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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

11SEP2021
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Am Montag geht auch bei uns in Baden Württemberg die Schule wieder los.

Ob mit oder ohne Corona-Richtlinien ist das für viele Schülerinnen und Schüler ein aufregender Tag. Wie sieht der neue Stundenplan aus, welche Lehrerinnen und Lehrer bekommen wir, neben wem werde ich sitzen? Und nach den Erfahrungen der vergangenen eineinhalb Jahre wird viele bewegen, ob und wie lange der Unterricht in Präsenz stattfinden kann.

Spannende Zeiten, besonders für alle, die jetzt die Schule wechseln und für die Jüngsten, für die mit dem ersten Schultag ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

An sie denke ich heute Morgen besonders, an diese kleinen Buben und Mädchen, deren Ranzen mir manchmal fast größer vorkommt, als die kleine Person, die ihn trägt.

Für sie beginnt jetzt der sogenannte „Ernst des Lebens“. Zumindest hat man mir das vor meiner Einschulung, die just heute vor 51 Jahren war, ständig gesagt. Damals konnte ich nicht viel mit diesem Satz anfangen. Weil ich mich doch auf die Schule gefreut hatte, darauf, endlich lesen und schreiben zu lernen.

Heute weiß ich eher, was es mit diesem Ernst des Lebens auf sich hat. Spätestens mit dem Schuleintritt – und leider oft schon früher – beginnt die Sache mit dem Leistungsdruck, der auf vielen dieser Kinder lastet. Ausgesprochen oder unausgesprochen.

Zum Glück freuen sich die Kinder, die ich vor Augen habe sehr auf ihre Einschulung. Liebevoll und sorgfältig wurden die Schultüten gebastelt, das Mäppchen und der Ranzen ausgesucht. Jetzt kann der Tag kommen, an dem es endlich losgehen soll.

Mich rührt es an, wie offen diese Kinder auf etwas Neues zu gehen. Sich einfach freuen, neugierig sind auf die Schule.

Ich wünsche ihnen, dass sie Menschen finden, die sie sie beim Lernen behutsam begleiten. Frauen und Männer, Pädagoginnen und Pädagogen, die sie entdecken lassen, was in ihnen steckt. Und ihnen auch immer wieder zeigen, dass es neben ihnen auch noch andere Kinder gibt und sie darin bestärken ihr soziales Gespür weiterzuentwickeln. Ich wünsche ihnen, dass sie sich wohlfühlen in ihrer Klasse, dass es ihnen Freude macht zu lernen, und dass ihr Lebensranzen niemals zu schwer wird.

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10SEP2021
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„Und es kam der Tag, da das Risiko in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde als das Risiko zu blühen“

Dieser Satz der Schriftstellerin Anais Nin treibt mich um. Vielleicht weil er mich an einem wunden Punkt erwischt. Denn in letzter Zeit frag ich mich immer wieder, ob ich die Knospen in meinem Leben zum Blühen gebracht habe, ob ich meine Gaben auch wirklich genutzt habe oder eben nicht, oder eben zu wenig? Aus Angst, nicht gut genug zu sein…oder aus Scheu, mich damit ins Rampenlicht zu stellen?

Teile ich meine Gaben die mir von Gott gegeben sind freigiebig oder halte ich sie - warum auch immer - zurück? Leb ich das Leben, das ich leben könnte?

Wo verharre ich im Zustand der Knospe anstatt etwas zum Blühen zu bringen? Was hindert mich daran, mich zu entfalten? Oder gibt´s da vielleicht nichts mehr in mir, das blühen könnte?

Vielleicht sind diese Fragen mit zunehmendem Alter normal – vielleicht sind sie sogar wichtig. Nicht zur Nabelschau, sondern um den eigenen Lebensauftrag zu erfüllen. Und das Gebot der Nächstenliebe, das dazu auffordert, seinen Nächsten zu lieben - Und nicht nur den Nächsten sondern auch sich selbst.

Genau darum geht es in einem Text von Ulrich Schaffer, den ich sehr berührend finde.  

Er schreibt:

„In dir,
parallel zu deinem Leben,
liegt ein anderes Leben.
Es hat sich still verhalten
und ist mit dir zusammen älter geworden.
Es hat sich nicht aufgedrängt
und nicht die Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Es hat auf den richtigen Augenblick gewartet.
Dabei ist seine Sehnsucht gewachsen.
Sie ist immer dichter geworden,
immer erfüllter und brennender.
Du hast sie gespürt,
hast versucht sie zu erfüllen,
bist ängstlich zurückgewichen.
Vielleicht spricht es jetzt.
Es tut sich immer eine Tür ins Leben auf.
Jeder Tag ist eine Tür.
Sogar das Versäumte hat noch eine Chance,
wenn du auf diese Stimme hörst,
die dich in das Haus deines Lebens führen will,
in dem du endlich
– wie lange wolltest du es schon? –,
dich dir zukehrst wie ein Mensch,
der sich liebt.“
(„Wie ein Mensch, der sich liebt“, Ulrich Schaffer)


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09SEP2021
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Und schon sind die Sommerferien fast wieder zu Ende. Und mit dem September werden die Tage spürbar kürzer.

Es ist jedes Jahr dasselbe. Der Abschied vom Sommer und der warmen Jahreszeit fällt mir schwer. Und je älter ich werde desto intensiver empfinde ich das. Vielleicht weil ich mich selbst inzwischen im Spätsommer, wenn nicht Herbst meines Lebens befinde.

Wie kann ich etwas von der Fülle des Sommers konservieren? Nicht nur in Form von köstlich eingekochter Aprikosenmarmelade oder im Duft von Lavendel, den ich rieche wenn ich den Kleiderschrank aufmache?

Wie bewahre ich mir etwas Sommer im Herzen?

Goethe hat dazu folgendes geschrieben:

Auch das ist Kunst,

ist Gottes Gabe,

aus ein paar sonnenhellen Tagen

sich soviel Licht ins Herz zu tragen,

dass wenn der Sommer längst

verweht,

das Leuchten immer noch besteht.

Wenn ich mir diese Worte zu Herzen nehme, dann wird mir bewusst, was ich diesen Sommer alles an Schönem und Gutem erlebt habe. Dass ich die lebendigen Bilder, die da in mir aufsteigen, wie einen Vorrat in mir anlege, den ich mir immer wieder vor meinem inneren Auge herholen kann.

Und, dass ich mir dabei immer wieder bewusst mache, welchen Schatz an Erinnerungen ich bereits in mir trage. Lebensfülle, die mir hilft, wenn schwere oder dunkle Tage kommen.

Ich glaube wirklich, dass das eine große Kunst – vielleicht auch eine „Gottesgabe“ ist, das einzuüben und so dankbar älter werden zu können. Und je nachdem was für ein Schicksal einen ereilt ist das auch nicht selbstverständlich oder gar einfach. Wenn es jemandem richtig schlecht geht, ist es naiv oder kann sogar zynisch klingen, ihm zu raten, doch an das Schöne im Leben zu denken und für das Schöne in seinem Leben dankbar zu sein.

Ich weiß nicht, wie ich das selbst in so einer Situation empfinden würde.

Stand heute, hoffe ich, dass es mir gelingt, aus ein paar sonnenhellen Tagen so viel Licht im Herz zu haben, dass es, wenn der Sommer längst vorbei ist, in mir noch immer leuchtet.

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08SEP2021
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„An Mariä Geburt fliegen die Schwalben furt“. Dieser Spruch kommt mir heute in den Sinn. Weil in der katholischen Kirche heute der Geburtstag der Gottesmutter Maria gefeiert wird. Wenn sich die Schwalben Anfang September sammeln, um zusammen gen Süden zu fliegen ist das ein eindeutiges Zeichen, dass nun der Herbst beginnt. Geradeso wie die Schwalbe rund um Mariä Verkündigung am 24. März wieder auftaucht und den Frühling mitbringt.

Ich finde es faszinierend, wie diese Vögel und alle anderen Zugvögel genau zu wissen scheinen, wann es Zeit ist, aufzubrechen, welche Route zu fliegen ist und wann die Zeit gekommen ist, zurückzukehren.

Im Tierreich gibt es dazu unzählige weitere Beispiele, Wale die wandern, Lachse, die eigentlich im Meer leben und wenn sie Nachwuchs bekommen in Flüsse hineinschwimmen, oft hunderte Kilometer den Flusslauf hinauf.

Sie tun das, weil ihre Jungen sich nur entwickeln können, wenn sie die erste Zeit ihres Lebens in Süßwasser verbringen. Danach gehen sie ins Meer und kommen erst wieder zurück, wenn sie selbst Junge bekommen. Das Verrückteste dabei ist für mich, dass jeder Fisch dabei an den Platz zurückwandert, an dem er selbst geboren wurde. Er erkennt ihn am speziellen Geruch des Wassers, meint die Wissenschaft.

Es liegt bei den Tieren in den Genen oder am Instinkt. Ob wir Menschen solche Gene auch in uns haben, einen Instinkt, ein Gespür dafür, wann es gilt aufzubrechen und gleichzeitig eine Ahnung davon, wo wir zu Hause sind, wann es gilt dorthin zurückzukehren?

Die Tiere brauchen diesen Ortswechsel um überleben zu können.

Aber wie ist es bei mir?

Ich erinnere mich gut an den Spruch meiner Mutter, dass Kinder erst einmal vom Kirchturm weg müssten, nach der Schule. Raus in die Welt. Um den Horizont zu erweitern und  auf eigenen Füßen zu stehen. 

Mir hat dieser Ortswechsel gut getan. Ich habe diesen Abstand gebraucht, um mein Leben leben zu können. Gleichzeitig habe ich nicht vergessen, wo meine Wurzeln sind. Was mein „Stallgeruch“ ist. Wohin ich immer wieder gerne zurückkehre auch wenn ich inzwischen woanders zu Hause bin. Das tut mir gut. Und dafür bin ich dankbar.

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07SEP2021
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„Fang den Tag heute nicht mit den Scherben von gestern an – schlepp´sie nicht mit dir herum.“

So lautet ein Rat des Autors Phil Bosmanns. Dieser Satz begleitet mich lange schon und kommt mir immer wieder in den Sinn. Er erinnert mich daran,  was bei uns zu Hause ein „ungeschriebenes Gesetz“ war: Abends nicht im Streit auseinander oder ins Bett zu gehen. Das war meinen Eltern wichtig. Dass möglichst nichts mehr ungut im Raum stand – auch wenn nicht jedes Problem gelöst werden konnte und jeder Konflikt beseitigt. Dass wir uns wenigstens eine gute Nacht gewünscht haben und die Möglichkeit gegeben haben am nächsten Tag noch einmal in Ruhe darüber zu sprechen.

Mir ist es bis heute wichtig, wenn es Scherben, Ärger oder Streit gegeben hat, das möglichst nicht mit ins Bett zu nehmen. Wenn etwas nicht gut gelaufen ist am Tag möchte ich die gröbsten Scherben beseitigt haben und schauen, wo was wie noch zu retten ist.

Klar gelingt das nicht immer. Und nicht alles lässt sich wieder kitten – auch wenn ich das noch so gerne möchte. Manches kann ich dann gut sein lassen, anderes quält mich länger.

Denn es gibt Scherben, die gekittet werden können, wenn ich ehrlich verzeihen kann oder mir verziehen wird. Und es gibt Scherben, die mit aller Liebe nicht wieder zusammenfügt werden können, die Scherben bleiben.

Manches bleibt also zerbrochen in meiner Lebensgeschichte. Zum Beispiel die Beziehung zu einer früheren Freundin, bei der ich bis heute nicht weiß, warum sie nichts mehr mit mir zu tun haben möchte und warum kein Gespräch darüber möglich ist.

Das muss ich akzeptieren. Es - wenn schon nicht gut - so doch wenigstens sein lassen können.

Ich kann versuchen das, was zerbrochen ist, anzunehmen und wenn möglich, auszusöhnen. So schwer und so langwierig das auch sein mag.

Und vielleicht gibt es noch eine weitere Möglichkeit damit umzugehen. Ich kann das, was ich bei aller Liebe nicht heilen kann, einem Anderen übergeben. Für mich ist das Gott. In seine Hände lege ich das, was ich aus eigener Kraft nicht aussöhnen kann.

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06SEP2021
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„…wenn ich nur jeden Tag aufstehen kann…“ an diesen Satz meiner Großmutter muss ich grad oft denken. Nicht nur einmal hat sie ihn gesagt – immer und immer wieder hab ich ihn gehört. Als Zwanzigjährige hab ich nur erahnt, wieviel an Lebensqualität für sie hinter diesem Wunsch gestanden hat.

Heute ist mir deutlich bewusst, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass ich in der Regel jeden Morgen aus dem Bett komme und in den Tag gehen kann. Das versuche ich mir immer wieder bewusst zu machen und auch dankbar dafür zu sein. Auch für das so selbstverständliche Geschenk, dass jeden Morgen die Sonne über unserem Planeten wieder aufgeht. Oder dass ich jeden Tag die Chance habe, neu anzufangen.

Manchmal graut mir auch vor dem nächsten Morgen und das Aufstehen fällt mir schwer, weil was Schwieriges ansteht: Eine Aufgabe, der ich mich nicht gewachsen fühle, oder weil ein Problem, das die Familie umtreibt, gelöst werden sollte. Oder wenn in meinem Umfeld jemand schwer erkrankt ist, und es keine Heilung mehr gibt – dann finde ich es besonders schwer und dann kann ich den Morgen nicht gerade dankbar oder gar freudig begrüßen.

Aber heute hoffe ich auf einen Tag, in den ich dankbar gehen kann.  Ohne dabei diejenigen aus dem Blick zu verlieren, denen heute Schweres bevorsteht oder die das Bett hüten müssen.Dabei bestärkt mich ein Gedicht von Rose Ausländer, in dem sie schreibt:

Wieder ein Morgen
Ohne Gespenster
Im Tau funkelt der Regenbogen
als Zeichen der Versöhnung

Du darfst dich freuen
über den vollkommenen Bau der Rose
darfst dich im grünen Labyrinth
verlieren und wiederfinden
in klarer Gestalt

Du darfst ein Mensch sein
arglos

Der Morgentraum erzählt dir
Märchen du darfst
die Dinge neu ordnen

Farben verteilen
und wieder
schön sagen

an diesem Morgen
Du Schöpfer und Geschöpf 

„Versöhnung“ aus: Rose Ausländer, Gelassen atmet der Tag, Frankfurt 2002, S. 102 

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