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SWR1 Begegnungen

02JUN2019
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Sr. Dr. Lea AckermannJanine Knoop-Bauer trifft: Sr. Dr. Lea Ackermann, Gründerin von Solwodi, Solidarität mit Frauen in schwierigen Situationen

Frauen stärken – Wege aus dem Elend

Die Ordensschwester ist eine mutige Kämpferin für Frauenrechte. Und das strahlt sie auch aus – bis heute. Vor über dreißig Jahren hat sie den Verein Solwodi gegründet – da war sie in Kenia und tief berührt von dem Elend der Frauen, die in der Prostitution lebten.  Damals hat sie mit Gott einen Handel gemacht:

Dann habe ich gesagt: Lieber Gott, ich will was für Deine chancenlosen Töchter tun, lass Du mich bloß nicht hängen!

Und der Deal hat funktioniert. Heute ist Solwodi Träger von Schutzwohnungen und Beratungszentren nicht nur in Kenia, sondern z.B. auch in Deutschland, Ungarn und Rumänien. Schwester Lea hat bei Ihrer Arbeit immer Kraft aus dem Glauben gezogen.  Für sie ist wichtig: Kirche muss die Menschen da aufsuchen, wo sie sind und nicht warten bis die Menschen zur Kirche kommen.

Ich habe gedacht: Das sind Kinder Gottes. Die haben Gaben und Fähigkeiten mitgekriegt wie alle. Aber nie hat jemand ihnen geholfen, dass diese Gaben und Fähigkeiten ihren Ausdruck finden konnten und sie gefördert oder so. Und das habe ich mir dann zur Aufgabe gemacht.

Gemeinsam mit den betroffenen Frauen hat sie nach Wegen gesucht aus der Prostitution. Da ging es erst mal ganz handfest darum Geld zu verdienen ohne sich selbst verkaufen zu müssen.

Und da hatten wir so eine kleine Kaffeemaschine und da hat eine Frau das Korn gemahlen und dann haben wir Brot gebacken und haben das versucht in den Hotels zu verkaufen.

Brot backen, Schmuck herstellen, ein kleines Kaffee eröffnen. Mit viel Kreativität und oft auch Glück konnte Schwester Lea helfen, die Lebenssituation von Frauen zu verbessern. Aber das war ihr nicht genug. Als sie nach drei Jahren zurück nach Deutschland kam wollte sie  auch grundsätzlich etwas an den Strukturen ändern:

Als ich dann zurück kam wollte ich natürlich aufmerksam machen, dass Touristen – deutsche Touristen, in Urlaubs Paradiese fahren und das Elend von Frauen und Kindern ausbeuten. Das war meine Idee in Deutschland. Und dann hat (….) mir jemand gesagt: Die Frauen sind doch schon hier. Was machen sie denn mit denen?

So weitete sich das Engagement von Solwodi. Es ging nicht mehr nur um die Situation von Frauen in Kenia. Sondern, was bedeutet Prostitution überall? Schwester Lea vertritt da eine sehr deutliche Position:

Also heute, nach so langen Jahren kann ich nur sagen: Prostitution ist Gewalt und Machtausübung und keine einzige Frau macht das freiwillig. In einem Land, in dem Mann und Frau gleichwertig sind kann nicht die eine Hälfte, die andere Hälfte kaufen das ist gegen die Menschenwürde. Und das haben wir in unserem Grundgesetz. Mann und Frau sind gleichwertig und wenn das so ist, dann kann nicht der eine Käufer sein und die andere zur Ware gemacht werden.

Schwester Lea kämpft dafür, dass Frauen sich ihres Wertes bewusst werden und selbstbestimmt leben können.

Zur Freiheit befreit – Wege aus der Unfreiheit

Schwester Lea ist 82, Ordensschwester und Frauenrechtlerin. Seit über fünfunddreißig Jahren engagiert sie sich vor allem gegen die Ausbeutung von Frauen und Kindern durch Prostitution. Ihr Vorbild ist Jesus – wie er mit Frauen umgegangen ist. Es wird erzählt, dass einmal eine Frau zu ihm gebracht wurde. Man habe sie beim Ehebruch ertappt, sagen die Männer. Jesus soll ein Urteil über die Frau sprechen. Schwester Lea hat eine eigene Lesart der Geschichte:

Für mich ist Jesus (…) peinlich berührt von so viel Arroganz. (…)     Und dann sagt er: Wer von Euch ohne Sünde ist der werfe den ersten Stein und dann ziehen sie alle ab. Und Jesus fragt die Frau: hat Dich niemand verurteilt … dann verurteile auch ich Dich nicht. Tu diese Sünde nie wieder. Und was ist ihre Sünde? Dass sie sich fremd bestimmen lässt. Der Mann ist gekommen und hat gesagt: „komm geh mit mir!“ Und sie ist mit ihm gegangen.  Die Männer sind gekommen und haben gesagt: „Komm, wir bringen Dich vors Gericht!“ Und da ist sie auch mitgegangen. Und vielleicht ist sie schon mitgegangen als ihr Vater kam oder ein Freund der Familie kam und so weiter. Und Jesus sagt zu ihr: „Lass Dich nicht fremd bestimmen.“

„Frau sei frei!“ Mich beeindrucken die Klarheit von Schwester Lea und ihre Parteinahme für die Frauen, deren Elend sie in vielen Gesprächen und Begegnungen gesehen und erlebt hat. Aber ist es nicht zu viel von den Frauen verlangt, sich alleine gegen die Struktur der Fremdbestimmung zu stemmen. Nein, sagt Schwester Lea, denn die Frauen sind nicht allein:

Wir nehmen alle Frauen auf und fragen nie nach ihrer Religionszugehörigkeit. Das können Moslems sein, das können Christinnen sein, das können Atheistinnen sein – Frauen in Not, Frauen im Elend, in Gewaltsituationen – das ist unser Klientel. Unabhängig von Farbe, Nationalität und Zugehörigkeit.

Schwester Lea weiß: der Erfolg ihres Engagements und das Gelingen ihrer Arbeit liegt nicht alleine in ihren Händen. Aber sie ist voller Vertrauen:

Ich danke dem lieben Gott jeden Tag und sage: Wenn man was tut im Sinne Gottes, dann wird es auch erfolgreich. Das ist meine Erfahrung.

Mich berührt die Begegnung mit Schwester Lea: auch, weil sie so viel Zuversicht ausstrahlt und Gottvertrauen. Es tut mir gut zu sehen: Hier spricht eine Kirchenfrau. Erhebt ihre Stimme für Frauen, die sonst nicht gehört werden. Und ich sehe Ihre Arbeit auch in einem größerer Zusammenhang: Wie frei können Frauen leben? Wie selbstbestimmt? Und ich bin froh, dass immer mehr Frauen sich dafür einsetzen, dass ihre Stimme gehört wird. So wie es katholische Frauen jüngst mit Maria 2.0 getan haben. Auch Schwester Lea zieht Kraft aus der lauter werdenden weiblichen Stimme innerhalb der Kirche. Denn, da ist sie sicher, ohne Frauen geht es nicht.

ich freu mich, dass ich die Zeit noch erlebe, wo Frauen aufstehen. Das finde ich ganz wichtig und großartig. Und wenn Kirche das nicht erkennt, dann wird sie, glaube ich, nicht weiter bestehen können.

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