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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

17JUL2021
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Man will es nicht wahrhaben, man will es weghaben, will das es vorbei ist. Aber leider zu oft im Leben geht das nicht. Beim plötzlichen Tod eines lieben Menschen, bei der Diagnose einer schlimmen Krankheit oder bei einer Katastrophe wie jetzt. Flutkatastrophen von diesem Ausmaß kannten wir bislang nur von Asien oder der Karibik. Schrecklich, aber weit weg. Nun kennen wir sie auch hier. Und auch den Schrecken. Wenn kleine Bäche in idyllischen Ortschaften zu großen braunen Brühen werden, die alles mitreißen, Häuser und Menschenleben. Meine Gedanken und Gebete sind bei den Opfern dieser Katastrophe. Und bei ihren Angehörigen, die jetzt ein Leid erfahren, das wir nicht ermessen können. „Es gibt kein fremdes Leid“ heißt ein weiser Satz. Und wenn wir das Leid dieser Menschen auch nicht ermessen können, so können wir doch mitfühlen. Und je näher das Leid ist, umso mehr. Das ist einfach so. Und das ist auch gut so. Weil aus diesem Mit-Leid Gutes entsteht: eine große Hilfsbereitschaft. Die Menschen vor Ort packen an, wo sie anpacken können. Andere bieten Häuser und Wohnungen als Notunterkünfte an. Und wieder andere spenden für die, die alles verloren haben. Und mit dem Mitgefühl, mit der Betroffenheit der nicht konkret Betroffenen kommen auch Fragen auf. Natürlich nach unserem Umgang mit der Schöpfung, nach dem Klimaschutz. Ja, wir müssen uns diese Fragen schon stellen. Aber alles zu seiner Zeit. Jetzt ist erstmal die Zeit für Trost, Hilfe und Hoffnung.

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16JUL2021
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Sintflut und Apokalypse. Es sind wahrlich biblische Begriffe, die gerade vielen von uns in den Sinn kommen, angesichts der Schreckensbilder aus den Überflutungsgebieten in der Eifel und im Bergischen Land. Viele Menschen haben dort nicht nur ihre Wohnung oder ihr Hab und Gut verloren. Inzwischen ist klar, dass zahlreiche Menschen auch ihr Leben gelassen haben. Die Gewalt einer entfesselten Natur hat es ihnen genommen.

Dennoch, so naheliegend sie auch erscheinen mögen. Ich finde, dass die biblischen Begriffe hier nicht passen. Das Bild des zornigen Gottes der biblischen Sintflutgeschichte, der Wassermassen schickt um Leben auszulöschen, ist nicht mehr das Bild jenes Gottes, von dem das Neue Testament uns erzählt. Dort findet sich vielmehr das Bild eines Gottes, der den Verlorenen nachgeht. Der den glimmenden Docht nicht löscht und den geknickten Halm wieder aufrichtet. Es ist das Bild eines liebenden und besorgten Gottes, auch und gerade angesichts von Katastrophen und menschlichem Leid.

Die Wassermassen in den überfluteten Dörfern und Landstrichen haben gerade jede Menge Leid hinterlassen. Angehörige, die jetzt um ihre Toten trauern. Menschen, die verzweifelt nach Vermissten suchen. Andere, die quasi über Nacht vor den Trümmern ihrer Existenz stehen.

Ich wünsche allen, die heute schwer getroffen sind, dass sie Menschen an ihrer Seite finden, die sie etwas von dieser Liebe und Sorge spüren lassen. Die Hand anlegen, um zu helfen. Die sie einfach in den Arm nehmen, um zu stützen und zu trösten. Als Christ glaube ich fest daran, dass Gott genau dort zu finden ist. Inmitten von Zerstörung und Leid. Und ganz nah bei denen, die es so schlimm getroffen hat.

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15JUL2021
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Darf Joe Biden zur Kommunion? Das ist eine Frage, die in den USA Staub aufgewirbelt hat. Ich kann sagen: Bei mir dürfte er. Weil ich die Menschen, die mit geöffneter Hand an den Altar treten, keiner Prüfung unterziehe. Außerdem bin ich gar nicht der Gastgeber beim Abendmahl; Christus ist es. Aber die amerikanischen Bischöfe scheinen das zum großen Teil anders zu sehen. Weil der amerikanische Präsident sich für eine weitgehende Legalisierung der Abtreibung ausgesprochen hat, sagen sie: Er ist nicht würdig, das Sakrament der Eucharistie zu empfangen. Nun könnte das Biden egal sein, wenn er nicht überzeugter Katholik wäre und sonntags die Heilige Messe mitfeiern würde. Und es könnte uns egal sein, weil wir ja nicht in Amerika sind. Allerdings handelt es sich nicht um eine theologische Spitzfindigkeit. Für mich verbindet sich damit eine Frage, die ins Mark dessen trifft, wie das Christentum sich versteht. Nicht nur in den USA, sondern überall und überhaupt: Darf jemand von der Kommunion ausgeschlossen werden? Und damit ist nicht nur der kleine Augenblick gemeint, wenn einem die Hostie auf die Hand gelegt wird. Nein, es geht um die Kommunion, die Gemeinschaft all derer, die das Heil suchen und Heilung brauchen. Wer gehört dazu, wer nicht? Wem steht es zu, das zu beurteilen?

Da lohnt der Blick zurück an den Anfang. Jesus hat gerne mit anderen gegessen. Und er hat sich ausdrücklich mit denen an einen Tisch gesetzt, die schräg angesehen wurden. Dirnen, Zöllner, Zweifler, Verräter. Ein Mahl war für ihn die Gelegenheit, um zu hören, was den Leuten auf der Seele liegt. So hat er von Fehlern und Vergehen aller Art erfahren. Und er hatte im Gespräch beim Essen die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge darzulegen. Beim letzten Abendmahl im Kreis der Jünger war das nicht anders. Auch da hatten die Teilnehmer keine weiße Weste. Die hat sowieso niemand.

Für Katholiken ist die Kommunion etwas Heiliges. Unmittelbar bevor sie ausgeteilt wird, sprechen alle gemeinsam das folgende Gebet: „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Dem Thema Abtreibung muss sich der US-Präsident stellen. Nach bestem Wissen und Gewissen - auch mit den Bischöfen seiner Kirche. Das hat aber nichts damit zu tun, ob er würdig ist, zur Kommunion zu gehen. Wirklich würdig ist keiner. Deshalb steht sie allen offen, die sie brauchen.

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14JUL2021
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Jeder elfte Mensch auf unserem Planeten hungert. Weltweit sind das etwa 690 Millionen Menschen. Vor allem Kinder. So hat es die Welthungerhilfe jüngst mitgeteilt[1].

Mich hat das erschüttert und ratlos gemacht. Die Vorstellung, dass von elf Menschen einer Hunger leidet. Zumal ich bei der Recherche auf schlimme Bilder gestoßen bin. Abgemagerte Kinder, die unter glühender Sonne einen Pflug schieben; auf einem Land, das mehr nach Wüste als nach Ackerboden aussieht. So ist die Lage derzeit in Madagaskar. Dort gibt es die schlimmste Hungersnot seit Jahrzehnten.

Mich lässt das nicht kalt, obwohl ich schön häufiger solche Fotos gesehen habe. Und ich finde: Das darf uns als Europäer allesamt nicht egal sein. Es ist eine Schande für die Menschheit, dass auf unserer Erde auch nur ein Kind hungern muss. Denn wir hätten die Möglichkeit, das abzustellen. Wir müssten nur teilen. Mehr als bisher und viel konsequenter. Wir müssten das, was wir sehen und verstehen, in die Tat umsetzen: dass wir auf Halde produzieren, weil wir auf Nummer sicher gehen wollen, statt unseren Überfluss rechtzeitig dorthin zu bringen, wo es nicht genug gibt. Wir müssten darüber erschrecken, dass Millionen von Tonnen an Lebensmitteln allein in Deutschland im Müll landen[2]. Und nicht einmal, weil sie alt oder schlecht wären, sondern weil sie zu viel sind. Weil ich zu viel einkaufe, weil die Fülle so verführerisch ist, weil ich am Essen nicht sparen muss.

Ich kann nicht mit einem Koffer mit Lebensmitteln nach Madagaskar fliegen, um zu teilen. So einfach ist die Ungerechtigkeit leider nicht aufzulösen. Aber ich kann durchaus etwas tun. Nur so viel kaufen, wie ich bei guter Planung wirklich benötige; und das dabei gesparte Geld spenden. Produkte kaufen, die bei mir in der Nähe auf den Feldern oder im Stall stehen. Ich kann Projekte unterstützen, die sich im Kampf gegen den Hunger engagieren, indem sie die Menschen dort fördern, wo sie leben. Bei der Infrastruktur, bei der Bildung.

Die Welthungerhilfe hat sich ein Ziel gesetzt: ZeroHunger bis 2030. Krisen, Konflikte und der Klimawandel behindern dieses Ziel. Weil in unserer Welt alles zusammenhängt. Weil wir Menschen miteinander verbunden sind. Es tut mir weh zu sehen, dass ein Mensch leidet, weil er nicht genug zu essen hat und ich so viel. Weil jeder Mensch die gleichen Rechte hat.

 

[1]https://www.welthungerhilfe.de/hunger/welthunger-index/

[2]https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/auswaehlen-zubereiten-aufbewahren/lebensmittel-zwischen-wertschaetzung-und-verschwendung-6462

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13JUL2021
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Papst Franziskus hat ein paar Eigenheiten. Sie sind eher ungewöhnlich für einen Papst. Er greift zum Telefon und ruft überraschend bei jemandem an. Und er schreibt Briefe - handschriftlich. Zuletzt an James Martin in den USA. Martin ist Jesuiten-Pater und engagiert sich als Seelsorger für Lesben und Schwule, für Bi- und Transsexuelle. Franziskus dankt ihm und macht ihm Mut so weiterzumachen. Er schreibt wörtlich: „Der 'Stil' Gottes hat drei Züge: Nähe, Mitgefühl und Zärtlichkeit. Auf diese Weise geht er auf jeden von uns zu. Wenn ich über Deine pastorale Arbeit nachdenke, sehe ich, dass Du ständig versuchst, diesen Stil Gottes nachzuahmen. Du bist ein Priester für alle Männer und Frauen, denn Gott ist der Vater aller Männer und Frauen. Ich bete für Dich, dass Du so weitermachen kannst, mit viel Nähe, Mitgefühl und Zärtlichkeit.“[1]

Das ist eine wunderbare Geste. Sie zeigt, worauf es ankommt. Und wie der Papst sein Amt versteht. Es geht ihm nicht darum, Menschen einzuteilen und sie moralisch streng zu beurteilen. Anders als den Mitarbeitern seiner Behörde, im Vatikan, die vor kurzem bekräftigt haben, wen man segnen darf und wen nicht. Franziskus baut kein Lehrgebäude auf, in dem nur ein bestimmter Teil der Menschen unterkommt. Er kehrt immer wieder zur Wurzel des christlichen Glaubens zurück. Zu Jesus und der Art und Weise, wie er von Gott gesprochen hat und wie er denen gegenüber eingestellt war, die zu ihm kamen. Franziskus lässt wie Jesus die nahe an sich heran, die von anderen an die Seite gedrängt worden sind. Er fühlt mit denen, die in Not sind, weil sie krank sind oder ein Kind verloren haben. Und er ist zärtlich, wo andere harsch oder sogar gewalttätig reagieren. So will Franziskus die Kirche verändern, so den Geist Jesu lebendig halten in unserer Welt. Viele wünschen sich klare Entscheidungen, ein Machtwort hie und da, strukturelle Reformen. Das verstehe ich, weil ich oft auch so denke. Aber das passt wohl nicht zu ihm, so versteht er sein Amt als Papst nicht. Also bin ich gut beraten, das hochzuschätzen, was er an vielen Stellen im Kleinen tut. Und es ihm gleichzutun, wo ich etwas ändern kann. Im Stil Gottes, also mit Nähe, Mitgefühl und Zärtlichkeit.

 

[1]https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2021-06/papst-wuerdigt-usa-homosexuellen-seelsorger-james-martin.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33486
12JUL2021
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Es gibt schwierige Fragen. Wenn mir zu viele auf einmal in den Sinn kommen, quält mich das geradezu. Und keine Antwort ist in Sicht. Fragen wie: Warum tun Menschen Böses? Können wir wirklich zwischen Gut und Böse unterscheiden? Und warum tun wir es dann manchmal nicht? Wie ist das mit dem freien Willen, von dem wir annehmen, dass er uns Menschen zur Krone der Schöpfung macht?

Im Landkreis Tübingen ist ein Rehkitz gefunden worden. Sein Maul war mit Klebeband umwickelt. Gerade noch am Leben haben Förster es befreit und gehofft, seine Mutter findet es. Anderntags lag es tot an derselben Stelle. Wer tut so etwas? Wieviel Hass und Aggression muss in jemandem sein, dass er so etwas macht? Einem kleinen, wehrlosen Geschöpf so etwas Böses, Gemeines anzutun. Daran zu denken, das Bild vor Augen zu haben, macht mich noch immer traurig. Und ich kann nichts dagegen tun. Ich kann das Schlimme nicht ungeschehen machen. Dann ist es um so wichtiger, dass ich am Guten festhalte.

Es gibt viel Böses auf der Welt. In jedem Augenblick wird Menschen und Tier Leid zugefügt. Wo sich jemand fürs Falsche entscheidet, werden Wälder abgeholzt, Tiere gequält, Kinder misshandelt, in einem Krieg Menschen erschossen. Es gibt aber auch in jedem Augenblick viel Gutes. Das Gute hat es schwerer, auf sich aufmerksam zu machen, weil wir es normalerweise für selbstverständlich nehmen. Dann ist es wichtig, dass ich mir klarmache: Ich kann etwas tun. Für das Gute. Wenn dieses Gefühl in mir aufsteigt, diese Mischung aus Traurigkeit und Wut, dann kann ich daraus etwas Gutes machen. Wenn ich die Kraft, die dabei entsteht, in die richtige Bahn lenke.

Dann mache ich den Mund sofort auf, wenn ich mitkriege, dass jemand ungerecht behandelt wird - eine Kollegin, die neu ist, oder ein Schüler, der auf dem Pausenhof von den andern gemieden wird. Dann mache ich einem Paar Mut, füreinander zu kämpfen, nicht zu schnell aufzugeben, wenn es Probleme gibt, und sich zu versöhnen um der Liebe willen, die sie einmal zusammengebracht hat. Dann erzähle ich von einer Frau, die sich monatelang um einen Kranken gekümmert hat, der sonst ganz allein gewesen wäre. Das Gute ist oft leise und verborgen. Aber deswegen nicht schwächer als das Böse.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33485