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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

24DEZ2021
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Eine heile Welt. So hat ein Künstler im 15. Jahrhundert die Weihnachtsgeschichte gemalt. Ich habe noch nie so einen sauberen Stall gesehen. Auf Hochglanz poliert. Kein Heu, kein Stroh, keine Tiere, natürlich auch keine Hirten (die hätten mit ihren schmutzigen Stiefeln ja nur Dreck gemacht). Und Maria ist keine erschöpfte Mutter, die soeben unter Schmerzen ein Kind geboren hat, sondern eine edel gewandete Dame, die Hof hält. Die 3 Könige sprechen nämlich gerade vor.

Es gibt keine genervten Leute, keine Anstrengung. Niemand hat vor irgendwas Angst. Keiner streitet. Alles super. Harmonie in Vollendung, wie man’s gerne hat am Heiligen Abend. Die Niederungen des Alltags sind ausgeblendet.

Mit der „echten“ Weihnachtsgeschichte aus der Bibel hat dieses Bild allerdings nichts zu tun. Mit dem echten Leben auch nicht. 

In der Weihnachtsgeschichte der Bibel gibt es eine Geburt in einer Notunterkunft. Ein erschöpftes junges Elternpaar, das natürlich überfordert ist. Wer wäre das nicht an ihrer Stelle? Und dann noch die Hirten, die Nachtwache schieben und rund um die Uhr arbeiten. Keine heile Welt.

Und genau dahinein wird Jesus geboren. Genau da leuchtet ein Licht auf, ein Lichtschein von Gottes Liebe. Das ist kein Fehler in der göttlichen Regie. Sondern genau so soll es sein. Da will Gott sein. Bei diesen Leuten. In dem, was sie gerade erleben.

Die Weihnachtsgeschichte ist etwas für uns normale Leute. Für die mit Alltagsstaub auf ihrer Seele. Für die, die erschöpft sind oder allein. Und auch für die, die das Gefühl haben: „Bei allen anderen um mich herum ist an Weihnachten heile Welt. Nur bei mir nicht.“

Ich glaube, die Ansage der Engel an die Hirten, die gilt auch für uns normale Leute. „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Nicht irgendwelchen perfekten Menschen in einer heilen Welt. Sondern Euch. Euch kommt Gott nah. Euch gilt seine Liebe.

Da ist eine Liebe, die Menschen das Herz wärmt. Wir können sie miteinander teilen. Heil wird die Welt dadurch nicht. Aber ich finde, sie wird heller.

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23DEZ2021
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In vielen Städten und Dörfern leuchtet in diesen Tagen das Friedenslicht aus Bethlehem.
Seit 35 Jahren gibt es diesen Brauch: im Advent zündet ein Kind in der Geburtskirche in Bethlehem eine Kerze an. Das Friedenslicht. Mit dieser Kerze werden andere angezündet. So wird das Licht weitergegeben und mit anderen geteilt. Pfadfinderinnen und Pfadfinder tragen es in die Welt hinaus, über Grenzen von Ländern und Völkern hinweg.

Am 3. Advent ist es in Deutschland angekommen und wandert von Ort zu Ort. In meiner Stadt leuchtet es noch bis Heilig Abend vor einem Pfarrhaus. Wer möchte, kann mit einer Kerze dorthin kommen und sie am Friedenslicht entzünden, um das Licht mit heim zu nehmen. Manche erzählen auch, dass sie es anderen bringen, mit denen sie es gern teilen möchten. Das Friedenslicht wandert. Es wandert in KiTa’s und Rathäuser. Es wandert innerhalb einer Familie oder von Nachbarhaus zu Nachbarhaus, von Alteingesessenen zu Neuzugezogenen. Vielleicht gibt sich auch jemand einen Ruck und bringt es dem, den er lange nicht mehr gegrüßt hat oder den er noch nie gegrüßt hat.

Indem ich das Friedenslicht mit anderen teile, kann ich ein Zeichen setzen. „Friede sei mit dir!“ Der Friede soll leuchten in deinem Haus. Er soll dich wärmen, deiner Seele gut tun. Und er soll bestimmen, wie du mit anderen umgehst.

Ausgerechnet aus Bethlehem kommt das Friedenslicht. Aus einer unruhigen und umkämpften Region. Genau dort ist Jesus geboren worden. In einer Zeit, in der von Frieden auch keine Rede sein konnte. Mit diesem Kind hat Gott ein Zeichen gesetzt.

In der Weihnachtsgeschichte machen Engel die Hirten vor den Toren Bethlehems auf die Geburt Jesu aufmerksam. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.“ Eine große Ansage zu einem kleinen Beginn in einem Stall.

Die Hirten waren die ersten, die von Jesus erzählt haben. Sie haben auf ihre Weise das Licht weitergegeben, von Mensch zu Mensch.

Dieses Licht leuchtet bis heute in die Dunkelheiten unserer Welt hinein. Immer wieder sind da Menschen, die einem andern das Licht weitergeben, das sie selbst empfangen haben. Es soll auch denen leuchten, die erschöpft sind, traurig oder zerstritten. „Tragt in die Welt nun ein Licht“, heißt es in einem Kinderlied. Das finde ich auch ein gutes Motto für uns Erwachsene. Tragt in die Welt nun ein Licht. Ein Friedenslicht.

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22DEZ2021
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Die Künstlerin Madeleine Dietz hat im Jahr 2000 ein Bild veröffentlicht: „Madonna mit dem Kinde“. Eigentlich nichts Besonderes, es gibt ja viele Bilder, die Maria mit dem kleinen Jesus zeigen. Erst im zweiten Moment habe ich die gelbe Stoff-Ente in der Hand des Kindes entdeckt. Nanu? Jetzt erst habe ich genauer hingeschaut und gemerkt: Die Künstlerin hat ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert genommen und hat es am PC bearbeitet. Das Kind auf dem Schoß der Maria ist nun ein Kind aus unserer Zeit. Mit Latzhose und rotem Pulli. Und es hat das Down-Syndrom. Ein Kind mit Behinderung. Und habe ich schon erwähnt, dass es ein Mädchen ist?

Ich bin aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen. Je länger ich das Bild angeschaut habe, umso mehr hat es mich berührt. Ein behindertes Kind, von Maria liebevoll im Arm gehalten. Ich habe das Bild Jugendlichen gezeigt, und sie haben tatsächlich nicht bemerkt, dass das Kind Down-Syndrom hat. Sie haben einfach nur ein Kind gesehen. Ein Kind, das geliebt wird, munter in die Welt guckt und vermutlich gerade jemandem die Stoff-Ente überreichen möchte.

Das allein wäre ja schon eine wichtige Botschaft: Jedes Menschenkind ist einfach nur ein Menschenkind, das geliebt werden möchte und geliebt werden soll. Perfekt ist keines. Oder alle sind es, auf ihre ganz eigene Weise.

Aber nun ist es ja auch noch ein Weihnachtsbild. Jesus, der Sohn Gottes, als Kind mit Behinderung. So kommt Gott zur Welt. Das hat einige Leute aufgeregt, als die Künstlerin ihr Bild vorgestellt hat. „So kann man doch nicht von Gott reden“, haben sie protestiert. „Gott ist doch makellosl!“ Das Bild hat Diskussionen ausgelöst, wie wir uns Jesus als Sohn Gottes vorstellen. War er perfekt und makellos? Vielleicht hatte er einen Seh-Fehler. Und wo steht eigentlich, dass er ein Mathe-As war oder besonders schnell von Begriff gewesen wäre? Er war einfach nur ein Kind. Verletzlich und liebebedürftig wie jedes Kind. So kommt Gott zu Welt. So kommt er mir nah.

Vielleicht habe ich mich über die Jahre so sehr an die Weihnachtsgeschichte gewöhnt, dass ich sie nicht mehr spannend und irritierend finde. Aber eigentlich ist es ja der Hammer. Der ewige Gott wird Mensch. Junge oder Mädchen? Mit Behinderung? Egal. Ein kleines Bündel Mensch, anderen Menschen anvertraut. So nah kommt mir Gott.
An Weihnachten will ich darüber wieder staunen.

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21DEZ2021
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Heute ist nach alter kirchlicher Tradition der Thomas-Tag. Thomas, das ist einer 12 Jünger Jesu. In der Bibel wird er als ein Mann beschrieben, der sich viele Gedanken macht. Wenn alle etwas super finden, ist das für ihn noch lang kein Grund, das auch super zu finden. Thomas fragt und hakt nach. Er wägt in aller Ruhe ab, bis er seine eigene Meinung gefunden hat. Blindlings vertrauen, das ist nicht seins.

Das hat ihm den Beinamen „der Ungläubige“ eingebracht. Aber ich denke, das wird ihm nicht gerecht. Fragen und zweifeln, das ist nichts, weswegen man sich schämen müsste. Genau genommen ist es eine Gabe. Jemand wie Thomas versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen. Wenn ich heutzutage jemanden wie ihn in meinem Team habe, wird er vermutlich dafür sorgen, dass wir nicht auf die Schnelle irgendwas machen. Jemand, der nachfragt wie er, sorgt dafür, dass ich genauer hinsehe. Auch wenn er manchmal anstrengend ist.

Anstrengend kann ein Charakter wie Thomas auch für sich selbst sein. Gerade wenn er vor einer Entscheidung steht, Antworten sucht und sie nicht findet. Ohne Antworten im Dunkeln zu tappen, kann einen zur Verzweiflung bringen. Darauf weist das Datum heute hin. Der Thomas-Tag ist nicht etwa im Frühjahr oder im Sommer. Nein, es sollte der 21. Dezember sein. Der kürzeste Tag, die längste Nacht des Jahres. Die längste Nacht, die steht symbolisch auch für Verzweiflung, für Dunkelheit im eigenen Herzen. Die Thomasnacht erinnert daran, dass der Grat zwischen Zweifeln und Verzweifeln womöglich ein schmaler sein kann.

Bei dem Jünger Thomas finde ich in der Bibel eindrücklich beschrieben, was ihm hilft. Thomas ist zwar ein kritischer Geist, aber er ist nicht überheblich. Er hält sich nicht für schlauer als alle anderen. Er sucht das Gespräch mit ihnen und hört zu. Und er kann zur Ruhe kommen und es gut sein lassen.

Dann wäre da noch Jesus. Der geht auf Thomas zu, begrüßt ihn mit dem Friedensgruß und nimmt seine Fragen ernst. Für Thomas eine Erfahrung, die ihm nahegeht.

Thomas heißt auf Deutsch übrigens „Zwilling“. Ich denke, er hat auch heute noch viele Zwillingsschwestern und -brüder. Auch ihnen sei der Tag heute gewidmet. Ich wünsche ihnen, dass auch sie den alten Friedensgruß Jesu hören: „Friede sei mit dir!“

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20DEZ2021
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„Fürchtet euch nicht!“ Was für ein Satz auf einer Briefmarke. Sonst sind auf den Marken eher Tierbabies abgebildet, oder aufrechte Demokraten oder Landschaften. Aber als Weihnachts-Briefmarke gibt es in diesem Jahr das Bild eines Engels und dazu den Satz: „Fürchtet euch nicht!“

Das stammt aus der Weihnachtsgeschichte der Bibel. Ein Engel sagt das, als er einfachen Hirten erscheint und ihr normales Leben durcheinander bringt. 9 Monate vorher hat der Engel es zu Maria gesagt, als sie erfahren hat, dass sie Mutter werden wird. Und auch dem Josef, der sich um Maria und das Kind Sorgen macht. Der Engel sagt den beiden, ganz persönlich adressiert, wie ein besonderer Gruß direkt aus Gottes Herzen: „Fürchte dich nicht, Maria!“ „Fürchte dich nicht, Josef!“

Ich finde, das ist so ein herrlich nüchterner Satz, weil er damit rechnet, dass wir uns sehr wohl fürchten. Wir schweben ja auch nicht locker-leicht durch’s Leben. Auch nicht in der Weihnachtswoche. Auch uns treffen Ereignisse, mit denen wir nicht gerechnet haben: Da liegen Menschen im Krankenhaus und andere sitzen besorgt an ihrem Bett. Manche sind in Kurzarbeit und fragen sich, wie es nächstes Jahr werden wird. Wir hören Nachrichten und können manchmal nur noch fassungslos den Kopf schütteln. Mitten in solche Situationen hinein wird uns gesagt: „Fürchtet euch nicht!“

Manchmal klingt es ganz leise, wie geflüstert. Zum Beispiel, wenn im richtigen Moment jemand da ist, der meine Hand nimmt und mir zuhört.

Manchmal tönt es laut wie ein Fanfarenstoß, um uns aufmerksam zu machen und uns herauszufordern. Lass dich nicht lähmen, heißt das vielleicht. Lass dich nicht kleinkriegen. Du bist nicht allein!

Den Hirten in der Weihnachtsgeschichte hat das „Fürchtet euch nicht“ jedenfalls einen Weg gezeigt. Sie haben ihre alltägliche Arbeit unterbrochen und sind zum neugeborenen Jesus gegangen. Sie haben über dieses Wunder der Liebe Gottes gestaunt.

Auch später werden sie immer wieder Grund zum Fürchten gehabt haben. Aber „Fürchtet euch nicht“ – das hat in ihnen nachgeklungen.

Ich finde diesen Satz auf einer Briefmarke genial. So kann die Botschaft ins Pflegeheim wandern oder zu Eltern, die nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht, oder zu jemandem, der in diesen Tagen traurig ist oder verunsichert. Ein Gruß von Mensch zu Mensch und direkt aus dem Herzen Gottes: „Fürchtet euch nicht!

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