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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12SEP2020
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Wer an Gott glaubt, wird von manchen belächelt. Von denen, die sich für aufgeklärt halten. Von denen, die nur für wahr halten, was sich messen und naturwissenschaftlich beweisen lässt. Von den Rationalisten und Materialisten und wie immer sie heißen. Gott ist für sie eine Einbildung des menschlichen Geistes und keine Tatsache. Sie sagen: Wer an Gott glaubt, ist einfältig. Oder er ist zu schwach, sich den Realitäten dieser Welt zu stellen: dass da nichts Übersinnliches ist, dass mit dem Tod alles aus ist. So kann man denken. So kommt man durchs Leben. Keine Frage. Aber muss man deshalb anderen absprechen, dass sie es auf andere Art und Weise tun? Viele kluge Frauen und Männer, Naturwissenschaftler zumal, haben nicht nur in den nüchternen Fakten ihre Antworten auf die großen Fragen gesucht. Sie haben verstanden, wo ihrer Erkenntnis Grenzen gesetzt sind und angenommen, dass es etwas gibt, das darüber hinaus geht. Die Wahrheit ist größer.

Gläubige Menschen sind allerdings nicht erst in der Moderne kritisch beurteilt werden. Es hat andere schon immer irritiert, wenn einer eine besondere Beziehung zum Übernatürlichen, zu Gott hatte. „Wo hat der das her? Was bildet die sich ein?“ Der Prophet Jeremia hat diese Erfahrung bereits vor über 2500 Jahren gemacht. Und er beschreibt sie mit den folgenden Worten:

Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören;
du hast mich gepackt und überwältigt.
Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag,
ein jeder verhöhnt mich.[1]

Für Jeremia ist vor allem eines klar: Was er spürt, was mit ihm geschieht, das ist nicht das Produkt seiner eigenen Phantasie, sondern es kommt von Gott selbst. Wenn es Gott gibt, dann ist er in allem, was geschieht, mitten drin. Deshalb lässt Gott ihm keine Ruhe. Jeremia beschreibt das wie eine erotische Romanze zwischen ihm und Gott. Wie ein Verliebter: betört, gepackt, überwältigt. Es gelingt ihm nicht, sich dagegen zu wehren, sich von Gott fernzuhalten. Alle Versuche, ohne Gott zu leben, misslingen. Weil Gottes Anziehung so stark ist, dass Jeremia nicht anders kann. Er muss von ihm reden. Er muss ihn als Tatsache in seiner Welt behandeln.

Und warum glaube ich an Gott und rede hier von ihm? Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass er mich in meinem Innersten angerührt hat. Sonst blieben auch mir nur die nüchternen Fakten.

[1] Jeremia 20,7

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11SEP2020
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Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist zur Falle geworden. Nun ist das eingetreten, was viele schon lange befürchtet hatten. Ich auch. Wer hier angekommen ist, hatte so gut wie keine Perspektive auf Rettung. Jetzt, wo das Lager in Flammen aufgegangen ist, wird die Katastrophe unübersehbar. Das ist schlimm und verlangt sofort Hilfe. Unbürokratisch und ohne daran zu denken, was das kostet und welches Land wie viele Flüchtlinge aufnehmen muss.

Aber der eigentliche Skandal besteht darin, dass das alles längst abzusehen war. Wie oft haben Vertreter von Menschenrechtsorganisationen und auch der Kirchen darauf hingewiesen, dass die Zustände in Moria unhaltbar sind?! Wie viele Angebote hat es gegeben, vor allem die Kinder von dort wegzubringen, um sie vor Unheil zu bewahren?! Etliche Städte und Kommunen auch in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben signalisiert: Wir sind bereit, Menschen aufzunehmen. Wenn viele mithelfen, wird es kein Problem sein, das Lager zu räumen und die Menschen an sicheren Orten unterzubringen. Die Politik der EU und eben auch die deutsche Regierung, die zudem derzeit die Ratspräsidentin stellt, haben in diesem Punkt eklatant versagt, haben eine Entscheidung zugunsten der Menschlichkeit wieder und wieder vor sich hergeschoben. Nun sage kein Politiker und auch sonst kein Mensch, er sei nicht gewarnt gewesen. Als Christ bleibe ich zudem an der Mahnung Jesu hängen: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.[1]

Und jetzt … wird immer noch gezögert. Offenbar aus dem Kalkül heraus, kein falsches Signal für andere Flüchtende zu senden. Dass nur keiner denkt: Wer lange genug durchhält, kommt irgendwann ans Ziel und findet in der EU Aufnahme. Aber solche strategischen Erwägungen sind jetzt vollends fehl am Platz. Sie waren von Anfang an unmenschlich, weil sie die Not des Einzelnen nicht beachten. Jetzt sind sie vollends entlarvt. Wer so denkt, spottet den Werten Hohn, die Europa sonst gerne so betont: Menschenrechte, Freiheit, die Würde jedes einzelnen, Nächstenliebe. Sie sind in den Flammen von Moria verbrannt. Was für eine Schande! Jetzt gibt es nur eines: Den Weg frei zu machen für alle, die längst zum Helfen bereit sind. Damit Europa, damit Deutschland nicht vollends sein menschliches Gesicht verliert.

 

[1]Matthäus 25,45

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10SEP2020
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„Frauen und Kinder zuerst.“ Diese Parole ist von der Titanic überliefert. Das Luxusschiff ist 1912 mit einem Eisberg kollidiert und untergegangen. Und es waren nicht genügend Rettungsboote für alle da. Also musste irgendjemand festlegen, wer zuerst gerettet wird, wer überleben darf, wer das Vorrecht hat vor denen, die im eiskalten Wasser des Atlantischen Ozeans ertrinken. So hart sich das anhört, so ist es gewesen.

Es mag verschiedene Gründe gegeben haben, weshalb Frauen und Kinder bevorzugt werden sollten: Aus Ehrfurcht und Respekt den Jungen gegenüber, die noch ihr Leben vor sich hatten. Weil Frauen als das vermeintlich schwache Geschlecht angesehen wurden und deshalb mehr der Hilfe bedurften. Oder aus der vagen Hoffnung heraus, Männer könnten womöglich solange im Wasser schwimmen, bis Rettung eintrifft.

Offenbar war damals die Priorität klar. Ob sie das heute noch ist, frage ich mich. Um mit meiner Kirche, der katholischen, anzufangen. Dort gilt die Maßgabe „Frauen zuerst“ jedenfalls nicht, wenn es darum geht, wer das Sagen hat. Und die besondere Fürsorge Kindern gegenüber ist leider oft genug missachtet, ja mit Füßen getreten worden. Leider kann ich auch in Politik und Wirtschaft nicht erkennen, dass Kinder und Frauen dort bevorzugt werden. Frauen werden noch immer für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt als Männer. Dass Frauen bei der Erziehung und in den Familien die Hauptlast tragen, dass sie sich mehr als Männer im Ehrenamt engagieren, wird nicht genügend unterstützt. Auch finanziell nicht.

Was Kinder angeht, bedaure ich das besonders. Im reichen Deutschland sind 2,8 Millionen Kinder von Armut bedroht; das ist fast ein Fünftel der unter 18-Jährigen. Sie leben in Verhältnissen, für die sie sich schämen und die ihr Selbstvertrauen klein halten. Ihre Gesundheit steht auf dem Spiel. Und sie haben nicht den gleichen Zugang zu Schule und Ausbildung wie Kinder aus reicheren Verhältnissen. Das verbaut ihnen häufig eine gute Perspektive für die Zukunft. Überhaupt das Bildungssystem. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern investieren wir in diesen Bereich viel zu wenig. Es fehlt an Lehrern und technischen Voraussetzungen. Viele Schulgebäude sind marode. Offenbar ist anderes wichtiger. Dabei ist die Logik denkbar simpel: Was wir heute versäumen, wird morgen fehlen. Bei denen, die dann bei uns die Verantwortung tragen sollen.

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09SEP2020
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Ich mag keine Gastgeschenke. Wenn ich jemanden zu mir einlade, dann soll er mit leeren Händen kommen. Ich kümmere mich um alles, was mein Gast braucht. Ich empfange ihn freundlich, koche ein gutes Essen, sorge für eine Decke oder einen Pullover, wenn wir draußen sitzen. Und wenn wir Wein getrunken haben, gibt’s ein Bett zum Übernachten und anderntags ein Frühstück. Ich freue mich, wenn meine Einladung mit leeren Händen angenommen wird. Und ich bin froh, wenn ich meinerseits keine Gastgeschenke besorgen muss, wenn ich bei jemanden eingeladen bin. Ich sage das meistens dazu, wenn ich eine Einladung ausspreche: „Bitte ohne Mitbringsel!“, mache aber keinem Vorschriften. Wenn der Gast partout etwas mitbringen will, akzeptiere ich das. Ich weiß ja auch, dass keiner so schnell aus seiner Haut kann, wenn es um eingespielte Gewohnheiten geht. Trotzdem frage ich mich:

Was soll das hin und her, der Versuch, alles irgendwie auszugleichen, was man Gutes tut und von anderen Gutes erhält? Das scheint tief in uns verankert zu sein, dass wir niemanden etwas „schuldig“ bleiben wollen. Es macht uns unruhig, in eines anderen Schuld zu stehen. Ja, das mit der Schuld hat sich eingegraben in uns bis in die Sprache, die wir dafür verwenden. Ich fürchte nur: Das macht kaputt, was es bedeutet eingeladen zu sein.

Gast zu sein und Gastgeber, das ist etwas Großes. Etwas, das unser Zusammenleben enorm prägt. Wenn ich die Türe meiner Wohnung öffne und einen einlasse, der zunächst einmal fremd ist. Wenn ich den Ort für ihn öffne, an dem ich geschützt bin und am meisten ich selbst. Wenn ich mein Essen mit ihm teile, meine Zeit, meine Gedanken. Ich bin fest davon überzeugt: Im Laufe der Zeit verändert das mehr zum Guten als nur die Beziehung zwischen den Menschen, die einladen und eingeladen sind. In unserer Nachbarschaft, wo ich wohne, pflegen wir das so gut es geht, und es wirkt sich spürbar positiv aus auf das Klima in der ganzen Straße.

Noch etwas. In der Ordensregel des Mönchsvaters Benedikt heißt es: Jeder Gast soll empfangen werden, als käme mit ihm Christus ins Haus. Das braucht man nicht zu glauben. Aber mir gefällt es, dass ich auf diese Weise als Gastgeber sogar noch mit Gott in Kontakt komme.

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08SEP2020
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Eine junge Frau hat mir ihr Herz ausgeschüttet. Einfach so. Sie hat mich nach dem Gottesdienst abgepasst und gefragt, ob ich ein paar Minuten Zeit für sie hätte. Dann hat sie erzählt. Von der Schule, und was ihr da Sorgen bereitet. Wie sie sich die Zeit danach vorstellt und dass sie noch nicht weiß, was sie später einmal machen soll. Wie sie in der Familie zurecht kommt, mit ihren Freundinnen, und wo es Schwierigkeiten gibt. Übers Verliebtsein haben wir gesprochen und jugendlichen Leichtsinn. In kurzer Zeit waren fast alle wichtigen Fragen, die sie beschäftigen, auf dem Tisch. Und ich durfte etwas dabei helfen, die einzelnen Fragen und Sorgen einzuordnen. Nach zwanzig Minuten waren wir fertig mit unserem Gespräch. Mit freiem Blick und wohl auch ein bisschen erleichtert hat die junge Frau sich von mir verabschiedet. Und ich dachte: Was habe ich doch für einen wunderbaren Beruf! Dass ein Mensch so viel Vertrauen zu mir hat. Dass ich zuhören darf und Rat geben und helfen kann, Lasten leichter zu machen.

Es ist doch genau das, was viele Menschen suchen. Und selten genug finden. Klar, man kann zu einem Psychotherapeuten gehen oder in eine Beratungsstelle. Wie gut, dass es die gibt. Aber nicht immer ist so ein großer Schritt das Richtige, bei dem es dann gleich um eine längere Begleitung geht, die finanziert und geplant werden muss. Manchmal braucht es nur ein Gespräch, ein offenes Ohr, das Herz eines anderen, der genau dafür da ist. Als Seelsorger. Dass mir das als Priester wichtig ist, habe ich eigentlich von Anfang an gewusst. Aber es ist mir im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden. Und das hängt auch damit zusammen, dass ich bei vielen Menschen gespürt habe, dass sie so etwas suchen. Oft hatten sie Mühe, das auszusprechen, haben sich nur mit Mühe getraut sich zu öffnen. Ich glaube, dass der Bedarf nach echter Seel-Sorge immens groß ist, und noch gewachsen in den letzten Jahren. Er ist auch im Moment unter den Bedingungen von Corona wichtiger denn je, wo viele Menschen verunsichert sind, allein, niedergeschlagen. Alles in allem ist das die Aufgabe, für die die Kirchen ganz besonders stehen könnten und müssten. Und ich will dazu meinen Beitrag leisten, wo immer ich kann.

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07SEP2020
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Lange habe ich gedacht: Ich muss meine Mutter erziehen. Sie dahin bewegen, dass sie sich verändert, und wir uns dann weniger in die Haare kriegen. Gerade so wie sie das immer und immer wieder mit mir versucht hat, auch als ich schon längst erwachsen und aus dem Haus war. Dass wir uns gestritten haben und in vielem nicht einer Meinung waren, fand ich in Ordnung. Aber es war auch anstrengend. Zumal es für mich um etwas Grundlegendes dabei ging: Wie bin ich in den Augen meiner Mutter ein guter Sohn? Diese Frage stand immer im Raum. Und ich habe sie zu beantworten versucht, indem ich meiner Mutter die Frage verbieten wollte. Das klingt vielleicht paradox, aber ich hab mir gedacht: Wenn sie mich erziehen will, dann versuch ich das umgekehrt genauso. Wenn sie einen anderen aus mir machen will, dann hab ich das gleiche Recht. Nur hat das natürlich nicht funktioniert. Im Gegenteil: Je mehr wir uns so ineinander verkantet hatten, desto schwieriger wurde unser Miteinander.

Heute ist das Gott sei Dank anders. Und ich weiß auch wieso. Wir haben es aufgegeben, den anderen zu dem Sohn, der Mutter machen zu wollen, die wir uns vorgestellt/gewünscht hatten. Wir „basteln“ nicht mehr am anderen herum, sondern haben akzeptiert, dass es da auch Verhaltensweisen und Charaktermerkmale gibt, die sich nicht ändern werden, auch wenn sie uns (nach wie vor) nicht gefallen. Ich denke, wir haben im Laufe der Jahre verstanden: Wenn wir nicht aneinandergeraten wollen, dann müssen wir etwas bei uns selbst ändern. Zum Beispiel, wie wir auf eine Sache reagieren, die uns immer geärgert hat. Meistens geht es ohnehin nicht um Weltbewegendes. Meine Mutter zum Beispiel braucht viel Sicherheit, sonst wird sie unruhig und macht alle um sie herum verrückt. Ihr dieses Gefühl von Sicherheit nicht zu geben, hat immer nur zum Gegenteil geführt: Noch mehr Aufregung! Also zeige ich ihr unter allen Umständen, dass sie sich auf mich verlassen kann. Das ist meistens ganz einfach. Es erfordert von mir nur eine kleine Änderung in meinem Verhalten und schon geht es besser. Ohne dass ich mich dabei verbiegen oder mein „Ich“ aufgeben müsste.

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