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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

26FEB2022
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Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein! Das haben einhundertfünfzig Kirchen aus der ganzen Welt 1948 in Amsterdam einmütig gesagt. Nach dem millionenfachen Tod und Leid und der himmelschreienden Grausamkeit im Zweiten Weltkrieg war das ihr gemeinsames Bekenntnis: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.

In Europa war es mit dem Ende des schrecklichen Weltkriegs in den Jahrzehnten danach stiller um den Krieg geworden. Gekämpft wurde anderswo, in anderen Gegenden der Erde. Es schien so, als hätten die Menschen Europas miteinander beschlossen: So etwas darf nie wieder geschehen. Doch dann kehrte der Krieg auf dem Balkan auf unseren Kontinent zurück mit Tod und Verderben. Und er ist geblieben:

Im Osten der Ukraine, mitten in Europa, herrscht bereits seit einigen Jahren wieder Krieg. Menschen töten Menschen, Städte und Dörfer werden unbewohnbar. Das Leid derjenigen, die in ihrer Heimat ausharren, ist unvorstellbar. Jetzt droht dieser schmutzige, vermeintlich regionale Krieg zu einem großen Krieg zu werden.

Doch egal ob klein oder groß: Krieg gibt dem Leben keinen Sinn, er ist sinnlos, er vernichtet Leben, zerstört Existenzen, legt lebenslang dunkle Schatten über die Seele. Er bricht auch nicht irgendwie von selbst aus, er entsteht nicht von selbst, er wird von Menschen gemacht.
Was ist unsere gemeinsame Aufgabe dabei, jenseits der Sorge, dass der Gaspreis steigen wird?

Gott ist ein Gott des Friedens. Ein Gott des Miteinanders, nicht des Gegeneinanders. Er hat uns einen Kopf und ein Herz gegeben, damit wir Wege finden, um zu verhindern, dass Menschen getötet werden. Wir können in seinem Namen zu Friedensstifterinnen und Friedensstiftern werden:

Wir können dagegenhalten, wenn der Krieg schöngeredet wird.
Wir können dem Frieden das Wort reden, damit Menschen „in Frieden“ weiterleben können. 
Wir können uns an die Seite der Opfer stellen, wo immer es geht.
Wir können Politikerinnen und Politiker auffordern, alles zu tun, was dem Frieden dient.
Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.
Um der Menschen willen soll Frieden sein.

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25FEB2022
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„S´ist Krieg, s´ist Krieg, o Gottes Engel wehre und rede du darein“, klagt der Dichter Matthias Claudius im Jahr 1778. Damals waren es preußische „Geo-Politiker“, denen die Landkarte Europas nicht mehr passte. Heute sind es andere Strategen, die Grenzen verschieben und Machtblöcke zementieren wollen.

Zehntausende werden diesen Wahnsinn mit ihrem Leben bezahlen. Was ist dann gewonnen? Wenn die Kanonen schweigen, rauchen die Trümmer. Was Generationen erarbeitet und aufgebaut haben, läge in Schutt und Asche. Millionen werden fliehen. Herzzerreißend das Weinen der Kinder und die Klage so vieler, die um ihr Leben betrogen werden. Um das alles wissen die Besessenen auf allen Seiten, die jahrzehntelang aufgerüstet haben. Sie demonstrieren vor Gott und der Welt ihre Unfähigkeit und ihren Unwillen, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Der Krieg in der Ukraine kann im Nu einen Weltenbrand entfachen. In den Bunkern lagern tausende atomarer Sprengköpfe, nur noch schwach gesichert von der Angst derer an den Drückern, dass sie im atomaren Inferno selbst verglühen. Was aber, wenn bei einem der Verrückten die Sicherung durchbrennt und er die Menschheit in seinen Tod mithineinreißt?

„O Engel Gottes, wehre und rede du darein“, fleht Matthias Claudius in seinem Gedicht. Auch ich setze auf die Macht des Gebets. Ob Gott einen Krieg abwendet, den Menschen verbrochen haben, sei dahingestellt. Ich bitte ihn aber, dass er die Friedenswilligen stärkt. Ich appelliere an die Welt-Religionen, dass sie um Gottes willen ihr Gezänk zurückstellen und alle „Menschen guten Willens“ aufrufen, sich in eine weltumspannende „Gebetskette“ einzuklinken.

Und dann würden die Marktplätze überquellen von friedliebenden Menschen – eins im weltweiten Aufschrei gegen den Krieg. Denn die einzig tragfähige „Geo-Politik“ ist die Friedens-Politik.

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24FEB2022
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Heute vor 74 Jahren starb in Paris der legendäre Abbé Franz Stock. Der junge Theologe aus Westfalen kam schon früh mit französischen Jugendlichen in Kontakt und wurde zum Vorkämpfer der deutsch-französischen Versöhnung. Schon zwei Jahre nach seiner Priesterweihe berief ihn sein Bischof zum Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Paris. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht, die unser Nachbarland überfallen und besetzt hatte, wurde Abbé Stock auch Seelsorger in den Pariser Militärgefängnissen. Dort betreute er viele französische Widerstandskämpfer. Unter Lebensgefahr schmuggelte er Botschaften der Gefangenen nach draußen und hielt Kontakt zu den Angehörigen. Manche von ihnen fütterte er auch mit Insider-Wissen, um sie so vor der eigenen Festnahme zu bewahren. Bald nannte die „Résistance“, die französische Widerstandsbewegung, den deutschen Abbé den „Erzengel der Gefängnisse“ oder den „Kaplan der Hölle“. Ganze Nächte verbrachte er mit den zum Tode Verurteilten in ihrer Zelle und begleitete zahllose von ihnen im Morgengrauen zur Hinrichtung. Einer der Widerständler, ein Kommunist, so schreibt Abbé Stock in seinem Tagebuch, habe ihn kurz vor der Erschießung umarmt und gebeten, sich hinter die Soldaten zu stellen, dass er ihn im Augenblick des Todes sehen könne, ihn, den „Kaplan der Hölle“. 

Noch keine vierundvierzig Jahre alt starb Franz Stock nach dem Krieg in amerikanischer Gefangenschaft. Bei der Trauerfeier würdigte ihn der spätere Papst Johannes XXIII. mit den Worten: „Abbé Franz Stock – das ist kein Name, das ist ein Programm!“

 

Was ist sein Programm? Menschen nahe zu sein in den finstersten Verliesen der Verlassenheit und Verzweiflung, wenn ihnen Unrecht widerfährt, wenn sie erniedrigt und gedemütigt werden.

Heute denke ich dabei an viele in den kalten Kammern der Einsamkeit, allein gelassen im Alter oder in der Beziehungslosigkeit. Ich versuche auch, wie Abbé Stock bei denen auszuhalten, die krank und vom Tod gezeichnet sind. Warum? Weil ich an jene Botschaft glaube, die allen Getauften zugesagt wurde: Unser Gott ist ein Gott des Lebens – auch über den Tod hinaus.

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23FEB2022
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Alles blickt gerade nach Russland und zur Ukraine. Der Konflikt zwischen den beiden Ländern könnte eskalieren. Es ist bedrohlich. Und wo auch immer ich gerade hinkomme, spüre ich Verunsicherung: ein ungutes Gefühl, ein Gefühl von Machtlosigkeit und die Frage: Was wird werden?

Mich hat die Verunsicherung ziemlich fest im Griff. Bei anderen großen Themen unserer Zeit, Corona oder den Diskussionen um Heizkosten und Inflation, konnte ich auch mal ganz gut abschalten und abends im Fernsehen einen netten Film ansehen. Bei der Ukraine-Krise gelingt mir das nicht mehr. Dabei wünschte ich, es wäre so einfach wie im Film: Im Film gibt es immer den Bösewicht, der an allem schuld ist. Und es gibt immer die Guten, die ganz selbstlos den Schurken bekämpfen - und am Ende natürlich auch gewinnen. Aber die Ukraine-Krise ist nun mal kein Film. „Die Guten“ gibt es nicht. Selbstlos ist im Ukraine-Konflikt niemand, alle Beteiligten haben eigene Interessen. Und genau so wenig gibt es den Bösewicht. Den Feind, den man besiegen muss.

Ein klein wenig hilft mir diese Erkenntnis aber auch, dass es Gut und Böse im echten Leben nicht so eindeutig gibt. Keine Helden - und keine Feinde. Nur - Menschen. Und als Christin höre ich auf einmal einen Satz aus der Bibel ganz neu: Jesus sagt dort einmal: „Liebet eure Feinde. Tut wohl denen, die euch hassen.“ Meinen Feind lieben - heißt das vielleicht: den Menschen sehen und eben keinen Feind? Einen Menschen, wie mich, und eben keinen Bösewicht wie aus dem Film? Ein klein wenig hilft mir das, auch wenn die Verunsicherung bleibt. Ich gestehe, ich habe Angst vor dem, was kommen könnte. Aber wenn überhaupt etwas helfen kann in der Krise, ist es der Blick auf das Gegenüber als Mensch - und nicht als Feind.

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22FEB2022
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Wenn der Staatsanwalt wegen schweren Diebstahls ermittelt, vergeht einem Langfinger gewöhnlich das Lachen. Doch Jörg Alt, ein Nürnberger Jesuit, freut sich auch noch! Er hatte kurz vor Weihnachten bei Nacht und Nebel Lebensmittel aus den Mülltonnen eines Supermarkts geklaut und die heiße Ware an Arme und Obdachlose verteilt. Nun ja - „Brotvermehrung“ in der Bibel geht eigentlich anders! Also alarmierte der Pater selber die Polizei und bekannte sich zu seiner Straftat. Nun wartet man gespannt auf den Ausgang des Verfahrens. „Containern“- so lautet der Fachbegriff unter Insidern – wird immer noch mit Haftstrafe bedroht.

Eigentlich „absurd“, meint sogar Landwirtschaftsminister Cem Özdemir und will die Rechtslage überprüfen lassen. Dass das „Recht auf Eigentum“ sich sogar auf einen Müll-Container erstreckt, dessen Inhalt definitiv zur Vernichtung bestimmt ist, begreife, wer mag. Da ist zweifellos die Politik am Zug!

Doch schlimmer finde ich, dass wir selber als Verbraucherinnen und Verbraucher schamlos mit wertvollen Lebensmitteln umgehen. Pro Kopf und Jahr treten die Deutschen 55 Kilogramm Lebensmittel in die Tonne, die Hälfte davon noch genießbar.[1]) Das sind etwa zwei bis an den Rand gefüllte Einkaufswagen! Scheinbar verwechseln besonders heikle Konsumenten das Haltbarkeitsdatum mit ihrem eigenen Verfallsdatum und fürchten, nach dem Verzehr eines abgelaufenen Joghurts tot umzufallen. Lebensmittelverschwendung auf der einen Seite führt zwangsläufig zur Überproduktion auf der anderen. Dann quellen die Container über.

Da lobe ich mir, dass manche Bäckereien ihr Brot vom Vortag verbilligt anbieten. Oder Lebensmittelgeschäfte abgelaufene Ware an die Tafeln verschenken und ihren Beschäftigten mitgeben. Dass Restaurants über eine eigene App ihre restlichen Essensportionen kostengünstig vermarkten.

Noch wichtiger aber wäre mir die Ehrfurcht dem täglichen Brot gegenüber – die muss man schon Kindern in die Vesper-Dose packen. Denn im Brot vermischen sich die Fruchtbarkeit der Erde und die kostbare Arbeit vieler Menschen schmackhaft mit dem Segen Gottes.

 

[1]    Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft 2020

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21FEB2022
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Alle bisher bekannten Corona-Varianten haben ein „Spike-Protein“ gemeinsam. Es bohrt sich in menschliche Beziehungen hinein und zerstört sie mit unglaublicher Wucht! Dicke Freunde grüßen sich plötzlich nicht mehr, der eine geimpft, der andere spaziert abends mit Impfgegnern durch die Straßen. Der Streit um die Impfpflicht zerfrisst Familien und Partnerschaften, zerbröselt das kollegiale Miteinander am Arbeitsplatz, entzweit sogar Kirchengemeinden, Clubs und Vereine. Knallhart krachen die Fronten aufeinander. Auf den Straßen prügelt man sich mit der Polizei, Politiker werden mit dem Tod bedroht. Und das oft in einer Manier, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. 

Wie bescheuert, frage ich mich, sind wir denn, dass wir Corona auch noch diese Angriffsfläche bieten? Intakte, tragfähige Beziehungen sind doch das Kostbarste in unserem Leben. Sozialer Konsens macht stark, stattdessen zerfleischen wir uns. 

Gegen dieses fiese, spalterische Corona-Protein haben die Labore leider noch kein wirksames Vakzin entwickelt, sonst wäre ich sofort für eine allgemeine Impfpflicht! In der Bibel aber habe ich die Formel dafür gefunden, sie lautet: „Lasst euch zurechtbringen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden!“ So mahnt der Apostel Paulus damals seine Streithansel in der Gemeinde von Korinth (2. Korintherbrief 13,11).

Rauft euch wieder zusammen, heißt das. Hört endlich einander zu, statt euch nur den Vogel zu zeigen. Lernt geduldig zu argumentieren, statt herumzukrakeelen.

Was, wenn wir uns aber dennoch nicht einig werden? Dann halten wir das aus, denn eine lebendige Beziehung ist es einfach nicht wert, dass sie an Corona zerbricht. Ob es mit dieser Pandemie gut ausgeht, entscheidet sich doch nicht auf der Straße. Wir überwinden sie nur, wenn wir zusammenstehen und zusammenbleiben – auch dann, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.

Das wäre heute schon einen Versuch wert: Gehen wir doch mal auf jemand von denen zu, die sich im Zorn von uns getrennt haben. Raufen wir uns zusammen, sonst droht auch auf der Beziehungsebene „Long Covid“, nämlich dauernde Beziehungslosigkeit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34887