Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Ich habe ganz schön viele Schubladen. Im Kopf. Schubladendenken nennt sich das. Ich habe Schubladen, auf denen Funktionen stehen: Kollege, Freund, Student, Kind. In den Schubladen liegt dann meine Vorstellung, wie jemand seine Rolle auszufüllen hat. Der Kollege zum Beispiel soll freundlich sein, aufmerksam und hilfsbereit.

Ich habe aber auch Schubladen, auf denen ein Urteil steht. Schubladen mit dem Titel: Egoist. Oder: Feigling. Auf einer anderen Schublade steht: Dem glaub ich nicht. Auch in diese Schubladen stecke ich Menschen rein. Oft ganz unbewusst. Ich lasse mich von meinen Vorurteilen leiten. Häufig sind es negative Eigenschaften, die ich mit Menschen zusammenbringe. Sogar mit solchen, die ich noch nie persönlich getroffen habe. Egal ob ein Promi in der Zeitung oder ein Politiker, der in den Tagesthemen redet – ich hab die passende Schublade.

Schubladen haben was Gutes. Sie machen das Leben einfacher, lassen mich Ordnung in meine Welt bringen. Schubladen sind aber auch schlecht. Das Leben und erst recht die Menschen passen eigentlich in keine Schublade. Niemand lässt sich auf nur einen Aspekt reduzieren. Und Schubladen machen mich blind für all das, was einen Menschen noch ausmachen kann.

Viele der biblischen Jesus-Geschichten sind Anti-Schubladen-Geschichten. Sie sträuben sich gegen Klischees, wollen mehr, als Menschen einzuordnen oder abzustempeln. Jesus ist ein Meister darin, Schubladen aufzumachen.

Da ist etwa der besessene Mann (Mk 5,1-20). Ein „Mann, mit unreinem Geist“ (Mk 5,2), wie es in der Bibel heißt. Ein Zerrissener, jemand mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Die Schublade damals heißt: Ein Irrer. Einer, dem man besser aus dem Weg geht. Einer, dem man nicht zu nahe kommen soll. Jesus aber interessiert das nicht – weil er sich für den Menschen interessiert. Er redet mit dem Besessenen. Lockt ihn aus seiner Höhle ans Tageslicht. Hat keine Angst, so wie alle anderen. Und er hilft dem scheinbar Irren, wieder er selbst zu werden. Wieder zu sich zu finden. Ein ganzer Mensch zu werden. Das gelingt, weil Jesus auf alles Schubladendenken verzichtet. Ich tue mich schwer damit. Aber das Handeln Jesu erinnert mich, wie wichtig es ist, meine Schubladen im Kopf nie ganz zuzumachen.

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