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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23JAN2021
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Der christliche Glaube ist ein naiver Irrtum. Das sagen mir manchmal Menschen klipp und klar. Mit der Kirche möchten sie nichts zu tun haben, und meinen Pfarrer-Beruf finden sie einfach daneben. Manchmal klingt das dann richtig aggressiv. Und ich frage mich, was so jemand vielleicht schon erlebt haben mag.

Oft sind solche Begegnungen auch rasch wieder vorbei. Aber manchmal ergibt sich überraschend ein längeres Gespräch. So habe ich es mal mit einer älteren Frau erlebt. Sie war Mitglied der Kirchengemeinde, deshalb habe ich sie zum Geburtstag besucht. Sie wollte mich erst gar nicht ins Haus lassen, hat mir viele Vorwürfe gemacht – ohne mich je vorher gesehen zu haben. Aber dann hat sie über eine Stunde lang sehr persönlich aus ihrem Leben erzählt. Und ich habe mich gewundert, wie das sein kann: Eigentlich war sie ganz ablehnend – aber irgendwie war es ihr doch wichtig, mit mir über all das ins Gespräch zu kommen.

Ein bisschen war das so wie in einer Geschichte aus der Bibel. Da kommen Jesus und seine Freunde in eine neue Gegend – und dort sieht sie ein Mann. Aus der Ferne ruft er Jesus laut zu: „Was willst du von mir …? Quäl’ mich nicht!“ Das klingt ja erst mal eindeutig: Dieser Mann will nichts mit Jesus zu tun haben.

Merkwürdig ist allerdings, wie der Mann Jesus anredet. Er sagt zu ihm: „Ich beschwöre dich bei Gott“. Anscheinend kann er also doch irgendwas anfangen mit diesem Jesus und mit dem Glauben. Und noch etwas: Während der Mann redet, rennt er Jesus entgegen – und wirft sich schließlich sogar noch vor ihm nieder. Pure Ablehnung sieht anders aus!

Es kommt dann zu einer eindrücklichen Begegnung. Und am Schluss will der Mann sogar noch mit Jesus mitkommen und dauerhaft bei ihm bleiben!

Mir zeigt diese Geschichte: Hinter grober Ablehnung kann manchmal noch mehr stecken. Vielleicht sucht jemand damit eigentlich Kontakt. Oder wünscht sich Hilfe, die er lange vermisst hat. Oder einfach einen Gesprächspartner, der sich mal anhört, was eigentlich passiert ist. Deshalb versuche ich, nicht abzuschalten, wenn sich jemand ablehnend äußert. Und ich habe schon mehrmals erlebt, wie es dann unerwartet gut weiterging. Als Christ glaube ich – ganz naiv natürlich –, dass Jesus dabei mitgeholfen hat.

 

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22JAN2021
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Es gibt Gebete in der Bibel, die finde ich schwer auszuhalten. Zum Beispiel das hier: „Schütte deinen Zorn über sie aus, hole sie ein mit der Glut deines Grimms!“ Oder das hier: „Gott, zerschlage ihnen die Zähne, zerbrich das Gebiss dieser Löwen, Herr!“ Das sind Sätze aus den so genannten Rachepsalmen. Da sinnt jemand auf Rache – und bittet Gott, andere Menschen zu bestrafen.

Manche sagen: So was darf man nicht beten. Das passt nicht zur Gesamtbotschaft der Bibel. Und in den kirchlichen Gesangbüchern, in denen viele Psalmen aus der Bibel mit abgedruckt sind, werden diese schwierigen Abschnitte dann auch ausgelassen.

Ich kann diese Bedenken gut verstehen. Und gleichzeitig glaube ich: Auch die Rachepsalmen haben ihre bleibende Bedeutung. Es ergibt einen Sinn, dass sie in der Bibel stehen.

Zum einen: Wer spricht diese Gebete eigentlich? Das sind Menschen, die Unrecht erleben. Zum Beispiel von Stärkeren, die ihre Überlegenheit ausnutzen. Oder von Mächtigen, die das Recht verdrehen. Das gibt es ja bis heute. Auf dem Schulhof, im Geschäft, in der Familie. Und es ist eine schreckliche Erfahrung, dann nichts tun zu können, den Tätern einfach nur ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Die Rachepsalmen geben dieser Ohnmacht und der Wut eine Stimme. Und sie machen deutlich: Wut ist verständlich und nicht verboten. Vor Gott muss man sie nicht brav verheimlichen. Auch die heftigsten Wünsche gegenüber anderen Menschen darf man ihm anvertrauen.

Zum anderen machen die Rachepsalmen deutlich: Wer so betet, will nicht selbst gegen die Täter zurückschlagen. Sondern Gott soll eingreifen. Hier ist also schon das moderne Verbot der Selbstjustiz zu finden. Und was Gott dann aus den Gedanken des Beters am Ende macht, bleibt ihm überlassen. Gott handelt jedenfalls nicht im Affekt – wie es vielleicht menschlich wäre. Gottes Rache ist kein blindes Wüten, kein pauschaler Rundumschlag. Auch davon wird in den Rachepsalmen etwas deutlich, so heftig sie auch klingen. Gott hält Maß, wenn er eingreift. Und macht vielleicht sogar Umkehr möglich.

Ohnmacht und Wut bekommen eine Stimme. Gott selbst soll eingreifen. Und das Ziel der Rachepsalmen ist Gerechtigkeit. Für alle Menschen – und besonders für die, die sonst unter die Räder kommen.

Deshalb finde ich: Sogar die Rachepsalmen darf man beten. Hoffentlich nicht zu oft. Aber wenn es nötig ist.

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21JAN2021
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Um die Wahrheit zu verschleiern, muss man gar nicht unbedingt Lügen in die Welt setzen. Es kann schon reichen, einfach entscheidende Kleinigkeiten wegzulassen. Davon erzählt still und heimlich auch eine Geschichte in der Bibel.

Drahtzieher ist dort der israelitische König Ahab. Der möchte neben seinem Palast einen Garten anlegen. Dafür muss er aber zunächst den dort angelegten Weinberg kaufen. Dessen Besitzer Nabot lehnt dieses Geschäft aber ab – und nennt einen entscheidenden Grund: „Der Herr bewahre mich davor, dass ich dir den Erbbesitz meiner Vorfahren gebe!“

Damals war man in Israel der Auffassung, dass Land eigentlich nicht Menschen gehört, sondern Gott. Deshalb durfte man Grundstücke nicht verkaufen. Sie konnten im Normalfall nur vererbt werden. Diese Regelung hat geholfen, übermäßigen Großgrundbesitz zu vermeiden.

König Ahab muss das schon vor seiner Anfrage gewusst haben. Und trotzdem gerät er jetzt in Zorn. Wütend kommt er nach Hause, geht ohne Essen ins Bett und dreht sich weg zur Wand. Als seine Frau ihn fragt, was denn los ist, schildert Ahab die vorausgegangene Begegnung mit Nabot. Seine eigene Frage nach dem Weinberg wiederholt er dabei wortwörtlich. Nabots Antwort verkürzt er aber entscheidend: „Meinen Weinberg bekommst du nicht!“

Ahab lässt hier nur ein kleines Detail weg – die Bezeichnung des Weinbergs als „Erbbesitz meiner Vorfahren“. Aber das ist eben die entscheidende Begründung für Nabots Absage! Dass Nabot das Kaufangebot des Königs ablehnt, dafür scheint es nun plötzlich keinen triftigen Grund mehr zu geben. Es hört sich so an, als ob er einfach nicht will. Oder sogar den Preis hochtreiben möchte. Nabots Absage klingt jetzt also ganz anders. Plötzlich kann man sie viel besser in Frage stellen.

Ahab und seine Frau zetteln dann eine Intrige gegen Nabot an, dieser wird mit Hilfe falscher Zeugen angeklagt, verurteilt und schließlich hingerichtet. Am Schluss bekommt König Ahab den Weinberg sogar ganz umsonst.

Eine Geschichte aus alten vergangenen Zeiten? Ihr Inhalt bleibt aktuell, denke ich. Und ich denke erschrocken: Die Wahrheit geschickt verkürzen, so dass sie missverstanden werden kann oder soll – das habe ich auch schon gemacht. Nicht mit so gravierenden Folgen. Aber es ist und bleibt schwierig. Die Bibel hält mir da einen Spiegel vor. Und macht mich aufmerksam, in Zukunft genau zu überlegen, was die volle Wahrheit ist.

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20JAN2021
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„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Das hat Jesus immer wieder mal gesagt. Für mich bedeutet dieser Satz: Es gibt Dinge, die sind so eindeutig, dass man eigentlich keine langen Erklärungen braucht. Es reicht einfach, mit offenen Ohren selbst hinzuhören und die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Heute wird Joe Biden als neuer Präsident der USA offiziell in sein Amt eingeführt. Damit endet zugleich die Amtszeit seines Vorgängers Donald Trump. „Gott sei Dank!“, sagen viele. Ich auch. Für mich ist es gar keine Frage – vier Jahre mit diesem Menschen an der Macht waren nun wirklich genug.

Aber natürlich gibt es auch Leute, die das anders sehen. Und manchmal heißt es dann: „Die Mainstream-Medien berichten ja auch unfair über Trump. Sie verschweigen seine Verdienste, heben vor allem das Negative hervor. Nur deshalb denken die meisten dann so schlecht von ihm.“

Wie ausgewogen die öffentliche Berichterstattung über Donald Trump nun wirklich ist, kann ich nicht beurteilen. Aber eins weiß ich ganz sicher: Für mein Urteil reicht es mir bereits völlig, ihn selbst zu hören. Und seine Auftritte und Reden werden ja im Originalton übertragen, ganz unabhängig vom Sender.

Also kann auch jeder klar und deutlich hören, wie Donald Trump von sich selbst spricht. Wie er seine politischen Gegner beleidigt. Und wie er mit Menschen umgeht, die ihm widersprechen. Das ist arrogant. Das ist ärmlich. Wer Ohren hat zu hören, müsste das doch eigentlich merken, finde ich.

… so wie die siebenjährige Tochter einer deutschen Freundin in den USA. Sie hat das Video einer Pressekonferenz gesehen, bei der Donald Trump gleich zwei Journalistinnen abserviert hat. „Mama, das ist nicht nett, das macht man aber nicht!“, hat sie dazu gesagt. „So geht man nicht miteinander um!“ Dazu hat sie keine Erklärungen von irgendwem gebraucht, sie hat nur hingesehen und hingehört.

Und Joe Biden, der neue amerikanische Präsident? Vielleicht ist er nicht sonderlich mitreißend. Und was er politisch dann wirklich bewegen kann, weiß ich natürlich nicht. Aber wie wohltuend ich es schon gefunden habe, seine ersten Reden zu hören! Ohne Eigenlob, ohne Beleidigungen, im Dialog auch mit Kritikern. Auch da gilt eben: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“

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19JAN2021
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An einem frühen Morgen Anfang Januar waren unsere Kinder noch schneller hellwach als sonst: „Es hat geschneit!“, hat unser Mittlerer gerufen. Zusammen mit seiner großen Schwester war er blitzschnell an der Balkontür, um draußen möglichst viel zu sehen. Und auch die kleine Schwester hat schnell gemerkt, dass da etwas Besonderes im Gang ist. „Es hat geschneit!“ – diese frohe Nachricht hat dem gesamten Tag eine neue Richtung gegeben.

Die Begeisterung unserer Kinder hat auch mich berührt und angesteckt. Und ich habe mit dafür gesorgt, dass die drei möglichst schnell nach draußen gekommen sind, um die ersten Schneekugeln zu rollen.

Der Schnee hat eigene Kindheitserinnerungen in mir geweckt. Auch für mich war damals alles wie verzaubert, wenn die Welt plötzlich weiß war. Alles war noch vertraut, aber irgendwie anders – und selbst der ganz normale Schulweg wurde plötzlich zum Abenteuer …

In alten Zeiten war den Menschen natürlich viel stärker bewusst, dass sie Teil der Welt sind, und auf die Natur angewiesen. Auch in den Texten der Bibel spürt man das. Und da wird gesagt, dass die Natur Schöpfung ist, also von Gott gemacht. In der Geschichte von der Erschaffung der Welt setzt Gott Sonne, Mond und Sterne an den Himmel – als „Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre“. Schon ganz am Anfang bekommt die Welt also eine Zeitordnung. Ich lese da heraus: Mein Alltag muss und soll nicht immer genau gleich sein. Je nach Jahreszeit oder Wetter kann ein Tag unterschiedlich verlaufen. Und das zeigt mir dann, dass ich mit der Welt verbunden bin – und auch mit Gott.

An diesem Morgen, als es geschneit hatte, war ich überrascht, wie unsere Kinder sich vom Lauf der Natur haben berühren lassen. Sie haben sich voll darauf eingelassen, was ihnen draußen so entgegenkommt. Ich als Erwachsener habe das im Alltag ein bisschen verlernt, denke ich manchmal. Ich plane meinen Tagesablauf ja meistens ganz unabhängig von der Jahreszeit oder vom Wetter. Mit Strom und Licht fühlt es sich drinnen ja auch immer ungefähr gleich an. Und draußen nehme ich eben das Auto, wenn es mit dem Fahrrad mal nicht geht.

Dagegen spricht ja erst mal nichts. Aber irgendwie ist es auch schade, finde ich. Denn ich lebe doch nicht unabhängig von der Welt, sondern mittendrin! Dann wäre es vielleicht gut, wenn ich von dieser Verbindung auch was spüre und den Lauf der Natur auch in meinem Alltag zulasse.
… so wie an diesem einen besonderen Tag im Januar, im Schnee.

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18JAN2021
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Wie geht es weiter mit der Corona-Krise? Das weiß immer noch niemand so richtig. Der „harte Lockdown“ ist erst mal in die Verlängerung gegangen. Aber wie geht es langfristig weiter? Was wird aus dem Schuljahr – für die Kinder, für die Familien, für mich als Pfarrer und Lehrer? Wie ergeht es den Selbstständigen? Was machen die Vereine? Sollen wir als Kirchengemeinde jetzt schon was planen für Ostern?

Ich weiß das alles nicht. Und ich habe immer noch das Gefühl, irgendwie dazwischen zu sein. Zwischen dem Alltag, wie er mal war — und wie er hoffentlich irgendwann mal wieder sein wird. Das finde ich sehr anstrengend. Und an manchen Tagen habe ich das Gefühl, kräftemäßig gar nichts mehr hinzubekommen, völlig neben mir zu stehen. Dazwischen eben. Was hilft mir da?

Ein weiser Mensch hat mal aufgeschrieben: „Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“ Das steht mitten in der Bibel. Ich mag diesen Satz. Weil da nicht groß gegrübelt wird. Nicht nach hinten gedacht oder nach vorne. Es geht nur um das, was ich jetzt im Moment tun kann. Und das soll ich dann so gut wie möglich machen.

Auch in dieser Zwischen-Zeit geht das Leben ja weiter. Und es macht einen Unterschied, wie ich meine Arbeit tue oder wie ich mit meinen Kindern umgehe oder wie ich ein Hobby pflege. Ich soll mir über die Zukunft Gedanken machen, natürlich. Aber ich soll mich von der Unsicherheit nicht lähmen lassen. Und es muss immer wieder Momente geben, in denen ich nicht darüber nachgrüble, was mal war und was wieder sein wird. Sich über eine unsichere Zukunft Gedanken zu machen, kostet ja auch Kraft – die mir dann woanders wieder fehlt.

Das ist auch sonst so manchmal im Leben. Wenn die Schule geschafft ist und die Ausbildung erst noch beginnt. Wenn Wünsche nach Familie und Kindern kommen. Oder nach dem Beruf, wenn man sich Gedanken macht über den Ruhestand. Auch da lebt man sozusagen zwischendrin. Man ist gespannt, was wohl kommt – und gleichzeitig muss man erst mal das tun, was gerade halt ansteht.

Und umgekehrt gilt ja vielleicht: Wenn ich die kleinen Dinge bewusst tue, dann bekomme ich auch Kraft, die großen Fragen auszuhalten. Und eines Tages wieder ein Leben „nach Corona“ zu führen.

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