. „Es gab noch nie“, so sagt er, „einen Propheten, der im eigenen Land anerkannt wurde.“ Und er zeigt das auch an Beispielen. Viele Propheten Israels haben große Dinge getan außerhalb von Israel – nachdem sie des Landes verwiesen worden waren, weil sie unbequem waren.

Kennt man natürlich auch. Erst soll man das Waschbecken richten. Aber wenn es dann teuer, also unbequem wird, weil sich herausstellt, dass man das Abflussrohr austauschen muss, dann wäre es besser gewesen, jemand anderen zu fragen. „Es gab noch nie einen Propheten, der im eigenen Land anerkannt wurde.“

Als Jesus das dann auch noch ausspricht, da sind die Leute in seinem Heimatort verärgert und gehen auf ihn los. Kennt man. Wer die Wahrheit sagt, soll gehen. Der Prophet gilt ja bekanntlich nichts im eigenen Land.

Und warum erzähle ich das alles? Weil ich auf eine ganz einfache Frage hinauswill: Haben Sie heute schon jemanden, obwohl er mit Ihnen verwandt ist gelobt, weil er etwas kann? Haben Sie heute schon jemandem gezeigt, dass er oder sie anerkannt ist – sogar dort, wo man sie schon lange kennt? Kennt man eigentlich. Und ist eigentlich ganz einfach.

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SWR4 Abendgedanken

20OKT2022
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„Macht euch Freunde mit dem ungerechten Geld“ (Lukas 16,9). – Ein Satz von Jesus, der mich zurzeit sehr beschäftigt.

Man könnte ja fast meinen, dass Deutschland komplett verarmt in diesen Zeiten und dass alle auf der Straße und in Pappkarton-Hütten leben müssen als hätten wir Slums in Stuttgart, Karlsruhe oder Trier.

Das ist zum Glück nicht so! Im Gegenteil: Viele haben sich einen gewissen Wohlstand erarbeitet. Sie haben über Jahre dafür gearbeitet, sie haben umsichtig gehaushaltet. Sie haben vielleicht auch geerbt und ein bisschen Glück gehabt. Die Krisen stören: die Pläne für die nächste Reise zum Beispiel. Die Krisen fressen das Ersparte an. Aber sie bedrohen nicht das Leben.

Angst machen kann die Situation dennoch. Denn natürlich haben alle, denen es gut geht, ein Gefühl dafür, dass es andere gibt, denen es schlechter geht. Die können nicht immer etwas dafür. Geld ist ungerecht: Der junge Maschinenbauingenieur, der noch nicht unter Beweis gestellt hat, was er wirklich kann, bekommt als Einstiegsgehalt mehr Geld als die Erzieherin mit 30 Jahren Berufserfahrung. Jeder weiß, dass Geld ungerecht ist und ungerecht verteilt ist. Ich glaube, dass daher die Furcht kommt. Auch bei denen, denen es so viel besser geht. Geld ist ungerecht. Man weiß es. Und gegen die Furcht kann man auch etwas „machen“ – Freunde kann man sich machen.

„Macht euch Freunde mit dem ungerechten Geld.“ – was kann das heißen?

Vielleicht ja, bei der Solidaritätsaktion für die Tafeln mitzumachen und Geld zu spenden, damit die ihre Kühlung für das Essen und ihre Heizung für die Menschen bezahlen können. Es kann heißen, sich ehrenamtlich einzubringen, zum Beispiel als Energieberaterin für Menschen in schwierigen Wohnverhältnissen.

„Macht euch Freunde mit dem ungerechten Geld.“ – Nicht, weil man es im Überfluss hätte, sondern einfach, weil man „etwas“ hat. Das ist vielleicht mehr als andere haben…

„Macht euch Freunde mit dem ungerechten Geld.“ – Das kann heißen, Bekannte einzuladen mit dem Hinweis: Heute braucht ihr nicht zu heizen und zu kochen – ihr seid bei uns! Und schon macht man sich Freunde mit dem Geld, das ungerecht verteilt ist. Aber man kann ja was draus machen. Freunde nämlich.

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SWR4 Abendgedanken

19OKT2022
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Menschen sind wie handgezogene Kerzen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen seltsam. Aber tatsächlich sind Menschen wie handgezogene Kerzen. Die, die Zeit hatten, Schicht um Schicht zu entstehen, geben ein besonderes Licht.

Ich weiß, wovon ich rede. In unserer Kirchengemeinde ziehen Kinder und Erwachsene seit Jahrzehnten jedes Jahr, wenn die Tage dunkler und kürzer werden, eigene Bienenwachskerzen. Hunderte von Menschen kommen, tausende von Kerzen entstehen: Ein Docht wird in heißes Wachs eingetaucht, ein Mal, dann wird gewartet, und er wird wieder eingetaucht. Und dann wieder und wieder. So entsteht – langsam und Schicht für Schicht – eine Kerze, die ein sehr angenehmes, natürliches Licht gibt und wunderbar und leicht duftet.

Für mich sind die handgemachten Kerzen ein Bild für Menschen in meinem Alter, Menschen, die in die reiferen Jahre kommen. Sie sind die, die Schicht um Schicht entstanden sind. Und sie geben ein besonderes Licht. Man muss sich und anderen nichts beweisen. Man hat Erfahrung in einigen Bereichen des Lebens. Im Beruf und in der Familie, im Scheitern und im Erfolg, im Durchhalten auch.

Ich kann es gut verstehen, wenn manche irgendwann sagen: Jetzt schaue ich mal nach mir. Nach der Familienphase und dem Wiedereinstieg in den Beruf, nach 40 Jahren und mehr Arbeit, nach so vielen Einsätzen im Ehrenamt – jetzt ist es genug, jetzt ziehe ich mich zurück und kümmere mich um mich, bin auf Reisen, bin dann mal weg. Ich kann das verstehen.

Und zugleich denke ich mir: Nein, das darf doch nicht wahr sein! Was für eine Verschwendung von Licht! Oder ich denke es mit einem Satz, den Jesus einmal gesagt hat: „Es zündet doch keiner ein Licht an, um es dann unter einem Eimer zu verstecken!“ Nein, die so kunstvoll entstandene Kerze kann doch nicht unter einem Eimer versteckt werden! „Nein, man stellt sie an eine ganz besonders hohe Stelle. Und so kann sie ihr Licht auf alle werfen, die ins Haus kommen“ (Matthäus 15,15).

Auch wenn Reisen und Erholung, Rückzug und Neuorientierung wichtig sind: Stellen Sie Ihr Licht nicht unter einen Eimer. Wir brauchen sie, die Menschen im reiferen Alter. Sie machen die Welt heller mit ihrem besonderen Licht.

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