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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

19MRZ2022
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Heute abend werde ich mich von dieser Woche verabschieden. „Wochenschluss“ nennt man das in der Kirche, wenn am Samstagabend die Kirchenglocken den Sonntag einläuten. An der Türschwelle zum Sonntag drehe ich mich nochmal um und schaue auf diese Woche. Das ist ein bisschen wie Silvester, wenn ich auf das ganze Jahr zurückschaue. Am Samstagabend schaue ich auf die Woche zurück.

Welchen Menschen bin ich begegnet? Welche Begegnung hat mir gutgetan?
Was hat mich genervt? Was beunruhigt mich?
Was ruft nach Veränderung?

Manches, was ich diese Woche erlebt habe, macht mich dankbar und zufrieden. Es tut mir gut, nicht einfach darüber hinwegzugehen, sondern mich daran zu erinnern.

Anderes habe ich nicht zuende bringen können – also überlege ich: Lasse ich es gut sein oder nehme ich es mit in die neue Woche?

Und manches tut mir im Nachhinein leid: ich nehme mir vor, daraus zu lernen. Überhaupt, das Lernen. Ich erinnere mich an einen Professor, der uns im Studium Woche für Woche nach seinem Seminar interessiert gefragt hat: „Was haben Sie heute gelernt?“ Ich finde, das ist auch eine gute Frage zum Ende der Woche. Was habe ich diese Woche gelernt?

Wenn ich zum Wochenschluss so über die Woche nachdenke, bleibt das alles nicht einfach nur im Raum stehen. Ich halte es Gott hin und bitte: „Nimm es in deine Hände. Alles, was war. Alles, was mich heute abend beschäftigt und was mir noch nachgeht. Bei dir lege ich es ab.“ So beende ich die Woche.

Im 2. Schritt kann ich nach vorne schauen und den Sonntag begrüßen. Ich will die neue Woche bewusst beginnen, sie aus Gottes Hand in Empfang nehmen. Manche zünden dabei ein Licht an, als Zeichen für Jesus Christus. Sein Licht soll uns leuchten. Am Sonntag und in der neuen Woche, in allem, was ich da erleben werde.

Ich wünsche Ihnen heute einen guten Wochenschluss. Und einen behüteten Start in die neue Woche.

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18MRZ2022
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Ich war zu Besuch in einer diakonischen Einrichtung. Da hat mich eine Frau angesprochen, die dort gewohnt hat. Sie war geistig behindert. „Wie heißt du?“, hat sie gefragt. „Ich bin Ute“, habe ich geantwortet. Da hat sie mich nachdenklich angeschaut und gefragt: „Kennst du die?“ Jetzt war ich verwirrt und habe nachgefragt: „Wen?“ Nun war sie auch irritiert und hat einen neuen Anlauf genommen: „Wie heißt du?“ Antwort: „Ute.“ Und wieder die gleiche Nachfrage: „Kennst du die?“ Hm. Eine ziemlich philosophische Frage. Kenne ich mich?

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu kapieren: Sie meint nicht mich. Sie kennt noch eine Ute. Eine andere Ute. Sie wollte wissen, ob ich die andere auch kenne, wenn wir schon den gleichen Vornamen haben. Da sie fand, das liegt auf der Hand, hat sie das Gespräch unterwegs etwas abgekürzt. Sie konnte ja nicht ahnen, dass ich da nicht mitkomme.

Ein Missverständnis, aber die Frage, die sie mir gestellt hat, kommt mir seither trotzdem immer wieder in den Sinn. Vor allem, wenn ich mich selbst etwas rätselhaft finde. Zum Beispiel wenn ich mich frage, warum ich neulich so reagiert habe und nicht anders. „Kennst du die?“ Dann muss ich ehrlicherweise antworten: „Nicht wirklich.“ Also, ein bisschen schon und manchmal meine ich, ich kann mich ganz gut einschätzen. Aber dann bin ich mir doch wieder selbst ein Rätsel, überrasche mich selbst und freue mich darüber oder komme aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus.

In einem Gebet der Bibel, dem Psalm 139, heißt es: „Herr, du erforschst mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.“

So betet ein Mensch, der weiß: Ich kann mich nicht selbst ergründen. Ich kann nicht meine eigene Seele ausloten. Muss ich auch gar nicht. Es wäre ein ziemlich vermessenes Unterfangen.

Gott, es reicht mir, dass du mich kennst und mich verstehst. Dass du um mich herum bist, egal, was gerade in mir vorgeht. Dann fühl ich mich gut aufgehoben.

Überraschen kann ich mich und andere dann immer noch. Wäre ja auch schade, wenn es anders wäre. Hauptsache, Du kennst mich.
Übrigens, falls jemand von Ihnen Ute heißen sollte: Ich kenne Sie nicht.

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17MRZ2022
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Was brauchen wir? Was ist wirklich nötig, um ein gutes Leben zu führen?

Eine Geschichte der Bibel erzählt davon, wie Menschen aus dem Volk Israel versuchen, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Gerade noch hatten sie gefeiert, dass sie der Sklaverei in Ägypten entkommen waren. Freiheit! Glücklich leben können. Aber es dauert nicht lange, da stehen sie vor neuen Problemen: Ihr Weg in die neue Heimat - durch die Wüste hindurch -, der ist unglaublich anstrengend. Zu anstrengend, finden viele. Ihre Sehnsucht nach Freiheit haben sie schnell vergessen. Jetzt ist es die Sicherheit von früher, nach der sie sich sehnen. Die brauchen wir, so meinen sie. Die Menschen sind enttäuscht und müde. So müde, dass sie nicht nach vorne schauen, nur noch nach hinten.

Mose, der sie in die Freiheit geführt hatte, denkt anders: Wir brauchen den Blick nach vorne, auch wenn wir nicht wissen, was kommt. Wir brauchen Vertrauen. Gott wird uns einen Weg in die Zukunft zeigen.

Am nächsten Morgen finden sie, womit sie in der Wüste nicht gerechnet hatten. Sieht aus wie Hagelkörner oder kleine Beeren, und entpuppt sich als essbar. Es gibt ihnen Energie. „Manna“ nennen sie es. Himmelsbrot.

Sie sammeln, was sie für diesen Tag brauchen, nicht mehr. Manche wollen lieber einen Vorrat anlegen, aber der verdirbt in der Wüste. Das Himmelsbrot gibt ihnen immer nur Kraft für einen Tag. Am nächsten Morgen sammeln sie wieder. Sie üben zu vertrauen: Gott wird auch morgen da sein. Morgen werde ich wieder etwas finden, was mir Kraft gibt.

Vielleicht hatte Jesus diese Geschichte im Hinterkopf, als er Jahrhunderte später seinen Jüngern das Vaterunser beigebracht hat. „Unser täglich Brot gib uns heute“. Hilf mir herauszufinden, was ich heute brauche. Für diesen Tag. Kraft, Freundschaft, Gottvertrauen, Menschen an meiner Seite. Manna, Himmelsbrot für heute.

In Heidelberg haben eine evangelische Gemeinde und die Diakonie zusammen ein Café gegründet, dem sie den Namen „Manna“ gegeben haben. Für Leute, die wenig Geld haben oder sich über ein Gespräch freuen. Kurse kann man da auch belegen: zusammen kochen oder sich am PC fit machen lassen. Ich glaube, solche Ideen und Menschen, die anderen helfen, die sind auf ihre Weise auch Manna. Himmelsbrot, das wir füreinander sein können.  

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16MRZ2022
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Die Seiten in meinem Terminkalender füllen sich fast von allein. Und dann stehen immer noch Termine oder Aufgaben Schlange, die eigentlich auch noch untergebracht werden wollen. Möglichst bald.

In der Bibel habe ich einen Satz entdeckt, der mir hilft, mit der Fülle der Aufgaben umzugehen. „Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“ Im Buch Prediger steht das, mittendrin in Gedanken über Arbeit und Lebensfreude.

Als ich das das erste Mal gelesen habe, habe ich gedacht: Na, da baut aber einer ganz schön Druck auf. „Auf, los, da geht noch was, da geht noch mehr! Streng dich an!“
Aber inzwischen mag ich den Satz. Er ist hilfreich, wenn man ihn genau anschaut.

Ich soll tun, was mir vor die Hände kommt, heißt es zuerst. Aber das ist vielleicht nicht unbedingt das, was andere gerade von mir erwarten. Ob es jetzt für mich dran ist oder nicht, das muss ich schon selbst entscheiden. Es sind ja meine Hände, meine Kreativität, meine Zeit und meine Energie, um die es da geht.

Anregend finde ich außerdem, dass da von meiner Kraft die Rede ist. Also nicht: alles, was dir vor die Hände kommt, das mach. Und auch nicht alles, was dir gerade in den Sinn kommt. Nein, da ist so etwas wie ein Filter eingebaut. Meine Kraft. Die ist nicht unerschöpflich.

„Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“

Manches schaffe ich nicht. Und manches ist für mich gerade auch nicht dran. Der Satz aus der Bibel gesteht mir das zu. Und Martin Luther hat über diesen Satz mal trocken gesagt: „Ich tu, was ich kann. Und was ich nicht kann, davon muss es heißen: ‚Wem ein Stein zu schwer ist, der lass ihn liegen.‘“ So einfach. Wenn ich mich übernehme, ist niemandem gedient. Manches kann ich getrost liegen lassen. Vielleicht versuche ich mich in einem Jahr nochmal an diesem Stein. Aber vielleicht ist er auch für jemand anderes gedacht. Oder es ist so ein dicker Brocken, dass er in 50 Jahren immer noch da liegen wird. Macht nichts. Ich muss mich ja nur um das kümmern, was für mich gerade dran ist.

Heißt für mich: anschauen, was mir vor die Hände kommt, abwägen, was für mich gerade geht und was nicht. Und dann tun, was ich kann, und den Rest getrost liegen lassen.

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15MRZ2022
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In der irischen Hauptstadt Dublin kann man in einer Kathedrale die „Tür der Versöhnung“ besichtigen. Sie hat schon seit Jahrhunderten in der Mitte ein Loch, gerade groß genug, dass man mit einer Hand hindurchgreifen kann. Dieses Loch und ihren Namen „Tür der Versöhnung“ verdankt die Tür einer Begebenheit, die sich 1492 zugetragen hat. Zwei irische Adlige waren aneinander geraten. Es kam zu einer gewalttätigen Auseinan­dersetzung zwischen ihnen und ihren Gefolgsleuten. Einer der beiden Grafen hat sich mit einigen Getreuen in höchster Not in die Kathedrale gerettet. Sie haben sich in einen Nebenraum geflüchtet und sich hinter der Tür verschanzt. Raus konnten sie nicht mehr. Ihre bewaffneten Gegner haben die Tür belagert. Die drau­ßen haben irgendwann angeboten: „Kommt raus, dann reden wir.“ Die drin haben sich natürlich nicht getraut. Schließlich ließ der Graf, der außen stand, mit Streitäxten ein Loch in die Tür hauen. Durch das Loch haben sie miteinander gesprochen. Dann hat einer der beiden unglaublich viel riskiert: er hat seine Hand und seinen ganzen Arm durch das Loch gestreckt, dem Widersacher entgegen. Er war komplett wehrlos in dem Moment. Ich vermute, alle haben den Atem angehalten. Auf beiden Seiten der Tür.

Mir geht diese Geschichte nach. Jesus hat mal gesagt: „Selig sind, die Frieden stiften.“ Genau genommen hat er gesagt: Selig sind, die Frieden „tun“. Also nicht nur darüber reden, sondern selbst etwas tun. Aktiv werden. Und: dafür etwas riskieren. Die Geschichte von dem Loch in der Tür erzählt eindrücklich: Aufeinander zugehen kostet womöglich mehr Überwindung und mehr Mut als aufeinander losgehen.

Ich hoffe und wünsche, dass die Verantwortlichen dieser Welt genau diese Überwindung und diesen Mut aufbringen. Und auch für mich persönlich nehme ich diese Herausforderung mit: Rede nicht nur über Frieden. Tu was dafür!

Und was ist mit der Hand des Grafen an der Tür vor 500 Jahren geschehen? Der andere hat sie ergriffen. Der Friede hat am Ende gewonnen.

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14MRZ2022
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Heute ist der internationale Stell-eine-Frage-Tag. Vermutlich ist es kein Zufall, dass dieser Tag auf den 14. März gelegt worden ist. Denn heute hat Albert Einstein Geburtstag. Und der wusste nicht nur viele Antworten, er hat auch gesagt, dass man nie aufhören soll zu fragen. Nur wenn ich frage, lerne ich dazu.

Wenn ich frage, zeige ich: Ich weiß noch lange nicht alles, und es gibt noch so viel zu entdecken.

Ich weiß nicht von allein, wie es meiner Freundin geht. Also frage ich bei ihr nach und höre zu. Oder ich kenn mich mit einem komplizierten Thema, über das viel diskutiert wird, nicht gut aus. Also frage ich bei Fachleuten nach und lese etwas dazu. Und wenn mir dabei eine Antwort serviert wird, die mir zu einfach oder vorschnell vorkommt, dann frage ich nach und hinterfrage.

Wer irgendwann aufgehört hat zu fragen, der könnte bei Kindern in die Schule gehen. Die erobern sich die Welt mit ihren Fragen, Und wenn sie richtig loslegen, treibt es uns Erwachsenen ja manchmal Schweißperlen auf die Stirn. „Warum ist der Himmel blau? Mami, wo war ich, bevor ich in deinem Bauch war? Wie fühlt man sich, wenn man tot ist? Wieso gibt es Krieg?“ Kinder erschließen sich die Welt, im wahrsten Sinn des Wortes. Sie schließen sich mit ihren Fragen neue Räume auf, betreten die neugierig und orientieren sich.

Schon Kinder in biblischen Zeiten waren offenbar „Löcher-in-den Bauch-Frager“. Das fünften Buch Mose rät den Erwachsenen, sich gut darauf vorzubereiten, dass ihre heranwachsenden Kinder sie fragen werden: „Wieso lebt ihr so, wie ihr lebt? Nach welchen Geboten, nach welchen Werten lebt ihr? Was glaubt ihr?“ So fragt eine Generation die Generation ihrer Eltern und Lehrer und Politikerinnen: „Wonach richtet ihr euch? Erzählt mal. Und lasst es uns sehen. Lebt uns vor, worauf es euch ankommt.“

Mose hat damals den Erwachsenen gesagt: Hört ihnen zu. Und dann antwortet ihnen. Versucht es zumindest, so wie ihr es könnt. Nehmt diese Fragen ernst. Und wenn ihr euch selbst und anderen solche Fragen lange nicht mehr gestellt habt, dann fangt damit an. So erschließt ihr auch für euch neue Räume.

Merke: wenn ich selbst frage, dann entdecke ich etwas Neues. Wenn ich gefragt werde und hinterfragt werde, dann auch. Ich wünsche Ihnen heute gute Fragen.

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