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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

05JUN2021
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Abraham Lincoln hat für eine Vision gelebt. Er hat sie selbst nicht begründet, sondern knapp 100 Jahre vor ihm die politischen Väter der Vereinigten Staaten. Bis heute nennen die Amerikaner Lincoln den "Moses der USA“ – und das nicht von ungefähr. Denn Lincoln hat die USA aus der Sklaverei geführt. Er hat erfüllt, was die politischen Väter der amerikanischen Verfassung ziemlich

kühn formuliert hatten: „All men are created equal“ – „alle Menschen sind gleich geschaffen“. Die Gedanken von Freiheit und Gleichheit haben ausgerechnet Sklavenhalter in die Verfassung geschrieben: George Washington hatte Sklaven, Thomas Jefferson auch – und die meisten anderen. Dennoch: dieser Text, die Unabhängigkeitserklärung, dieses "We, the people“ gehört zu den kühnsten und großartigsten Visionen der Menschheitsgeschichte.

Heutzutage liegt auch vieles im Argen. Allerdings verschleiert die Pandemie die großen Probleme: Die Umwelt wird zunehmend zerstört, die unsere Lebensgrundlage ist, das Klima wandelt sich spürbar. Um Waren billig einkaufen zu können, werden in anderen Ländern die Menschenrechte missachtet. Mit dem Internet und der Künstlichen Intelligenz werden wir ausgeforscht und bewertet. Ich fürchte, es wird sich noch rächen, dass wir diese Probleme vor uns herschieben. Aber: In jeder Krisenzeit nutzen kluge Menschen die Gelegenheit, nach neuen Wegen und Lösungen zu suchen. So ist vor kurzem ein Text veröffentlicht worden, der das Potenzial dazu hat. Er beginnt mit "Jeder Mensch“ –wie einst die Unabhängigkeitserklärung: Es geht um die Grundrechte. Der Autor Ferdinand von Schirach hat sie ergänzt und neu gefasst. Sechs neue Grundrechte, nachzulesen unter „www.jeder-mensch.eu“.

Im Artikel 4 geht es dabei um das Grundrecht auf Wahrheit: "Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen“. Wenn das wirklich EU-Recht wird, bleiben uns künftig in Europa viele „Fake-News“ erspart. Der Wahlkampf für die Bundestagswahl im September hat schon begonnen. Bereits jetzt wird klar, dass dieser Kampf mit harten Bandagen geführt wird. Da spüre ich schon, dass so manche Aussage über andere Kandidatinnen und Kandidaten nicht so ganz der Wahrheit entspricht. Und ich hoffe, dass den Wahlkämpfern nicht jedes Mittel recht ist, um den Sieg zu erringen.

Was sich aus diesem und den anderen neuen Grundrechten ergibt, hat Sprengkraft. Doch ohne sie sind wir auf Dauer der Willkür in allen Lebensbereichen ausgesetzt. Das will ich nicht.

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04JUN2021
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Social Distancing. Das praktizieren wir nun seit geraumer Zeit und meistens sehr gewissenhaft. Mit Social Distancing meinen die Virologen und die Epidemie-Experten aber genaugenommen eher Physical Distancing. Wir sollen uns also zumindest rein körperlich nicht zu nahe kommen - wegen der Ansteckungsgefahr.

Leider aber hat dieses körperliche Abstandhalten nach den Monaten der Distanz auch zu einer sozialen Distanz geführt und das in allen gesellschaftlichen Bereichen: Familien haben sich seltener getroffen, Freunde haben sich manchmal fast aus den Augen verloren. Besonders deutlich ist es in der Arbeit mit Flüchtlingen und Asylbewerbern. Sie brauchen den Kontakt zu anderen, um sich gut integrieren zu können. Konzerte und Theatervorstellungen sind ausgefallen. Die Kinder sind monatelang online unterrichtet worden, ohne die Klassenkameraden zu treffen. Ihnen fehlt die Begegnung besonders. Auch mir wird jetzt erst so richtig bewusst, dass viele Begegnungen in den letzten Monaten nicht stattgefunden haben.

Manche Menschen sehe ich nur zu bestimmten Veranstaltungen. Und diese Veranstaltungen gibt es im Moment nicht. Ohne Chorproben habe ich meine Chorkollegen fast ein Jahr nicht live gesehen. Und auch mit den Pfarrern und Pfarrerinnen treffen wir uns zu Konferenzen nur online. Da fällt es besonders deutlich auf: Ich sehe die anderen zwar auf dem Bildschirm, aber in der Pause muss ich den Kaffee doch allein trinken. Ohne die manchmal tiefgehenden, manchmal belanglosen Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen. Dabei lockern die die manchmal anstrengenden Konferenzen sehr gut auf.

Mir fehlt das Gegenüber. Menschen in live. Nicht nur auf den Bildschirm schauen. Einen anderen Menschen mit allen Sinnen erleben, die kleinen Gesten, den Geruch, auch mal ein verschmitztes Grinsen oder ein Augenzwinkern, eine kleine Berührung. Zwischenmenschliches lebendig erleben. Ich setze große Hoffnungen in die neuen Impfstoffe. Dass sie uns möglichst bald wieder eine Normalität ermöglichen, nach der wir uns so sehnen.

1861 hat der deutsche Lehrer und Erfinder Philipp Reis einen Apparat erfunden, den er Telefon genannt hat. Dieses Gerät hat er damals den Mitgliedern des Physikalischen Vereins in Frankfurt vorgestellt. Die haben die Bedeutung sofort erkannt, weil man damit mühelos physikalische Distanzen von großer Reichweite überbrücken konnte, was soziale Nähe erzeugen kann.

Und genau diese Nähe brauchen wir. Deshalb werde ich heute noch ein paar Mal telefonieren.

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03JUN2021
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Wir sitzen beim Frühstück. Mein Sohn sagt: "Hey Siri, mach das Licht in der Küche an!“ Und schon dreht eine unsichtbare Hand am Lichtschalter, und es wird hell im Raum. Ob Siri, Cortana oder Alexa; die digitalen Assistentinnen, reagieren auf Zuruf. Sie werden durch Sprachbefehle aktiviert und rufen Informationen aus der gigantischen Wissenswolke ab, die um uns herum wabert. Ungezählte solcher Sprachbefehle gibt es. Und es werden immer mehr. Und immer mehr Menschen sind fasziniert, was die virtuellen Assistenten alles können.

Vielen erleichtern sie das Leben. Wer sich zum Beispiel nicht gut bewegen kann, freut sich, wenn er durch einen Sprachbefehl den Gang zum Lichtschalter spart.

Aber es gibt auch Stimmen, die warnen. Denn hinter Siri und allen anderen Sprachassistentinnen verbergen sich informationshungrige Unternehmen. "Big Brother“ lässt grüßen.

Und die Maschinen lösen nicht alle Probleme: Ein Problem unserer Zeit ist Einsamkeit. Wenn ich einsam bin, sehne ich mich nicht nur nach einer wohlklingenden Echostimme. Sondern ich brauche echte Personen, jemanden, der wirklich da ist, wo ich lebe. Der nicht nur mechanisch antwortet, sondern auf mich eingeht, mich tröstet und mir hilft. Einen "Big Brother“ oder eine große Schwester, denen es nicht nur um Macht und Profit geht, sondern die liebevoll für mich da sind.

Ich finde so ein lebendiges Gegenüber nicht nur in Menschen, sondern auch in Gott. Von ihm heißt es in einem alten Gebet in der Bibel: "Von allen Seiten umgibst du mich, ich bin ganz in deiner Hand.“ (Ps 139,5) Ja, Gott meint es gut mit mir. Die Hand, die mich hält, ist eine schützende Hand. Mit Gott kann ich reden, wenn es dunkel ist und ich mir mehr Licht in einer Angelegenheit meines Lebens wünsche. Nicht immer bekomme ich auf meine Fragen sofort eine Antwort. Gott ist eben kein digitaler Assistent.

Und dann bin ich froh, dass es in meiner Nähe Menschen gibt, die wie Gott ein liebendes Auge auf mich werfen: den Bruder und die Schwester in meiner Gemeinde und auch meine Familie. In ihrer Aufmerksamkeit und Zuwendung erlebe ich für mich auch immer die Nähe und Liebe Gottes.

Wenn ich darüber nachdenke: Eigentlich ist es mit Gott ja ein bisschen wie mit Siri und Co.. Und doch wieder ganz anders. Während sich die Technik wissenschaftlich erklären und überprüfen lässt, ist es bei Gott und seiner liebenden Nähe anders. Ich kann sie nicht wissenschaftlich beweisen. Sie ist kostenlos. Einfach da. Gott umgibt mich auch unsichtbar, und doch ist er für meinen Verstand nicht begreifbar. Ein wunderbares Wunder.

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02JUN2021
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Wie hoch ist die Inzidenzzahl? Mit wie vielen Leuten darf ich mich treffen? Diese Zahlen spielen seit der Corona-Pandemie eine große Rolle. Und auch sonst arbeiten wir mit Zahlen. So zählen wir die Leute, die unsere Gottesdienste besuchen und machen in jedem Jahr eine neue Statistik. Zahlen sind sehr aussagekräftig, an ihnen kann ich mich scheinbar gut festhalten.

Auch in der Bibel kommen Zahlen vor. Sie öffnen mir manchmal einen anderen Blickwinkel.

So erzählt die Bibel, dass sich einmal fünftausend Leute von Jesus und seinen Worten begeistern lassen. Sie hören ihm einen ganzen Tag lang zu. Für die Jünger ist das lange genug. Doch Jesus will die Menschen nicht ohne Essen nach Hause schicken. Aber nur fünf Brote und zwei Fische sind in der Nähe. Jesus lässt das Wenige, was da ist, unter den Leuten verteilen. Die sitzen in Gruppen zu fünfzig zusammen und werden alle satt. Und am Ende bleiben zwölf Körbe voller Lebensmittel übrig.

Ist das wirklich eine wunderbare Brotvermehrung gewesen? Oder haben die Menschen endlich gelernt, füreinander da zu sein, und haben das bisschen, was sie hatten, miteinander geteilt? Doch wie kommt es dann, dass so viel übrigbleibt, und zwar genau zwölf Körbe? Ich könnte nun wild rechnen und die 5000 Menschen durch die Zahl der Körbe, Fische und Brote teilen. Aber das Ergebnis würde nicht überzeugen. Mich überzeugt an dieser Geschichte:

Ich kann mit Gott rechnen, denn Gott rechnet anders. Ich kann auf Gott vertrauen. Und ich bin froh, dass ich es kann.

Mir ist aber auch bewusst, dass vielen Menschen das Vertrauen auf Gott schwer fällt durch viele Enttäuschungen und Schicksalsschläge, die sie im Leben erlitten haben. Und jedes Mal fällt es schwerer, sich wieder neu zu diesem Vertrauen durchzuringen.

Ich finde, diese Mühe lohnt sich. Denn immer wieder stelle ich fest, dass Gott sich durch viele kleine Dinge zeigt: Es fällt mir eine Lösung für ein Problem ein, die nicht nur gut, sondern perfekt zu sein scheint. Ein überraschender Anruf eines Freundes gibt mir so viel Freude, dass mein Tag heller wird. Ich gebe einer Frau eine kleine Hilfe und ihr Dank macht auch mich froh. Da erfahre ich immer wieder, Gott schenkt uns noch etwas darüber hinaus. Mehr, als ich im Gepäck habe und so viel, dass ich mir nicht erklären kann, woher all dieser Segen gekommen ist. Und ich spüre: Ich muss mich nicht von Zahlen abhängig machen, denn ich kann auf Gott zählen. Wenn wir mit Phantasie und verantwortlich Gemeinschaft leben spüren wir, dass sich auch in den unerwarteten Rechnungen Gott zeigt. Nicht nur in der Kirche.

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01JUN2021
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Rasen gemäht habe ich schon. Und jetzt noch die Pflanzen rausstellen, immerhin ist es ja schon Juni. So ein Garten erfordert eine Menge Aufmerksamkeit.

Lange habe ich gedacht: Ich stecke mehr Arbeitszeit in den Garten hinein als ich dann an schönen Stunden auf der Sonnenliege wieder herausbekomme. Aber seit dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr habe ich gelernt, die Zeit für die Baumpflege und das Rasenmähen als geschenkte Zeit zu schätzen. Vorher hätte ich in meiner Freizeit vielleicht anderes gemacht. Aber: Gartenarbeit ist eine gute Möglichkeit, die freie Zeit in einem Lockdown zu verbringen. Und von Freunden, die keinen Garten haben, weiß ich, dass sie sich intensiv um ihre Pflanzen im Blumenkasten und auf der Fensterbank kümmern.

Ich spüre das Leben. Ich freue mich an den leuchtenden Farben der Blüten. Blumen und Pflanzen sind für mich so etwas wie ein kleines Stück vom Paradies.

In der Bibel wird berichtet, wie Gott nach Erschaffung des ersten Menschen einen Garten anlegt. Der ist gleich zu Beginn eine Freude für die Augen und kann den Menschen auch ernähren. Und als alles fertig ist, bekommen die Menschen den Auftrag, diesen Garten zu bebauen und zu bewahren.

Sicher hat ihnen die Gartenarbeit viel Freude bereitet. Aber dann übertreten Adam und Eva die einzige Spielregel im Paradies – und essen eine verbotene Frucht. Sie müssen den Garten verlassen. Und erst von da an heißt es in der Bibel, dass die Arbeit des Menschen im Schweiße seines Angesichts und mit viel Mühe geschieht. Seitdem muss sich der Mensch mit Dornen und Disteln herumschlagen, die die Ernte erschweren.

Das Paradies ist verloren, aber am Ende der Bibel wird von der Hoffnung auf Gottes Zukunft erzählt. Und da tauchen die Bilder aus dem paradiesischen Garten vom Anfang wieder auf. Da wachsen Bäume des Lebens am Ufer eines klaren Flusses, und sie tragen jeden Monat Früchte, und keine Spielregel sagt mir mehr, dass ich sie nicht essen darf. Solche Bilder lassen mich hoffen, dass eines Tages Mensch und Natur wieder zu einer Einheit werden. Das ist auch notwendig, denn zurzeit sind wir Menschen eher dabei, die Natur, unsere Erde zu zerstören, Abholzen der Wälder, Ausbeuten des Bodens, Umweltverschmutzung. Auch der Klimawandel spricht eine deutliche Sprache. So können wir nicht weitermachen.

Ich spüre, bei der Gartenarbeit komme ich meiner ganz persönlichen Einheit mit der Natur etwas näher. Den Schweiß auf der Stirn bei der Gartenarbeit empfinde ich dann nicht mehr als Strafe, sondern ich entdecke darin die Freude an der Schöpfung Gottes.

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31MAI2021
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"Ich geh fischen!“ … einer meiner Lieblingssätze aus der Bibel. Petrus versteht die Welt nicht mehr: Erst ist Jesus gestorben, dann soll genau dieser Jesus doch wieder leben, heißt es. Wer soll denn das verstehen? Und da wird es dem Petrus zu viel. Er guckt seine Freunde an und sagt: "Ich geh fischen!“ Ich schmunzele jedes Mal, wenn ich das lese. Ich meine: Gerade wurde ihm gesagt: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Es gibt ein Leben danach! Und er? Geht fischen!

Andererseits: Das ist ja naheliegend, für einen Fischer. Er macht das, was er am besten kann. Was dem Petrus das Fischen ist, ist Mutter Beimer in der Lindenstraße das Spiegeleierbraten gewesen und bei mir sind es Hund und Musik. Wenn ich die Welt nicht mehr verstehe, wenn mir alles zu viel wird im Kopf und überhaupt – dann nehme ich unseren Hund, und laufe mit ihm einen schönen Weg und höre Musik.

Da merke ich: Puh, das tut gut. Der Druck lässt merklich nach. Beim Laufen kann ich mein Gedankenkarussell immer wieder anhalten oder zumindest verlangsamen: Als würde meine Seele erkennen: Okay, wir können den

Panikmodus beenden. Mit ein bisschen Abstand auf die Dinge gucken, die mich so umgetrieben haben.

Ich glaube, dass es gut ist, sowas zu haben: Etwas, das mir hilft, wieder zu mir zu kommen. Immer wenn mich etwas oder jemand aufregt, aus der Bahn wirft.

Allerdings sollte dieses "Erstmal“ unbedingt etwas sein, das weder mir noch anderen schadet.

Viele Menschen scheinen die Chatforen im Internet für Ihren Angelteich oder ihre Spiegeleierpfanne zu halten – sie reagieren sich ab, indem sie dort ihren Frust abladen, Menschen niederschreiben. Ganz allgemein auf "die Politiker“, "die Presse“, "die Kirche“, "die Ausländer“ losgehen – verbal, anonym, aber sehr massiv. Da wird die Überschrift gelesen, die nicht selten in die Irre führt und schon geht es los…

Es müsste im Netz so eine "Erstmal-Funktion“ geben. Also, wenn man etwas schreibt und auf „posten“ klickt, dann müsste die Plattform sagen: „Willst du nicht erstmal fischen gehen, bevor du das in die Welt sendest?“ Wenn du dann immer noch genauso denkst, dann sende es.“ Ich bin mir sicher, die Zahl der wütenden Posts würde rapide abnehmen.

Instagram, Facebook und Co werden diese Funktion wohl nicht einführen. Wer also raus will aus dem Gefühls- und Gedankenchaos, muss sie für sich selbst finden, seine eigene "Erstmal-einen-Schritt-zurück-Funktion.“

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