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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

26JUN2021
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„Unter jedem Dach wohnt auch ein Ach“, hat eine ältere Frau aus der Nachbarschaft neulich gesagt. Ich habe den Spruch vorher nie gehört, aber er ist mir nachgegangen. Ich glaube, da packt sie viel Lebenserfahrung rein. Jedem von uns ist irgendwann zum Seufzen zumute, und wir sagen aus tiefstem Herzen: „Ach nein!“ Oder denken mitfühlend über einen anderen: „Ach, der Arme!“

In unserer Sprache ist das Wort „Ach“ mit dem Wort „Ächzen“ verwandt. Das sagt eigentlich schon alles darüber, wie es einem geht, wenn unter dem eigenen Dach gerade ein Ach wohnt.

Natürlich kommt das Ach auch in der Bibel vor. Wie könnte es anders sein bei einem Buch, in dem das ganze Leben vorkommt. Über 100 Mal steht das „Ach“ in der Bibel. Meistens in Gebeten. Wenn jemand Gott sein Herz ausschüttet oder Gott um etwas bittet. „Ach, Herr!“

So ein kleines Wort, und man kann sein ganzes Herz reinpacken, das große Elend und das kleine, alles, worunter man ächzt. Daraus wird eine leise, vorsichtige, und doch eindringliche Bitte. „Ach, Herr, hör doch! Ach, Herr, hilf!“

Zu den erstaunlichen Gedanken der Bibel gehört, dass auch Gott selbst manchmal „Ach“ sagt. Wenn es um Menschen geht, um unsre Welt, wie es bei uns zugeht. Gott seufzt auch! Es ist ein Stoßseufzer in unsere Richtung, eine dringliche Bitte: „Ach, Mensch, hör doch. Schau doch hin, was um dich herum los ist. Änder was. Mach anders weiter!“.

Ein Stoßseufzer, der uns Menschen gilt und darauf wartet, dass wir reagieren. Indem wir etwas ändern. Nicht immer nur so weitermachen wie bisher, sondern stehen bleiben, uns unterbrechen lassen und nach Gott fragen, uns an seinen Geboten orientieren.

Ich denke, Gottes Gebote lenken den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Nicht nur unser eigenes Ding machen, sondern mal rechts und links schauen. Auf unsere Mitmenschen zugehen, zuhören, was sie beschäftigt. Verantwortung übernehmen in unsrer Gesellschaft, in dieser Welt.

„Ach.“ Ein göttlicher Stoßseufzer, immer wieder über dieser Welt ausgesprochen. Manchmal macht er mich auch aufmerksam auf ein Ach, das unter Nachbars Dach wohnt…

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25JUN2021
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Für die langen, sommerlichen Nachmittage des Schabbattages hält unsere Tradition eine besondere Lektüre aus der nachbiblischen, talmudischen Literatur parat. Es sind die Pirkei Awot, die Weisheiten der früheren Gelehrten.  

Eine häufig verwendete Form unserer traditionellen Literatur ist, besonders wenn es darum geht sich die ethischen Lehren unserer Meister einzuprägen, eine Zahl zu verwenden und einzelne Lehrsätze daran zu knüpfen. Im Talmudischen Traktat Awot lernen wir: „Viererlei Gesinnungen gibt es unter den Menschen: die gewöhnliche Gesinnung: Das Meine ist mein, und das Deine ist dein.“ Die gewöhnliche Gesinnung wurde so bezeichnet, weil sie häufig anzutreffen ist. Menschen mit einer solchen Gesinnung wollen mit ihrer Einstellung auch betonen, dass sie sich um andere nicht kümmern. 

„Die Gesinnung eines Menschen aus dem einfachen Volk: Das Meine ist dein, und das Deine ist mein.“ Diese Gesinnung steht für eine Unbekümmertheit. Sie wird von den Gelehrten nicht verurteilt, aber auch nicht gelobt.

„Die Gesinnung eines Gerechten: Das Meine ist dein, und das Deine ist ebenfalls dein.“ Dies ist der lobenswerte, aber selten erreichte Standpunkt des Zaddiks, des Frommen, der bereit ist auf alles was er besitzt, zu Gunsten seiner Mitmenschen zu verzichten.

„Und die Gesinnung eines Gottlosen: - Das Meine ist mein, und das Deine ist auch mein.“ (Awot 5:12) Das ist der rücksichtslose, herrschsüchtige und gierige Typ eines Menschen. Für die Gelehrten des Altertums war dieser deshalb als Gottloser zu bezeichnen, weil er durch seine Einstellung, die g-ttliche Offenbarung, die den Mitmenschen natürliche Rechte auf ihr Hab’ und Gut gewährt, nicht anerkennen kann und will.

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24JUN2021
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Heute ist Johannistag. Der ist Johannes dem Täufer gewidmet. Er hat zur gleichen Zeit wie Jesus gelebt. In der Bibel wird von ihm erzählt.

Johannes war ein starker und auffälliger Typ. Er hat Klartext geredet. Er hat öffentlich Missstände angeprangert und sich mutig mit mächtigen Leuten angelegt. Aber er war auch einer für’s einfache Volk. Wenn er gepredigt hat, sind die Menschen scharenweise zu ihm gepilgert und haben ihm zugehört. Er hat den Menschen ins Gewissen geredet, damit sie Gottes Gebote ernstnehmen. Und er hat selbst nach seinen strengen Maßstäben gelebt. Die Leute fanden ihn glaubwürdig.

Dieser starke Typ hat allerdings auch etwas gekonnt, was nicht jeder starke Typ kann. Er hat sich zurückgenommen und anderen Raum gegeben, damit sie sich entfalten und ihren eigenen Weg gehen können.

Johannes hat nämlich miterlebt, wie Jesus anfing, in die Öffentlichkeit zu gehen. Er hat Jesus dabei unterstützt. Jesus war ja noch unbekannt. Er ist anfangs längst nicht so gefeiert worden wie Johannes. Und ausgerechnet Johannes hat Menschen auf Jesus aufmerksam gemacht und sie zu Jesus hin umgeleitet. „Er ist wichtiger als ich“, hat er gesagt. „Hört ihm zu. Schaut, was er tut. Er ist der Retter, den Gott schickt. Nicht ich.“ Manche seiner Anhänger waren ziemlich entgeistert. Sie hätten es gut gefunden, wenn Johannes einen Machtkampf mit Jesus geführt hätte, um sich durchzusetzen. Johannes aber ist einige Schritte zur Seite gegangen und hat Jesus Raum gegeben. Er hat Macht und Einfluss abgegeben, hat sich selbst zurückgenommen. Dieser selbstbewusste Mann hat sich selbst nicht zu wichtig genommen. Und das, obwohl Jesus anders aufgetreten ist, als Johannes das von ihm erwartet hatte. Das hat den Johannes irritiert. Er hat sich dann aber nicht wieder selbst in den Vordergrund gedrängt und Jesus schlechtgemacht, sondern hat das Gespräch mit Jesus gesucht und hat nachgefragt.

Johannes wäre vermutlich sehr verwundert, dass es heutzutage einen Johannistag gibt.

Aber ich bin dankbar, dass jedes Jahr an Johannes erinnert wird. An einen starken Typ, der sich selbst nicht so wichtig genommen hat. Menschen wie er sind ein Segen, finde ich.

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23JUN2021
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Mach den Mund auf, wenn Unrecht geschieht. Schau nicht weg, wenn einem anderen Leid zugefügt wird.

Dazu hat Rafik Schami eine Geschichte geschrieben. Rafik Schami ist ein syrisch-deutscher Schriftsteller. Er wird heute 75 Jahre alt. Geboren ist er in Syrien, in Damaskus. Seit 50 Jahren lebt er in Deutschland im Exil. Er ist Christ, Aramäer. Seine Muttersprache ist der Muttersprache Jesu ganz ähnlich. Rafik und Jesus – sie hätten miteinander plaudern können und hätten einander recht gut verstanden. Vermutlich nicht nur sprachlich, auch inhaltlich.

Rafik Schami schreibt Geschichten. Eine meiner Lieblingsgeschichten erzählt von Amin und seinen Zwiebeln. Amin ist ein armer alter Bauer, ein Habenichts. Das heißt, etwas hat er doch: er hat einige Zwiebeln, die er in seinem Mini-Garten hegt und pflegt. Sein Dorf wird regelmäßig von den Soldaten des Königs geplündert. Steuern eintreiben nennen sie das. Der teure Lebensstil des Königs will finanziert sein. Amin bleibt von dem Treiben verschont. Er hat ja nichts, außer seinen Zwiebeln. Irgendwann fängt Amin an, bei den anderen im Dorf nachzufragen, woher sich der König eigentlich das Recht nimmt, wehrlosen Menschen Unrecht zu tun. Die anderen sind erst überrascht, weil er so kühn fragt. Aber als die Soldaten das nächste Mal auftauchen, machen doch manche den Mund auf und widersprechen. Ausgeplündert werden sie trotzdem. Und als die Soldaten herausfinden, dass Amin die Dorfbewohner ermutigt hatte, sich zu wehren, nimmt es für ihn ein schlimmes Ende. Sie verprügeln ihn und bringen ihn um. Die Dorfbewohner sehen stumm zu. Manche zucken nur die Schultern, andere sind entsetzt. Aber niemand hilft ihm. Kein einziger.

Die Zwiebeln trauern um Amin und beschließen: Wir wollen an ihn erinnern. An ihn und seinen Mut. Wenn ihm schon niemand geholfen hat und niemand um ihn weint, dann sollen sie wenigstens um ihn weinen, wenn sie Zwiebeln schneiden. Wenn sie uns künftig in der Küche schneiden, dann wollen wir ihnen die Tränen in die Augen treiben.

Und so ist es geschehen. Bis heute weinen Menschen auf der ganzen Welt um Amin. Jede Träne eine Erinnerung und Mahnung: Mach den Mund auf, wenn Unrecht geschieht. Zeig Mitgefühl. Setz dich für den Menschen ein, der hilflos ist.

Ich denke oft an diese Geschichte. Spätestens, wenn ich wieder Zwiebeln schneide…

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22JUN2021
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In den letzten Wochen sind im Südwesten in den evangelischen Gemeinden viele Konfirmationen gefeiert worden. Da sagen Jugendliche ihr Ja-Wort zum Glauben und werden gesegnet für ihren Lebensweg. Und sie bekommen ihren Konfirmationsspruch. Das ist ein Spruch aus der Bibel. Ein Spruch für’s Leben.

Die Jugendlichen aus meiner Gemeinde haben sich ihren Spruch selbst ausgesucht. Ich fand spannend, wie ernst sie das genommen haben und was sie beim Aussuchen beschäftigt hat. Fragen wie diese: was ist für mich wichtig? Was ist ein großes Thema für mich? Was beschäftigt mich, wenn ich an meine Zukunft denke? Was glaube ich? Was hoffe ich?

Die Jugendlichen haben mit Freundinnen und Freunden und in der Familie darüber diskutiert. Am Ende haben alle einen Spruch für sich gefunden. Den haben sie dann mit Kreide vor der Kirche auf den Boden geschrieben – so dass ihn andere auf dem Weg in die Kirche sehen konnten. Und sie haben eine große Tafel nebendran gestellt mit einem Schild, auf dem stand: „Was ist IHR Konfirmationsspruch?“ Auch in den sozialen Medien haben sie diese Frage gestellt. Ich war überrascht, wie viele Leute reagiert und ihren Konfirmationsspruch aufgeschrieben haben. Menschen aus allen Altersgruppen. Manche haben wohl erst ihre Konfirmationsurkunde rausgesucht und nachgeschaut, andere haben geschrieben: „Den kann ich auswendig!“ Und manche haben dazu geschrieben, was sie an ihrem Spruch gut finden. Oder herausfordernd.

Als ich selbst konfirmiert wurde, da habe ich mir damals einen Vers aus dem Alten Testament ausgesucht, aus dem Buch Jesaja: „So spricht der Herr: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Was mich mit 13 Jahren daran besonders angesprochen hat, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich an manchen Moment, in dem das „Fürchte dich nicht“ ganz kräftig und tröstlich in mir nachgeklungen hat.

Bei der Umfrage meiner Konfis hat sich übrigens ein Mann gemeldet, der gesagt hat, dass er keinen Konfirmationsspruch hat, weil er nicht konfirmiert ist. Er hatte eine besondere Idee: „Ich suche mir jetzt was aus der Bibel aus. Einen Spruch für mich.“ Super Idee, finde ich. Was ist Ihr Spruch für’s Leben?

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21JUN2021
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Heute ist Halbzeit. Sommersonnenwende. Heute ist der längste Tag dieses Jahres und die kürzeste Nacht. Morgen ist der Tag schon wieder ein bisschen kürzer und die Nacht ein bisschen länger. 

Halbzeit also. Im Sport ist die Halbzeitpause die Gelegenheit, runter vom Spielfeld zu gehen und sich eine Auszeit zu nehmen. Zeit, zur Ruhe zu kommen. Zeit, auf die erste Halbzeit zurückzuschauen und zu überlegen, wie sie gelaufen ist. Was war gut? Was wollen wir ändern? Dann geht es mit neuer Energie weiter.

Ich möchte mir heute auch so eine Halbzeitpause gönnen. Runter vom Spielfeld, raus aus dem Trott. Vielleicht bei einem Spaziergang heute abend. Dann habe ich Zeit, auf das erste halbe Jahr zurückzuschauen. Monat für Monat. Was habe ich erlebt? An welche schönen Momente will ich mich erinnern? Es wäre viel zu schade, sie einfach ad acta zu legen. Was war anstrengend? Was hat mir Kraft gegeben? Und was lerne ich aus den letzten Monaten? Gibt es etwas, was ich anders angehen könnte in der 2. Halbzeit, im 2. Halbjahr?

In den Psalmen, dem alten Gebetbuch der Bibel, gibt es einige Texte, in denen Menschen auch so auf ihr Leben schauen und darüber nachsinnen. Manchmal staunen sie, was alles in ihrem Leben vorkommt. Und an manchen Stellen merkt man, wie die, die so auf ihr Leben schauen, zusammenzucken und denken: „meine Güte, wie die Zeit vergeht.“ Das kommt mir bekannt vor, nicht nur heute, zur Halbzeit.

Oft wird aus ihren Gedanken ein Gebet. Eins meiner Lieblingsgebete ist ganz kurz: „Meine Zeit in deinen Händen.“ Das Gebet ist so kurz, da steht nicht mal ein Verb dabei. Ich glaube, deshalb passt es in ganz verschiedene Situationen. Wenn ich erschrecke, wie die Zeit verfliegt, will ich das wohl ernstnehmen, aber doch dagegen halten: „Meine Zeit ist bewahrt in deinen Händen.“ Wenn ich vor Glück die Uhr anhalten möchte: „Meine Zeit steht still in deinen Händen“. Wenn ich mich geborgen fühle oder mich geborgen fühlen möchte: ach, da reicht mir „Meine Zeit in deinen Händen.“

Für mich ist das ein gutes Gebet für heute, wenn ich auf die erste Hälfte des Jahres zurückschaue und überlege, was war. Was beschäftigt Sie zur Halbzeit?

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