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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

26SEP2020
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Ich habe eine Geburtstagskarte gesucht für meine Freundin. Sie ist 70 geworden. In meinem Kartenvorrat für solche Anlässe ist mir eine Karte vom Labyrinth in Chartres in die Hände gefallen. Das Bild passt zu 70 Jahren Leben mit allen Höhen und Tiefen. Vor fünf Jahren war ich selbst in der Kathedrale und habe das Labyrinth live gesehen. Aber in diesem Jahr habe ich zum ersten Mal wahrgenommen, dass es schön ist. Wunderschön!

Zwar kann ich beim Anschauen nicht sehen, wie genau die Wege verlaufen. Trotzdem erkenne ich eine wohltuende Ordnung. Die Gestaltung der Mitte als Blüte und ganz außen einen Kranz, der für mich aussieht wie eine Krone. Schön und kostbar, hab ich gedacht. Wie das Leben selbst. Und das obwohl auch in meinem Leben vieles überhaupt nicht schön war. 

Das Labyrinth ist ein wertvolles Bild für den Lebensweg eines Menschen. In Chartres ist es so gedacht, dass es zu Fuß begangen werden kann. Wer am Eingang des Labyrinths steht, kann bereits die Mitte sehen. Sie scheint nicht weit weg zu sein. Geradeaus liegt sie vor einem. Doch der Weg des Labyrinths verläuft in vielen Wendungen und Schlingen immer wieder an der Mitte, am Ziel vorbei. Bisher war in meinem Kopf ein Labyrinth genau das. Verschlungene Wege, unübersichtlich, ewig lang. Mühsam und anstrengend. Mein Umgang mit Stress fällt mir dazu ein. Das Thema beschäftigt mich seit meinem 15. Lebensjahr. Was hab ich schon alles unternommen, um anders damit umgehen zu lernen. Weil ich in Stresssituationen außer mich gerate. Ich mag das gar nicht. Aber für mich ist der Weg weit, in stressigen Situationen ruhig zu bleiben. Das Bild vom Labyrinth passt dazu. Im Rückblick kann ich auch sehen, wie weit ich schon gegangen bin. Am Ziel bin ich nicht. In diesem Sommer habe ich noch eine andere Dimension entdeckt zum Labyrinth. Sie beruhigt mich: Es gibt im Labyrinth nur einen einzigen Weg. Keine Abzweigungen und Sackgassen, die ins Nichts führen. Es ist kein Irrgarten. Auch wenn es sich noch so oft anders anfühlt.

Es ist ein hoffnungsvolles Bild für den Lebensweg eines Menschen.

Und dafür wie wertvoll jeder Lebensweg ist.

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25SEP2020
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Der Schabbat zwischen dem Neujahrsfest, Rosch Haschana und dem Versöhnungstag, Jom Kippur wird Schabbat Schuwa, der Schabbat der Umkehr genannt. Der Wochenabschnitt aus der Tora enthält den dichterischen Abschiedsgesang Moses’, dem es nicht vergönnt ist das Heilige Land zu betreten. Er beschwört sein Volk, weiter auf dem von G-tt gezeichneten Weg zu wandeln.

Er möchte, dass sein Volk für sich das Leben, den Lebensweg und die Lebensform des G-ttesvolkes wählt. Daher spricht er im Namen G-ttes: „Siehe, Ich lege dir heute das Leben vor, wie auch das Glück, das Gute und den Tod und das Böse...“  (5.B.M. 30:15) Es liegt auf der Hand, dass die Aussage der Tora „Wähle das Leben“ (5.B.M.30:19) den Menschen die freie Wahl schenkt. Sie sollen, müssen sogar selber die Entscheidung treffen. Zu jeder Zeit, für sich allein, ohne irgendwelche Beeinflussung oder Bevormundung.  Uns die Wahl zu erleichtern versuchten und versuchen die Lehrer Israels bis in unsere Zeit.  Ihre Aufgabe ist es von jeher gewesen aus den Intentionen der Heiligen Schrift, der Tora, einen Wegweiser zu finden.  

Ein gelehrter Rabbi, der im 18. Jahrhundert in Wilna, Litauen lebte, in der Stadt, die damals wegen der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ihrer Einwohner „Klein - Jerusalem“ genannt wurde, war der erste wissenschaftliche Talmudforscher. Rabbi Elia, merkt zu dieser Torastelle zunächst an, dass die Schrift hier in der Anrede die Einzahl verwendet: „Siehe, Ich lege dir heute das Leben und das Glück vor...“  Er sieht darin einen Hinweis, dass es entscheidend ist, wenn auch die Zeiten sittlicher und ethischer Verwirrung, ein Herabsinken der gesellschaftlichen Moral mit sich bringen sollten, dass der Einzelne auch weiter in seinem Glauben stark bleibt, weil G-tt, sein Herr mit ihm für alle Zeiten einen Bund geschlossen hat und Seine Fürsorge für ihn nicht weichen wird.

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24SEP2020
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Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Das gab es immer schon mal. Aber so ratlos wie in dieser Corona-Zeit war ich noch nie. Sehr kluge Menschen, die ich ernst nehme und schätze sind fest davon überzeugt, dass hinter dem Corona-Virus ein inszenierter Plan steckt, in dem es um Macht geht. Auch ein Angriff auf die Demokratie. Andere, sehr kluge Menschen, die ich ebenso ernst nehme und schätze, raufen sich die Haare, wenn sie das hören. Ich selbst habe mich informiert auf allen möglichen Kanälen. Mit dem Ergebnis, dass mich das alles noch orientierungsloser gemacht hat. 

Und jetzt? Ich bin in den letzten Monaten dabei zu lernen, die unterschiedlichen Informationen und Überzeugungen stehen zu lassen ohne sicher zu sein, was richtig ist. Leicht finde ich das nicht. Dabei helfen mir verschiedene Dinge. 

Ich bin Christin. Ich glaube daran, dass Gott gegenwärtig ist in der Welt. Darüber zu spekulieren, welche Rolle er in dieser weltweiten Krise spielt, maße ich mir nicht an. Für viele sind Krisen ein Argument, eben nicht an Gott zu glauben. Das kann ich gut verstehen. Ich selbst bin dankbar, daran zu glauben, dass Welt und Menschen getragen und gehalten sind in Gottes Liebe und Kraft. Ich kann damit leben, dass ich nicht alle Zusammenhänge des Universums durchschaue und verstehe.

Außerdem habe ich eine Ärztin, die selbst am Coronavirus erkrankt ist. Sie nimmt das Virus absolut ernst und hat sofort sämtliche Hygienemaßnahmen umgesetzt. Ohne sich und ihre Patienten verrückt zu machen. Ich vertraue ihr und ihre sorglose Vorsicht hat mich angesteckt. Ich halte mich an die Hygienevorschriften. Auch empfinde ich persönlich die Einschränkungen der letzten Monate nicht als Angriff auf die Demokratie. Ich erlebe viele Politiker*innen in Deutschland nicht als machtbesessene Zerstörer der Demokratie. Ich glaube den meisten Verantwortlichen, dass sie sich in erster Linie um die Menschen sorgen.

Nicht zuletzt habe ich mich seit März an die vielen Generationen von Menschen erinnert, die zu allen Zeiten weltweit schwere Krisen ausgehalten und bewältigt haben. Immer hat es mutige Menschen gegeben, die die Kraft gehabt haben, das zu tun, was nötig war. Das erlebe ich auch jetzt. All das hilft mir, mich in der Krise zu orientieren. Leicht ist es nicht. Aber, in der Krise zu leben ist nie leicht.

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23SEP2020
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„Aus Fehlern wird man klug“. Stimmt. Oft jedenfalls. Trotzdem mach ich ungern Fehler. Damit bin ich nicht alleine. Mit den Kindern in der Schule beobachte ich das seit langem. Manche fangen an zu weinen, wenn sie etwas nicht gleich richtig machen. Manche versuchen, ihre Fehler abzustreiten. Sie schämen sich dafür. Ich verstehe das. Mir wäre auch lieber, ich müsste keine machen. Das geht nicht. Deshalb lerne ich damit zu leben. Fehlerfreundliche Menschen helfen mir dabei. 

Einer der fehlerfreundlichsten Menschen ist Jesus. So wie ich ihn aus den biblischen Geschichten kenne. Jeder konnte von Glück reden, wenn er ihn getroffen hat. Besonders dann, wenn andere schon längst mit dem Finger auf ihn gezeigt haben. Jesus hat keine Vorwürfe gemacht, er hat nicht verurteilt und niemanden abgewertet. Er ist davon ausgegangen, dass keiner gerne Fehler macht. Er hat jedem die Chance gegeben, einzusehen was falsch war und sich zu ändern. Es wird erzählt, wie Menschen dadurch frei geworden sind, sich anders zu verhalten.

Ausgerechnet als Deutschlehrerin habe ich etwas entdeckt, was mir außerdem hilft, fehlerfreundlicher zu werden. Diktate korrigiere ich nicht mehr mit dem Rotstift. Ich zähle auch die Fehler nicht mehr. Ich schreibe mit den Kindern so genannte Diagnosediktate und achte zuerst darauf, was sie schon können. Dann schaue ich mir genauer an, woran es liegt, dass ein Schüler sich verschreibt. Welche Fehler macht ein Schüler und welche Übungen braucht er um daraus zu lernen. Die meisten Schüler schämen sich trotzdem, wenn sie viele Fehler machen. Aber sie begreifen langsam auch, dass sie als Grundschüler in der Rechtschreibung nicht perfekt sein müssen. Sie sind da um zu lernen und haben ein Recht darauf, unterstützt zu werden.

Das gilt umso mehr für unsere Entwicklungen und Lernprozesse als Menschen. Wenn sich ein Kind z.B. nicht an die Gesprächsregeln halten kann und ständig dazwischen plappert, hilft es meistens gar nichts wenn es ermahnt und bestraft wird. Viel wichtiger ist, mit dem Kind darüber zu sprechen und Wege zu suchen, wie es daran etwas ändern kann. Wohlwollend. Wir sind nämlich alle nicht perfekt. Müssen es gar nicht sein. Aber wir sind angewiesen auf fehlerfreundliche Menschen, die uns nicht abwerten und verurteilen. Menschen, die nachfragen und verstehen helfen. Warum wir welche Fehler machen. So werden wir aus Fehlern tatsächlich klug.

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22SEP2020
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Peter ist 12 Jahre alt. Er hat drei Brüder und eine Schwester. Wenn der Vater Schokolade kauft, bekommt die Schwester immer eine Tafel für sich alleine und die vier Brüder eine zusammen. Peter findet das total ungerecht. Er hat keine Chance vom Vater verstanden zu werden, aber er wehrt sich heimlich. Im Keller steht ein alter Kühlschrank. Dort bunkert er jede Schokolade, die er kriegen kann. Irgendwann sind es 400 Tafeln, immer wieder von Peter gezählt. Gegessen hat er nur ganz wenige. Alle anderen hat er einfach verteilt. Diese Geschichte ist kaum zu glauben. Aber sie ist wahr. Kinder haben ein sehr ausgeprägtes Empfinden dafür was gerecht ist. Sie können erfinderisch sein, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. 

Ich bin Grundschullehrerin. Weil Kindern das Gerechtsein so wichtig ist, habe ich wieder angefangen mich damit zu beschäftigen. Denn das Thema war für mich durch.Mein Standardsatz dazu war in den letzten Jahren: Gerechtigkeit gibt es nicht. Denn das Leben ist nicht gerecht, wenn ein fünfjähriges Mädchen unheilbar an Krebs erkrankt; solange Menschen verhungern und Frauen für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt werden als Männer.

Aber Gerechtigkeit ist ein Grundbedürfnis. Und einer der Namen Gottes.

Als Sonne der Gerechtigkeit wird Gott besungen. Wie kann man sich diese Gerechtigkeit vorstellen? 

Die Kinder in meiner Klasse sagen: Gerecht ist jemand, der keinen benachteiligt. Gerecht ist jemand, der alle versteht und sich nicht auf eine Seite stellt. Gerecht ist jemand, der immer den passenden Ton findet. Der Schokoladensammler Peter sagt heute als erwachsener Mann: gerecht hätte ich gefunden wenn mein Vater mir erklärt hätte, warum er die Schokolade so verteilt. Gerecht wäre gewesen wenn mein Vater verstanden hätte, dass mir das stinkt.

Einer der gerecht ist muss also nicht alle gleich behandeln. Einer der gerecht ist, braucht ein großes Herz, das sich in andere einfühlen kann. Einer der gerecht ist, interessiert sich dafür warum sich ein Mensch verhält, wie er sich verhält ohne vorschnell zu urteilen. Auf diese Weise haben mir meine Schüler wunderbar einfach erklärt wie man sich die Gerechtigkeit Gottes vorstellen kann.

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21SEP2020
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Manchmal, wenn ich Menschen begegne, kann ich spüren dass Gott gegenwärtig ist. Das können vertraute Menschen sein, aber auch ganz Fremde. Wenn eine innere Nähe spürbar ist, als gäbe es die Verbindung zwischen uns schon immer. Wenn außer unserer Begegnung nichts anderes mehr wichtig ist. Dann entsteht für mich ein heiliger Raum, der durch nichts gestört werden kann. Liebevolle Offenheit und bedingungsloses Vertrauen – das verbinde ich mit der Gegenwart Gottes. 

So war das auch mit Pierre und Marcelina. In Frankreich auf dem Weg in die Bretagne, mitten auf dem Land. Schon bei meinem ersten Kontakt hab ich gedacht. Oh, wie schön. Das sind offenbar Menschen, die mir vertrauen ohne mich zu kennen. Als ich angekommen bin, ist das Tor schon offen gestanden. Und dann war ich einfach willkommen. „Fühlen Sie sich wie Zuhause. Sagen sie uns, was Sie brauchen. Scheuen Sie sich nicht“, haben die beiden gesagt und es auch so gemeint.

Später haben sie mir angeboten, dass ich mit ihnen essen könnte. Sie würden mich einladen und ihr Abendessen mit mir teilen. Wenn ich das wolle. Wieder war ich überrascht, hab aber nicht gezögert. Ich hatte das Gefühl, die beiden schon ewig zu kennen. Offen und ganz ohne Angst haben wir uns gegenseitig aus unserem Leben erzählt. Auch die schweren Dinge. Pierre ist adoptiert und mit sieben weiteren Adoptivkindern aufgewachsen. Marcelinas Eltern sind in den 50er Jahren als Gastarbeiter nach Frankreich gekommen und haben mühsam gelernt, sich zu integrieren. Irgendwann haben sie auch erzählt, dass der christliche Glaube schon ihren Eltern Halt gegeben hat. Die Eltern waren praktizierende Katholiken. Das hat sie als Kinder geprägt, auch wenn sie sich später noch mit anderen Religionen beschäftigt haben.

Dass sie Menschen vertrauen und sich freundlich ihnen gegenüber verhalten, verdanken sie ihren christlichen Wurzeln. Aber im Grunde sei das egal, sagt Marcelina. Ob jemand ein glaubwürdiger Christ oder Buddhist sei, entscheide sich daran, wie er sich als Mensch verhält. Aufrichtiger Respekt sei für sie das Wichtigste. Ganz klar und entschieden hat sie das gesagt und mir dabei in die Augen geschaut. Wenn ich jetzt das Wort „Respekt“ benutze oder höre, werde ich noch lange an sie denken.

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