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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

14AUG2021
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„Ich habe meine Gefühle begraben“, das hat mir mal ein Mensch über sich erzählt. Was für ein Satz! Der mir bis heute nicht aus dem Gedächtnis geht und den ich in der einen oder anderen Art und Weise immer wieder erlebe: Dass Menschen ihre Gefühle nicht leben können oder nicht mehr leben wollen. Dass sie ihre Gefühle begraben haben: Dass sie das, was dem Leben Höhen und Tiefen gibt, in eine Kiste gepackt und einsachtzig tief in die Erde versenkt haben, um im Bild zu bleiben.

Und die Menschen, die ihre Gefühle wegpacken müssen, haben alle gute Gründe dafür. Gute Gründe sind zum Beispiel sich selbst zu schützen, damit einen die Gefühle nicht überschwemmen. Gute Gründe sind auch, alte Wunden nicht aufzureißen. Aber so verständlich und wirksam es auch ist Gefühle wegzupacken, zu unterdrücken oder zu begraben, so belastend ist es auch. Denn das Leben wird eben gefühlloser ohne Höhen und Tiefen. Irgendwie stumpf. Oder die Gefühle suchen sich andere Wege um aus ihrem Grab zu kommen. Unvermittelte Wut, unerklärliche Traurigkeit oder körperliche Beschwerden. Das Bild vom Grab und Begraben finde ich ganz passend dafür wenn gefühllose Zustände geheilt werden sollen. Wenn Gefühle begraben werden mussten, dann war etwas so schmerzhaft, dass es weggepackt werden musste. Um beides zu lösen, das Wegpacken und seine Folgen, müssen die Gefühle exhumiert werden, ausgegraben, ausgepackt, hoch gelassen. Aber ganz vorsichtig, ganz behutsam, am besten mit einer Freundin, einem Seelsorger oder einer Therapeutin. Im Wort „Exhumieren“ – das Tote ausgraben, steckt das Wort Humus.
Humus ist der Stoff, der Kompost, der scheinbar tot, aber so fruchtbar ist. Und so können die scheinbar toten Gefühle, wenn sie aus ihrem Grab geholt werden, auch zum Humus, zum Stoff für ein anderes, neues Leben werden. Ein Leben, versöhnt mit sich selbst, versöhnt mit den Fehlern und Schwächen, die jeder Mensch in sich trägt. Und wenn es gelingt, diese Gefühle behutsam freizulegen, dann kann das Harte weich werden, das Dunkle hell und das Tote lebendig.

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13AUG2021
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Was man von Kindern nicht alles lernen kann. Etwa, dass man nie sagen sollte: „Da kannst du eh nichts machen! Zum Beispiel gegen den Hunger in der Welt. Bei großen Themen wie diesen fühlen sich viele Erwachsene einfach nur ohnmächtig. Und machen aus dieser Ohnmacht heraus eben: nichts. Der Enkel eines Freundes hat gezeigt, wie es auch gehen könnte: Joshua. Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber die Geschichte ist zeitlos.
Joshuas Großvater war Theologieprofessor in Tübingen und hat regelmäßig in Armenvierteln in Peru gearbeitet. Als er mal wieder vor einer Reise dorthin stand, hat er sich von seinem damals vierjährigen Enkel verabschiedet und gesagt: „Joshua, ich geh jetzt für eine Weile weg, zu Kindern, die sind ganz arm. Die haben oft nur ganz wenig zu essen und manchmal gar nichts.“

Als Joshua das gehört hatte, drehte er sich um, ging in sein Zimmer, holte seine Sparbüchse und sagte zu seinem Opa: “Nimm das und kauf’ den Kindern Äpfel, denn Äpfel sind gesund!“ Und das hat Joshuas Opa dann auch gemacht. Im peruanischen Cusco hat er von den rund 20 Euro seines Enkels einen großen Sack Äpfel gekauft. Damit ist er in ein Dorf gefahren, das 4500 m hoch liegt. In dieser Höhe wachsen keine Bäume mehr, geschweige denn Äpfel. Es wurde eine Dorfversammlung einberufen, damit Joshuas Äpfel auch gerecht verteilt wurden. 50-60 Kinder saßen im Kreis und jedes bekam einen Apfel. Und es war ein Erlebnis wie die Kinder mit ihrem ersten und vielleicht einzigen Apfel umgegangen sind. Manche haben nicht gewusst wie ihn essen. Manche haben ihn nur staunend in den Händen gehalten und manche haben gierig in ihn reingebissen.

Joshuas Großvater war tief berührt zu sehen wie die Äpfel seines Enkels nun an ihren Bestimmungsort gekommen waren. Und natürlich weiß er, dass der Hunger nicht mit geschenkten Äpfeln aus der Welt geschafft wird. Sondern nur wenn man die Menschen auch lehrt Apfelbäume zu pflanzen oder das, was in 4500 Metern eben noch gedeiht. Aber das hat Joshua, der jetzt ein junger Mann ist, sicher noch gelernt. Und wir was Wunderschönes von ihm!

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12AUG2021
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Ihre Augen waren jung und alt zugleich. Und ich war kurz angebunden bis an die Grenze zur Unfreundlichkeit. Sie hatte bei uns geklingelt an einem Sonntagmorgen gegen halb zwölf. Wir hatten Gäste zum Brunch und ich war in ein Gespräch verwickelt. Es klingelte und da stand diese Frau mit den jungen, alten Augen. Eine südländisch aussehende Bettlerin.

Und ich ärgerte mich. Ärgerte mich aus dem Gespräch gerissen zu werden, ärgerte mich, dass mich Bettler jetzt schon am Sonntagmorgen in meinem Privatbereich stören.

Die Frau sprach nur gebrochen Deutsch, zeigte Fotos von Kindern und stammelte was von Rumänien, Überschwemmungen und Hunger. Ich dachte an die Banden von Profibettlern, die Frauen und Kinder vor Kirchen und in Privathäuser schicken. Darum war ich kurz angebunden, brummelte was von „habe Besuch“ und ging wieder zu meinen Gästen. Aber ich war nicht mehr recht bei der Sache. Die Augen der Frau und mein abweisendes Verhalten ließen mich nicht los. Darum ging ich aus dem Haus und schaute nochmal nach der Frau. Sie stand vor der Haustür unserer Nachbarn und ich sagte zu ihr, „bitte kommen sie noch mal.“ Schon lang hatte ich einen Beutel voll Münzgeld für besondere Zwecke aufbewahrt. Und als ich die Bettlerin vor der Haustür meiner Nachbarn stehen sah, war mir klar, dass sie ihn bekommen sollte.

Zu unserer Haustür führen drei Stufen hinauf. Als sie davor stand, ging ich in die Hocke und gab ihr den Münzbeutel. Auf Augenhöhe, von meiner Hand in die ihre. Dabei nahm sie meine Hand und küsste sie. Ich zuckte zurück weil sich diese Dankbarkeit für mich zu unterwürfig anfühlte. Wahrscheinlich spürte die Frau das. Sie zeigte zum Himmel und segnete mich. Und das konnte ich annehmen. So dankbar wie sie.

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11AUG2021
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Es war ein Sommermorgen wie im Bilderbuch: Stahlblauer Himmel mit ein paar Schönwetterwolken und einer frischen Luft wie zum Trinken. Wir hatten Zimmerleute in unserem Garten, sie haben uns einen neuen Geräteschuppen gebaut. Und an solch einem Morgen ihre Arbeit auch richtig genossen. Wir kamen ins Gespräch miteinander und ein junger Zimmermannsgeselle mit dicken Muskelpaketen war besonders offen.
Er hat erzählt, dass er erst Abi gemacht hat, dann aber nicht studieren wollte, lieber erstmal was Praktisches, Handfestes machen wollte. „Und da haben Sie auch Ihre Hammermuckis her?, hab ich ihn gefragt. „Nein“, hat er geantwortet, „die habe ich eher von der ‚Muckibude‘. „Ah ja“, sagte ich „aber wie kommt es, dass Sie, wo Sie doch eh schon so viel körperlich arbeiten da abends nochmal nachlegen? Ich hatte ihm kurz zuvor, als er mich nach meinem Beruf gefragt hatte, gesagt, dass ich für die Kirche im Radio arbeite und wohl deswegen hat er mir mit einem Lächeln im Gesicht geantwortet: „Ja dann werden Sie den Grund meines Bodybuildings wohl  gut verstehen. Sie kennen doch sicher den Satz aus der Bibel, ‚Euer Leib ist der Tempel des Heiligen Geistes‘ und warum sollte ich dem Heiligen Geist nur eine kleine Kapelle bauen, wenn er einen Dom haben kann?“ Ding Dong, da hat er echt eine schöne große Glocke angeschlagen, dieser Zimmermannsgeselle und dabei so stolz wie fröhlich gestrahlt.

Zu Recht, denn unsere Körper sind Gabe und auf Aufgabe, je älter sie sind umso mehr. Und daher ist es auch so schön wie notwendig, sie zu hegen und zu pflegen. Vom Anfang bis zum Ende. Egal ob sie nun ein kleiner feiner Tempel sind, eine morsche alte Hütte oder ein stattlicher Dom.

Der Geist Gottes wohnt in allen. Und kann auch aus allen sprechen – manchmal ganz unverhofft und überraschend. Wie aus einem Zimmermannsgesellen an einem wunderschönen Sommermorgen.

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10AUG2021
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Wie viele Menschen heute wohl sterben? Und wie viele Menschen den Angehörigen wohl Trost spenden? Der Tod, wenn man ihm nicht nur im Fernsehen begegnet, sondern im wirklichen Leben, dann ist er eine große, manchmal umwerfende Erfahrung. Und da braucht es Menschen, die einen dabei halten, einem Halt geben. Das hab ich beim Tod meines Vaters erlebt. Es ist fast 30 Jahre her, aber in meiner Erinnerung noch immer so als wäre es gestern gewesen.
Mein Vater war gerade gestorben und ich wurde in die Klinik gerufen. Der Platz an dem sein Bett stand war leer. Das habe ich noch wahrgenommen. Ich wurde in den Aufbahrungsraum geschickt. Er war im Keller. Ein schöner Raum. Würdevoll, stilvoll, zeitlos. Den Tod – das Aussehen und die Ausstrahlung toter Menschen - kannte ich damals schon. Was mich aber tief berührt hat war dieses Gesicht meines toten Vaters: Eine Mischung aus Säugling und Greis. Irgendwie alt und jung zugleich, ganz er und doch ganz anders. Und wie ich bei meinem toten Vater stand, spürte ich auf einmal eine Hand an meinem Rücken. Sanft, zärtlich, beruhigend. Als ich mich umdrehte sah ich seitlich hinter mir eine bildschöne Frau. Blond, in weißer Kleidung, wie Klinikschwestern sie tragen. Sie stand nur still hinter mir und strich mir über den Rücken. Ich weiß nicht wie lange, aber es war wunderschön. Tröstlich. Friedlich. Zeitlos.

Und auf einmal war sie weg. Ich hab sie nie wieder gesehen. Aber dieses Bild, dieses Gefühl hat einen festen Platz in meiner Seele. Sie war mein Engel in Menschengestalt. Und ich bin ihr sehr dankbar für diesen stillen, starken Trost. Ich hoffe diese Frau hat noch viele Trauernde getröstet mit ihrer sanften, lieben Hand. Ich schicke ihr meinen Dank mit einem Satz. Ein Satz der uns verbindet und der zu dem Geschenk, das sie mir gemacht hat, passt: „Wir Menschen sind Engel mit nur einem Flügel. Wenn wir uns berühren, können wir fliegen…“

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09AUG2021
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Eine Geschichte, die gut in die Urlaubszeit passt. Die Geschichte von Thanassis. Ich fürchte er lebt nicht mehr, denn die Geschichte ist schon eine Weile her und auch Thanassis war schon alt, als ich ihm begegnet bin. Es war in Koroni, einem zauberhaften Städtchen im Südwesten Griechenlands. Meine Familie und ich spazierten durch den Ort und dabei trafen wir auf einen alten Mann, der aus dem Fenster seines Häuschens schaute. Er verwickelte uns in ein Gespräch und lud uns zu einem griechischen Kaffee in sein Haus. Typisch griechische Gastfreundschaft.
Es war eine schöne Begegnung, bei der sich Thanassis gefreut hat wie Bolle, dass wir bei ihm waren. Am Ende hatte er aber noch eine Bitte: Wir sollten ihm doch eine Postkarte aus Deutschland schreiben. Auf der auch unsere Namen gut lesbar sind. Klar, wurde ihm versprochen, aber zurück in Deutschland natürlich vergessen, wie es eben oft so ist nach dem Urlaub.

Und wie das Schicksal so spielt, waren meine Frau und ich zwei Jahre später mit Freunden wieder in Koroni und landeten wieder vor Thanassis’ Haus. Und wer kommt zur Tür heraus? Na klar, Thanassis! Er erkannte uns, begrüßte uns herzlich, aber beklagte sich auch ziemlich darüber, dass er noch keine Postkarte von uns bekommen habe. Das war uns natürlich peinlich und als wir zurück in Deutschland waren, hat er dann seine Postkarte bekommen.

Ein paar Jahre später war ich dann nochmal in Koroni und weil es einfach in einer wunderschönen Gegend liegt, kamen wir wieder am Haus von Thanassis vorbei. Diesmal war er nicht da. Aber seine Haustür war über und über mit Namen beschrieben, Vornamen, liebevoll mit verschiedenen Farben ausgemalt. Eine ganze Tür bunt beschrieben mit Vornamen aus aller Welt und oben links die unseren.

Und warum erzähle ich das alles? Weil es bei der Geschichte von Thanassis um Versprechen und das Halten von Versprechen geht. Ein Versprechen bei dem jeder Name nicht nur eine Tür bunt gemacht hat, sondern das Leben eines vielleicht einsamen alten Mannes reich.

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