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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

11JUN2022
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Es passt nicht mehr. Manchmal merkt man das im Leben. Die Rahmenbedingungen haben sich zu stark verändert. Oder ich selbst habe mich weiterentwickelt.

Da kann es um ganz kleine Dinge gehen. Die lassen sich rasch umstellen. So wie Schuhe, die man eben in einer neuen Größe kauft.

Herausfordernder wird es, wenn große Dinge im Leben nicht mehr passen. Wenn einem zum Beispiel ein bestimmtes Umfeld nicht mehr gut tut. Wenn man an einem Wohnort oder in den eigenen vier Wänden nicht mehr zu Hause ist. Wenn man sich im Beruf oder mit einem langjährigen Ehrenamt nicht mehr am richtigen Platz weiß.

Dann kann es sehr schwer sein, mal rasch was zu ändern. Denn der aktuelle Zustand ist einem ja immerhin gut vertraut. Oft hat man auch erst nach und nach den Eindruck gewonnen, dass etwas nicht mehr stimmt. Es ist gar nicht immer die eine große Krise, die auf einen Schlag alles anders macht. Manche Erkenntnis kommt unauffällig und schleichend.

Und dann weiß man ja auch gar nicht sicher, was denn kommt. Ob die Veränderung es wirklich besser macht.

Eine Lebensveränderung kostet deshalb viel Kraft. Und es scheint vielleicht leichter zu sein, sie vor sich herzuschieben.

Aber was ich denke: In einem Zustand zu bleiben, der nicht mehr zu mir passt, – das kostet genauso Kraft. Vielleicht sogar noch viel mehr. Ich merke es nur nicht so deutlich.

In der Bibel findet sich die Geschichte einer wirklich großen Lebensveränderung. Es ist die Geschichte von einem Mann namens Abraham. Und die beginnt mit zwei Sätzen, die Gott zu Abraham sagt: „Verlass dein Land, deine Verwandtschaft und das Haus deines Vaters! Geh in das Land, das ich dir zeigen werde!“ [1. Mose 12,1; BasisBibel]

Was Gott da fordert, wird Abrahams gesamtes Leben umkrempeln. Er soll alles hinter sich lassen, losgehen, und weiß nicht einmal, wohin. Was für eine Herausforderung! Aber ich denke: Entscheidend ist ein erster Schritt. Was danach kommt, muss Abraham jetzt noch nicht wissen. So ist das auch bei den Umbrüchen in meinem Leben. Entscheidend ist der erste Schritt. Und wohin der Weg führt, werde ich gezeigt bekommen nach und nach. Das macht mich frei. Und ich bin von Gott begleitet dabei.

Das ändert nichts an meiner Ungewissheit. Das macht eine Lebensveränderung auch nicht einfacher. Aber es macht mir Mut, loszugehen. Und etwas in Bewegung zu bringen.

Diesen Mut im Leben, den wünsche ich mir. Und Ihnen auch.

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10JUN2022
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Diesen Sommer wird wieder viel geheiratet. Standesamtlich – und auch in der Kirche.
Wenn ich als Pfarrer mit Hochzeitspaaren den gemeinsamen Traugottesdienst plane, dann nehmen wir uns auch viel Zeit, um die Rituale zu besprechen, die zum Gottesdienst gehören. Da ist nämlich längst nicht alles festgelegt. Die Paare haben Gestaltungsspielraum, immer mit der Frage: Was ist uns wichtig – und was ist dafür hilfreich?

Eins dieser Rituale ist der Einzug zu Beginn des Gottesdienstes. Viele Paare wünschen sich da, dass die Braut von ihrem Vater nach vorne geführt wird, wo ihr Mann sie in Empfang nimmt.

Diese Tradition stammt noch aus der Zeit, als eine Frau bei der Trauung tatsächlich vom Vater an den Ehemann übergeben wurde. Damals konnte eine Frau nicht für sich entscheiden. Der Vater hat das getan, und nach der Hochzeit der Ehemann. Bei heutigen Hochzeiten trifft das – Gott sei Dank – nicht mehr zu bei uns.

Ich persönlich kann deshalb nicht so viel anfangen mit dieser Art des Einzugs. Und das sage und begründe ich den Hochzeitspaaren auch. Mir ist es wichtig, über die Hintergründe eines Rituals Bescheid zu wissen. Über das, was automatisch mitschwingt, ob man will oder nicht.

Im Gespräch mit den Paaren zeigt sich dann aber oft: Sie wollen mit dem Ritual etwas ganz anderes zeigen. Nämlich Dankbarkeit gegenüber der Familie – und einen neuen Lebensabschnitt, der jetzt beginnt. Das steht für sie im Vordergrund – und nicht etwa ein Frauenbild aus vergangenen Zeiten. Meistens ist es auch vor allem die Braut selbst, die diese Art des Einzugs wünscht – und dabei also gerade keine passive Rolle einnimmt.

Aus dieser Perspektive ergibt das Ritual der zum Altar geführten Braut dann doch wieder Sinn. Und oft finden wir Möglichkeiten, es noch umzugestalten. Damit auch wirklich die positive Bedeutung im Vordergrund steht. Zum Beispiel kann ja zu Beginn auch der Bräutigam mit einem Familienmitglied einziehen. Dann hat auch der einen richtigen Auftritt – und kann seine persönliche Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Oder die Übergabe findet in der Mitte der Kirche statt – und das Paar geht die zweite Hälfte des Wegs gemeinsam. Weil es in der Ehe ja genau darum geht.

Ein altes Ritual – nicht nur blind übernommen, sondern neu gedeutet, bewusst umgestaltet und hilfreich fürs Leben. In Traugottesdiensten passiert das immer wieder. Und dann ist gemeinsam etwas gelungen.

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09JUN2022
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Wenn Dinge knapp und teuer werden, dann kann man nichts mehr abgeben? Das klingt logisch. Aber manchmal gilt vielleicht auch das Gegenteil.

Lebensmittel und Benzin, Wohnungsmieten und Versicherungsbeiträge – das alles wird gerade deutlich teurer. Und niemand weiß, wohin das noch führt. Viele machen sich Sorgen: Reicht mein Geld noch? Kommen wir als Familie durch? Was ist später mal, im Alter?

Die normale Reaktion lautet: Sparen! Nicht mehr so großzügig sein. Gegenüber sich selbst und gegenüber anderen. Das ist sicher vernünftig. Auch wir als Familie haben jetzt mal ganz genau geschaut, was wir uns eigentlich noch leisten können in nächster Zeit. Und dabei auch in den Blick genommen, was wir monatlich spenden. Können und sollen wir das noch?

Von Zeiten, in denen es knapp ist und eigentlich nicht reicht, – davon erzählt auch die Bibel immer wieder [vgl. Markus 6,33-44; BasisBibel]. Einmal kommen Tausende Menschen zusammen, um Jesus predigen zu hören – spontan und ohne sich zu versorgen. Die Leute sind von den Worten gefesselt, der Tag wird lang und anstrengend. Und jetzt brauchen sie dringend zu essen. „Schick doch die Leute weg“, bekommt Jesus von seinen Freunden gesagt. „Dann können sie in die umliegenden Höfe und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen.“ Das klingt vernünftig: Wenn alle selbst für sich sorgen, geht die Rechnung doch auf.

Was Jesus darauf antwortet, klingt geradezu frech: „Gebt doch ihr ihnen etwas zu essen.“ Dementsprechend verwirrt reagieren die Freunde. „Sollen wir etwa losgehen und für 200 Silberstücke Brot kaufen“? Das wäre Irrsinn! Doch Jesus scheint es ernst zu meinen – und entgegnet: „Wie viele Brote habt ihr dabei? Geht und seht nach.“

Der rasche Blick in die Proviantbeutel ergibt fünf kümmerliche Brote. Doch genau diese wenigen Brote lässt Jesus an die Menschen austeilen. Alle essen – und werden satt. Es bleiben sogar noch zwölf Körbe voll übrig.

Eine erstaunliche Geschichte – und mir macht sie Mut. Auch wenn ich im Moment weniger habe als früher – ich möchte trotzdem etwas abgeben. Wer weiß, ob es nicht doch genug ist und was daraus wird? Und womöglich bleibt dann ja auch mir noch mehr als genug.

Mit dem Geld kann es so gehen, – aber vielleicht auch mit meiner Zeit für einen Menschen oder mit meiner Kraft für ein Ehrenamt. Was knapp ist und trotzdem geteilt wird, kann immer noch reichen. Vielleicht haben Sie das ja schon mal erlebt.

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08JUN2022
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Sind Sie manchmal sauer auf Gott? Wütend auf das Schicksal? Verzweifelt? Weil Gott nicht geholfen hat? Weil er zulässt, was nicht auszuhalten ist?

Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das dann. Zum Schreien. Aber – darf man das? Und was soll das überhaupt bringen?

In der Bibel zumindest haben es Menschen so gemacht. Mittendrin, in den Psalmen. Da stehen Gebete, in denen bekommt Gott ganz schön was zu hören. Wütend und verzweifelt klingt das dort. Und es hagelt Vorwürfe: „[D]einetwegen erleide ich Schande“ [Psalm 69,8; BasisBibel], klagt jemand. Oder: „Warum bleibst du in der Ferne, Herr? Warum verschließt du deine Augen in Zeiten der Not?“ [Psalm 10,1; BasisBibel] Und schließlich: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ [Psalm 22,2a; BasisBibel].

Ein bisschen merkwürdig und unlogisch wirkt das ja schon: Gott wütend angehen, obwohl der doch weit weg ist, gar nicht da. Irgendeine Verbindung scheint es trotz allem doch noch zu geben … Zu Gott, dem Vater, auf den die Menschen so wütend sind.

Wenn ich daran denke, dass ich auch Vater bin, erscheint mir das gar nicht mehr so unlogisch. Denn als Eltern haben wir mit unseren kleinen Kindern schon ganz Ähnliches erlebt. Manchmal waren die so richtig sauer auf uns. Angebrüllt haben sie uns dann, mit ihren kleinen Fäusten auf uns eingeschlagen. Aber genau dadurch haben sie eben auch unsere Nähe gesucht. Mama oder Papa waren immer noch der beste Ort für sie. Und manchmal, wenn sie all ihre Wut hinausgeschrien hatten, sind sie in unseren Armen geborgen eingeschlafen, ausgerechnet dort.

In den Psalmen mitten in der Bibel gibt es das auch: Auch dort münden Wut und Verzweiflung manchmal in Dankbarkeit, Geborgenheit. „Du hast gehört, Herr, wonach die Unterdrückten sich sehnen“ [Psalm 10,17a; BasisBibel], ist dort zu lesen. Und: „Mein Gebet hast du erhört.“ [Psalm 22,22b; BasisBibel]. Menschen haben da also die Erfahrung gemacht: Gott hält auch meine Wut aus. Die Verbindung zu ihm bleibt. Und mitten in der Verzweiflung wird schon etwas heil.

Sind Sie manchmal sauer auf Gott? Vielleicht hilft Ihnen ein verzweifeltes, wütendes Gebet. Keine Angst, Gott hält das aus. Er bleibt da. Und vielleicht merken Sie dann ja, wie etwas heil wird.

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07JUN2022
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„Die hat wahrscheinlich niemand Passenden gefunden.“ – „Der hätte eben irgendwann mal Verantwortung übernehmen müssen.“ – „Wenn halt andere Dinge wichtiger sind …“ Menschen, die allein leben, müssen sich so allerhand anhören. Und manchmal denken sie es vielleicht sogar selbst von sich.

Heute gibt es viel mehr Alleinstehende oder „Singles“ in Deutschland als früher. Und trotzdem fallen Singles immer noch auf und sind ein Gesprächsthema. Als normal gilt, fest mit jemandem zusammenzuleben. Und für viele ist das auch ein entscheidendes Lebensziel. Allein zu bleiben oder es wieder zu sein, das ist dann sozusagen nur Plan B, wenn es eben so kommt. Dann macht man halt das Beste daraus.

Auch in Kirchengemeinden wirkt das oft so auf mich. In dem, was da angeboten wird an Veranstaltungen oder Gruppen, werden Singles nicht groß in den Blick genommen. Krabbelgruppen oder Familiengottesdienste sind dann eben doch für andere gedacht.

Als die Kirche frisch entstanden ist, vor rund zweitausend Jahren also, da war das interessanterweise ganz anders. Die ersten Christen haben Partnerschaft oder Familie sogar eher hinderlich gefunden. Ihr neuer Glaube war ihnen sehr wichtig, sie wollten sich ganz auf ihre Beziehung zu Gott konzentrieren. Und sich um die Probleme ihrer Zeit kümmern, sich für Gottes Gerechtigkeit einsetzen. Da kann es auch mal schwierig sein, eine Beziehung zu führen. Wer kann, soll besser nicht heiraten, hat der Apostel Paulus in einem Brief in der Bibel empfohlen [vgl. 1. Korinther 7,7-8].

Ich finde, aus diesem Blick auf die Geschichte kann man lernen: Es gibt – auch vor Gott – keine bessere oder schlechtere Lebensform. Jede hat ihren Reiz und ihr Risiko, bestimmte Chancen und Herausforderungen. Wie es einem dabei geht, steht nochmal auf einem anderen Blatt. Und alleine zu leben, kann genauso eine freie Entscheidung, eine bewusste Wahl sein.

Wer allein lebt, hat es vielleicht leichter, sich selbst auf die Spur zu kommen. Und den inneren Reichtum zu entdecken, der in jedem Menschenleben steckt. Und natürlich führen auch Alleinstehende Freundschaften und haben andere soziale Kontakte, vielleicht sogar noch intensiver als andere.

Außerdem gilt ja auch noch: Allein leben, mit sich selbst auskommen – das muss jeder Mensch, ob in einer Beziehung oder nicht. Es gibt Situationen, in denen bin ich immer für mich. Und manches muss ich mit mir selbst ausmachen, das kann mir niemand abnehmen. So gesehen bleibt jeder Mensch Single. Mit ganz vielen Möglichkeiten.

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