Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

      

Autor*in

 

Archiv

16DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Besinnlich. So soll die Adventszeit sein, höre ich oft. Oder das Weihnachtsfest. „Einen besinnlichen Advent!“, tönt es durch die Supermarktlautsprecher. – „Besinnliche Weihnachten!“, wünscht mir die Grußkarte.

„Besinnlich“. Ganz offen – ich finde das Wort schrecklich. Weil ich den Eindruck habe: Meistens ist damit nur eine behagliche Atmosphäre gemeint. Ein gemütliches Wohnzimmer mit Kaminfeuer für die Seele sozusagen, hübsch-harmonisch arrangiert. Das ist was Schönes, keine Frage. Aber es verändert nichts in mir. Höchstens spüre ich noch Druck, alles auch möglichst besinnlich herzurichten. Bloße Besinnlichkeit bleibt harmlos und an der Oberfläche.

Worauf ich Lust habe in der Advents- und Weihnachtszeit: Mal in die Tiefe zu gehen. Zu fragen, was mir wichtig ist, was mich wirklich ins Schwingen bringt, mich im Leben motiviert. In meinem Tempo, so, wie es gerade passt für mich. Das hat dann mit mir persönlich zu tun, nicht nur mit einer äußeren Stimmung.

Aber wenn ich mich darauf einlasse, dann ist das auch ein Wagnis. Was dann in mir passiert, kann ich nicht komplett kontrollieren. Und schon gar nicht kann ich es irgendwie steuern und herstellen. Auch meine persönlichen Verletzungen haben dann Platz, auch das, was mir weh tut. Ich muss nichts zur Seite schieben, damit es auch schön besinnlich bleibt. Und wenn wirklich etwas tief in mir angerührt wird, kommt etwas in Bewegung, kann sich verändern.

In der Bibel wird das übrigens ähnlich erzählt. Da beginnt Advent damit, dass Maria, Josef und ihr ungeborenes Kind aufbrechen müssen. Und als Jesus geboren wird, verändert das ihr Leben von Grund auf. Auch die Hirten oder die Weisen aus dem Morgenland kommen nicht an die Krippe, weil sie die besinnliche Stimmung dort so mögen. Sie spüren: Hier beginnt etwas radikal Neues. Und ich werde Teil davon, mein Leben stellt sich völlig auf den Kopf.

Das ist viel mehr als besinnlich. Aber es hat mit dem Wort zu tun, von dem die Besinnlichkeit herkommt: Sich besinnen. Ich besinne mich auf das, was mir in der Tiefe wichtig ist. Wenn das gemeint ist, dann darf es meinetwegen auch besinnlich sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43474
weiterlesen...
15DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor drei Wochen in der S-Bahn. Mir schräg gegenüber sitzt eine Jugendliche, vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. Auf ihrem Handy läuft in voller Lautstärke ein Video. Eine christliche Predigt offenbar. Es geht um Gott und Jesus – in sehr eindringlichem Tonfall. Irgendwann steht sie auf und geht weiter.

Als ich später mein Fahrrad nehme und aussteige, finde ich im Helm am Lenker einen Zettel, den mir meine Mitfahrerin dort hinterlassen haben muss. Darauf wird mir kurz und knapp die Welt erklärt: Eigentlich hat Gott mal alles gut geschaffen. Aber die menschliche Sünde hat alles verdorben. Deshalb bin ich jetzt von Gott getrennt und auf dem Weg in die Hölle. Die gute Nachricht: Jesus ist in die Welt gekommen. Und wenn ich mich persönlich zu ihm bekenne, hat mein Leben wieder Zukunft.

Spontan habe ich mich da zurückversetzt gefühlt in meine eigenen Teenager-Tage. Denn da war ich tatsächlich ganz ähnlich unterwegs. „Ich bin verloren und muss wieder mit Gott ins Reine kommen“ – mit solchen wenigen markigen Glaubenssätzen war in meinen Augen alles eindeutig geklärt. Ich dachte auch, das steht genau so in der Bibel.

Erst im Lauf der nächsten Jahre und Jahrzehnte hat sich mein Glaube geweitet. Ich habe ihn hinterfragt, bin mit anderen ins Gespräch gegangen. Ich habe gemerkt, dass die Bibel doch noch etwas dicker ist, viel tiefer eintaucht ins Leben. Mir ist immer klarer und wichtiger geworden, dass Gottes Liebe schon immer alles umfasst, ich gar nicht aus ihr herausfallen kann. Und dass mich das frei macht, meinen Glauben so zu leben, wie es mir entspricht, ohne Angst oder Druck. Erst so kann ich auch wirklich Verantwortung übernehmen für das Dunkle in der Welt oder meine Schuld.

Daran habe ich zurückgedacht beim Blick auf diesen Zettel aus meinem Fahrradhelm. Der hat mich mit seiner Botschaft schon auch peinlich berührt. Ich frage mich, warum solche Sätze eigentlich immer noch weitergegeben werden. Ja auch von Menschen, die längst keine 16 mehr sind, sondern 36 oder 60. Es gibt genügend Christen, die sich nicht weiterentwickeln, in engen lieblosen Vorstellungen von Gott steckenbleiben. Und damit andere Menschen klein halten, vielleicht auch anfälliger machen für billige Versprechungen. Das finde ich bitter und traurig.

Der Jugendlichen aus der S-Bahn neulich jedenfalls wünsche ich gute, gesunde Begegnungen im Lauf ihres Lebens. Mit anderen Menschen, und mit Gott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43473
weiterlesen...
13DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der Advent ist eine Zeit zum Träumen. Und damit meine ich nicht, dass ich mich in diesen Wochen von der Welt verabschiede. Es geht mir nicht darum, vor der Realität die Augen zu verschließen. Alles bleibt zunächst einmal, wie es ist: mein Leben, die Weltlage. Trotzdem ist etwas für mich anders. Und das hängt mit dem Propheten Jesaja im Alten Testament zusammen. Seine Texte gehören für mich zum Advent.

Jesaja hat vorgemacht, was Träumen heißt, ohne sich von der harten Realität seiner Zeit zu verabschieden. In seinem Land herrscht Bürgerkrieg. Die Armen werden ausgebeutet. An den Gott, an den der Prophet glaubt, und dessen Weisung er weiterzusagen hat, glauben nur wenige. Jesaja gibt trotzdem nicht auf. Er legt zu dem, was seinen Alltag bestimmt, was schwer und oft falsch ist, das dazu, was er sich wünscht, worauf er hofft. Er hält daran fest, dass es nicht bleiben muss, wie es ist, sondern dass sich etwas verändern kann. Zum Besseren, zum Guten.

Jesajas Träume bestehen aus schönen Bildern der Pflanzen- und Tierwelt. Unerwartet wächst aus totem Holz ein neuer Trieb. Ein Hoffnungsträger tritt auf. Er nimmt die Geschicke seines Landes in die Hand und zwar ganz anders als die alten Herrscher. Er schaut genau hin, wo etwas gebraucht wird. Wo es ungerecht zugeht, greift er ein und schafft Frieden. Am Ende seines Traumes steht das Unvorstellbare: Dass die Schöpfung miteinander im Einklang lebt. Jesaja träumt: Kalb und Löwe weiden zusammen, das Kind streckt seine Hand zur Höhle der Schlange aus. Und nichts Böses geschieht.

Es mag sein, dass manche denken: „Das haben wir noch nie gesehen. Das kann nicht sein. So wird es nie werden.“ Mag sein, dass Jesajas Traum uns weit weg vorkommt. Weil wir oft die gegenteiligen Erfahrungen machen. Aber es könnte so sein. Es wäre möglich. Und ich bin nicht bereit, diese Möglichkeit jemals aufzugeben. Weil ich sonst an der Welt verzweifeln müsste. Das tue ich aber nicht, weil ich die Hoffnung nicht aufgebe. Gerade jetzt im Advent nicht, wo ich mich darauf vorbereite, das Jesuskind in mein Herz zu lassen. Das Kind, das für mich mehr Macht hat als alle Herrscher dieser Welt. Weil es mir zeigt, was die Liebe kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43446
weiterlesen...
12DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

13 Quadratmeter. Das ist die durchschnittliche Größe einer deutschen Küche. Gar nicht mal so klein. Da passen bestimmt drei oder vier Leute rein, um ein Essen zu kochen. Wenn man zusammenrückt, sogar noch ein paar mehr. Ich unterstelle, dass viele das kennen, von Partys oder Familienfesten; wenn zu vorgerückter Stunde sich so viele in der Küche herumdrücken, dass man fast nicht mehr stehen kann. Weil die Küche ein Ort der Begegnung ist.

Darum, um Begegnung, geht es mir heute, weil ich auf eine Aktion aufmerksam machen will, die ich großartig finde. Sie heißt „Politik auf 13 qm[1]“. Und es geht im Wesentlichen darum, Menschen auf engem Raum zusammenzubringen. Menschen, die sich sonst nicht begegnen würden. Menschen, die nicht einfach so unter die Leute gehen, sondern eher zurückgezogen leben. Oft sind das die, die sich benachteiligt fühlen und mit dem politischen System in unserem Land unzufrieden sind. Lebensmittel werden teurer, Mieten kaum mehr bezahlbar. Aber das kümmert „die da oben“ nicht, die ein stattliches Gehalt einschieben und in bequemen Sesseln sitzen. Inzwischen fühlen sich leider viele vergessen. Es gibt sogar einen Namen für diesen Teil unserer Gesellschaft: „das unsichtbare Drittel“. Die Distanz zum System und zu anderen Menschen hat sie einsam gemacht. Das ist schlecht und es muss sich ändern.

„Politik auf 13 qm“ startet dazu einen Versuch. Mit ihrem Transporter fahren sie auf Marktplätze, in Parks, in Einkaufscenter und Fitnessstudios, auch in Gebäude, wo Räume leer stehen. Die Orte werden so ausgesucht, dass viele „Unsichtbare“ dort sowieso unterwegs sind und hoffentlich darauf aufmerksam werden. Dort installieren sie mit den mitgebrachten Möbeln einen Raum. Er ist nicht nur 13qm groß, sondern 13 auf 13 Quadratmeter und bietet für 30 Menschen Platz. Im besten Fall wird der Raum voll, und es entstehen Begegnungen und Gespräche. Die Themen liegen auf der Hand: Was sich vor Ort verändern soll. Was verschwiegen wird. Wo man sich willkommen fühlt, wo nicht. Wo neues Vertrauen aufgebaut werden muss.

Dass die Kampagne „Politik auf 13qm“ von der Katholischen Kirche ausgeht, ist ein klares Zeichen – auch vor der kommenden Landtagswahl. Weil gute Christen sich für ihre Mitmenschen interessieren. Weil sie wissen, wie wichtig Vertrauen ist. Und weil sie die Hoffnung nie aufgeben.

 

 

[1]https://politikauf13qm.drs.de/alles-rund-um-politik-auf-13qm.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43445
weiterlesen...
11DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Weihnachten ist ein schwieriges Fest. Was auch damit zu tun hat, dass da im Grunde das Kalenderjahr zu Ende geht. Und für viele muss erledigt werden, was das Jahr über liegen geblieben ist. So drängt sich alles Mögliche in diesen Tagen davor: Abrechnungen, die Steuererklärung, Einladungen, Besuche, Grüße. Gedacht ist der Advent als eine Zeit, um sich auf Weihnachten vorzubereiten. Was eher ruhig vonstatten gehen könnte, am besten ein bisschen idyllisch, jedenfalls nicht in Hektik. Das ist ein altes Thema, und wie wenig es oft gelingt, weiß vermutlich fast jeder. Spätestens an Heiligabend ist man k.o., aber dann kommt ja noch Weihnachten.

 

Weihnachten ist ein emotionales Fest. Bei uns daheim war es jedenfalls so. Essen für drei Tage, ein festlich geschmückter Christbaum, Besuche bei den Verwandten, Post und Geschenke. Die Erwartungen waren ungeheuer. Das übt Druck aus auf alle, die mit Vorbereitungen beschäftigt sind und es schön machen wollen. Wenn es dann so weit ist, knallt es häufig. In der Küche bei uns herrschte Chaos. Meine Eltern hatten fast immer wegen irgendeiner Kleinigkeit einen Streit vom Zaun gebrochen. Und ich mittendrin mit meiner Flöte, der nicht so recht wusste, wohin. Das Herz war voll mit Gefühlen und Stimmung, aber besinnlich wurde es nicht.

 

Weihnachten ist ein menschliches Fest. Was sich unmissverständlich an dem zeigt, was ich bisher beschrieben habe. So sind wir Menschen. Ungeduldig und großspurig, ängstlich und leicht entflammbar. Weihnachten ist aber auch deshalb ein menschliches Fest, weil Gott Mensch wird. Christen glauben, dass er sich vor zweitausend Jahren in einem Menschen gezeigt hat wie niemals zuvor. Jesus aus Nazareth in Galiläa war so sehr bei Gott, mit ihm verbunden, dass die Frommen damals in ihm den wahren Gott gesehen haben, seinen Sohn, der in die Welt kam, um sie zu retten. Aber nicht in einem großen Befreiungsschlag, sondern indem er alles Menschliche mit uns Menschen teilt. Indem er Mensch in jedem Menschen wird. Bis heute.

 

Weihnachten ist schwierig und emotional und menschlich. Weil Gott sich menschlich zeigt, kann ich das allzu Menschliche entspannt nehmen und mich ohne Kopfzerbrechen auf das freuen, was an Weihnachten bevorsteht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43444
weiterlesen...
10DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Selbstverständlich ist überhaupt nichts. Man muss immer etwas dafür tun. Das wussten die Frauen und Männer, die die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verfasst haben. Darin wird detailliert festgehalten, worauf es ankommt, wenn ein Mensch zurecht Mensch genannt wird. Also nicht wie ein Gegenstand behandelt wird, sondern so, wie es einem Wesen zukommt, das einmalig ist und eine Würde hat. In der Menschenrechtserklärung stehen viele einzelne Bestimmungen. So viele, dass ich sie hier nicht alle aufzählen kann. Es lohnt sich aber, sie nachzulesen. Was ich Ihnen besonders heute empfehle, weil sie auf den Tag genau heute vor 80 Jahren in der Generalversammlung der Vereinten Nationen verkündet wurden.

Als Grundlage von allem anderen heißt es zu Beginn: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Solidarität begegnen.“ In der Tat: Da steckt das Wesentliche drin. Und es würde viel helfen für unser Zusammenleben, wenn das möglichst von allen Regierungen der Welt beherzigt würde. Und auch von jedem von uns im täglichen Miteinander. Du bist gleich viel wert. Du hast die gleichen Rechte. Du hast wie ich ein Gewissen. Ich bin dafür verantwortlich, dass es dir gut geht. Es folgen dann viele Hinweise, was man nicht tun sollte: beispielsweise keinen zu diskriminieren, niemandem Gewalt anzutun. Dann aber auch, was garantiert sein muss: andere aufnehmen, wenn sie Schutz suchen; jedem seine Meinung zugestehen; auch die Religion, die er oder sie wählt.

Was sich selbstverständlich anhört, sind keine Kleinigkeiten. Ich merke das, wenn ich mit anderen diskutiere und wir nicht respektvoll über die sprechen, die woanders leben oder anders sind. Ich bin schockiert, wenn ich davon höre, wie viel Gewalt es in unseren Familien, im häuslichen Umfeld, besonders gegen Frauen gibt. Ich sehe es in den Nachrichten: im Krieg zerstörte Wohnungen; Kinder, die verhungern, weil es eben doch keine gleiche und gerechte Verteilung von Nahrung gibt.

Diese Menschenrechte haben auch ein Fundament in der Bibel. Dort wird der Mensch als Gottes Ebenbild beschrieben. Es gibt Zehn Gebote, die das Leben so regeln sollen, dass jeder zu seinem Recht kommt. Und es gibt das Gebot der Nächstenliebe, das als Grundsatz über allem steht, wo wir zusammenleben. Auch deshalb ist der 10. Dezember für mich ein Festtag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43443
weiterlesen...
09DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es ist schön zu sehen, wie andere leben, wie sie denken und was ihnen wichtig ist. Deshalb erzähle ich heute morgen, was mir bei ihnen aufgefallen ist und wie sie mein Leben bereichern.

K. geht oft am Abend in seinen Schuppen hinterm Haus. Der ist voll mit Werkzeug und Ersatzteilen für Autos. Dann höre ich ihn sägen und hobeln, oft bis spät in die Nacht. Ich denke, er kann so am besten abschalten. Wenn ich seine Hilfe brauche, ist er immer für mich da; besonders wenn’s um Handwerkliches geht, weil er das viel besser kann als ich.

F. kenne ich seit der ersten Klasse. Wir sehen uns nicht so oft, zwei, dreimal im Jahr. Aber unsere Verbindung ist unzerstörbar. Da gibt es keine Empfindlichkeiten oder Eitelkeiten. Wenn wir telefonieren oder uns treffen, brauchen wir keinen Anlauf, um uns auf den neusten Stand zu bringen. Ein paar Augenblicke genügen, um uns ganz nahe zu sein. Das ist stets wie ein kleines Wunder und ein unbeschreiblich schönes Gefühl.

B. lebt die meiste Zeit des Jahres in den Bergen. Das ist seine Welt. Wo er dem Wetter ausgesetzt ist, keiner sich einfach hin verirrt. B. hat studiert, aber das zeigt er nicht, und er legt auch keinen Wert darauf. Wenn ich mich mit ihm unterhalte, besteht daran kein Zweifel, weil er kluge Sachen sagt. Ich habe kaum einen Menschen getroffen, der so wenig eitel und bescheiden ist. Was mich ungeheuer beeindruckt.

V. lässt mich an allem teilhaben, was sie entdeckt. Ein Buch, das sie gerade liest. Das Konzert, das sie begeistert hat. Eine Radiosendung, die ihr eine neue Welt eröffnet hat. Sie ist so alt wie ich, und neugierig wie ein kleines Kind, das die Welt erst noch erobern wird. Und sie teilt ihre Gefühle mit, ehrlich, mit Tränen, mit Lachen.

Q. möchte von morgens bis abends bei mir sein. Wenn ich das Haus verlasse, steht er da, schaut mich an, und es kommt mir so vor, als wäre er unendlich traurig. Dann drücke ich ihm einen Kuss auf die Stirn, streichle sein raues Fell und verspreche ihm zurückzukommen, so schnell wie möglich, wie immer. Wenn ich wieder da bin, explodiert er schier vor Freude und Glück und rennt unzählige Male zwischen meinen Beinen durch. Seine Kraft rettet oft meinen Tag.

 

So viel zu meinen Erfahrungen mit anderen. Sie haben auch welche. Ich verspreche Ihnen: Es tut gut, sie lebendig zu halten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43442
weiterlesen...
08DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich sitze beim Reifenwechsel. Und weil es schwierig war, überhaupt noch einen Termin zu bekommen, bin ich dankbar und geduldig, lese etwas und warte. Fast eine Stunde. Als schließlich mein Auto fertig ist, will ich allerdings gar nicht schnell weiter, weil ich in einer anderen Welt bin. Eine ältere Dame, die neben mir wartet, hat mich in ein Gespräch verwickelt. Offenbar so intensiv, dass der Mechaniker, der mich zum Zahlen holen will, lächelt und sagt: „Lassen Sie sich ruhig Zeit und kommen sie zur Abrechnung, wenn sie fertig sind.“

Was ist da passiert? Ich hatte schon vorher mit einem halben Ohr mitbekommen, dass die Dame etwas verunsichert und deshalb umständlich war. Jedenfalls hat sie den Händler mit allen möglichen Fragen traktiert, um beim Kauf neuer Reifen nichts Falsches zu machen. Bei mir fängt sie mit dem Thema auch nochmals an. Bis ihr auf einmal Tränen kommen und sie mir andeutet, dass ihr Mann gestorben ist.

Wir sind uns nie zuvor begegnet. Trotzdem ist da auf einmal etwas Vertrauliches zwischen uns. Ich spüre immer noch, dass das ein schönes angenehmes Gefühl war. Und wenn ich im Nachhinein so darüber nachdenke, dann ist es doch das, worauf es zwischen Menschen immer ankommt: sich so zu begegnen, dass bei beiden das Herz aufgeht, dass vorsichtig Nähe entsteht.

Mir ist klar, dass man solche Situationen und Begegnungen nicht „machen“ kann. Sie ergeben sich von allein. Allerdings gibt es wohl so etwas wie günstige Umstände, und man kann schon selbst etwas tun. Die Dame saß mit Abstand neben mir und las ein Buch. Trotzdem hat sie von mir Notiz genommen, hat mich eingeordnet und mich schließlich angesprochen. Ich habe meinerseits Signale gesandt, dass ich ansprechbar bin, war jedenfalls nicht so in mich vertieft, dass die andere zu mir durchkommen konnte. Wir fanden eine Ebene, haben gehört und gesprochen. Erst über den Schriftsteller Leo Tolstoi, dann über russische Geschichte und schließlich über den Tod. Nicht lang und breit, sondern kurz und bündig. Und vor allem unerwartet vertraulich. Das geht. Und dass es hier so gut ging, spornt mich an, es viel öfter zu probieren.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43441
weiterlesen...
06DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich hatte zum Glück nie Angst vor dem Nikolaus. Ich habe mich immer gefreut, und habe mir vorgestellt, wie er nachts in unser Haus kommt, wenn alle tief und fest schlafen.  Und dann bin ich mit meinen Geschwistern als allererstes nach dem Aufstehen raus und hab geschaut was wir bekommen haben.

Als ich dann älter geworden bin, durfte ich selbst 1-2 mal den Nikolaus spielen. Am spannensten war es in Indien, als ich dort meinen Freiwilligendienst gemacht habe.

Am sechsten Dezember war es dort über 30 Grad heiß. Und ich in einem viel zu warmen Nikolauskostüm steckte. Aber vor allem, weil die Kinder dort den Nikolaus nicht gekannt haben und total neugierig waren.

Ich bin also rein zu ihnen, mit meinem weißen Wattebart und ein paar roten Klamotten, die nicht so richtig passten. Und habe sofort gemerkt, dass ich ziemlich einschüchternd gewirkt habe für die Kinder. Sie haben doch ein bisschen Angst bekommen. Dabei hatte ich noch nicht einmal das klassisches Accessoire vom Nikolaus dabei: Das dicke Buch, in dem die guten und schlechten Taten aus dem letzten Jahr aufgeschrieben sind. Mein Auftreten alleine hat gereicht – erst als ich kleine Geschenke und Süßigkeiten ausgepackt habe, ist die Furcht bei den meisten dem Appetit gewichen.

Dass der Niklaus – nicht nur bei indischen Kindern – eine Figur ist, vor der man Angst hat, finde ich seltsam. Und erst recht das Buch mit den guten und schlechten Taten. Wie ein verfrühtes kleines Weltgericht. Und tatsächlcih kommt die Tradition, dass der Nikolaus ein goldenes Buch dabei hat, wohl genau daher: Dass er als Heiliger und Stellvertreter Gottes auch als Symbol für das kommende Gericht ein goldenes Buch dabei hatte.

In der Bibel ist von einem Buch die Rede. Zumindest indirekt. Aber nicht von einem Buch, in dem Gott kleinlich all unsere guten und bösen Taten notiert. Im Lukasevangelium ermutigt Jesus seine Anhängerinnen und Anhänger: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ Wo jetzt genau – in einem Buch oder an einer Tafel – Gott führt keine Liste über unsere Verfehlungen. Ihm reicht es, dass er unsere Namen kennt. Und das soll es uns auch. Der Nikolaus braucht nichts anderes als die Namen der Kinder, die er beschenken soll – und natürlich was zum Verschenken.

Das passt auch viel besser zu den Legenden vom Heiligen Nikolaus – der ist nämlich großzügig und hat ein Herz für die, die es schwer haben.

Einen Frohen Nikolaustag!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43395
weiterlesen...
05DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manche Gerichte brauchen nur eine einzige, besondere Zutat, um ihren Charakter zu entfalten. Denken Sie zum Beispiel an das Gewürz Curry: Das gibt jedem Gericht eine unverkennbare Note. Und die meisten Sachen heißen dann sogar Curry – obwohl noch viele andere Zutaten drin sind. Die Kernzutat ist das, was den Unterschied macht.

Wenn ich das mal auf mich und meinen Glauben übertrage: Was gibt meinem christlichen Glauben den unverkennbaren Geschmack? Wonach sollte Kirche „schmecken“? Früher wäre die Antwort wahrscheinlich gewesen:  Der Gottesdienst am Sonntagmorgen.

Der Gottesdienst am Sonntagmorgen. In den meisten Kirchengemeinden gibt es ihn immer noch. Manchmal ist er auf einen Abendtermin gewandert, und es gibt viel mehr unterschiedliche Formen als früher. Ich feiere gerne Gottesdienst! Aber einfach nur „Gottesdienst feiern“, das ist allein noch nicht die Kernzutat denke ich. Mich beschäftigt die Frage schon länger, seitdem ich mal wieder über einen Text aus dem Jesajabuch gestoßen bin: Dort spricht Gott zu den Menschen, die sich fragen, warum er manchmal so weit weg erscheint.

Und Gott gibt eine überraschend direkte Antwort. Er sagt, sie fokussieren sich auf das Falsche. Ja, die Gottesdienste sind voll. Alle beten viel und der König mitsamt der Regierung fasten regelmäßig. Aber mit dem Herzen sind sie nicht dabei, sagt Gott. Weil sie sich von Gott trotzdem nichts sagen lassen.

Was Gott will, steht in den Versen danach:
„Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los!

Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Und entzieh dich nicht deinem Nächsten!“

Hier sind wir beim essenziellen für den christlichen Glauben angelangt. Das ist, kurz gesagt: ich muss mir von Gott auch etwas sagen lassen. Dafür muss sollte ich Gottesdienst feiern. Um Geschmack zu bekommen am Einsatz für seine Gerechtigkeit.

Der Text aus Jesaja ist da sehr deutlich: Er sagt, dass genau dort das Licht Gottes scheint. Dass wir dort, wo wir Gerechtigkeit tun, Gott am nächsten sind.

Wenn man diesen Text fragt, was das Unverzichtbare am Christsein ist, dann ist das nicht einfach bloß der Sonntagsgottesdienst. Es ist das, was der mir sagen will. Was er mir mit auf den Weg geben will: Geschmack finden an der besonderen Würze, die Gott unserem Leben geben will. Und sich einsetzen für Gottes Gerechtigkeit. Der Sonntagsgottesdienst erinnert uns daran, was wesentlich ist. Gerechtigkeit und Glaube funktionieren nicht ohne einander. Der Einsatz für Gerechtigkeit ist das, was unseren Glauben ausmacht. Das, was den Unterschied macht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43394
weiterlesen...