Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06DEZ2023
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es ist Nikolaustag! Hoffentlich war etwas in den Stiefeln vor der Tür und hoffentlich wird heute ein Tag, an dem viele sich gegenseitig eine kleine Freude machen. Und zum Glück gibt es vom Nikolaus heute keine Ohrfeige! Sie haben richtig gehört. Ohrfeige. Dafür steht Nikolaus von Myra, das historische Vorbild des Nikolauses, nämlich auch. Auf einer Kirchenversammlung im Jahr 325, soll er einem anderen Theologen tatsächlich eine krachende Ohrfeige gegeben haben.

Er wurde dafür verhaftet und erst am Ende der Versammlung, etwa zwei Monate später, durfte er wieder teilnehmen. Recht so.

Auch wenn der andere aus heutiger Sicht der Kirchen ein Irrlehrer war – so führt man keine Diskussionen, schon gar nicht in der Kirche, oder?

Und doch… Manchmal wünscht man sich ja schon etwas mehr Leidenschaft in der Kirche. Ich jedenfalls denke, dass nicht immer alles friedlich und höflich sein muss. Ein Kommunikationspsychologe (Friedemann Schulz von Thun) hat einmal gesagt: „Zu friedlich und zu höflich, das ist »friedhöflich«: Da ist keine wirkliche Lebendigkeit, keine Streitlust, keine Herzlichkeit.“*

Dabei werden Christinnen und Christen in der Bibel Epheser 4,25-26 aufgefordert: „Sagt zueinander die Wahrheit!“ Also: Seid ehrlich, seid beherzt, streitlustig, lebendig. Ja, seid auch einmal zornig! Nur: „Wenn ihr in Zorn geratet, versündigt euch nicht.“ Also ganz sicher keine Ohrfeigen. Das ist, wie gesagt, auch gut.

„Versündigt euch nicht“. Was das bedeutet, wenn man doch beherzt und sogar zornig sein kann, das wird in der Bibel dann zum Glück auch erklärt: Versündigt euch nicht, sondern „versöhnt euch wieder und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Das ist gut. Sich intensiv, mit Herzblut auseinandersetzen, aber dann beieinanderbleiben, sich auch wieder versöhnen.

Schießen und dann wegrennen, Shoot and Run, das ist leider viel zu oft die einzige Art, wie Menschen miteinander streiten. Jemand schreibt einen bösen Kommentar und verschwindet dann, eine andere beschimpft beim Verlassen des Ladens noch die Verkäuferin und dampft dann ab. Mit Herzblut streiten heißt für mich: Du bist es mir wert, mich mit dir auseinanderzusetzen, damit wir beieinanderbleiben. Wenn ich das nicht will, kann ich mir den Streit auch sparen.

Der Bischof Nikolaus von Myra hat später, soweit wir wissen, niemanden mehr geohrfeigt. Er war aber auch weiterhin mit viel Herzblut an Auseinandersetzungen beteiligt. Recht so. Wir brauchen Leidenschaft. In diesem Sinne einen lebendigen, vielleicht sogar streitlustigen Nikolaustag, und, wenn es nötig ist, Versöhnung, und dann eine Nacht ohne Zorn.

*https://www.schulz-von-thun.de/files/Inhalte/PDF-Dateien/Interviews/Interview%20Wahrheit%20beginnt%20zu%20zweit.pdf

https://www.kirche-im-swr.de/?m=38903
weiterlesen...